Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

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Die Standbeine der Freiheit                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 29. Oktober 2006 zum Reformationsfest

Predigttext: Galater 5, 1-6

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.
3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.
4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen.
5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss.
6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Liebe Gemeinde, liebe Zuhörer,

das alte Volk Israel hatte hart zu schuften in Ägypten. Hinter ihnen standen die Sklaventreiber mit der Peitsche und trieben sie an. Es gab kaum freie Zeit, keine Feste, keine Feiern und selbst die Familienplanung wollte die ägyptische Regierung übernehmen. Unter dieser Not schrieen die Israeliten zu ihrem Gott: "Befreie uns!". Gott schickte ihnen Mose, einen glaubensstarken Mann, der sie vor der ägyptischen Regierung vertrat und ihre Freilassung forderte. Nach kleineren und größeren Katastrophen im Land gab die ägyptische Regierung schließlich nach. Das Volk durfte ziehen. Ein weiteres Wunder geschah, als Gott den Weg durch das rote Meer bahnte und die ägyptische Armee abgehängt wurde. Am anderen Ufer angekommen waren sie frei. Aus Freude über die Freiheit feierten sie ein Fest, sangen und tanzten. Keine Sklaventreiber mehr, keine Leute mehr die alles regelten.

Doch nach einer gewissen Zeit merkte man, dass ein Leben in Freiheit Eigeninitiative verlangte, die Kraft durchzuhalten, sein Leben in die Hand zu nehmen.

Freiheit forderte eine gewisse Standfestigkeit.

Und so tat diese kostbare und wunderbare Freiheit nicht allen gut. Sie nutzen die Freiheit zur Rebellion gegen Gott und einige wollten allen Ernstes wieder zurück ins alte Ägypten. Zurück in die Sklaverei. Die Sklaverei mit ihren scheinbaren Fleischtöpfen schien ihnen plötzlich bequemer und angenehmer als die große Freiheit.

"Zur Freiheit hat Christus euch befreit, lasst euch nicht wieder in das alte Joch der Sklaverei einspannen!"

Auf der unsichtbaren Ebene in der geistlichen Welt sind wir Christen ähnlich wie das Volk Israel aus einem Sklavendasein befreit worden.

Nach biblischem Verständnis gab der Mensch seine Freiheit und Würde auf nachdem er auf den schlechten Rat Satans gehört hatte.

Der Widersacher Gottes redete ihm ein, dass man Gott nicht so recht trauen kann. Er gaukelte ihm vor, dass man außerhalb des von Gott abgesteckten Rahmens größere Vollkommenheit findet, dass man dort klug wird, ja, dass man wie Gott selbst sein kann.

Der natürliche Mensch glaubte dieser Verführung und tut es noch bis heute.

Und bis heute begibt sich der Mensch damit in die Abhängigkeit des Widersachers. Nun hört er ständig auf seine Einflüsterungen. Sie stiften ihn an zu Neid, Unzufriedenheit, Streit, Aberglauben und Abgötterei, Gesetzlosigkeit, Ichsucht, Geltungsdrang. Das Ergebnis dessen ist die Zerstörung des Menschen an Leib, Seele und Geist. Das Ende all dieser Auflehnung ist der Tod, ewige Gefangenschaft in den eigenen Begierden, ein ewiger Durst, der nicht gestillt wird.

Doch Gott wollte nicht, dass die Menschen die Ewigkeit in diesem Gefängnis verbringen. Und er startete eine Rettungsaktion, indem er selbst in Jesus Christus Mensch wurde.

Gott selbst kam in dieses Sklavendasein. Es heißt: Er nahm Knechtsgestalt an. Das heißt, er wurde selber Sklave, er lebte unter den selben Bedingungen wie wir, mitten unter rebellischen, ichbezogenen und Macht besessenen Menschen. Er lebte also unter Menschen und unter den Einflüssen, die ihm immer und immer wieder nahe legten, Gott zu verleugnen und das Angebot der Sünde anzunehmen. Doch er widerstand.

Durch seinen Widerstand bekam er die rechtliche Handhabe uns freizukaufen. Er ließ sich binden, damit wir frei sind, er erlitt einen grausamen Tod damit wir verschont werden. Ihn quälte der Durst und die Gottesferne eines jeden Sünders, damit wir das Wasser der Freiheit schmecken dürfen. All das tat er, um den Sklavenhaltern Sünde, Tod und Teufel zu sagen: Hier hast du mich, gib mir bitte die Menschen frei, die sich an mich halten.

Jeder, der sich mit ihm verbündet, kann ihm seine Sünde, sein Versagen, seine Jämmerlichkeit, seine Probleme, seine Zwänge geben und er gibt ihm dafür die Erlösung, die Freiheit, die Kindschaft Gottes, das Leben und den Heiligen Geist.

Unsere Freiheit von Sünde, Tod und Teufel hat Gott sehr viel gekostet. Sein einziges und wertvollstes. Seinen eigenen Sohn.

Martin Luther drückt die frohe Botschaft, das Evangelium von der Befreiung wunderschön in seinem kleinen Katechismus aus:

Jesus Christus hat mich "verdammten Menschen erlöset, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit; […] Das ist gewisslich wahr."

Diese Freiheit hat Jesus für uns erworben.

Doch ebenso, wie die Israeliten nach einer gewissen Wüstenzeit Probleme mit der Freiheit bekommen hatten, ebenfalls stehen immer wieder wir Christen in der Gefahr in alte Abhängigkeiten zurückzufallen.

Bei den Christen in Galatien traten plötzlich Leute auf, die sagten: Das, was Jesus getan hat ist schön und gut, aber ihr Christen müsst erst die jüdischen Gesetze befolgen, ihr müsst euch beschneiden lassen, ihr müsst bestimmte Speisegebote einhalten, erst dann gehört ihr so richtig zum Reich Gottes.

Diese Ansicht machte Paulus zornig. Es setzt nämlich voraus, dass das, was Jesus getan hat, nicht genug ist, dass man selber etwas leisten muss, um sich den Himmel zu verdienen. Und damit gerät ein Mensch automatisch wieder in die alte Tretmühle von Selbsterlösungsversuchen. Für Paulus ist dies ein Rückschritt in die alte Gefangenschaft. Wenn man Christus nicht glaubt, dass er uns erlöst, dann glaube ich automatisch dem alten Sklaventreiber. Er wird immer behaupten: Du bist nicht gut genug für Gott, du gehörst mir.

Das schlimme daran ist, dass dann die Erlösung und die Gnade tatsächlich nicht mehr greifen.

Darum die ernste Warnung von Paulus: "Bleibt fest in der Freiheit."

Auch heute ist diese Freiheit der Christen umkämpft. Zwar behauptet keiner mehr, man müsste sich beschneiden lassen, um richtiger Christ zu sein, doch immer wieder höre ich, wie Christen einander das Heil absprechen, weil sie diese oder jene Tradition nicht beachten. Immer wieder kommt es in der Kirche vor, dass die Gnade Gottes links liegen gelassen wird und irgendwelche andere Dinge bekommen Vorrang.

"Bleibt fest in der Freiheit."

Vielleicht fragt sich nun der ein oder andere: Aber wie kann ich meine Freiheit verteidigen?

Christliche Freiheit hat drei Standbeine. Diese Standbeine helfen uns festzustehen, sie nicht wieder aufzugeben. .

Das erste Standbein christlicher Freiheit ist der Glaube.

Glaube heißt: Ich muss darauf vertrauen, dass Jesus diese Befreiung an mir vollbracht hat. Traue ich Jesus zu, dass er mich erlöst hat?

Glaube heißt auch: Traue ich ihm zu, dass er meine Mitchristen, meine Schwestern und Brüder, erlöst, oder habe ich für mich und für die Glaubensgeschwister sie noch ein religiöses Sonderprogramm das sie in den Heilsstand mit Gott versetzt?

Nur im Glauben an die Gnade Jesu, stehe ich in der Freiheit.

"Steht fest in der Freiheit".

Das zweite Standbein christlicher Freiheit ist die Hoffnung. "Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss."

Jeder der die kirchliche Realität kennt, der weiß, dass wir Christen noch nicht zur vollen Erlösung durchgedrungen sind. Jeder von uns trägt noch die Spuren und die Lasten der alten Sklaverei unter der Sünde mit sich. Das kann niemand bestreiten. Aber dieser Zustand ist nur vorübergehend. Er ist noch eine Art Wüstenzeit. Das verheißene Land, das sichtbare Reich Gottes liegt noch vor uns.

Das Ziel wird die volle Erlösung an Leib, Seele und Geist sein. Diese Hoffnung haben wir vor Augen. Jesus hat das gute Werk angefangen und er wird es zur Vollendung bringen. Es wird der Tag kommen, dass alle, die unter der Gnade Gottes geblieben sind, vollkommen, heilig und untadelig sein werden.

Wer nicht in die Sklaverei von Götzendienst oder Werkgerechtigkeit zurückfallen will, der hält sich dies immer wieder diese Hoffnung vor Augen.

"Stehet fest in der Freiheit!"

Und das dritte Standbein christlicher Freiheit ist die Liebe.

"Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist," schreibt Paulus in Vers 6.

Befreite können ihre Kraft für die Liebe einsetzen. Sie müssen nun nicht mehr um Anerkennung kämpfen, ängstlich um ihre Privilegien streiten, sie sehen in den anderen keinen Abel mehr, der es scheinbar besser hat. Befreite können sich in der Liebe des himmlischen Vaters sonnen und diese Liebe dann weitergeben. Sie können plötzlich wie Jesus selber zu Dienern werden und anderen helfen. Sie können mit die rechten Hand hinhalten und helfen, ohne dass die linke einkassieren will und fragt: Was kriege ich nun dafür.

Diese Liebe lässt sich nicht kaufen oder vereinnahmen, denn sie geschieht aus freien Stücken, aus Dankbarkeit für die Befreiung, aus Liebe zu Gott und dessen Geschöpfen.

Wenn die Liebe dagegen erkaltet, droht ganz besonders die Gefahr wieder in die alte Werkgerechtigkeit zu verfallen. Das hat man bei vielen Aufbrüchen in der Kirchengeschichte immer wieder gesehen. Wenn die Liebe zu Gott und zwischen den Christen erkaltet, dann halten Gesetze, Stolz und Streiterei Einzug.

Ich möchte schließen mit einem jüngeren Märtyrerbericht, der mich sehr beeindruckt hat. Es handelt sich um zwei chinesische Christinnen, die in der Rote-Garde Ära zwischen 1966 und 69 umgekommen sind. An ihnen wird deutlich, wie frei ein Christ sein kann, auch wenn er gebunden ist. Und wie gerade Glauben, Hoffnung und Liebe die Standbeine dieser Freiheit sind.

Die beiden gläubigen Mädchen warteten im chinesischen Gefängnishof auf die angekündigte Hinrichtung. Ein Mitgefangener, der die Szene von seiner Gefängniszelle aus beobachtete, beschrieb ihre Gesichter als blass, aber unglaublich schön; unendlich traurig, aber sanft. Menschlich gesprochen hatten sie Angst. Aber Chui-Chin Hsiu und Ho Hsiu Tzu hatten beschlossen den Tod zu erleiden, um ihren Glauben nicht aufzugeben.

Flankiert von bewaffneten Wärtern kam der Scharfrichter mit einer Pistole in der Hand herbei. Es war ihr eigener Pastor! Er war dazu verurteilt worden, gemeinsam mit den beiden Mädchen zu sterben. Doch wie bei so vielen anderen Gelegenheiten in der Kirchengeschichte hatten die Verfolger ihn gebrochen und in Versuchung geführt. Sie versprachen ihm die Freilassung, wenn er die Mädchen erschießen würde. Schließlich erklärte er sich bereit dazu. Die Mädchen flüsterten miteinander, dann verbeugten sie sich respektvoll vor ihrem Pastor. Eine von ihnen sagte: Bevor sie uns erschießen, möchten wir Ihnen herzlich für das danken, was Sie uns bedeutet haben. Sie haben uns getauft, Sie haben uns den Weg zum ewigen Leben gezeigt. Sie haben uns die heilige Kommunion gegeben mit derselben Hand, in der Sie nun die Pistole halten. Sie haben uns auch beigebracht, dass Christen manchmal schwach sind und schreckliche Sünden begehen, aber dass sie trotzdem Vergebung erlangen können. Wenn Sie bedauern, was Sie uns antun werden, verzweifeln Sie nicht wie Judas, sondern bereuen Sie wie Petrus. Gott segne Sie, und denken Sie daran, dass wir Sie nicht verachten. Jeder geht durch Stunden der Dunkelheit. Möge Gott Sie für all das Gute belohnen, das Sie uns getan haben. Wir sterben mit einem dankbaren Herzen."

Sie verneigten sich erneut. Das Herz des Pastors wurde verhärtet und er erschoss die Mädchen.

Liebe Gemeinde, liebe Zuhörer. Spüren Sie die innere Freiheit dieser beiden Mädchen. Keine Fesseln, keine Angst, kein Hass, keine Bitterkeit konnte sie binden. Denn ihre Freiheit ruhte auf den drei Standbeinen: Glaube an die Erlösung, Hoffnung auf das Reich Jesu und Liebe zu den Mitmenschen.

Wer in dieser Freiheit lebt und bleibt, ist wirklich frei für immer.

Amen. 

 

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Stand: 04. Juni 2010