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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 6. Juni 1999
Liebe Gemeinde
Der Abschnitt, der der heutigen Auslegung zugrunde liegt,
steht in Johannes 5, 39-47.
Jesus spricht:
Ihr durchforscht die Schriften und wähnt in ihnen das
ewige Leben zu haben. Und in der Tat: Sie legen Zeugnis über mich ab! Und doch
wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben! Ehre von Menschen nehme
ich nicht in Anspruch. Vielmehr habe ich an euch bemerkt, dass ihr die Liebe
Gottes nicht in euch habt. Ich bin im Namen meines Vaters zu euch gekommen, und
ihr nehmt mich nicht auf. Käme irgendein anderer in seinem eigenen Namen, so
würdet ihr den mit offenen Armen aufnehmen. Wie könnt ihr zum Glauben kommen,
wenn ihr voneinander Ehre annehmt, statt nach der Ehre zu suchen, die allein von
Gott kommt? Meint nicht, ich würde euch bei dem Vater verklagen! Der euch dort
verklagt, ist längst vorhanden: Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt.
Denn wenn ihr Mose glaubtet, würdet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er
geschrieben. Wenn ihr aber schon seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr
dann meinen Worten glauben.
Liebe Gemeinde
Zum Leben brauchen wir Nahrung. Wir brauchen gute, gesunde
und ausgewogene Speise. Vergiftete, verseuchte oder ungesunde Lebensmittel
machen uns schwach, matt und krank. Ja, sie können uns töten. Und die
Nachrichten über neue Lebensmittelskandale machen Angst. Was kann man noch
essen, was ist noch gesund und ungiftig? Das schlimme ist: Einem Ei sieht man
nicht an, ob es Gift enthält, an einem Brot erkennt man nicht die
genmanipulierten Ährenkörner und an einem Braten riecht man kein BSE. Wir sind
auf Gedeih und Verderb auf die Redlichkeit der Bauern, Händler und
Lebensmittelkontrolleure angewiesen.
Nun, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er hat nicht nur Hunger nach einem
guten Essen, sondern er hungert auch nach geistlicher Speise. Er braucht ein
unsichtbares Brot. Worte von Gott, Weisung für sein Leben, eine Adresse für
seine Gebete, eine Sühne für sein Versagen, die gültige Wahrheit, auf die er
sein Leben bauen kann. Und ebenso wie bei der materiellen Nahrung kann, auch die
geistliche Kost ungesund oder vergiftet sein. Und genauso wie ein verseuchtes Ei
mich krank macht, kann auch ein verlogenes Wort eines falschen Propheten mich
ins Verderben stürzen.
Doch wer garantiert, dass die auf dem religiösen Markt angebotenen Waren nicht
auch vergiftet sind? Wie sehe ich es einem Prediger an, dass er mir die Wahrheit
sagt?
Das fragten sich die Zeitgenossen von Jesus, als sie seine Predigten hörten. Sie
fragten: Bist du eigentlich echt Jesus? Oder sind deine Worte tödliches Gift für
uns. Können wir Dir und deinen Worten trauen?
Und Jesus antwortet ihnen: Ihr durchforscht die Schriften und meint darin,
das ewige Leben zu haben. Und in der Tat: Sie legen Zeugnis über mich ab! Und
doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben!
In dieser Antwort steckt zuerst einmal ein Lob. Ja, ihr macht es richtig. Ihr
sucht in der Heiligen Schrift. Ihr seid auf der richtigen Fährte. Die heilige
Schrift enthält Worte des ewigen Lebens. Wohl dem, der dort darin das Leben
sucht.
Doch es steckt auch ein Tadel in Jesu Antwort: Ihr verwechselt den Brotkorb mit
dem Brot. Lesen der Schrift allein, ist noch nicht das Leben.
Und wir? Wie lesen wir die Bibel? Denken wir, wenn wir darin lesen, dass Gott
uns deshalb das ewige Leben schenkt?
Doch ohne die Begegnung mit Jesus kann uns die Bibel das gesunde Brot, das
unseren Lebenshunger stillt, nicht bieten. Darum sollten wir immer wieder bevor
wir die Bibel aufschlagen bitten: „Begegne mir Herr in deinem Wort! Sprich du
mit mir und stärke meinen Glauben.“ So können wir wieder auftanken. Denn Jesus
ist das Leben.
Für uns klingen solche Worte erbaulich. Doch stellen sie sich vor, Jesus wäre
Ihnen völlig fremd.
Dann würden wir rebellieren: Wie kann denn ein Mensch behaupten, dass er allein
derjenige ist, der unseren Lebenshunger stillen kann und zwar so, dass wir
wirklich satt sind, dass wir nicht daran krank werden, dass wir den Genuss nicht
mit unserem Leben bezahlen müssen. Das ist Größenwahnsinn. Das ist Hochmut. Was
bildet der sich denn ein?
Und bevor Jesu Zuhörer etwas einwenden können, erklärt Jesus, inwiefern er das
Leben bringt. Er sagt in V. 41:
„Ehre von Menschen nehme ich nicht in Anspruch!“
Damit meint er: „Ich bilde mir nichts ein. Ich bin kein
Wichtigtuer, einer der Anhänger und Fans braucht, um seine seelischen Hemmungen
und Ängste zu übertünchen. Es geht mir nicht darum, mich selbst groß zumachen,
sondern mir ist das aller Wichtigste meines Vaters Willen zu erfüllen. Völlig im
Einklang mit ihm zu leben. „In meines Vaters Namen bin ich zu euch gekommen.“
(V. 43)
Und darum kann ich das Leben geben, weil meine Worte nicht vergiftet sind durch
die Sünde und menschliche Selbstherrlichkeit.
Und damit dreht Jesus den Spieß um und sagt seinen Hörern. „Ich mache mich nicht
wichtig. Ihr macht euch wichtig.“ „Ihr nehmt doch Ehre voneinander.“
Wie meint er das? Ich empfinde das bei öffentlichen Empfängen, wie wohl das tut,
wenn man begrüßt wird. Wenn beispielsweise der Bürgermeister sagt: „Ich freue
mich besonders, den Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde unter unseren
Ehrengästen begrüßen zu dürfen.“ Dann spürt man von allen Seiten freundliche,
neugierige und anerkennende Blicke. Eine bescheidene Röte steigt in mein
Gesicht, man lächelt freundlich. Doch die Worte tun bis ins innerste wohl. Man
spürt, man ist wer. Man fühlt sich geachtet und geehrt. Und ist bereit dem
freundlichen Redner ebenso Ehre zukommen zu lassen. Klar, solch offensichtliche
Lobhudelei kann man durchschauen.
Doch gefährlicher wird es bei einer versteckten Ehrabschneiderei. Wenn es mir so
wichtig ist, was die anderen von mir denken? Wie sie mich ehren und achten und
grüßen, dass sie mein Äußeres bewundern sollen. Und dann meine Leistungen in der
Gemeinde, meinen Einsatz für andere, meine Selbstlosigkeit.
Am gefährlichsten, wenn wir religiöse Ehre voneinander nehmen und Menschen
anbeten. Wehe uns, wenn wir Starprediger bewundern, und ihre Worte als
Evangelium nehmen. Weil ihre Worte unseren Ohren schmeicheln. Vorsicht bei
solchen Predigern. Sie umwerben uns, sagen uns das, was wir gerne hören möchten.
Aber die unangenehmen Wahrheiten verschweigen sie uns. Und die halbe Wahrheit
ist eine ganze Lüge. So vergiften sie die Atmosphäre in Gemeinden. Man ist
unzufrieden mit dem Pfarrer zu Hause und man zieht von Kongress zu Kongress um
seine Lieblinge zu hören. Man merkt dabei gar nicht wie leer zuhause die Kirche
wird und eine ungute Stimmung entsteht.
Ein Prediger, bei dem die Leute ärgerlich hinausgehen, sich angegriffen und
ertappt fühlen, ist besser, als einer, bei dem alle nicken.
Vorsicht bei allen Predigern. Auch bei mir. Schnell lässt man Unangenehmes weg,
um niemanden auf die Füße zu treten. Sehr schnell geht es um den eigenen Namen,
um den eigenen Ruf, um den Beifall um eine volle Kirche und nicht mehr um
Gottes Ehre.
Und wenn Gottes Ehre geschmälert wird, dann werden die Worte zu Gift.
Nur gut, dass Jesus das Leben ist und nicht die Worte von Predigern.
Nun, aber wie können wir prüfen, dass Jesus kein Ehrabschneider ist?
Ein Maßstab liegt in der Bibel:
Das Gesetz.
Einer der Kernsätze des mosaischen Gesetzes sagt:
„Höre Israel: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Ihr sollt ihn von ganzem
Herzen lieben, mit ganzer Hingabe, mit all eurer Kraft.“
Wer kann das?
Gott lieb haben – von ganzen Herzen, über alle Dinge.
Gott lieb haben mit der ganzen Hingabe – alles, was ich mein eigen nenne, soll
ihm gehören.
Gott lieb haben mit ganzer Kraft. Alle meine Anstrengungen sollen nicht für mein
Wohlleben sein, sondern für Gott.
Wer ehrlich ist, wird von diesem Gesetz überführt und angeklagt: Mose steht als
Kläger da und ruft: „Ich klage gegen dich: Du hast diese geforderte Liebe zu
Gott nicht in dir, also hast du kein Anrecht auf das Leben, das in diesen
Gesetzen versprochen wird.
Aber dann tritt Jesus neben Mose.
Jesus hat dieses Gebot erfüllt.
Früher war es mir immer ein Rätsel, warum Jesus allen Leuten verbot, die Wunder
weiterzuerzählen.
Ganz einfach, er wollte sich nicht damit wichtig tun. Und als ihn die Menschen
zu ihrem König machen wollten, floh er, denn er wollte nicht die Ehre von den
Menschen.
Und selbst als der Weg und Auftrag des himmlischen Vaters ihn in die Schande,
in den Spott in die Schmerzen führte. Er nahm es auf sich, dass alle ihn
auslachten. Der Vater und des Vaters Liebe zu den Menschen war ihm wesentlich.
Ja, Jesus liebt den Vater von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all seinem
Verstand.
Darum ist er der einzige, der das im Gesetz verheißene Leben empfangen darf.
Er behält es nicht für sich, sondern schenkt es dir und mir.
Und darum ist er das echte und unverdorbene Lebensbrot.
Lasst uns ihn nicht abweisen, sondern ihm unser Leben anvertrauen.
Dann werden wir in unserer vergifteten Welt nicht sterben, sondern leben.
Amen.
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