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Predigt von Pfarrer Jürgen Ullmann am 21. Dezember 2003
Phil.4,4-7
“Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich:
Freuet euch!”
So fängt unser Bibeltext an. Gerade jetzt, in der Advents-
und Weihnachtszeit, wird sehr viel von der Freude geredet und gesungen. “Ihr
lieben Christen, freut euch nun”, heißt es in einem Adventslied.
“Derhalben jauchzt, mit Freuden singt”, heißt es in einem anderen.
“Tochter Zion, freue dich!” “Freue dich, o Christenheit!”
Aber kann man denn Freude so einfach befehlen? Haben wir nicht -ganz im
Gegenteil - genug Gründe, uns nicht zu freuen? Wir müssen uns doch nur die
Nachrichten ansehen, damit uns die Freude gründlich verdorben wird. Von Kriegen
hört man da, von hungrigen Menschen, von Umweltverschmutzung und
Klimakatastrophen.
Und die meisten von uns haben wohl auch ihre persönlichen Nöte, die ihnen zu
schaffen machen. Kranke Familienmitglieder, die Angst den Arbeitsplatz zu
verlieren, Zwistigkeiten in der Ehe, die Sorge um die Zukunft der Kinder.
Alle diese Dinge nehmen wir ja mit in die Weihnachtszeit. Unsere Probleme lassen
sich ja durch ein bisschen Kerzenschimmer und Glöckchengeklimper nicht
vertreiben.
Wie kann Paulus da so einfach schreiben: “Freuet euch!”? Ist er ein
Stimmungsmacher, der so vor die Leute hintritt und ruft: “So, jetzt wollen wir
alle mal fröhlich sein! Steckt euch eure Sorgen an den Hut!” Nein, so einer ist
der Paulus ganz bestimmt nicht. Paulus ist ein Realist. Er weiß, wie hart das
Leben sein kann.
Als Paulus diese Worte geschrieben hat, da kam er nicht gerade voller
Enthusiasmus von einer christlichen Freizeit zurück; sondern er schrieb diese
Worte im Gefängnis. Er war verhört und eingesperrt worden, weil er sich
öffentlich zu Jesus bekannt hatte. Er saß im Kerker und wartete auf sein Urteil.
Er musste sogar damit rechnen, dass man die Todesstrafe über ihn verhängen
würde.
Wie kann man sich in einer solchen Situation nur freuen? Wie können wir uns
freuen, wenn wir von Problemen umgeben sind? Nun, Paulus sagt uns hier, was für
ihn - inmitten aller Schwierigkeiten - ein Grund zur Freude ist. Er sagt:
“Der Herr ist nahe.”
Der Herr ist nahe. Das bedeutet zweierlei. Zum einen heißt es, dass Jesus jetzt
bei uns ist. In all’ unseren Problemen sind wir nicht alleingelassen. Jesus hat
versprochen: “Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.”
Das macht unsere Probleme nicht unbedingt leichter. Aber es ist tröstlich zu
wissen, dass man jemanden bei sich hat, der mitleidet und mitträgt.
Ich war als Kind sehr oft im Krankenhaus. Und es war furchtbar für mich allein
zu sein in einer fremden Umgebung zusammen mit fremden Menschen. Da war die
Angst vor dem, was die Ärzte mit einem machen werden und da waren die Schmerzen,
die ich aushalten musste.
Aber wenn Besuchszeit war und meine Eltern hereinkamen, dann ging es mir gleich
viel besser. Meine Eltern konnten die Operation nicht verhindern. Sie konnten
mir auch die Schmerzen nicht abnehmen. Aber sie konnten neben meinem Bett sitzen
und einfach da sein. Und das tat schon gut. Zu wissen: Da ist jemand, der mich
liebt, der mich versteht; jemand, der Anteil nimmt an dem, was ich durchmache.
Das dürfen wir wissen: In welcher Situation wir auch immer sind und in welchen
Problemen wir auch stecken: Jesus ist bei uns. Er ist uns nahe.
Es gibt einen Autoaufkleber, auf dem heißt es: Gott ist dir näher als du
meiner Stoßstange. Ich möchte das mal umformulieren: Jesus ist dir näher als
deine Probleme. Er ist dir näher als deine Probleme es jemals sein können.
“Der Herr ist nahe” heißt aber auch, dass Jesus bald zu uns zurückkommt.
Er wird wiederkommen, um uns und unsere Welt von allen Nöten zu befreien.
Als Jesus mit seinen Jüngern über die Endzeit gesprochen hat, da hat er auch all
die Katastrophen erwähnt, die über diese Erde hereinbrechen werden. Aber er hat
ihnen nicht gesagt: “Lasst euch durch alle diese Dinge unterkriegen und
entmutigen. Sondern er sagte: “Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann
seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.”
Als ich als Kind im Krankenhaus war, da hab’ ich mich über den Besuch meiner
Eltern gefreut. Aber ganz besonders freute ich mich, als sie sagten: “Der Doktor
hat uns anvertraut, dass du bald wieder gesund bist. Du darfst bald mit uns nach
Hause kommen. Und zu Hause haben wir eine schöne Überraschung für dich bereit.
Da wartet ein besonderes Geschenk auf dich.”
Dieser Satz von meinen Eltern hat mir Hoffnung und Kraft gegeben. Jetzt hatte
ich ein Ziel vor Augen, auf das ich zuleben konnte. Ich hatte etwas, worauf ich
mich freute. Und mit dieser Freude konnte ich auch die restlichen Tage im
Krankenhaus noch durchhalten.
Wer mit Jesus lebt, hat ein großartiges Ziel vor Augen. Der muss sich von der
allgemeinen Weltuntergangsstimmung nicht mitreißen lassen. Wir dürfen wissen,
dass das Ende der Geschichte nicht eine Welt ist, die die Menschen zerstört
haben; sondern am Ende wartet Gottes neue Welt auf uns.
Wir haben eine Zukunftsperspektive, die niemand zerstören kann. Wir dürfen uns
auf Jesus freuen, der wiederkommt, um uns zu sich zu holen. Und diese Freude
kann uns Kraft geben inmitten all der Schwierigkeiten, die wir jetzt noch
erleben. Weil Jesus nahe ist, haben unsere Ängste, unsere Traurigkeiten, unsere
Befürchtungen nicht das letzte Wort. Sondern das letzte Wort hat Jesus. Er wird
alle zum Guten wenden.
Wenn wir mit dem Bewusstsein leben, dass Jesus uns nahe ist, dann wird sich das
auch auf unseren Lebensstil auswirken. Es wird einen Einfluss haben auf unser
Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen.
Paulus schreibt hier: “Eure Güte lasst kund sein allen Menschen.”
Manche von Euch haben ja noch die alte Lutherbibel. Da heißt es: “Eure
Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen.” Ein komisches Wort:
Lindigkeit. Das sagt heute keiner mehr. Und doch gefällt es mir ganz gut.
In “Lindigkeit” steckt das Wort “Linde”. Schon im Altertum hat man den
medizinischen Wert der Linde erkannt. Man hat sie gebraucht, um Schmerzen
geringer zu machen ... um sie zu “lindern”. Das Wort “Lindigkeit” hängt mit
“lindern” zusammen. Wir Christen sollen dafür bekannt sein, dass wir Schmerzen
lindern ... dass wir einen heilsamen Einfluss auf die Menschen haben, die uns
begegnen.
Denn die meisten Menschen, mit denen wir zusammenkommen, haben keine Hoffnung
für die Zukunft. Sie wissen nichts von dem Herrn, der wiederkommt, um alles gut
zu machen. Sie wissen nichts von dem Herrn, der bei ihnen ist in all ihren
Problemen.
Diejenigen unter uns, die Jesus kennen, können ihnen da vielleicht ein bisschen
weiterhelfen. Wir können ihnen etwas sagen von der Hoffnung, die wir haben.
Gerade jetzt in der Adventszeit - habe ich den Eindruck – sind die Menschen
offener als sonst für die Botschaft von Jesus. Wir können ihren Schmerz lindern,
indem wir ihnen sagen, was Jesus für uns bedeutet.
Aber auch wir Christen untereinander dürfen uns gegenseitig unseren heilsamen
Einfluss spüren lassen. Ich kenne Christen, mit denen tut es einfach gut,
zusammen zu sein. Ich kann mich bei ihnen offen aussprechen; ich kann alles
rauslassen, was mein Herz belastet und ich habe das Gefühl: Ich werde
verstanden; ich werde angenommen.
Das heißt nicht, dass der andere mich nicht auch auf Fehler hinweist, die ich
gemacht habe. Er sagt mir schon ganz deutlich, wo ich mein Verhalten ändern
muss. Aber er sagt es in Güte; so dass ich es annehmen kann. Er stößt mich nicht
vor den Kopf dabei.
Ich denke, da müssen wir noch ein ganz schönes Stück dazulernen. Wie oft
versuchen wir – auch in der Gemeinde - die Menschen durch Druck dahin zu
bringen, wohin wir sie haben wollen.
Lindigkeit - das heißt, dass wir versuchen, Verständnis füreinander
aufzubringen, auch dann wenn unsere Mitchristen manche Dinge anders sehen als
wir. Denn nicht von unserem Dickkopf soll die Gemeinde geleitet werden,
sondern von Jesus. Weil er nahe ist, soll sein Wesen unseren Umgang miteinander
prägen. Wir dürfen es lernen, in Güte - in Lindigkeit - miteinander umgehen.
Wenn wir in dem Bewusstsein leben, dass Jesus nahe ist, wird sich das auch auf
unseren Umgang mit unseren Problemen auswirken. “Sorgt euch um nichts”,
heißt es hier, “sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und
Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.”
Ich habe vorhin gesagt: Paulus ist kein Stimmungsmacher, der ruft: “Lasst uns
alle fröhlich sein und uns die Sorgen an den Hut stecken.” Nein, sondern er sagt
euch: Freut euch, weil Jesus nahe ist. Er ist dir näher als deine Probleme. Und
noch mehr: Er ist größer als deine Probleme. Deshalb steck dir die Sorgen
nicht an den Hut, sondern bring sie zu Jesus. Rede mit ihm über die Dinge, die
dir zu schaffen machen. Vertraue ihm deine Sorgen an.
Wenn wir uns sorgen, dann versuchen wir letztlich, unser Schicksal selbst in die
Hand zu nehmen. Wir setzten uns selbst ein bestimmtes Ziel, das wir unbedingt
erreichen wollen. Wir haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie unser Zukunft
aussehen soll. Und weil es uns nicht immer gelingt, unser Schicksal zu lenken,
machen wir uns Sorgen und haben Angst.
Wenn wir wirklich von ganzem Herzen auf Jesus vertrauen würden, dann könnten wir
ihm sagen: “Nimm du mein Leben in die Hand. Du weißt ja, was die Zukunft bringen
wird. Und du weißt auch, was das Beste für mich ist.”
Vom dem schlesischen Pfarrer Woltersdorf wird berichtet, dass er eines Tages
eine kranke Frau besuchte. Diese Frau kam aus dem Klagen gar nicht mehr heraus.
Da sagte der Pfarrer zu ihr: “Geben Sie mir Ihr Gesangbuch.” Die Frau holte es
ihm. Der Pfarrer fragte sie: “Kennen Sie das Lied ‘Was Gott tut, das ist
wohlgetan’?” “Ja”, sagte die Frau, “dieses Lied hat mich schon manches Mal
getröstet.” “Das werde ich jetzt herausreißen”, sagte der Pfarrer.
“Herr Pfarrer, das werden sie doch nicht tun!” “Ja, warum denn nicht?” fragte
Pfarrer Woltersorf. “Sie glauben es ja doch nicht. Also heraus damit!” Die Frau
bat den Pfarrer inständig, das Blatt drin zu lassen. Das hat er natürlich auch
getan. Aber seine Methode hat doch geholfen. Die Frau schämte sich über ihr
vieles Klagen. Und gerade dieses Lied wurde ihr in Zukunft zu einem besonderen
Segen.
Was Gott tut, das ist wohlgetan. Wenn ich darauf vertraue, dann kann ich es mir
auch leisten, meine Sorgen bei ihm abzugeben. Dann kann ich ihm sagen: “Die
Verantwortung für mein Leben und für meine Zukunft liegt bei dir, denn ich bin
dein Kind und du hast versprochen, dass du für mich sorgen wirst.”
Weil Jesus nahe ist, können wir mit ihm über alles sprechen, was uns zu schaffen
macht. Wir dürfen alles in seine Hand legen. Und dann werden wir auch seinen
Frieden erfahren.
Es heißt am Ende unseres Predigttextes:
“Der Friede Gottes, der höher ist als alle
Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.”
Im Originaltext ist das eigentlich kein Wunsch, sondern eine
Zusage. Da heißt es:
“Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
wird eure Herzen und Gedanken in Christus Jesus bewahren.”
Dass wir Sorgen und Probleme haben, wird in der Bibel nicht abgestritten.
Manchmal häufen sich diese Probleme wie riesige Berge vor uns. Und unsere
Vernunft - unser logisches Denken - richtet sich auf diesen Berg von
Schwierigkeiten und grübelt darüber nach.
Nun wird uns aber hier gesagt: Es gibt etwas, was noch höher ist als
unser vernünftiges Denken. Nämlich der Friede, den Gott uns schenkt. Gottes
Friede ist höher als alle Vernunft.
Wir können uns zwei Jungs vorstellen, die miteinander streiten. Der eine will
dem anderen Angst machen und sagt ihm: “Wenn du nicht sofort aufhörst, hole ich
meinen großen Bruder!” Und dann sagt der andere: “Dann hol ich meinen Bruder,
der ist noch viel größer als deiner! Da kann mich dein läppischer Bruder gar
nicht beeindrucken.”
Und so dürfen wir es als Christen auch machen. Wenn unsere Vernunft uns all die
Dinge vor Augen stellt, die uns Angst machen und bedrohen, dann dürfen wir
sagen: “Was sollen diese läppischen Gedanken. Ich habe jemanden, der noch viel
größer ist als meine Vernunft: Gottes Friede ist größer und stärker als all das,
was mir Unruhe macht.” Dieser Friede wird meine Herz und meine Gedanken in Jesus
Christus bewahren.
Man kann auch sagen: Dieser Friede wird mein Herz und meine Gedanken bewachen.
So wie die Wächter vor einem Gefängnis. Sie passen auf, dass die Gefangenen drin
bleiben ... dass sie nicht ausbrechen und Unheil anrichten.
So passt der Friede Gottes auf unsere Gedanken auf. Unsere Gedanken sind wie
diese Gefangenen, die gern ausbrechen wollen. Sie wollen Unheil anrichten. Sie
wollen uns in Angst und Sorge und Verzweiflung stürzen. Aber da ist Gottes
Friede. Und der bewacht unsere Gedanken, damit sie in Jesus bleiben.
Manchmal müssen wir unsere Gedanken richtiggehend gefangen nehmen und müssen
sagen: “Nein, ich will jetzt nicht über all die Schwierigkeiten nachdenken, die
mir die Freude rauben wollen. Sondern meine Gedanken sollen in Jesus bleiben.
Ich will bewusst daran denken, dass Jesus nahe ist. Er ist jetzt hier. Er ist
größer und mächtiger als alles, was mich bedroht. Und er ist es, der das
letzte Wort haben wird; nicht die Dinge, die mir Angst machen.”
Weil Jesus nahe ist, haben wir Grund, uns zu freuen. Ich wünsche euch, dass ihr
– gerade jetzt, in der Adventszeit - diese Freude erfahren dürft und dass ihr
auch den Frieden Gottes erfahren dürft, der höher ist als unsere menschliche
Vernunft.
Amen
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