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die Einheit der Gemeinde                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 22. September 2002

Liebe Gemeinde,

Als Paulus die Worte schrieb, die für heute unser Predigttext sind, ging es ihm äußerlich gesehen nicht besonders gut. Er saß im Gefängnis. Wahrscheinlich musste er mit dem Tod rechnen. Darum schreibt er seinen Freunden in Ephesus nicht irgendwelche Belanglosigkeiten, so wie man aus dem Urlaub mal eine Karte schickt, sondern er schreibt das, was ihm ganz besonders am Herzen liegt: Ihm liegt die Einheit der Gemeinde ganz besonders am Herzen!

Ich lese Eph. 4,1-6:

So ermahne ich euch nun, ich, der ich um Jesu willen im Gefängnis bin, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid. Ertragt einer den anderen in Liebe. In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Setzt alles daran, die Einheit wie sie der Heilige Geist schenkt, zu wahren durch das Band des Friedens. Gott hat uns in seine Gemeinde berufen. Darum sind wir ein Leib. In uns wirkt ein Geist, und uns erfüllt ein und dieselbe Hoffnung. Wir haben nur einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe. Und wir haben nur einen Gott. Er ist der Vater, der über uns allen steht, der durch uns alle und in uns allen wirkt.

Paulus wünscht von der Gemeinde, dass sie nicht in unzählige kleine Kirchen und Gemeinschaften zerfällt, sondern eine Einheit bildet. Übrigens wünscht Jesus sich dasselbe in seinem Gebet kurz vor seinem Tod. Zu dieser Einheit sei gesagt: Es ist keine Einheit, die wir herstellen, die wir selbst erfinden und dann produzieren müssen. Diese Einheit ist gegeben. Sobald wir unser Leben Jesus anvertrauen, dann sind wir ein Teil von ihm und wir gehören zu allen zusammen, die auch an ihn glauben.

Gott hat uns in seine Gemeinde berufen.

Es ist wie wenn man in eine Familie hineingeboren wird. Man kann sich an seinen Geschwistern ärgern und reiben wie man will. Man ist hineingeboren. Und jeder tut sich gut daran, das als eine gute Tatsache anzunehmen auch wenn es schwierig ist. Genau so ist es mit der Gemeinde. Gott hat uns in sie berufen. Da gehören wir hin, das ist unser Platz. Ohne sie werden wir zu Rebellen oder verkümmern, werden zu geistlichen Straßenkindern.

Darum sind wir ein Leib.

Wir bilden praktisch einen Leib. In einem Leib kann kein Glied vom anderen sagen, der passt mir nicht, den will ich nicht haben, sondern jedes Glied ist für das andere da. Das Auge und die Nase zeigen der Hand, wo es etwas Gutes zu essen gibt, die Hand bereitet das Essen für den Mund zu, die Zähne verkleinern die Nahrung für den Magen vor. Der Magen zersetzt sie so, dass der die Nährstoffe im Darm ins Blut gelangen. Das Blut verteilt die Nahrung – angetrieben vom Herzen – in alle Zellen, die wiederum zum Wohlbefinden des Ganzen dienen. Nicht zuletzt wieder der Hand und dem Auge. Kein Glied kann vom anderen sagen, das brauchen wir nicht. Ich hab keine Lust, der Hüter des anderen zu sein. Der geht mich nichts an. Bei unserem Leib ist es sogar so, dass es den Gliedern Freude macht, einander zu dienen. Wir gerne schiebt doch die Hand dem hungrigen Bauch ein Butterbrot in den Mund und welch ein Genuss für die Zähne ist es, dies zu zerkleinern. Und wenn ein Teil des Körpers krank ist, dann leiden alle anderen Glieder mit. Selbst bei einem relativ leichtem Schmerz wie Muskelkater in den Beinen, leidet schon der ganze Körper.

Als solcher Leib sind wir als Gemeinde auch gedacht. Wir sind als Gemeinde füreinander da. Jeder soll mit seinen Gaben, mit dem, was für ihn wichtig ist, dem anderen dienen und helfen. Wir würden einen, der sich den Arm abschneidet, nur weil er Muskelkater hat, für verrückt erklären – aber im übertragenen Sinne geschah das in der Kirchengeschichte nur allzu oft. Man meinte, wenn man sich von den anderen trennt, dann wäre man ein besserer Christ, dann könnte man Gott noch hingebungsvoller dienen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Man verarmt, ja verstümmelt sich ohne die anderen.

Die evangelische Kirche ist ärmer dran, seit sie sich von den römisch-katholischen Christen getrennt hat und der katholischen Kirche fehlen die evangelischen Elemente. Uns ging der Gehorsam und die Demut abhanden, die man oft bei katholischen Christen erlebt und ihnen ging der innige Umgang mit der Bibel verloren.

In uns wirkt ein Geist,

Es ist Gottes Geist, der in uns wirkte, als wir unser Leben Jesus anvertrauten, es ist sein Geist der wirkt, wenn wir nach Gottes Willen trachten und tun, es ist sein Geist, wenn ich mich an seiner Erlösung freue und ihm meine Schuld bringe. Liebe Gemeinde, dieser Geist wirkt bei uns und er wirkt auch in anderen Gemeinden und in anderen Christen.

und uns erfüllt ein und dieselbe Hoffnung.

Alle, die an Jesus glauben, hoffen darauf, nach dem Tod, bei Gott zu sein. Wir brauchen nicht zu meinen, dass Gott für die Orthodoxen Christen einen anderen Himmel bereitet hat als für die Baptisten und der Himmel der Pfingstler wird der gleiche sein wie für uns Lutheraner und Reformierte. Wer meint, dass die anderen nicht in den Himmel kommen, nur weil sie ein anderes Gesangbuch haben, der maßt sich Jesu Richteramt an.

Wir haben nur einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe. Und wir haben nur einen Gott. Er ist der Vater, der über uns allen steht, der durch uns alle und in uns allen wirkt.

Wenn wir auf unseren Herrn schauen, dann gehören wir zusammen. Dann dürfen wir uns nicht in unterschiedliche Schubladen stecken. Wir glauben nicht an unterschiedliche Götter. Wir glauben an den einen Vater. Durch ihn gehören wir zusammen, auch wenn wir noch so unterschiedlich sind.

Und trotz der Einheit bildet die Gemeinde Jesu keinen Einheitsbrei, keine militärische Uniformität. Sie ist bunt und vielfältig. Wie bei einer schönen Sinfonie, bei der nicht alle Stimmen das gleiche spielen. Jeder hat seinen Part und wenn alle genau auf den Einsatz und den Taktstock des Dirigenten achten, dann wird es eine wundervollen Harmonie.

Diese Harmonie wünscht sich Paulus für die Gemeinde. Was wir als einfache Christen nun tun müssen, um unsere Stimme richtig zu spielen ist folgendes:

Ertragt einer den anderen in Liebe. In aller Demut und Sanftmut, in Geduld. Setzt alles daran, die Einheit wie sie der Heilige Geist schenkt, zu wahren durch das Band des Friedens.

Stellen Sie einfach einen Mitchristen der Gemeinde vor, mit dem Sie so gar nicht zurecht kommen. Nennen wir ihn einfach mal Mefiboschet. Mefiboschet sucht ständig nur seinen eigenen Vorteil, macht oft verletzende Bemerkungen und stößt andere ständig vor den Kopf.

Wenn ich mich über diesen Mefiboschet ärgere, dann ärgere ich mich nicht nur über den sichtbaren, sondern auch noch über den unsichtbaren Mefiboschet in mir drin. In mir ist doch auch einer, der sich gerne mal so richtig verwöhnen lässt, ohne auch nur einen Finger zu krümmen. Man will ihn nur nicht wahrhaben. In mir ist auch einer, der dem anderen mal so richtig die Meinung sagen will, ohne Rücksicht auf Verluste. Als Kleinkinder waren wir alle mal so.

Ertragt einander beginnt nun damit, dass ich den eigenen Mefiboschet mal liebevoll zu Jesus ans Kreuz bringe. Ich sage: Jesus, ich gebe Dir meinen Mefiboschet. Ich fürchte mich davor, so zu sein, und will auch nicht so sein. Aber Du kannst ihn lieben. Bei Dir ist er gut aufgehoben. Wenn dann mal der eigene Mefiboschet bei Jesus ist, dann ist der sichtbare schon viel leichter zu tragen. Probieren Sie es einfach mal aus, das klappt. Das ist eine Form von Demut. Demut ist der Mut, den man braucht, sich nicht über den anderen zu stellen, sondern neben ihn.

Paulus sagt ertragt einander in Sanftmut. Sanftmut ist der Mut, den man braucht, um nicht seine Ellbogen einzusetzen. Die natürliche Reaktion ist, wenn mir jemand nicht passt, ihn rauszuekeln, wegzujagen, schlecht bei den anderen zu machen, oder in einfach sitzen lassen. Sanftmut bedeutet, den Mut zu haben, auf menschliche Waffen zu verzichten und auf Gottes Waffe der Liebe zu setzen. Daran zu Glauben, dass ein Mensch sich nur verändert, wenn er sich völlig angenommen weiß.

Und ertragt einander mit langem Atem. Mit einem Menschen muss man Geduld haben. Wenn ich bedenke, wie viel Geduld Gott mit mir schon gehabt hat, bis ich eine seiner Lektionen gelernt habe, ein Jahr für eine Lektion ist nichts. Darum brauchen wir nicht zu meinen, dass das immer so ruckzuck geht. Wir brauchen einen langen Atem.

Und zuletzt noch: Setzt alles daran, die Einheit wie sie der Heilige Geist schenkt, zu wahren durch das Band des Friedens.
Was das heißt, will ich an einer Geschichte verdeutlichen, die mein Hebräischlehrer, der Missionar in Indonesien war, erzählte:

Die Gesellschaft dort ist sehr distanziert, sehr höflich, es gibt sehr viele Konventionen, alles hat seinen geregelten Gang. Gefühle zeigen, ist so ziemlich das letzte. In solch einem indonesischen Dorf kam eine Familie zum Glauben. Das Leben in der Familie änderte sich gründlich. Denn plötzlich gab es in dieser Familie laute Worte und richtigen Streit. Es ging oft drunter und drüber, man schimpfte laut miteinander so dass es die Leute auf der Straße hören konnten. Was war die Reaktion der Dorfbewohner? Der Häuptling kam nach einigen Wochen zu der Familie. Und der sagte zum Vater der Familie: Ich will auch Christ werden. Der Vater fragte ihn: Was hat Dich bewogen Christ zu werden? Der Häuptling antwortete: Ihr habt Frieden, den will ich auch.

Diese Geschichte hab ich lange nicht verstanden. Bis mir klar wurde: Frieden heißt nicht: Schwamm drüber, über Differenzen reden wir nicht, Frieden heißt: Ich hab den anderen so lieb, dass ich ihm auch sage, wenn ich anderer Meinung bin. Und wenn wir uns auch streiten, so suchen wir doch, um der Liebe Jesu willen, nach einer Einigung, wir streiten uns, aber wir suchen die Versöhnung. Das ist das Band des Friedens.

Augustin hat diesen Frieden sehr schön beschrieben:

„Miteinander reden und lachen, sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen, zusammen schöne Bücher lesen, sich necken, dabei aber auch einander sich Achtung erweisen, mitunter sich auch streiten ohne Hass, so wie man das wohl einmal mit sich selbst tut, manchmal auch in den Meinungen auseinander gehen und damit die Eintracht würzen, einander belehren und voneinander lernen, die Abwesenden schmerzlich vermissen, die Ankommenden freudig begrüßen, lauter Zeigen der Liebe und Gegenliebe, die aus dem Herzen kommen, sich äußern in Miene und Wort und tausend freundlichen Geste, den Geist in Gemeinsamkeit entflammen, so dass aus den Vielen eine Einheit wird.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010