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die Ernte ist gross                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 06. Februar 2000

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

der Predigtabschnitt für heute steht in Mt. 9, 35-37: Dort heißt es:

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Liebe Gemeinde

Jesus ist unterwegs und viele Menschen begegnen ihm. Viele jubeln ihm zu, viele setzen ihre Hoffnung auf ihn. Man könnte sagen, Jesus steht auf dem Gipfel seines Erfolges.

Wie geht es Jesus dabei: Der Evangelist schreibt nichts von einem Gefühlsrausch, dass er seine Vollmacht genießt, nichts von großartigen Plänen, die er schmiedet. Er schreibt nur: „Es jammerte ihn, als er die vielen Leute sah.“

Ich weiß nicht, ob ihnen der Ausdruck „jammern“ etwas sagt. Für mich klingt jammern heute eher abwertend. Wenn ich dieses Wort höre, dann denke ich an Menschen, die sich ständig nur selbst bemitleiden und an allem etwas auszusetzen haben und mit allem sehr unzufrieden sind.

Dieses Jammern ist bei Jesus nicht gemeint. Vielmehr meint der Evangelist: „Es geht Jesus ans Herz, es lässt ihn nicht kalt, er empfindet größtes Mitleid.“

Ich versuche es einmal für die Hausfrauen zu veranschaulichen, was Jesus beim Anblick der vielen Menschen gefühlt haben könnte. Stellen Sie sich vor, sie haben für einen Geburtstag eine wunderschöne riesige Sahnetorte gebacken. Sie haben teure Zutaten eingekauft, stundenlang waren Sie in der Küche mit Rühren, Backen und Spülen beschäftigt, Sie haben die größte Sorgfalt aufgewandt, um sie zu verzieren. Zuletzt ist sie wunderschön geworden. Die Krönung eines runden Geburtstagsfestes. Doch einen Augenblick lassen sie diese Torte unbeaufsichtigt, um den Fotoapparat zu holen, damit die Torte auf einem Bild festgehalten wird. Doch da kommen sie zurück und da hat doch ihr Hund, oder die Katze, versucht von der Torte zu naschen und sie dabei völlig verunstaltet und ungenießbar gemacht.

Wie fühlen Sie sich in dem Augenblick, wenn Sie die Überreste der Torte auf den Kompost werfen? Ich behaupte: Jämmerlich – ein Gefühl des Ärgers, der Trauer, der Enttäuschung.

Ich möchte noch ein Beispiel für begeisterte Autofahrer anführen. Stellen Sie sich vor, sie hätten ein neues Auto gekauft. Sie würden noch viel Zeit und Geld investieren, um dieses Auto so richtig nach ihrem Geschmack auszustaffieren. Dann fahren sie einmal nach Lüttich zum Einkaufen, kehren zum Parkplatz zurück und das Auto ist weg – gestohlen. Wie würden Sich da fühlen? Ich behaupte jämmerlich.

Haben Sie an den Beispielen, die ich gewählt habe, gemerkt, dass uns die Dinge wichtiger sind, als Menschen. Dass wir viel schneller jammern, wenn ein Gegenstand in die Brüche geht, als wenn ein Mensch verloren geht.

Jesus jammert um die Menschen, die kaputt gehen. Es dreht ihm den Magen um, wenn er sieht, dass so viele Menschen verloren sind. Es tut ihm leid, dass die Menschen, die doch für den Himmel geschaffen sind, für Gott faul und unbrauchbar werden.

Wenn es doch uns auch so wie Jesus ans Herz ginge, wenn Menschen verloren gingen, dass wir richtig darunter leiden. Viele reagieren doch kalt. Wir zucken mit den Achseln und sagen: „Das ist doch seine Sache, das muss er doch entscheiden – da habe ich nichts mit zu tun. Es ist seine Freiheit, jeder kann sich seine Religion doch selbst wählen.“

Dabei ist Not und Verlorenheit der Menschen bis heute nicht weniger geworden. Vorgestern erzählte mir ein Musiklehrer an einem Gymnasium: „Es gibt kaum noch Kinder, die heute noch singen können. Wenn dann können die Mädchen noch ein bisschen singen – meist ist ihre Seele weniger verdorben.“

Haben Sie das schon einmal überlegt, was das bedeutet, wenn unsere Kinder nicht mehr singen. Das bedeutet, dass ihre Seele krank ist. Wie viele Menschen finden Ausgleich, Genesung und Trost beim Singen. Nun wird dieser wichtige Teil des Menschseins einfach überdröhnt durch laute rhythmische Geräusche, die man nicht mehr nachsingen kann, die nur noch der Computer macht. Ein Mensch, der nicht mehr kreativ sein kann, der wird zum Roboter. Jammert es Sie, wenn Sie sehen, dass unsere jetzige Jugendgeneration unglaublichen Schaden leidet?

denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass unsere Gesellschaft sich immer mehr zerstreut. Allgemeine, verbindliche Werte werden als altmodisch abgetan und belächelt. Mir ist bewusst, dass die Kirche in früheren Zeit Menschen sehr in ein Joch der Unfreiheit gezwängt hat. Aber ist es gut, wenn nun gar niemand mehr sagt, was gut und schädlich ist. Wenn alles akzeptiert und gutgeheißen wird. Leiden wir darunter, wenn Menschen in Talkshows mit ihren Sünden und Schweinereien angeben, - beten wir für Sie oder entrüsten wir uns mit einem pharisäerhaften Zeigefinger, tun so, als ob wir viel besser wären und haben insgeheim unsere Freude an ihrem tun.

Die Not der Menschen ist groß, weil so wenige die Möglichkeit haben, von der Liebe Gottes zu erfahren.
so wenige christliche Gemeinden sind bereit, die gute Nachricht von Jesus Christus bewusst weiterzugeben. Wenn die Menschen nicht in Berührung mit der Liebe Jesu kommen, dann finden sie keinen Ort, zu dem sie mit ihrer Schuld und mit ihrer Last kommen und abladen können. Wenn Sie verwundet wurden können Sie nicht vergeben und der Wurm des Hasses darf weiternagen, denn Ihnen wurde nicht die liebende Kraft der Vergebung geschenkt. Sie haben kein Ziel, keinen Auftrag für ihr Leben. Sie leben in den Tag hinein und vergeuden ihre Zeit mit Nebensächlichkeiten. Ihre Zeit zerrinnt und irgendwie fühlen sie sich mit ihren Zerstreuungen leer und betrogen. Sie haben keine lebendige Hoffnung, dass nach dem Tod sie ein Leben erwartet, vieles hier erträglicher macht. Sie haben keinen Trost in dunklen Tagen und sind auf sich selbst angewiesen. Sie sind wirklich allein, wenn sie von Menschen allein gelassen werden. Wenn viele dieser Menschen wüssten, wie wunderschön, wie wirklich Jesu Liebe ist, wie glücklich er ein Leben machen kann, dann würden Sie gerne Ihr Leben in seine Hände legen. Doch da ist keiner, der Geduld mit ihnen hat, der sich ihren bohrenden, unangenehmen, manchmal bissigen Fragen stellt, sie herausfordert und von dieser Liebe zeugt. Die vielen Gemeinden sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass niemand merkt wie wichtig es wäre, die Liebe Jesu weiterzugeben. Jammert es keinen in unserer Gemeinde, dass unser wissenschaftlich errechneter Schwachpunkt „Mangelnde Offenheit, mangelnde Bereitschaft zum Weitertragen des Glaubens ist? Jesus geht die Tatsache, dass Menschen verloren gehen könnten an die Nieren.

Aber nun, wie reagiert er? Ich würde so reagieren: Entweder ließe ich mich lähmen von all dem Jammer und steckte den Kopf in den Sand, so dass alles beim Alten bliebe. Oder: Ich steigere meine Betriebsamkeit und setze alles daran, gegen diesen Notstand anzukämpfen.

Doch unerwartet anders reagiert Jesus: Er sagt: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“

Jesus lässt sich bei all dem Jammer nicht entmutigen. Er sieht darin eine große Gelegenheit. Er sieht hinter dieser Not eine große Ernte. Ernte bedeutet: Da wächst viel Frucht auf dem Feld der verlorenen Welt. Da reifen Menschen heran, die Gottes Liebe annehmen, die einmal den Himmel füllen werden mit ihrem Lied der Freude und Dankbarkeit.

Und Jesus versteigert sich auch nicht in Betriebsamkeit. Er rackert sich nun nicht ab bis zum Umfallen, um die Not wenigsten etwas mehr zu lindern. Vielmehr weist er auf den, der wirklich helfen und ändern kann. Er weist auf den Herrn der Ernte. Er soll gebeten werden, und viele Erntearbeiter schicken, die sich um das große Feld gründlich und sorgfältig abernten, dass auch nicht ein Körnlein verrottet.

Im Lukasevangelium lesen wir, wie Jesus das selber so getan hat. Er ging allein auf einen Berg, um zu beten. Und er betete dort eine ganze Nacht durch. Am anderen Morgen ging er zu seinen vielen Anhängern und wählte davon zwölf Jünger aus, die er in Dörfer und Städte schickte, um von der Liebe Gottes weiterzuerzählen, um zu heilen und den verlorenen Menschen zu helfen.

Ich wünschte, wir könnten es als Gemeinde Jesus nachtun.

  • Uns erschrecken über die Not und Verlorenheit der vielen Menschen um uns herum.

  • Intensiv den Herrn der Ernte bitten. Sei es in unseren kleinen Gebetszellen, sei es in der einzelnen Fürbitte, sei vielleicht einmal in einer Gebetsnacht. Dass wir den Herrn der Ernte anbetteln diese große Ernte nicht verderben zu lassen, sondern dass er viele Arbeiter schickt, die diese Ernte einfahren.

  • Menschen der Gemeinde ermächtigen diesen Dienst zu tun und voll mit unseren Gaben und unserem Gebet hinter ihnen stehen, dass Sie viel Frucht einfahren können.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010