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Ein Kind Gottes                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 18. Oktober 2009

Liebe Gemeinde,

der Bibelabschnitt über den ich heute predige, steht in Mk 2,1-12. Um etwas Zeit zu sparen, lese ich ihn heute nicht als ganzes vor, sondern lege ihn gleich aus.

1 Und nach etlichen Tagen ging Jesus wiederum nach Kapernaum, und es wurde bekannt, dass er im Hause sei.  2 Und alsbald versammelten sich viele,…

Liebe Gemeinde,  Jesus kommt in ein Haus. Und was passiert? Kann er sich schön in die Sessel lehnen und plaudern? Kann er sich ausruhen von seiner Reise durch Galiläa? Nein. Denn sehr schnell wird im Ort bekannt, dass er im Haus ist. Es handelt sich hier wahrscheinlich um das Haus des Petrus. Und von überall her strömen Leute. Sie wollen Jesus sehen. Sie spüren, dass es bei Jesus etwas gibt, was es sonst auf der Welt nicht gibt.

Ich bin überzeugt, dass dies bis heute noch gilt. Wenn Jesus in einem Menschen, in einem Haus, in einer Gemeinde wohnt, dann wird das Menschen anziehen. Dann werden Menschen aufmerksam. Dann wollen sie hören und sehen, dann suchen sie einerseits vielleicht die Sensation, aber sie suchen auch etwas verlorenes. Sie suchen die Verbindung zu Gott.

Darum ist es für uns Christen, wichtiger als alle Öffentlichkeitsarbeit, wichtiger als alle Werbeaktionen, dass Jesu Geist in unser Haus kommt.

Wie geht das? Jesu Geist muss eingeladen werden. Wahrscheinlich hatte Petrus auch zu Jesus gesagt: Jesus, komm zu uns nach Hause. Bei uns zu Hause kannst du übernachten, da gibt es auch etwas zu essen.

Der Einladung folgt dann aber auch, dass man sich auf den Gast einrichtet. Man muss ihm praktisch Raum schaffen, nach seinen Wünschen fragen, für ihn da sein Wenn Jesus innen ist, dann wird sein Wesen nach außen Wirkung erzeigen.

Ich lese weiter:

Und es versammelten sich viele, so dass selbst an der Tür nicht mehr Raum war; und er redete zu ihnen das Wort. 

3 Und es kommen welche zu ihm und sie bringen einen Gelähmten, von vieren getragen.  4 Und da sie wegen der Volksmenge nicht nahe zu ihm kommen konnten, deckten sie das Dach ab, wo Jesus  war; und als sie es aufgebrochen hatten, ließen sie das Ruhebett hinab, auf welchem der Gelähmte lag.

Es heißt hier, dass viele der Menschen auch an der Tür stehen bleiben. Und so werden sie zum Hindernis, dass andere noch hereinkommen können.

Ich nehme mal an, dass der Raum schon voll war. Aber es könnte ja auch sein, dass manche Menschen sich nicht trauten in das Haus einzutreten, in dem Jesus war. Sie wollten lieber auf der Schwelle stehen bleiben. An der Schwelle kann man am allerschnellsten wieder verschwinden. An der Schwelle kann man weggehen, ohne dass es bei den anderen groß auffällt, oder dass die anderen rücken müssten und Platz machen. Insofern ist die Schwelle bei vielen, wenn es um Glauben geht ein recht beliebter Platz.

Ich kann mir vorstellen, dass im übertragenen Sinne viele Christen an der Schwelle zur Wohnung Gottes stehen, dabei aber anderen den Weg zu Jesus versperren.

Von Gottes Sicht her gibt es keinen Schwellenchristen. Entweder man ist drin, oder man ist draußen. Ein Zwischending gibt es nicht.

Darum kann ich nur auffordern ganze Sache zu machen. Kommen sie ganz herein, ganz dorthin, wo Jesus wohnt, dann können auch die noch dazukommen, die weiter draußen stehen.

Ich bewundere aber nun die vier Männer, die einen gelähmten Freund tragen.

Ich kann mir vorstellen, wie sie im Vorfeld zu ihrem Freund gingen und zu ihm sagten: „Jesus ist wieder im Ort. Komm, wir bringen dich hin.“

Vielleicht war der Gelähmte erst etwas abweisend und sagte: „Ach, macht doch euch meinetwegen keine Mühe.“

Aber die vier Männer liebten den Gelähmten. Sie wollten, dass es ihm gut geht. Und sie vertrauen auf die Macht Jesu. Und sie antworten:

„Nein, unser Freund! Das ist deine Chance. Wenn dir noch jemand helfen kann, dann ist es Jesus.

Mach dir keine Sorgen, wir bringen dich hin.

Und dann machen die vier sich die Mühe ihren Gelähmten Freund zu tragen. Liebe Gemeinde, haben sie schon einmal zu viert einen erwachsenen Menschen getragen?

Das ist anstrengend, das ist schwer. Man muss sich mit den anderen abstimmen.

Die vier Männer sind ein schönes Bild für die christliche Gemeinde.

Christen sind Menschen, die darauf vertrauen, dass Jesus helfen kann.

Christen sind Menschen, die daran glauben, dass Jesus eine Lösung hat. Und darum lassen sie sich nicht von einer verzweifelten Situation abbringen. Sie glauben, dass Jesus hilft und darum tragen sie ihren Freund.

Liebe Gemeinde, auch wir können Menschen tragen. Auch wir können Menschen zu Jesus tragen. Nicht auf einer Bahre, sondern im Gebet.

Eine Hilfe ist es, wenn wir lahme Menschen nicht alleine zu Jesus tragen, sondern die Gemeinschaft mit anderen suchen, die einerseits an Jesus glauben und andererseits ein Interesse daran haben, dass eine gewisse Person wieder gesund wird.

Stellen Sie sich vor, die vier Freunde haben den Gelähmten über einen Kilometer zusammen getragen und nun sehen sie von weitem, wie eine große Traube von Menschen vor dem Haus steht, in dem Jesus lehrt.

Vielleicht sagte der Gelähmte zu ihnen. „Seht, da kommen wir doch gar nicht rein, das ist nichts für uns. Bringt mich wieder nach Hause.

Aber die Freunde lassen sich nicht abbringen. Sie steigen Jesus aufs Dach.

Und das ist schon fast kriminell. Die gehen ohne zu fragen auf das Dach eines fremden Hauses und beginnen das Dach abzudecken.

Stellt euch mal die Hausfrau unten vor, wenn es plötzlich anfängt  von zu stauben.

Stellen sie sich den Hausherrn vor, wenn er plötzlich ein Loch in der Decke sieht.

Aber das kümmert die Freunde nicht. Sie haben nur eines im Sinn. Sie wollen ihren Freund zu Jesus bringen. Sie wollen, dass ihr Freund gesund wird.

Liebe Gemeinde, Liebe ist fantasievoll. Liebe kann manchmal auch ganz schön unkonventionell werden. Ja, sogar ein bisschen dreist.

Und wie reagiert Jesus?

 5 Als Jesus aber ihren Glauben sah, spricht er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind vergeben.

Jesus sieht ihren Glauben. Er rügt sie nicht, sondern er sieht, dass sie ihm vertrauen. Und ich würde eigentlich erwarten, dass der Gelähmte auf der Stelle geheilt wird.

Aber Jesus reagiert ganz anders. Er repariert nicht außen etwas, was bei diesem Mann kaputt ist, sondern er bringt sein Herz wieder in Ordnung.

„Kind“ sagt er. Allein mit diesem Wort zeigt Jesus dem Gelähmten, was er ist. Er ist ein geliebtes Kind Gottes.

Gestern haben Jugendliche im Lobpreisgottesdienst erzählt, welche Schwierigkeiten sie haben, sich selbst anzunehmen, dass sie sich hässlich und böse finden. Und sie sagten: Gott urteilt genauso über mich. Wer so über sich und über Gott denkt, der ist gelähmt. Der kann nicht mehr frei durch die Welt gehen. Bei jedem Schritt ist er gequält und behindert. Und diese innere Wunde heilt Jesus, indem er ihm zuspricht: KIND. Ein Kind ist und bleibt ein Kind, egal, was es tut. Es hat seinen Wert im Kindsein und nicht in der Leistung. Und das befreit. Diese innere Wunde heilt Jesus.

Und außerdem befreit Jesus den Gelähmten von seinen Sünden. Mit einem Satz spricht er ihn los.

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle wird eines deutlich: Sünden können lähmen. Sünden sorgen dafür, dass man immer unfreier wird, immer gefesselter, so dass man zuletzt sich gar nicht mehr in Richtung Gott bewegen kann. Man hat dann keine Macht mehr über seine Beine. Und dem Gelähmten sind die Sünden so zum Verhängnis geworden, dass es auch auf körperlicher Ebene vollzog. Aber Jesus kann davon frei machen.  

6 Etliche aber von den Schriftgelehrten saßen daselbst und überlegten in ihren Herzen:  7 Was redet dieser also? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben, als nur einer, Gott?

Nun, Jesus wirkt öffentlich. Nicht nur im Geheimen. Und sofort schalten sich die Gedanken der Theologen ein.

Einerseits denken sie: Was redet Jesus so daher. Einfach zu sagen, deine Sünden sind dir vergeben. Das kann jeder so sagen. Aber im Grunde ist es eine Gotteslästerung. Im Grunde kann nur Gott selber in die Vergangenheit eingreifen. Wenn man mal eine Sünde begangen hat, dann ist die geschehen, da kann kein Mensch kommen und das einfach rückgängig machen. Nur Gott kann Sünden vergeben.

Und auch hier erkennt Jesus wieder, was die Gemüter bewegt. Ich lese weiter:

 8 Und alsbald erkannte Jesus in seinem Geiste, dass sie also bei sich überlegten, und sprach zu ihnen: Was überleget ihr dies in euren Herzen?  9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Stehe auf, nimm dein Ruhebett auf und wandle?  10 Auf dass ihr aber wisset, dass der Sohn des Menschen Gewalt hat auf der Erde Sünden zu vergeben... spricht er zu dem Gelähmten:  11 Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Ruhebett auf und geh nach deinem Hause. 

Jesus erklärt ihnen, wie das funktioniert. Er widerspricht nicht, dass ein Mensch aus sich heraus Sünden vergeben kann. Aber er sagt ihnen, wie es bei ihm funktioniert: Der Menschensohn hat Vollmacht. Das heißt, Jesus kann etwas im Namen Gottes Sünden vergeben .

Vollmacht bedeutet, dass man im Auftrag eines anderen tun kann.

In Belgien zum Beispiel ist bei den Wahlen möglich, eine Person des Vertrauens zu bevollmächtigen. Wenn jemand aus irgendwelchen Gründen nicht an der Wahl teilnehmen kann, dann kann er jemanden beauftragen für ihn zur Wahl zu gehen.

Wenn das getan wird, dann muss der Bevollmächtigte natürlich den Willen kennen, den er vertritt. Er muss auch das Vertrauen haben. Und die Stimme, die er abgibt ist dann auch nicht seine eigene Stimme, sondern es ist die Stimme dessen, von dem er beauftragt wurde.

Genauso ist es nicht Jesus selbst, der die Sünden des Gelähmten vergibt, sondern es ist der himmlische Vater.

Aber Jesus spricht die Vergebung im Namen des Vaters aus.

Liebe Gemeinde, auch wir Christen haben von Jesus diese Vollmacht bekommen. Auch wir können in seinem Namen Sünden lossagen. Natürlich müssen wir darauf achten, den Willen Gottes zu kennen. Aber dennoch können wir in seinem Namen handeln.

Da man Sündenvergebung ja nicht direkt sehen kann, gibt Jesus noch ein Zeichen für die Zweifler.

Und er sagt: Ebenso, wie ich im Namen Gottes Menschen heilen kann, ebenso kann ich in seinem Namen Sünden vergeben und er gebietet dem Gelähmten:

Steh auf, nimm dein Bett und geh. Das ist gewaltig. Denn es heißt:

12 Und alsbald stand er auf, nahm das Ruhebett auf und ging hinaus vor allen, so dass alle außer sich gerieten und Gott verherrlichten und sagten: Niemals haben wir es also gesehen! 

Die vielen Menschen staunen und sie lobten Gott. Jesus handelt im Auftrag Gottes. Er ist eins mit ihm. Und so gilt der Dank für die Hilfe auch dem Urheber. Gott dem Vater.

 

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Stand: 04. Juni 2010