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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 19. September 1999
Liebe Gemeinde
Der Predigtabschnitt steht in Klagelieder 3,22-26.
Es ist die Güte des Herrn, dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu
und deine Treue ist groß.
Der Herr ist mein Erbteil, spricht meine Seele,
darum will ich auf ihn hoffen.
Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt
und dem Menschen, der ihn sucht.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen.
Liebe Gemeinde
„Es ist die Güte des Herrn, dass wir nicht gar aus sind.“
Dieses Wort ist so leicht gesagt. Aber dies Wort schreibt ein junger Mann –
nennen wir ihn Jeremia - , mit dem das Schicksal wirklich übel mitgespielt hat.
Hören wir einmal, wie es ihm ergangen ist. Ich lese einmal die vorhergehende
Verse.
Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des
Grimmes Gottes.
Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.
Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag.
Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mir meine Knochen gebrochen.
Er hat mich ringsum eingeschlossen und mich mit Bitternis und Mühsal umgeben.
Er hat mich in Finsternis versetzt wie die, die längst tot sind.
Er hat mich ummauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln
gelegt.
Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem
Gebet.
Er hat meinen Weg vermauert mit Quadersteinen und meinen Pfad zum Irrweg
gemacht.
Er lässt mich den Weg verfehlen, er hat mich zerfleischt und zunichte gemacht.
Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gegeben.
Er hat mir seine Pfeile in die Nieren geschossen.
Ich bin ein Hohn für mein ganzes Volk und mit Wehrmut getränkt.
Er hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückte mich nieder in die Asche.
Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben;
ich habe das Gute vergessen.
Stellen sie sich nun einmal vor, es gäbe jemand, der viel Macht hätte. Sie
würden ihm ihr Vertrauen schenken und seinen Rat annehmen. Im Nachhinein aber
stellt sich heraus, dass er sie absichtlich auf einen falschen Weg gesetzt hat.
Sie geraten in eine beruflich wie auch familiäre Sackgasse und kommen nicht mehr
heraus. Durch ihn werden sie arbeitslos, durch ihn geraten sie in Konkurs, durch
kommen sie ins Gefängnis. Aber dem nicht genug, diese Person hätte noch die
Kraft sie so richtig fertig zu machen. Fast jeden Tag käme sie mit einem Knüppel
und würde sie verprügeln und ihre Knochen zerschlagen. Ja, sie würde sie richtig
krankmachen. Bevor sie die Person kannten, waren sie jung und frisch – aber seit
sie mit ihr zu tun haben, können sie sich nicht mehr im Spiegel anschauen. Ihre
Haare sind grau geworden, ihr Gesicht voller Falten verhärmt und abgemagert. Die
Person hätte ihnen, wie ein verrückter Arzt Gift in die Nieren gespritzt. Das
Resultat: Schlimme Schmerzen. Mit letzter Kraft versuchen sie die Person zur
Vernunft zu bewegen. Sie schreien laut um Hilfe. Doch seine Reaktion: Er stopft
sich Ohropax in die Ohren, um ihr Geschrei nicht zu hören. Und zu guter letzt
hätte diese Macht ihnen jegliches Ansehen und Ehre in der Öffentlichkeit
genommen. Sie gingen auf die Straße und die Leute würden tuscheln, sich weg
drehen, Schulkinder würden laut Witze über sie reißen und frech lachen. Und ihre
Eltern würden sie noch anspornen. Und sie könnten sich überhaupt nicht wehren.
Wenn jemand, die Macht hätte mir so etwas anzutun, dann gäbe es für mich nur
eines: Flucht. Ich würde fliehen, vor dieser schrecklichen, grausamen Person.
Ich würde mich verstecken, oder bei anderen Starken Hilfe und Zuflucht suchen.
Aber mit dieser Person wollte ich absolut nichts zu tun haben.
Vorhin sagte ich sagte, das Schicksal hat mit Jeremia Übel mitgespielt. Dieser
Ausdruck ist im Sinne des Schreibers falsch. Denn nicht das Schicksal hat es ihm
so schwer gemacht – für ihn stand hinter all den Schlägen Gott persönlich.
Liebe Gemeinde – ich war ganz erschrocken, als mir das bewusst wurde: Gott
selbst, der für mich immer der liebe Vater im Himmel ist, ist diese grausame
Person, die einen Menschen so quälen kann. Und so etwas steht auch noch in der
Bibel. Unglaublich.
Liebe Gemeinde und es ist auch etwas wahres dran. Es gibt Situationen im Leben
von Christen, da begegnet Gott ihnen als Feind, weil er alles zerstört und alles
wegnimmt, was lieb und teuer ist. Kann man es jemanden übel nehmen, wenn man vor
solch einem Gott Angst bekommt und vor ihm flieht?
Doch - Wohin soll ich fliehen? Wo kann ich mich vor Gott verstecken? Ich kann
höchstens den Kopf in den Sand stecken und so tun, als wäre er nicht da. Aber
welcher Mensch kann vor Gott so fliehen, dass er in Sicherheit ist?
Was tut Jeremia?
Der junge Mann flieht vor Gott – vor Gott der sein Feind ist. Und gleichzeitig
flüchtet er sich zu Gott, der seine Zuflucht ist. Das ist ein Widerspruch, fast
verrückt oder auch das Wunder des Glaubens.
Es ist wie, wenn man sich inmitten eines tobenden Meeres dem Ertrinken nahe,
sich von einer Woge auf einen sicheren Fels spülen lässt.
Nun die Frage: Wie flieht der junge Mann zu Gott: Zuerst hat er geklagt. Das ist
ganz wichtig. Er hat das, was Gott ihm angetan hat, nicht in sich
hineingefressen, sondern in Worte gefasst. Wenn ich etwas in Worte fassen kann,
dann verliert es seine bedrohliche und zerstörerische Wirkung. Aber er ist nicht
beim Klagen stehen geblieben.
Und dann hat sich Jeremia auf den Fluchtweg gemacht. Er
begann zu suchen. Er suchte, ob er nicht irgendwo etwas von Gottes Güte findet.
Er suchte, ob er nicht bei dem gefährlichen Feind eine kleine offene Tür, ein
Herz für ihn findet. Und tatsächlich. Er findet etwas heraus. Er stellt fest,
dass er noch lebt. Er hatte soviel Furchtbares erlebt. Wie ein fremdes Heer
seine Heimatstadt aushungerte, dabei den furchtbaren Streit innerhalb der Mauern
ums nackte Überleben. Dann die Offensive. Grausam machten sich die babylonischen
Soldaten über die geschwächten Menschen her. Sie zerstörten den Tempel, nahmen
alles mit und dann legte sie die Häuser in Schutt und Asche.
Mord und Totschlag und doch: „Er ist am Leben geblieben.“ Welch ein Wunder. Und
es wird ihm klar: Das ist die Güte Gottes. Es ist Gottes Güte, dass wir noch
nicht gar aus sind. Denn Gott hätte die Möglichkeit gehabt, den Untergang
komplett zu machen.
Und Jeremia merkt auch: das Leben geht weiter. Jeden Morgen geht die Sonne
wieder auf. Sie ist nicht irgendwo stecken geblieben – obwohl es in ihm
innerlich so dunkel war. Ist das nicht ein Zeichen, dafür, dass Gott ihn nicht
völlig verstoßen hat?
„Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist
alle Morgen neu.“
Und dann wagt Jeremia den Sprung und spricht seinen Gott
direkt mit „Du“ an: „Deine Treue ist groß.“
Jeremia hat sich gerettet: Von Gott, der ihm das Leben schwer machte, zu Gott,
dessen Güte ihn froh und ruhig macht.
Wir haben das Lied von Paul Gerhard gesungen: Geh aus mein Herz und suche Freud.
Paul Gerhard hatte es genauso gemacht wie Jeremia. Er lebte ebenfalls in einer
Zeit, als 30 Jahre lang, immer wieder fremde Heere seine Gemeinde verwüsteten.
Es wurde ihm alles genommen, was ihm lieb und teuer war. Und als Pfarrer musste
er viel Leid mit ansehen.
Doch in dieser Zeit schrieb Paul Gerhard: „Geh aus mein Herz
und suche Freud!“ Auch er flüchtete vor Gott hin zu der Güte Gottes. Er machte
sich auf den Weg und suchte Freude. Suchen heißt, man sieht etwas nicht im
ersten Augenblick. Suchen heißt, ich muss genau hinschauen – Gottes Güte sieht
man manchmal nicht im ersten Augenblick. Man muss genau hinschauen.
Aber er lässt sich finden, ja, er möchte geradezu, dass man seine Güte sucht. Im
Bibeltext heißt es: Der Herr ist freundlich dem, der ihn sucht. Paul Gerhard
entdeckte in der Natur Gottes Güte.
Wenn wir in eine Situation wie Jeremia oder Paul Gerhard kommen und Gott uns
Angst macht. Vielleicht können wir dann das von ihm lernen:
Unser Herz möge genau hinschauen und trotzdem noch Gottes Güte suchen. Eine
Blume betrachten und uns an ihrer Schönheit freuen. Musik hören, und unsere
Seele eine Reise darin machen lassen. Im Negativen das Positive suchen.
Und Jesus suchen.
Auf das Kreuz schauen, wie er dort festgenagelt und gequält
wurde, ohne dass sein lieber Vater im Himmel eingriff. Mit meinem Leid mich
neben ihn stellen und zu ihm sagen: Halte mich Herr, vergiss mich nicht, wenn du
in dein Reich kommst. Und dann mit Jesus mitgehen durch die Hölle der
Gottesfeindschaft hindurch - hinein in das Wunder der Auferstehung. In das
Wunder des ewigen Lebens.
Und mit Jesus weg von dem grausamen, feindlichen Gott – sich zu seiner großen
Güte, zu seiner Barmherzigkeit und Treue durchringen.
Amen
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