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die Befreiung hat begonnen                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 25. Dezember 2002

Liebe Gemeinde,

die erste Weihnachtspredigt hielt ein Engel den Hirten. Einige ihrer Worte sind uns wohlbekannt. Wenn man von der Gospertstraße auf die Kirche schaut, dann kann man sie lesen:

Ehr sei Gott in der Höhe
Und Friede auf Erden
Und den Menschen ein Wohlgefallen.

Aber hören wir uns zunächst die näheren Umstände dieser ersten Weihnachtspredigt an. Ich lese aus Lk. 2, 8-14:

„Und es waren Hirten in derselben Gegen auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das Habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Was waren das für Leute, denen der Engel die Weihnachtsbotschaft verkündet? Hirten!

Obwohl die Bibel voller Achtung von Hirten spricht, die großen Gestalten des Alten Bundes: Abraham, Jakob, Mose und David waren Hirten – wurden die Hirten zur Zeit Jesu sehr verachtet. Man stellte sie Betrügern, Zöllnern und Sündern gleich.

Meist weideten sie ihre Schafe am Rand der Wüste, also dort, wo das Wasser knapp war. So konnten sie sich die Hände nicht vor den Mahlzeiten waschen. Insofern wollte kein frommer Mensch damals es mit einem Hirten zu tun haben.

Liebe Gemeinde – immer wieder fühle ich mich ziemlich mutlos. Manchmal glaube ich, ich wäre sogar der Sache Gottes im Weg. Ich fühle mich so unzulänglich, wie ein Versager, mir fällt immer das ein, was ich nicht tue und nicht getan habe. Und ich fürchte mich, dass andere Menschen diese Schwachstellen entdecken könnten. Diese Gefühle mag ich gar nicht. Aber sie sind nun einmal da und dringen an die Oberfläche. Ich kann mir vorstellen, dass es vielen Menschen so geht, denn keiner von uns ist bereits vollkommen.

Liebe Gemeinde, wenn der Engel zuerst zu den Hirten spricht, dann hat das in der Diplomatiesprache Gottes eine Bedeutung. Es heißt: Gerade unsere Schwäche ist bei Gott unsere Chance. Denn, wenn den Hirten die frohe Botschaft galt, die ja wirklich keine Vorbilder an Frömmigkeit waren, dann kann sie jeder schwache Mensch, jeder, Du und ich zu ihm kommen. Und das ist sehr tröstlich.

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Es ist Nacht. Und mitten in der Nacht wird es hell, wenn Gott zu reden beginnt. Und die Hirten fürchteten sich. Wörtlich heißt es: und sie fürchteten sich mit einer Megafurcht. Mega ist griechisch und heißt sehr groß. Aber, warum fürchten sich die Hirten so? Normalerweise fürchtet man sich doch eher im Dunkeln. Aber, wenn es schön hell ist, dann braucht man doch keine Angst zu haben.

Denn Furcht ist ein Gefühl, das man bekommt, wenn das Leben in Gefahr ist. Beispielsweise, wenn ich im Dunkeln in der Wildnis bin. Dann bekomme ich Angst, weil mir in der Wildnis etwas zustoßen könnte. Die Hirten bräuchten sich doch nicht zu fürchten, wenn es hell wird. Und auch noch diese Megafurcht – ja diese Todesangst. Wirkt der Engel so bedrohlich, dass sie um ihr Leben fürchten müssen?

Ich denke ja. Denn, wenn Gottes Licht, Gottes Wahrheit erscheint, dann wird es nicht nur auf der Weide hell, sondern auch im Herzen eines Menschen. Und das kann unangenehm sein, wenn man mit der Wahrheit ins Auge sehen muss. Ich denke, dass die Hirten plötzlich erkannten, dass sie so, wie sie sind, nicht vor Gott bestehen können. Dass sie im Grunde ihr Leben verwirkt haben. Dass sie nicht Freunde, sondern Feinde Gottes sind. Und das ist sehr gefährlich, Gott als Gegner zu haben. Darum fürchten sie sich.

Und das erste, was der Engel klarstellt ist:

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird:

Sie brauchen keine Angst zu haben, denn der Engel ist kein Todesengel, sondern ein Engel mit einer frohen Botschaft. Er bringt ihnen kein Todesurteil, sondern das Urteil eines großen Sieges. Er bringt ihnen die Nachricht auf die sie im Grunde schon immer gewartet haben. Und das ist Grund zur Freude. Freude ist ein Gefühl des Glücks. Freude empfindet man, wenn man etwas gewonnen hat, wenn man erkennt, das das Leben weiter geht.

denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Hier erklärt der Engel, warum sie sich so freuen können. Der Retter ist geboren:

Dazu ein kleines Beispiel, das Dr. Bilezikian, ein französischer Theologe erzählt: „Als ich ein Kind war, lebten wir in Paris, und ich sah dort, als ich zwölf Jahre alt war, eines Tages die deutschen Truppen einmarschieren. Hitlers Armee. Sie blieben wenige Jahre lang in Frankreich. Sie waren der Feind. Die Unterdrücker. Die Besatzer. Aber dann, am 6. Juni 1944 – als wir wie jedes Jahr den Sommer in einem Haus im Westen Frankreichs verbrachten – schaltete ich das Radio an und hörte BBC, was eigentlich verboten war. Und ich hörte, dass die Truppen der Alliierten an der Küste nicht weit von uns entfernt in der Normandie gelandet waren und die Invasion begonnen hatte. Das war einer der wichtigsten Tage in meinem Leben - einfach diese Nachricht zu hören.“

Merken Sie, die Nachricht vom Sieg ist eine frohe Botschaft.

„Und ich wusste, dass es Wirklichkeit war, denn wir hatten seit zwei oder drei Wochen aus der Ferne Kampfgeräusche gehört. Die Bomben, die Kanonen, den ständigen Lärm, der immer lauter wurde, je näher die Front rückte.“

Liebe Gemeinde – ähnliches macht der Engel den Hirten klar. Eure Befreiung hat begonnen. Die Herrschaft der Finsternis wird ein Ende haben. Denn der Heiland – man kann auch sagen, der Retter, der Befreier ist geboren. Nun ist der da, der die Kraft hat, der Finsternis ein Ende zu bereiten.

Es ist Christus. Christus, das bedeutet der Gesalbte. Gesalbt wurden im Alten Testament Priester und Könige. Priester galten als Brücke zwischen Gott und Menschen. Sie stellten die Verbindung her. Und Könige in Israel, sollten Gottes Ordnung im Volk herstellen und das Volk zum Guten anleiten und schützen.

Christus, der Gesalbte vereint beides. Einerseits ist er die Brücke zwischen Gott und den Menschen und andererseits ist er der Führer, der mich zu Gott leitet. Derjenige ist nun da.

Der Engel sagt – dieser Retter ist euch heute geboren. Und ähnlich wie Dr. Bilezikan den Kanonendonner der Befreier hören konnte, so gibt auch der Engel den Hirten ein Zeichen. Er sagt:

Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Gerne unterstreicht Gott sein Wort durch Zeichen. So wie z.B. das Abendmahl ein Zeichen Gottes ist.

Das Zeichen für die Hirten ist denkbar einfach: Ein Kind – in einer Krippe – in Windeln gewickelt. Ein Kind – das bedeutet für uns Menschen, dass Gott nicht gewalttätig kommt. Sondern wehrlos. Er kommt nicht, um uns zu vernichten, sondern zu retten. Sozusagen eine weiße Fahne, um zu sagen, hier komme ich in friedlicher Absicht. In einer Krippe liegend. Eine Krippe in einem Stall in der Gegend von Bethlehem, das war kein warmes Bettchen. Das war eine aus dem Felsen gehauene Nische, in dem etwas Gras lag. Ziemlich hart und kalt für ein neugeborenes Kind. Ein Zeichen von großer Armut. Aber auch von der Demut Jesu. Eine Schande, für die Menschheit, Gott so zu empfangen. Und in Windeln gewickelt. Das Kind braucht menschliche Fürsorge, Zuwendung und Liebe. Das sind die Zeichen – es sind Zeichen des Friedens.

Und siehe, der Chor der Engel bestätigt dies:

Und alsbald war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerschafen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Ein Lied formuliert diesen Satz so: Wenn wir Gott in der Höhe ehren, dann zieht bei uns Menschen der Friede ein.

Liebe Gemeinde, die Not unserer Welt ist, dass die Menschheit in ihrem tiefsten Innern nicht Gott die Ehre geben will, nicht Gott an die höchste Stelle setzen, nicht Gott allein anbeten will, sondern sich selbst. Und weil da jeder eine andere Vorstellung hat, wie das sein muss, weil so viele von den Menschen und Völkern an der Spitze sein wollen, gibt es so viel Streit und Krieg.

Mit Jesus kommt ein ganz neuer Mensch auf die Welt. Ein Mensch, der Gott völlig gehorcht und hingegeben ist, ein Mensch, der das Hemd noch gibt, wenn man ihm den Mantel nimmt, ein Mensch der hilft und für den anderen da ist. Ein Mensch, der nicht hochnäsig ist und sich moralisch über andere erhebt, sondern bei Zöllnern, Sündern zu Tische sitzt.

Liebe Gemeinde, wo solch ein sanftmütiger, gerechter Mensch ist, da ist Friede. Menschen, die Gott wohl gefallen, die nehmen Jesus an und lassen sich von Gottes Geist umgestalten in sein Bild.

Und so wird sich der Friede auf Erden ausbreiten, wo immer ein Mensch Jesus in seinem Herzen zur Welt kommen lässt und ihm ernsthaft nachfolgt.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010