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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 24. August 1998
Der Bibelabschnitt, der dieser Predigt zugrunde liegt steht
in Epheser 2, 4-10.
Aber Gott, der reich ist an Erbarmen, hat uns seine große
Liebe zugewandt: Uns, die wir tot waren in unseren Sünden hat er mit Christus
zusammen lebendig gemacht. - Durch Gnade seid ihr errettet worden. Mit ihm
zusammen hat er uns auferweckt und mit im Himmel unseren Platz zugewiesen in
Christus Jesus. So wollte er in den kommenden Weltzeiten den überschwänglichen
Reichtum seiner Gnade erweisen –durch die Güte, die er uns in Christus Jesus
zugewandt hat. Ja, durch die Gnade ist euch das Heil zuteil geworden, durch den
Glauben nicht von euch aus – Gottes Geschenk ist es! Nicht aufgrund von
Leistungen – niemand soll sich rühmen! Denn wir sind sein Werk, geschaffen durch
Christus Jesus, um Gutes zu tun. Zu solchem Wandel hat Gott uns im voraus
tüchtig gemacht. Aber Gott, der reich ist an Erbarmen, hat uns seine große Liebe
zugewandt: Uns, die wir tot waren in unseren Sünden hat er mit Christus zusammen
lebendig gemacht.
Liebe Gemeinde,
sprechen Sie einmal innerlich in Gedanken diesen Satz nach: „Uns,
die wir tot waren in unseren Sünden“ .
Stoßen sie sich nicht daran? Denken sie nicht: Moment mal – ich bin doch noch
nie tot gewesen. Ich atme und bewege mich, ich esse und trinke, schlafe und
arbeite, ich rede und singe. Von tot kann keine Rede sein. Und was heißt schon „in
meinen Sünden“. Von denen spüre ich nichts, denn ich fühle mich ganz ok so
wie ich bin.
Ich glaube, es sind nur wenige unter uns, die früher einmal ein ganz wildes und
schlimmes Leben geführt haben und so diesen Satz aus ihrer Erfahrung
nachsprechen könnten. Und dennoch gilt dieser Satz uns: Uns, die wir tot
waren in unseren Sünden“ .
Überlegen wir darum einmal, was dieser Satz uns zu sagen hat.
Wer tot ist, der hat keine Rechte mehr. Ein Toter kann kein Haus und kein Geld
besitzen. Er hat keinen Platz mehr in der Gesellschaft der Lebendigen.
Wenn nun Gottes Urteil lautet: Du bist tot in deinen Sünden – dann heißt das:
Ich hab keinerlei Rechte in Gottes Reich. Ich kann von nichts Himmlischen
behaupten: Das gehört mir, denn als Toter habe ich kein Anrecht.
Und 2. – wer tot ist, kann nicht reden und hören. Er ist stumm wie ein Grab und
hat nichts mehr zu sagen.
Wenn nun Gottes Urteil lautet: Du bist tot in deinen Sünden, dann kann ich so
laut schreien, wie ich will, er hört mich nicht. Ich kann die großartigsten
Choräle und Loblieder in der Kirche vor mich hinschmettern – bin ich tot, dann
verhallt meine Stimme im stummen Totenreich.
3. Wer tot ist, der ist endgültig vom Bereich des Lebendigen
getrennt. Er kann am Leben nicht mehr teilnehmen. Für einen Toten sind die
Brücken zum Leben endgültig abgebrochen. Nichts und niemand in der Welt kann ihn
wieder lebendig machen.
Wenn nun Gottes Urteil lautet: du bist tot in deinen Sünden – dann heißt das:
Ich bin für Gott gestorben. Ich bin ein für allemal von ihm getrennt. Ich kann
mich anstrengen wie ich will, wir sind endgültig voneinander geschieden.
Ein Studienfreund erzählte mir einmal:
Als ich noch ein Kind war und etwas Schlimmes angestellt
hatte, da bekam ich von meinem Vater keine Strafe. Sondern er behandelte mich 14
Tage wie Luft. Er tat so als ob ich überhaupt nicht existierte. Er hörte nicht
auf mich und redete nicht mit mir. Das war für mich so furchtbar schlimm, ich
dachte dann immer, wenn er mich nur verprügeln würde, dass er doch endlich
wieder gut mit mir ist.
Liebe Gemeinde, dieses Kind war tot für seinen Vater und es
war für meinen Studienfreund die schlimmste Erfahrung seiner Kindheit.
Wenn viele Menschen auch ganz gut ohne Gott zurechtkommen – so ist ihre Lage
doch so trostlos und traurig wie die, dieses Kindes, weil sie abgeschnitten sind
vom Quell des Lebens und nur noch von Vorräten leben, die immer mehr zur Neige
gehen.
Tot sein, ist so trostlos, weil es keine Möglichkeit gibt aus eigener Kraft
wieder lebendig zu werden.
Und Gott? Gott könnte uns tot sein lassen – der Mensch ist ja selbst schuld,
dass er sich von Gott getrennt hat, dass er in sein Verderben gerannt ist. Gott
könnte sein Herz verschließen und es uns gegenüber hart machen. Aber so ist Gott
nicht, er trauert um jeden einzelnen Menschen, der tot in seinen Sünden ist.
Und er schenkt uns eine einzige Möglichkeit wieder zum Leben zu gelangen: Ich
zitiere den Epheserbrief:
Aber Gott, der reich ist an Erbarmen, hat uns seine große
Liebe zugewandt: Uns, die wir tot waren in unseren Sünden hat er mit Christus
zusammen lebendig gemacht. - Durch Gnade seid ihr errettet worden.
Durch Gnade seid ihr errettet worden – Was heißt das eigentlich? Gnade?
Von Gnade redet man, wenn eine hoch stehende Person sich aus
freien Stücken, herablässt und einem, der überhaupt kein Anrecht hat, etwas
gutes zukommen lässt.
Ein ganz einfaches Beispiel: Ein ärmlicher Mann steht an einer Einbuchtung am
Straßenrand und hält den Daumen hoch. Schnelle Autos flitzen an ihm vorbei.
Keiner hält an. Und die Autofahrer sind völlig im Recht. Denn der wildfremde
Tramper hat keinerlei Ansprüche von irgend jemanden mitgenommen zu werden. Hält
aber ein Fahrer an und sagt: „Sie können mit fahren und ich bringe sie nach
Hause, so ist dieser Fahrer gnädig. Und in früheren Zeiten hätte dann vielleicht
der Tramper geantwortet: Herzlichen Dank, gnädiger Herr.
Ich übertrage nun dieses Beispiel auf unseren Predigttext. Da vegetieren
Menschen, fern der Heimat im todgeweihten Land. Alles geht dort auf den Tod zu.
Viele von ihnen suchen den Weg zurück. Aber immer wieder stoßen sie auf
unüberwindliche Hindernisse. Es gibt nur eine Möglichkeit: Man stellt sich an
die Straße in Richtung ewiges Leben und wartet, ob vielleicht ein Auto anhält,
und einen mitnimmt. Doch keiner hält an, alle Autos fahren vorbei. Die Fahrer
wollen mit den Menschen im Totenreich nichts zu tun haben. Nun kommt aber Jesus
Christus, in mein Totenreich und er stellt sich neben mich an die Straße.
Aber bei ihm muss das Auto von der Marke Auferstehung anhalten und den
Lebensfürsten mitnehmen in das Reich Gottes zum ewigen Leben. Denn er ist
praktisch der Besitzer des Wagens. Das Auto hält und ich kann mit dem
Lebensfürsten einsteigen und in meine wahre Heimat zurückkommen.
Liebe und Erbarmen Gottes heißt: Gott überlässt mich nicht meinem Schicksal
im Reich des Todes, sondern schickt Jesus, dass er mich sucht in meiner
Verlorenheit und sich zu mir an die Straße stellt, die zum ewigen Leben führt.
Gnade heißt – ich habe genau sowenig Anrecht darauf, dass der Wagen Auferstehung
hält, wie ein Tramper, der am Straßenrand steht. Ein Tramper kann ja ein guter,
edler Mensch sein, er kann auch viel Geld besitzen. Aber Anrecht, darauf, dass
ein Auto hält, hat er nicht.
Auch kann ich mir nichts darauf einbilden, dass Jesus sich zu mir stellt. Es ist
seine Liebe zu mir und nicht, weil ich so ein toller Hecht bin.
Und Glaube nun heißt: Ich steige mit Jesus in den Wagen. Ich vertraue darauf,
dass er, auch wenn er mir im Land des Todes begegnet, mich zum Lande der
Lebendigen führen wird.
ich wiederhole V. 8 nach der Übersetzung Luthers:
Aus Gnade seid ihr selig geworden, durch Glauben, und das
nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.
Mein Beispiel hinkt ein wenig. Das Beispiel redet von einem Auto, das anhält und
einen mitnimmt und man einfach so hinüberbraust in das Land der Lebendigen. Die
Bibel redet nicht von einem Auto. Sie redet mehr von einem Weg, den man zusammen
mit dem Herrn Schritt für Schritt, Etappe für Etappe geht. Ein Weg, auf dem es
viel zu lernen gibt, viele Herausforderungen auf einen warten.
Herausforderungen, in denen es gilt, Farbe zu bekennen zu unserem Herrn. Und
Gutes zu tun, Liebe zu üben, andere einzuladen und mitzunehmen in das Land der
Lebendigen. All diese Aufgaben, die auf unserem Lebensweg für uns bereitliegen
sind nun aber nicht unsere Schöpfung, sondern sie sind so vorbereitet für uns,
dass wir darin wandeln sollen.
In diesem Sinn kann Paulus sagen: Denn wir sind sein Werk, geschaffen durch
Christus Jesus, um Gutes zu tun. Zu solchem Wandel hat Gott uns im voraus
tüchtig gemacht.
Gleich schreiten wir zu einer Taufe. Taufe heißt in unserem Bild gesprochen –
Gott macht die Tür zum Auto der Marke Auferstehung auf. Taufe heißt für uns –
ich steige mit Jesus Christus in dieses Auto ein, weil ich ihm vertraue.
Ein Erwachsener kann diesen Schritt bewusst tun. Das ist ganz schön für ihn. Ein
Kind dagegen wird von seinen Eltern und Paten praktisch in das Auto gesetzt. Sie
haben die Aufgabe, dem Kind zu helfen, auf Jesus zu vertrauen und den Weg mit
Jesus zu gehen. Dem Kind von der Hoffnung zu erzählen, dass es Gottes ewiges
Reich des Lebens gibt und dass es Jesus vertrauen darf, der es behütet und
heraus führt aus dem Reich des Todes, in sein ewiges Reich der Freude und Liebe.
Amen
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