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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 8. November 1998 in
Eupen im Jugendgottesdienst
Liebe Gemeinde,
Ein düsteres Bild: Eine brennende Fläche und mittendrin steht
ein einzelner Baum, vom Feuer umzingelt. Auf dem Baum sitzen Menschen. Sie sind
dem Brand mit knapper Not entkommen und auf den Baum geflüchtet. Sind sie dort
sicher? Eine wacklige, trügerische Sicherheit, auf die sich die Leute auf dem
Baum eingelassen haben. Vielleicht sagen sie zu sich selbst: „Wird schon alles
gut gehen. Die Flammen sind noch nicht sehr hoch. Hier oben weht ein kühler
frischer Wind, der wird das Feuer schon ausblasen. Jetzt aber haben wir erst
einmal Ruhe vor der Hitze.
Doch wehe, wenn der Baum Feuer fängt. Was dann? Dann noch
etwas höher klettern, um die höheren Plätze streiten und die anderen
herunterwerfen. Doch im Augenblick wirken die Menschen auf dem Baum ruhig.
Vielleicht dachte Nadine auch so. Ende April merkte sie, dass die Punkte in
Wissenschaften und 1. Fremdsprache unter der Hälfte lagen. Ihre Eltern
erwarteten viel von ihr. Sie würden schimpfen und ihr Stress machen, wenn sie
das Schuljahr nicht schaffen würde. Ihre geliebten Serien im Fernsehen dürfte
sie lange Zeit nicht mehr anschauen. Und mit den Freunden mal abends noch raus
gehen, das könnte sie dann auch vergessen. Als sie merkte: Da komm ich nicht
mehr raus, das schaff ich nicht – da stand auch so ein Baum in der Landschaft.
Und sie stieg auf den Baum und sie verstieg sich ins Lügen. „Noch sind es ja
drei Monate bis zu den Prüfungen und eine Nachprüfung werde ich bestimmt
schaffen.“ „Ach, Papa, mein Tagebuch habe ich heute in der Schule vergessen,
aber es ist alles in Ordnung – in allen Fächern stehe ich über der Hälfte.“
„Das Feuer ist ja noch nicht da.“ So dachte auch Alex, als seine Mutter
plötzlich todkrank wurde. Da stand auch so ein Baum herum, auf den er kletterte
– und er verstieg sich ins Verdrängen. Über alles redete er; er scherzte,
laberte, erzählte, neckte. Ja, zu allem konnte er etwas sagen und hatte immer
das letzte Wort, aber nicht über den Flächenbrand im Leben seiner Familie, der
auf den Baum zuloderte.
Und ich?
Gibt es auch brenzlige Situationen in meinem Leben. Wie heißt
der Flächenbrand in meinem Leben? Auf welche Bäume klettere ich? Worin versteige
ich mich?
Wir teilen euch nun Kopien dieses Bildes aus.. Ihr könnt den Namen eures Brandes
und eures Baumes darauf notieren. Ihr könnt euren Baum darauf malen, auf den ihr
euch versteigt.
Zeit der Stille – mit leiser Musik.
Was ist nun Gott in diesen Situationen? Ist Gott auch nur ein Baum, der
lichterloh brennt, und ich darauf zugrunde geh?
Nein, Gott ist kein Baum. Denn Gott lässt mich durchs Feuer gehen und sagt:
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem
Namen gerufen. Du bist mein. Wenn du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein,
dass dich die Ströme nicht ersäufen, wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht
brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“
Dazu möchte ich zwei Dinge sagen:
1.
Gott löscht das Feuer nicht, oder holt mich nicht mit einem Hubschrauber aus
einer brenzligen heraus. Er löscht den Brand auch nicht unbedingt, dass alle
meine Schwierigkeiten plötzlich verschwinden. Wer sich das einbildet, der irrt
sich und Gott wird für ihn nicht mehr Sicherheit bieten, als ein Baum im Feuer.
Dennoch schenkt er uns eine Zusage: „Ich will bei dir
sein.“ sagt er. Und das ist sehr viel.
Von Julius Cäsar wird berichtet, er hätte seine Soldaten nie in die Schlacht
gejagt. Vielmehr ging er seinen Legionären im Kampf selbst voran. Dies sei das
Geheimnis seines Erfolgs gewesen. Viele andere Herrscher dagegen machen sich,
wenn es brenzlig wird, bis heute aus dem Staub und lassen ihr Heer im Stich.
Julius Cäsar blieb bei seinen Soldaten und das machte ihnen Mut, gab ihnen neue
Kraft und Zuversicht, neues Vertrauen.
In noch umfassenderen Sinn kann man das auch von Jesus Christus sagen. Er jagt
uns nicht mit knallenden Peitschen in irgendein Martyrium, sondern er geht voran
und ist uns gerade in Zeiten der Not nahe.
Wasser und Feuer sind Elemente, die uns in den sicheren Tod führen. Wenn Wasser
oder Feuer über uns hereinbrechen, dann löschen sie unser Leben aus, ohne dass
wir uns dagegen wehren können. Das kann man fast jeden Tag in den Nachrichten
mitverfolgen. Wasser- und Feuermassen sind Bilder des Untergangs, des Todes.
In den Tod ging Jesus Christus uns voran. Die Wogen des Hasses und der
Feindschaft schlugen über ihm zusammen und wollten ihn verschlingen.
Und darum ist der da,
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wenn die Todesfluten über mich hereinbrechen,
-
wenn sich in meinem Leben eine Katastrophe anbahnt,
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wenn ich krank werde,
-
wenn alles in meinem Leben zusammenbricht,
-
wenn Satan mich verklagt
-
wenn meine letzte Stunde schlägt und jeder Atemzug mir Mühe
macht.
Er ist bei mir, und das in den Augenblicken der Not sehr
viel!
Im Buch Daniel, wird uns von drei Männern berichtet, die wegen ihres Glaubens an
Gott, in einen riesigen angeschürten Feuerofen geworfen wurden – König
Nebukadnezar und viele Zeugen wollten das Spektakel sehen. Doch es geschah ein
großes Wunder – die Flammen und die Hitze konnte den dreien nichts anhaben. Doch
am meisten wunderten sich die Zeugen darüber, dass ein vierter Mann bei ihnen in
den Flammen zu sehen war. Der Herr war bei ihnen. Diese drei Männer kamen noch
mit dem Leben davon. Aber es gab auch Christen, die auf dem Scheiterhaufen
verbrannten. Jan Huß, zum Beispiel, ein Mann, der hundert Jahre vor Martin
Luther versuchte, die Kirche zu reformieren. Er wurde auf dem Konzil zu Konstanz
zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Doch er hatte keine Angst vor den
Flammen, gelassen bestieg er den aufgeschichteten Holzhaufen, er sang Choräle,
legte Zeugnis für Christus ab und betete für seine Feinde. Auch ihm konnten die
Flammen in gewisser Weise nichts anhaben, denn er fürchtete sich nicht vor
ihnen. Denn der Herr war bei ihm.
Und zweitens:
Gott sagt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich errettet.
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Ich weiß nicht, welche Wogen gerade über dich hereinbrechen, welche Flammen nach
dir greifen. In welcher Not du gerade steckst. Und ob dir die Angst vor der
Katastrophe wie eine kalte Hand dich am Nacken packt und dich erschauern lässt.
Ich kann nur sagen: Wenn ich in einem brennenden Haus sitzen würde und
irgendeiner – vielleicht ein Versicherungsagent würde zu mir sagen: „Fürchte
dich nicht.“ dann würde ich ihm nicht glauben. Ich hätte trotzdem panische
Angst. Wenn aber ein Feuerwehrmann bei mir wäre und dies sagen würde – dann
könnte ich wohl aufatmen.
Vielleicht glaubst du diesen Worten auch nicht so richtig, weil du nichts
anderes siehst als deine Not.
Vorhin sagte ich: Jesus ist da in meiner Not. Und jetzt sage ich – Jesus ist
nicht irgendeiner. Jesus ist ähnlich wie ein Feuerwehrmann der Retter in der
Not. Er ist der einzige, der gegen die größte Not des Lebens gegen meine Schuld,
gegen meinen Tod ankommt. Denn über ihn hat der Tod keine Macht mehr. Die Wellen
sind über ihm zusammengebrochen. Drei Tage lag er im Rachen des Todes. Aber der
Tod hat sich an ihm die Zähne ausgebissen. Er lebt. Und wie er, so werden auch
wir leben, auch wenn es im Augenblick noch so aussieht, als wollten uns die
Flammen des Todes verschlingen.
Darum – lass es dir nicht von mir sagen. Lass es dir von ihm,
dem Retter sagen:
Fürchte dich, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei
deinem Namen gerufen, du bist mein.
Und vertrau dein Leben ihm an.
Amen
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