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falsche und wahre Gottesdienste                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 05. März 2000

Liebe Gemeinde,

Samstag im alten Israel. Von überall strömen Scharen von Menschen herbei. Frisch gewaschen, eingerieben mit wohlriechenden, teuren Ölen, gekleidet in schönen festlichen Gewändern kommen von überall her die Leute zusammen. Sie sind gutgelaunt, fröhlich und plaudern miteinander. Sie pilgern hinauf zum Tempel. Er ist das größte und eindrucksvollste Gebäude der Stadt und steht an der höchsten Stelle. Hohe Säulen, prachtvolle Malereien und Schnitzereien erinnern an die königliche Majestät Gottes und natürlich auch an den Reichtum des Königs, der Kaufleute und Großgrundbesitzer, die es sich etwas Kosten lassen, dass ihr Tempel würdig erscheint.
Dann beginnt der Gottesdienst. Eindrucksvolle Chöre mit Leviten singen herrliche Psalmen, ein Orchester mit Harfen, Pauken und Zimbeln begleiten mit ihren Instrumenten. Der Höhepunkt des Festes ist das Opfer mit dem anschließenden gemeinsamen Mahl.
Gottesdienst im alten Israel, das war das gesellschaftliche Ereignis der Woche.
Man war stolz den Tempel, auf die vielen Priester in ihren beeindruckenden Gewändern, die zahlreichen Opfer, die goldenen Gefäße und Kelche, auf die besten Musiker und Sänger.
Man war überzeugt, je prachtvoller und herrlicher der Tempel und der Betrieb darin ist, um so mehr wird Gott sich darüber freuen, um so größere Ehre gibt man ihm und um so größer ist man in seiner Gunst.
Doch mitten in einer dieser großartigen Feiern, vielleicht hatte gerade der Hohepriester das Opferlamm dargebracht und wollte im Namen Gottes verkündigen: „Gott hat gnädig und wohlwollend das Opfer angenommen, vielleicht räusperten sich die Sänger schon und wollten im Chor ein imposantes Loblied anstimmen – da steht plötzlich ein Mann mit ernstem Gesicht neben dem Opferaltar und ruft der Menge zu:

So spricht Gott der Herr:

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch die fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder, denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Amos 5, 21-24

Diese Worte müssen wie eine Bombe gewirkt haben. Man war der Überzeugung, dass man sein Bestes für Gott gegeben hat und nun lässt Gott ausrichten, dass er das alle gar nicht mag.

Was würden Sie tun, wenn man extra für Sie, sagen wir einmal zu Ihrem Geburtstag, in ihrer Wohnung eine langweilige Party veranstalten würde. Wenn die Menschen, die sie am meisten hassen, zu Gast wären: Ihr ungerechtester und gemeinster Schullehrer, der sie als Kind bestraft und vor allen anderen zur Schnecke gemacht hat, der hinterhältigste Berufskollege, der sie beim Chef und den Kollegen schlecht macht, die Tante mit der spitzesten Zunge, die für alles eine abfällige Bemerkung hat, der geizigste Schnorrer aus ihrer Nachbarschaft, der Sie immer nur anpumpt und ausnützt, nie etwas zurückgibt, selbst aber nie für sie da ist, wenn Sie etwas bräuchten, wenn diese Leute dann auch noch nach Fäkalien und verdorbenem Fleisch stinken würden und dabei einen Lärm verursachen, der in Ihren Ohren so wehtut dass ein Presslufthammer noch eine Symphonie dagegen ist, wie würden Sie auf ein solches Fest reagieren?

Ich glaube, da würden Sie dasselbe wie Gott tun:

Gar nicht erst hingehen und ausrichten lassen: „Ihr könnt gerne Euer Fest feiern, aber ohne mich.“

Ist das aber nicht eine harte Botschaft?

Da geben sich die Glaubenden die größte Mühe, um Gott zu gefallen und bekommen von Gottes Boten bescheinigt: „Ich hasse Euren Gottesdienst!“

Er verabscheut den Gottesdienst der Israeliten, weil sie während der Woche, Gottes Wort missachten, vor allem die Schwächeren betrügen und ausnutzen und zu Sklaven machen.

Könnte Gottes Urteil auch für unseren Gottesdienst heute morgen so lauten? Könnte er nicht zu uns sagen: Ich mag Euch nicht, Eure Gebete und Lieder, diese Predigt, weil ihr so falsch seid, weil Euer Herz eine Mördergrube ist voll böswilliger, neidischer, selbstgerechter, ehebrecherischer, räuberischer, ungerechter, gemeiner Gedanken. Ich mag Euch nicht riechen, weil an Euren Händen Unrecht klebt, weil alles, was ihr zuhause und im Alltag tut, ohne Liebe tut.

Ja, so könnte Gottes Urteil lauten. Denn ich glaube, wenn wir all das, was wir in dieser Woche übles getan haben und Gutes unterlassen zusammenrechnen würde – ich glaube wir würden als Gemeinde nicht besser dastehen, das die israelische Gemeinde in Samaria oder Bethel.

Dann müsste das Presbyterium zuerst kommen und mich vor die Kirchentür setzen, denn jeden Abend stelle ich fest: „Was ich heute alles gedacht und getan habe, das kann Gott nicht gefallen haben.“

Warum feiern wir dann trotzdem? Wir wagen Gottesdienst zu feiern, weil wir im Namen Jesu feiern. Das heißt: Wir behaupten gar nicht, dass wir gerecht vor Gott sind, dass wir besser als die anderen sind, wir behaupten nicht, dass wir Superchristen sind.

Doch wenn wir im Namen Jesu feiern, dann geben wir unsere Sünde, unseren Gestank, unsere Niederträchtigkeit am Kreuz Jesu ab. Es gibt keine Sünde, die man hier nicht abladen und hingeben könnte. Und Jesus nimmt sie an und trägt für uns die Folge, die unsere Sünde mit sich bringt: Nämlich dass sich Gott abwendet und ihn verlässt.
Jesus wurde Sündern und Machtmenschen ausgeliefert. Kein Gott, der ihn schützte. Und diese brutalen Menschen quälten ihn zu Tode, kein Gott, der ihm half. Und in seiner Einsamkeit rief er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Das ist die Hölle, dorthin reitet uns die Sünde.
Doch dort können wir unsere Sünde abladen – dann schenkt uns Jesus dafür seine Reinheit, seine Schönheit, seine Heiligkeit, seinen Wohlgeruch vor Gott.
Wenn Jesus im Gottesdienst gegenwärtig ist, dann liegt unsere Sünde am Kreuz von Golgatha. Wir hingegen sind frei davon. Und darum fühlt sich der Vater und der Heilige Geist hier wohl. Dann spürt man seine Nähe und Gegenwart. Dann strömt Jesu Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Strom durch unsere Herzen, durch unser Gebet, durch unsere Lieder. Der Strom fließt wie ein Segensstrom mit uns hinaus in die Welt, in unsere Familie, in unsere Häuser, in unser Leben.

Darum gibt es im Grunde nur noch eine richtige Sünde und große Dummheit, die man tun kann: „Seine Sünde zu behalten und nicht abzugeben, denn dann beginnt der Gottesdienst wieder Gott anzuekeln.

Nun wird der ein oder andere sicher denken: „Ja wenn das so einfach ist, dann lade ich am Sonntag oder auch in der Seelsorge meine Sünden ab, dann brauche ich mir gar keine Mühe mehr zu geben, christlich und fromm zu leben. Dann kann ich endlich mal so richtig frei sein und tun, was ich will.

Ja, es stimmt, die Liebe Jesu befreit. Sie befreit von einem verkrampften Christsein, von der Meinung, man könnte seine Frömmigkeit und Gerechtigkeit selbst herstellen. Und wenn man von etwas frei ist, dann kann man auch vieles sein lassen, was zuvor noch ein Zwang war.

Dennoch möchte ich Ihnen einen Haken an der Sache nicht verschweigen. Jesus tauscht unsere Sünde gerne ein. Doch der Tausch funktioniert nur, wenn wir ihn lieben. Und den unsichtbaren Jesus zu lieben, das bedeutet die sichtbare Schwester, den sichtbaren Bruder zu lieben.

Von diesen Geschwistern gibt es dreierlei Sorten:

Einmal der Bruder, der noch gar keiner ist. Also Menschen, die Jesus ablehnen. Ihnen gilt Jesu Zuwendung und Liebe besonders. Er trauert um jeden, der in sein Verderben rennt. Die, die Jesus ablehnen sollen wir lieben. Ihnen sollen wir von der frohen Botschaft Jesu weitersagen. Nicht jedem ist es gegeben mit ihnen ein tiefschürfendes Gespräch zu führen. Aber jeder kann sich Gedanken machen, wie wir unseren „Noch-nicht- Geschwistern“ weiterhelfen können. Unser Zeugnis soll sie bewegen, dass auch sie ihre Last am Kreuz abzuladen, und Jesus lieben.

Dann jauchzen die Engel im Himmel. Denn Jesus sagt: „So sage ich, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der zu Gott umkehrt tut.“

Und ich glaube, diese Freude würde auch unseren Gottes anstecken, wenn hin und wieder ein neues Gesicht zu sehen wäre, das strahlt vor Freude und Dankbarkeit über die große Liebe Gottes.

Dann gibt es noch eine zweite Sorte von Schwestern und Brüdern, die wir im Namen Jesu lieben sollen. Das sind diejenigen, die uns eine Last sind. Sie gilt es zu tragen und ertragen. Gott würfelt in einer christlichen Gemeinde Menschen mit recht unterschiedlichem Charakter zusammen. Man tut sich recht schwer mit dem ein oder anderen.
Unsere Reaktion: Wir neigen gerne dazu, ihnen zu verstehen zu geben, dass Sie nicht erwünscht sind. Aber diese rauszuekeln widerspricht dem Wesen Jesu ganz und gar. Denn er ist derjenige, der dennoch liebt – der annimmt trotz Fehler und Gebrechen.

Ich weiß von einem Mann, der hatte einen handfesten Krach mit seiner Frau. Er hatte sie geärgert und sie hatte ihn sehr verletzt und wehgetan. Und in seiner Wut ging er ins Gebet, ja er beklagte sich bei Gott, dass seine Frau nicht verständnisvoll, so ungeduldig und was auch immer ist. Doch während er betete, veränderte Gott sein Herz. Und kurz vor dem Amen sagte der Mann: „Herr, ich liebe sie. Ich will nicht mehr von ihr fordern wie sie sein sollte. Ich liebe den alten Drachen.“
Der Gebetskampf endete damit, dass er tatsächlich eine ganz neue Liebe zu seiner Frau erhielt, wie sie zuvor nicht da gewesen ist.

Liebe Schwestern und Brüder – wenn wir Jesus lieben, dann sollen wir einander lieben, auch wenn der andere ein Drache ist und seine Last tragen. Wie Paulus sagt: „Ein jeder trage die Last des anderen, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Und dann gibt es noch eine dritte Art von Schwestern und Brüdern. Das sind diejenigen, die Not und Verfolgung leiden. Jesus möchte, dass wir uns ihrer annehmen, sie nicht verleugnen, ihnen helfen. Denn er sagt: „Was ihr an einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Ja, Jesus nimmt all unseren Gestank weg. Darum wird durch ihn jeder Gottesdienst zu einem großen Fest, zu der großen Veranstaltung der Woche. Erde und Himmel feiern zusammen.
Darum lasst uns immer wieder unsere Sünden bei ihm abladen und ihn lieben, indem wir unsere Schwestern und Brüder lieben.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010