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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 26. Februar 2006Liebe Gemeinde, Im Johannesevangelium Kapitel 1 heißt es von Jesus: 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir
sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom
Vater, voller Gnade und Wahrheit. Jesus wird hier beschrieben als jemand der voller Gnade ist und alle seine Jünger reich mit Gnade beschenkt. Gnade um Gnade. Aber was heißt das? Gnade? Wir befinden uns hier in der Johanneskirche. Johannes heißt auf deutsch: Gott ist gnädig. Man könnte darum auch sagen: Wir sind in der Gott-ist-gnädig-Kirche. Aber was heißt das Gnade? Als ich noch Theologie studierte, wollte ich wissen, was Gnade heißt. Ich fragte in einem Gespräch meine Mitstudenten und einen Doktoranden. Zuerst wurde ich ein wenig vorwurfsvoll angeschaut in dem Sinne: "Wie kann man denn nur so eine dumme Frage stellen, das weiß doch jeder". Doch als ich auf einer Antwort beharrte stellte sich heraus, dass die anderen auch nicht so genau wussten, was Gnade heißt. Heute bin ich etwas schlauer und ich werde euch mitteilen, was ich inzwischen herausgefunden habe. Dennoch ist der Begriff Gnade so tiefgründig, dass man wohl sein Leben lang darüber nachsinnen kann und immer noch neue Dimensionen entdeckt. Was heißt Gnade? Nun, im Lexikon steht: "Unter Gnade versteht man generell eine Wohlgelittenheit bei einer Höheren Person, der sich jemandem Niedrigstehenden aus freien Stücken und in einem personalen Akt freundlich zuwendet." Ich füge hinzu: Auf Gnade gibt es weder Anrecht noch kann man sich Gnade verdienen. In Norddeutschland verstand man das Wort Gnade durch ein schönes Bild: Wenn im flachen Norden bei schönem Wetter die Sonne unterging, wenn sie die ganze Welt in ein schönes und goldenes Licht tauchte, wenn sie überhaupt nicht mehr grell war, so dass man mit bloßen Auge hineinschauen konnte. Und wenn dann die Sonne den Horizont berührte, dann sagten dort die alten Leute: "Es genadet". Das heißt: Die erhabene Sonne ist so freundlich und berührt sanft unsere arme Erde. Gnade auf Gott angewandt heißt: Gott lässt sich zu uns Menschen herab, obwohl er überhaupt keine Veranlassung oder Zwang dazu hätte und beschenkt die Menschen, die sich seiner Gnade öffnen. Diese Gnade hat nun vier Dimensionen: Die erste Dimension: Aus Gnade vergibt Gott uns unsere Sünden. Falls jemand gerne eine Bibelstelle dazu möchte: Eph. 1,4ff: Aus Liebe 5 hat er uns dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden - durch Jesus Christus und im Blick auf ihn. Das war sein Wille und so gefiel es ihm, 6 damit der Lobpreis seiner Herrlichkeit erklingt: der Lobpreis der Gnade, die er uns erwiesen hat durch Jesus Christus, seinen geliebten Sohn.7 Durch dessen Blut sind wir erlöst: Unsere ganze Schuld ist uns vergeben. So zeigte Gott uns den Reichtum seiner Gnade.Ein König oder ein Staatsoberhaupt hat das Recht, einen Gefangenen zu begnadigen. Selbst, wenn ein Verbrecher oder Terrorist rechtskräftig verurteilt worden ist, dann kann eine Begnadigung ausgesprochen werden. Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien wurde zum Beispiel von der ganzen Welt gebeten, einen zum Tode verurteilten Verbrecher zu begnadigen. Er hätte diesem Mann begnadigen können und kein Gericht und keine Polizei auf der Welt hätte diesen Mann für dieses Vergehen belangen können. Leider hat er es nicht getan, er war eben nicht gnädig. Ähnlich steht die Menschheit vor Gott. Wir Menschen sind so etwas wie Rebellen vor Gott. Der eine mehr, der andere weniger. Doch die Größe unsere Rebellion spielt da keine Rolle. Ein natürlicher Mensch steht einfach auf der falschen Seite. Er steht auf der Seite des Feindes Gottes. Und das Recht fordert im Falle von Rebellion gegen Gott den Tod. Doch Gott hat in seiner Majestät die Möglichkeit uns zu begnadigen und wir sind ganz frei. Der Ankläger kann uns nicht wieder in das Gefängnis der Schuld zurückziehen. Die zweite Dimension: Zur Gnade Gottes gehört, dass er unsere Gebete erhört: Wenn jemand einmal gerne mit dem König plaudern wollte und in Brüssel anriefe: "Ich bin der Herr Maier kann ich mich mal mit dem Albert verabreden", der würde eine freundliche Antwort bekommen, dass im Terminplan des Staatsoberhauptes voll sei. Man kann nicht einfach so vor eine höher gestellte Person treten und mit ihm reden. Ähnlich ist es eine große Gnade, dass wir einfach so zu Gott beten können. Egal wo wird sind, egal in welcher Situation wir uns befinden. Wir können im Geist vor Gott treten und ihn anrufen. Man muss nicht lange auf einen Termin warten, sondern man kann bei Gott direkt vorsprechen. Gott hört zu. Ja, in seiner Gnade hat er uns zu seinen Kindern berufen, so dass wir ähnlich wie Königskinder auch ständig mit ihrem Papa über alle ihre großen und kleinen Probleme reden können, wir auch unsere Probleme mit ihm besprechen können. Und dass Gott sich darüber freut und uns zuhört und antwortet: Das ist reine Gnade!!! Viele Christen haben ganz vergessen und sehen das Gebet als eine lästige Pflicht. Manchmal sogar als Zwang. Ja, ich habe einmal gehört, dass das Vaterunser als Strafe für bestimmte Sünden verordnet wurde. Das ist Gottes Gnade geradezu pervertiert. Wir Christen dürfen mit Gott sprechen. Die Beter in den Psalmen sind oft voller Staunen darüber, dass Gott uns die Gnade schenkt: Gebete zu erhören. Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Gnade von mir wendet (Ps 63,20 Elb). Die dritte Dimension: Zur Gnade Gottes gehört, dass Gott großzügig schenkt. Im Neuen Testament werden die Geistesgaben, die uns als Christen verheißen sind, als "charis", also als Gnade bezeichnet. Der gnädige Gott ist großzügig und schenkt seinen Dienern für ihren Dienst wertvolle Gaben. Aber nicht nur die Geistesgaben sind ein Zeichen von Gottes Gnade, all das, was wir täglich empfangen, ist ein Geschenk Gottes. Dass wir beschützt werden – "in wie viel Not, hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet", dass die Sonne über gut und böse, immer wieder aufgeht, dass nicht aufhört Saat und Ernte, Sommer und Winter, dass wir das Wort Gottes haben und lesen können. All das und noch vieles mehr sind Geschenke Gottes für uns. Zum Geschenk gehört, dass man es nicht einfordern kann. Bei einem wirklichen Geschenk, kann der Beschenkte nicht sagen: Ich habe Anrecht auf dieses Geschenk – du schuldest mir ein Geschenk, weil ich Geburtstag habe. Ein wirkliches Geschenk kommt aus freien Stücken. Und so ist Gott überhaupt nicht verpflichtet uns Gesundheit, Glück und sonst noch etwas zu schenken, sondern es ist seine Gnade. Kommen wir noch zu einer vierten Dimension von Gottes Gnade: Die vierte Dimension: Gnade Gottes bedeutet überschwängliches Wohlwollen und Freude am anderen Jesus erzählt uns eine Geschichte, um zu erklären, wie gnädig sein Vater ist. Es war ein junger Mann, der sich sein Erbe ausbezahlen ließ. Und innerhalb kürzester Zeit hatte der das ganze gute Geld, das, was vielleicht mehrere Generationen vor ihm erwirtschaftet hatten, verprasst. Der junge Mann gerät in Not und weiß, dass er sein Teil eigentlich schon bekommen hat. Dass er nichts mehr einfordern kann. Dennoch wagt er es zurückzukehren. Dabei überlegt er sich, was er sagen kann, wenn er seinem Vater begegnet: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Nimm mich als einen deiner Arbeiter in Dienst! Der spannende Augenblick geschieht: Die beiden begegnen sich. Gerecht wäre nun, wenn der Vater sagen würde: Hör mal Junge, du hast mehr als genug bekommen, aber du hast mich so geärgert und mir Schwierigkeiten mit dem Erbe Ausbezahlen gemacht, geh mal lieber zum Nachbarhof. Barmherzig wäre gewesen, wenn er zu ihm gesagt hätte: "Eigentlich brauche ich ja gerade keinen neuen Stallknecht, aber weil du so abgemagert und verlumpt aussiehst, kannst du hier arbeiten." Und der Sohn hätte sich riesig gefreut. Aber Gott ist gnädig und die Gnade die Gnade Gottes überrascht im Wohlwollen. Der Vater hält Ausschau nach seinem Sohn. Als er ihn kommen sieht läuft er dem Sohn entgegen. Und bevor der Junge etwas sagen kann, umarmt der Vater ihn und überhäuft ihn mit Küssen. Nun sagt der Sohn, was er sich vorgenommen hatte: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Da fällt ihm sein Vater ins Wort – er lässt ihn gar nicht diese Bitte aussprechen, dass er als einfacher Arbeiter sich dingt. Er ruft seine Diener, er bekommt die besten Kleider, man zieht ihm wieder Schuhe an, ein Zeichen von Reichtum und Würde, er bekommt den Familienring, das heißt er kann wieder im Familienbetrieb eigenverantwortlich handeln. Und dann macht der Papa ein riesige Fest. Es gibt Musik und Tanz und jede Menge zu essen." Ich kann nur staunen. Aber das ist Gnade – genau so ist Gott. Er überschüttet diejenigen, die in seiner Gnade stehen geradezu mit Wohlwollen. Wie nun sollen wir auf Gottes Gnade reagieren? Ich möchte es nur kurz anreißen: Wenn man ein schönes Geschenk bekommt, dann sagt man in der Regel "Danke" – und da Gott uns täglich Gnade schenkt, sollte wir einen Lebensstil der Dankbarkeit pflegen Das zweite: Gnade kann eigentlich nur im Glauben empfangen werden. Wer Gott dem gnädigen Gott vertraut, der öffnet seine leeren Hände wie ein Bettler und lässt sich gerne von ihm beschenken. Wir Christen neigen immer schnell dazu, dass wir meinen, wir könnten durch gute Werke uns das Wohlwollen Gottes erarbeiten. Aber man kann sich es nicht erarbeiten, dann ist es ein Verdienst, aber keine Gnade mehr. Und noch eines: Wir sollten selber gnädige Menschen werden. Unter uns Christen herrscht manchmal eine Atmosphäre des Argwohns und der Missgunst. Wir lauern immer gleich schon etwas negatives beim anderen. Ich bin mir bewusst, dass dahinter der Durcheinanderbringer steckt. Aber dennoch sollten wir uns vom Beispiel des großen Bruders warnen lassen. Der wollte nicht mitfeiern. Er konnte sich nicht freuen, weil er nicht gnädig war. Und der Vater kommt zu ihm und spricht mit ihm und erklärt ihm, warum er sich so freut – doch der große Bruder ist nur zornig. Wenn wir gnädig Menschen sind, dann sind wir bei denen, die mitfeiern und mittanzen, wenn Gott seine Gnade erwiesen hat, dann werden wir großzügig statt kleinlich, dann hören wir gerne zu und wir begegnen besonders den Menschen, die es eigentlich nicht verdient haben mit Wohlwollen. Vergangenen Montag habe ich eine gnädige Christin in Lüttich erlebt. Dort gibt es jeden Montag eine Armenspeisung. Um 14.00 Uhr öffnen sich die Pforten des Gemeindehauses von Lamber-le-bec und die Menschen mit ihren von Not gezeichneten Gesichtern strömen herein. Ziemlich hungrig. Aber die Vorsitzende gab jedem einzeln die Hand und begrüßte sie. Manche, die sie etwas kannte, umarmte und küsste. Und sie sagte: Kommt doch herein, hier ist es warm, hier könnt ihr euch satt essen. Sie hat es durchgesetzt, dass immer ein Pfarrer des Distriktes bei dieser Armenspeisung dabei ist. Er muss die Armen mit begrüßen und damit will sie ihnen ihre Wertschätzung ausdrücken. Nach einer Weile musste ich mit ihr ins Büro gehen. Dort konnte, die Armen einzeln mit ihr sprechen. Es kam zuletzt anderem ein gefährlich aussehender Mann mit kahl rasiertem Kopf herein, dem ich in der Dunkelheit nicht gerne begegnet wäre. Aber sie strich ihm über den Kopf und sagte liebevoll: "Mon pauvre garcon" Sie nahm sich Zeit, ihm zuzuhören. Der Mann erzählte von seiner Not, dass er in der französischen Armee gedient hätte. Dabei zeigte er uns eine Tätowierung mit einem Fallschirm. Als er in Afrika stationiert war, hätte er sich mit HiV infiziert. Er wurde schnell entlassen, dass die Armee, keine Rente bezahlen musste und so geriet er auf die Straße. Irgendwie musste er dringend nach Brüssel. Es ist das Prinzip in Lambert-le-Bec, dass man kein Geld gibt. Doch die Frau wollte ihm gerne helfen. So bat sie ihren Mann. Der sah sie ganz streng und fast ein wenig grimmig an. Mit dem Blick. Womit kommt sie denn jetzt schon wieder. Aber in ihrer lieben Art überzeugte sie ihren Gatten, dass man dem Mann doch das Ticket bezahlen müssen. Da ich ohnehin zum Bahnhof musste, sollte ich das Ticket kaufen. Wir fuhren dann zum Bahnhof und der Mann, der auf mich so einen gefährlichen Eindruck machte, erzählte auf der Rückfahrerbank, dass er auch an Gott glaube und dass er ein christliches Lied kenne. Und um es uns zu beweisen, begann er dieses Lied. Es hörte sich so an, als würde ein kleines Kind singen. Aber für mich war es ein Lobpreis der Gnade Gottes. Das kann Gnade bewirken. Amen. |
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