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Die Prüfung des Abrahams                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 20. März 1999

Liebe Gemeinde,

der Abschnitt, der dieser Predigt zugrunde liegt, steht in 1. Mose 22, 1-13. Ich lese jeweils einzelne Verse und gebe gleich einige Erklärungen dazu.

V. 1:
Nach dieser Zeit stellte Gott Abraham auf die Probe.

Kaum ein Mensch mag schwere Prüfungen. Denn es steht viel auf dem Spiel. Es kann sein, dass man versagt und eine lange Zeit des Lernens und Studierens völlig umsonst war. Es kann sein, dass man sein erwünschtes Ziel nicht erreicht und irgendwo weit hinter dem zurück bleibt, was man erreichen wollte. Darum ist es sehr schwer sich vorzustellen, dass Gott solch ein strenger Prüfer ist. Ein Kontrolleur, der mit ernstem und unbeweglichem Gesicht abfragt, ob die gelernten Lektionen auch wirklich sitzen.

Abraham hatte viel auf seinem Weg mit Gott gelernt. Er hatte gelernt, dass er Gott voll und ganz vertrauen kann. Von dem Augenblick an, da er sich auf Gott eingelassen hatte, geriet Bewegung in sein bisher beschauliches Leben: Andere Männer begehrten seine Frau Sara, Hungersnot, politische Verfolgung, Familienstreitigkeiten, Kriege drohten diesen kleinen unbedeutenden Viehhirten zu zermalmen. Doch gleichzeitig erlebte Abraham, wie er in all diesem Chaos behütet wurde. Und mehr noch: Nach jeder überstandenen Schwierigkeit war sein Reichtum und sein Ansehen gewachsen.

Und das wundervollste: Der zuvor unbekannte und fremde Gott, redete immer deutlicher. Es scheint, als wäre die große Distanz zwischen Gott und Mensch bei Abraham überwunden. Es entwickelte sich eine Freundschaft und es war, als gingen die beiden durch dick und dünn.

Dies kann man z.B. aus folgenden Worten heraushören.

Und Gott sprach zu ihm: „Abraham!“ Und er antwortete: „Hier bin ich!“

Ich rede mal mit den Worten einer Ehefrau: Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ihr Mann sitzt vor dem Bildschirm und ist mit etwas beschäftigt, das ihm große Freude macht. Ein Meisterschaftsfußballspiel, ein Autorennen oder irgend so etwas ähnliches wird übertragen. Und sie rufen ihn bei seinem Namen. „Karlchen“. Und nun frage ich: Beendet er dann sofort seine Beschäftigung, läuft er rasch zu Ihnen und sagt: Hier bin ich meine Liebe, wie schön, dass du etwas mit mir bereden willst – oder soll ich etwas für dich tun? – Ist ihr Mann so liebevoll?

Oder liebe Schwestern im Herrn sieht es in der Regel eher so aus: Die Frau bekommt beim ersten Rufen keine Antwort – Höchstens: „Einen kleinen Augenblick, Schätzchen, ich kann gerade nicht!“ Manchmal: „Was ist denn nun schon wieder, kann ich denn keine fünf Minuten meine Ruhe haben!“

Merken Sie, welch liebevolles Verhältnis zwischen Gott und Abraham besteht? Ja, Abraham hat viel gelernt in seinem Leben. Er hat gelernt Gott zu vertrauen, sein Wort wahrzunehmen. Und er hat Gott immer lieber gewonnen. Lieber als alles andere in der Welt.

Und nun stellt Gott durch seine Prüfung alles in Frage: Abraham, ist dein Glaube durch und durch echt? Vertraust du mir voll und ganz? Hast du mich wirklich lieb? Lieber als alles andere in der Welt? Gott stellt die Probe aufs Exempel.

Hören Sie weiter, was Gott spricht.

"Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast und geh in das Land Morija. Dort zeige ich dir einen Berg. Auf ihm sollst du deinen Sohn Isaak töten und als Opfer für mich verbrennen."

Schaudert es Sie auch, bei diesen Worten? Am liebsten würde ich diesen harten Befehl aus der Bibel streichen. Er passt überhaupt nicht in mein Bild vom lieben Gott. Gott müsste es doch wissen, wie Abraham reagiert. Kann dieser gnadenlose Prüfer denn so etwas schreckliches verlangen? Kann er denn alles aufs Spiel setzen?

Schließlich ist doch Isaak mehr als das innig geliebte Wunschkind und mehr als eine Altersversorgung. Isaak ist das Kind, das Gott Sara und Abraham lange, lange versprochen hatte. Isaak ist doch die Garantie dafür, dass Gottes Versprechen und Zusagen sich erfüllen. Das Versprechen, dass Abrahams Nachkommen, zahlreich wie die Sterne am Himmel, das schöne Land Kanaan erben werden. Und wird Abraham nach dem Opfer diesen Gott überhaupt noch lieben können? Endet dieser Opfergang nicht eher in Angst und Feindschaft gegen Gott?

Liebe Gemeinde – Gott ist und bleibt unbegreiflich und unerforschlich. Er ist höher als all unsere Vernunft. Ich kann ihnen nicht vernünftig erklären, warum Gott so ist. Ich weiß nur von zwei Gefahren, die lauern, wenn wir dieser dunklen Seite Gottes begegnen:

Die eine Gefahr:

wir verzweifeln an diesem Gott und laufen vor ihm weg, lassen ihn einen guten Mann sein, oder fürchten uns vor ihm.

oder die andere Gefahr:

wir basteln uns einen eigenen Gott der Vernunft zurecht und überlassen die Seite des finsteren Prüfers dem Teufel.

Aber achten wir einmal, wie Abraham mit seinem Gott umgeht. Hören wir weiter.

Da stand Abraham früh am Morgen auf und belud seinen Esel, und nahm mit sich zwei seiner Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz für das Opferfeuer. Gemeinsam zogen sie los zu dem Berg, den Gott Abraham genannt hatte. Nach drei Tagesreisen war er in der Ferne zu sehen.

Unglaublich. Abraham gehorcht unverzüglich. Er schiebt den Auftrag nicht auf. So in dem Sinne: „Nur nichts überstürzen, ich muss ja nicht gleich schon am frühen Morgen los.“

Und dann, hören sich die Worte fast so an, als würde Abraham recht zuversichtlich ans Werk gehen. Man könnte meinen, dass Abraham einen schönen Abenteuerausflug mit seinem Sohn unternehmen will: In aller Frühe wird morgens alles schön vorbereitet – der Esel wird mit Proviant bepackt, zwei Angestellte dürfen noch mit. Nur ganz zuletzt spaltet Abraham noch Holz.

Und dann sind sie drei Tage unterwegs. Wie schrecklich müssen diese drei Tage für Abraham gewesen sein. Da, dieser kleine Junge, der voller Lebensfreude und Begeisterung steckt. Ihm gehört Abrahams ganze Liebe. Und auf der anderen Seite dieser unbegreifliche Auftrag Gottes. Ich lese weiter:

Da sagte Abraham seinen beiden Knechten: “Ihr bleibt hier und passt auf die Esel auf! – der Junge und ich gehen auf den Berg, um Gott anzubeten; wir sind bald zurück.“

„Wir sind bald zurück“ – Wir? - Lügt Abraham hier? – Er weiß doch ganz genau, dass er nach seinem Opfergang alleine zurückkommt.

Ich glaube er lügt nicht, ich glaube eher: Abraham vertraut fest auf Gottes früheres Versprechen, dass sein Sohn Isaak sein Erbe weiter tragen wird. Wie Gott sein Versprechen erfüllen wird, das überlässt er ihm. Abraham legte das Holz auf Isaaks Schultern, er selbst nahm das Messer und eine Schale, in der Holzstücke glühten. Gemeinsam bestiegen sie den Berg.

Da fragte Isaak: „Mein Vater“ – Abraham antwortete: „Hier bin ich“

Merken Sie , Abraham antwortet Isaak genauso liebevoll, wie er Gott geantwortet hatte mit: "Hier bin ich". Isaak weiter:

„Siehe hier ist Feuer und Holz – aber wo ist das Lamm für das Opfer? Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Opfer!“

Auch aus diesen Worten spricht Abrahams festes Vertrauen, dass Gott alles richtig machen wird.

Als sie die Stelle erreichten, die Gott angegeben hatte, errichtete Abraham aus Steinen einen Altar und schichtete das Brandholz auf. Er fesselte Isaak und legte ihn oben auf den Holzstoß. Dann griff er nach dem Messer, um seinen Sohn zu töten. „Abraham, Abraham!“ rief da der Engel des Herrn vom Himmel. Und Abraham antwortet: „Hier bin ich“ Er sprach: „Leg das Messer beiseite, und tu dem Jungen nichts! Jetzt weiß ich, dass du Gott gehorsam bist – du bist sogar bereit, deinen geliebten Sohn für mich zu opfern. Plötzlich entdeckte Abraham einen Schafbock, der sich mit den Hörnern im Dickicht verfangen hatte. Er tötete das Tier und opferte es anstelle seines Sohnes auf dem Altar.

Abraham hat gewonnen – die Prüfung ist bestanden. Er ist weder vor diesem dunklen Gott davongelaufen, noch hat er sich einen eigenen Gott zurechtgebastelt. Vielmehr hat er die dunkle Seite Gottes so gelassen, wie sie ist, hat aber unverdrossen an Gottes Versprechen festgehalten, dass mit Isaak seine Linie weiterleben wird.

So möchte Gott, dass wir glauben. Er möchte, dass wir entgegen allem, was auf uns einstürmt, entgegen der Wirklichkeit seiner Majestät an Gottes ewiger Freundschaft und Liebe festhalten.

Bleibt aber nicht dennoch die Angst vor dieser schweren Prüfung zurück? Die Angst, Gott könnte von uns etwas ähnliches fordern? Die Angst, vor diesem strengen und unerbittlichen Gott, der nicht mein Freund ist, sondern mein Feind. Die Furcht, Gott könnte mich nicht mehr lieb haben. Wenn uns diese Angst überfällt, dann sollten wir die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel lesen.

Da ist ein Mensch von Gott weggelaufen, weil er sich vor ihm fürchtet, weil er in Streit mit ihm geraten ist. Beim Weglaufen hat er sich völlig in Schuld, Streit, Ichsucht verstrickt und er gleicht einem bockigen, weggelaufenen Hammel, der sich irgendwo in einem Dornengestrüpp verfangen hat, und der nichts besseres verdient hat, als in Schutt und Asche gelegt zu werden. Er schreit in seiner Not um Hilfe.
Und Gott antwortet: Hier bin ich! Der Mensch schreit: Lass mich in Ruhe, du willst doch nur mein Verderben. Ich kann dir nicht vertrauen, denn du hast mich ja gar nicht lieb. Du kannst mich ja gar nicht lieb haben. Da nimmt Gott, das allerliebste, was er hat. Seinen einzigen und geliebten Sohn und schickt ihn in das Land Morija – Morija ist die Gegend um Jerusalem. Dort wird diesem geliebten Kind Gottes ein schweres Opferholz auf den Rücken gebunden. Und oben auf dem Hügel Golgatha angekommen, wird er an das Holz genagelt. Und dort verschmachtet er – und erleidet den Tod der völligen Einsamkeit und Gottesferne, den der entlaufene Mensch verdient hatte.

Mensch, willst du Gott prüfen, ob er dich lieb hat – auch in deinen dunkelsten Stunden? Dann schau auf Jesus. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010