Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

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Die auserwählte Generation                                    

   

Predigt von Pfarrer Wolfgang Rehbein im Januar 1966

Predigt zur Eröffnung der ökumenischen Gebetswoche

Ihr aber seid die auserwählte Generation, das königliche Priestertum, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Die ihr weiland nicht ein Volk waret, nun aber Gottes Volk seid und weiland nicht in Gnaden waret, nun aber in Gnaden seid. Liebe Brüder, ich ermahne euch als die Fremdlinge und Pilger: Enthaltet euch von allen fleischlichen Lüsten, welche wider die Seele streiten und führet einen guten Wandel unter den Heiden, auf dass die, so von euch nachreden als von Übeltätern, eure guten Werke sehen und Gott preisen, wenn es nun an den Tag kommen wird.

(1. Petrus 2, 9-12)

Ihr aber! Sind Christen etwas Besonderes unter den Menschen? Ehrlich gesagt, ich habe etwas Angst vor diesem Text. Es ist leicht, etwas im Brustton der Überzeugung zu behaupten. Aber wer wird uns glauben, wenn wir von uns sagen, dass wir etwas Besonderes sind. Die Argumente gegen allen christlichen Stolz haben unsere Zeitgenossen, die nicht zu uns gehören, schnell beisammen. »Ihr Christen habt der Welt nicht so übermäßig viel Gutes gebracht: Krieg, Unterdrückung des Andersdenkenden, Unaufrichtigkeit und Bruderzwist, das sind Werke, die ins Auge fallen, wenn man in der Kirchengeschichte blättert.«

Wenn Papst Paul VI. bei dem ökumenischen Gottesdienst in Rom die Bitte um Verzeihung wegen der Schuld seiner Kirche an den Brüdern in Christo neulich wiederholt hat, dann ist es für uns heute angebracht, ein gemeinsames Bekenntnis der Schuld aller christlichen Kirchen an den Heiden auszusprechen. Ob katholisch oder evangelisch, die Heiden haben nicht allzu viel von den Tugenden Gottes an uns gesehen. Nur viel Menschliches - Allzumenschliches.

Aber dürfen wir den Apostel Petrus wegen seiner Worte kritisieren?

1. Ihr seid die auserwählte Generation

Ich muss mich entschuldigen, dass ich mit meiner Übersetzung noch über Petrus hinausgegangen bin. Eigentlich heißt es nämlich nicht »Generation«, sondern »Geschlecht«, also »Volk«, »Gemeinschaft«, »Art«. Es sind sicher nicht nur wir heute damit gemeint, sondern ebenso alle, die vor uns lebten und die nach uns kommen werden. Doch wer wollte bestreiten, dass unsere Generation einen besonderen Auftrag hat! Weder der Respekt vor dem Glauben der Vorfahren - der manchmal allerdings fatale Ähnlichkeit hatte mit konfessioneller Verbissenheit - noch die Resignation vor der Andersartigkeit unserer Nachkommen, die vielleicht viele unserer Erkenntnisse und Erfahrungen verwerfen werden, entbindet uns davon, unser besonderes Werk heute zu tun. Wir sind die auserwählte Generation, die Menschen, die Gott sich aus den verschiedensten Kirchen beruft, den Weg zur möglichen Einheit zu suchen, und an Stelle aller theologischen Differenzen in die Mitte alles Denkens, Redens und Handelns wieder das Kreuz Christi zu stellen. Die Botschaft von dem Herrn, der sich erniedrigt, die Gemeinschaft mit dem Heiland, der am Kreuz verblutet, ist der einzige Anstoß, den wir der Welt geben müssen. Die Fragen unserer Verschiedenheit haben wir untereinander abzumachen - es wird sich zeigen, ob sie unüberbrückbar sind, wenn wir nur einig sind darin, dass wir auserwählt sind, Boten Jesu Christi zu sein. Wahrhaftig, wir sind eine auserwählte Generation, dass dies durch Gottes Güte und Gnade in allen Kirchen zu dämmern beginnt und dass so viel mutige Schritte aufeinander zu getan werden, wie in unserer Zeit.

Und auch darin sind wir uns in beiden Kirchen immer einiger geworden, dass der Auftrag zur Verkündigung der Wahrheit und Liebe Gottes nicht nur eine Sache der ordinierten oder geweihten Theologen ist. Nicht nur wir hier vorne im geistlichen Gewand - nein ihr, die so genannten Laien - die doch in vielen Dingen die wahren Fachleute sind - seid mit uns das königliche Priestertum. Ich weiß, dass ich diese kühne Behauptung auch im Sinne meiner katholischen Amtsbrüder machen darf. Umgekehrt: Auch in der evangelischen Kirche ist ja durch den Grundsatz vom allgemeinen Priestertum der besondere Dienst des Pfarrers nicht entwertet oder entbehrlich geworden. Nehmen wir darum als erstes dieses Wort des Apostels als einen starken Zuspruch, der uns Mut macht, unsere Würde und unseren Auftrag zu erkennen. Gott hat etwas mit uns - gerade mit uns Menschen des 20. Jahrhunderts - vor. Ihr aber seid die auserwählte Generation!

Es ist eine Gnade, heute zu leben, und das Wachsen des ökumenischen Geistes zu erleben - und die anderen als Brüder zu erkennen.

2. Christen müssen weltfremd sein

Ich weiß, dass wir alle miteinander stolz darauf sind, dass die Kirche heute so modern ist. Unsere Presse kann sich sehen lassen, Rundfunk und Fernsehen haben wir zur Verfügung. Und bald wird niemand mehr glauben, dass Ungeschicklichkeit in handwerklichen und technischen Dingen die wichtigste Voraussetzung sei für die Berufung zum Pfarrer. Nein, wir sind modern, wir bringen Jazzmusik im Gottesdienst und stellen die Avantgarde unter den Künstlern in unseren Dienst, wenn es darum geht, unsere Gotteshäuser zu renovieren oder zu bauen. Wir sind sozusagen hoffähig geworden. Und das ist es eben. In all unserer Modernität wird allzu leicht die völlige Andersartigkeit des Evangeliums übersehen. Wir geraten mit unserem kirchlichen Dienst zu selten an einen Punkt, wo wir NEIN sagen zu dem, was man denkt und tut. Modernität und Konformismus liegen meist gefährlich nah beieinander. Und es tut gut und ist notwendig, dass immer wieder einmal in einer praktischen Entscheidung deutlich wird, dass wir zwar in der Welt leben, aber nicht einfach die Gesetze der Welt für uns gelten. Welt heißt der autonome Mensch, der ohne Gott leben will, ohne Gott oder sogar gegen ihn. Fremdlinge, Ausländer, Menschen unterwegs, das sind die Kennzeichen einer modernen Kirche, die wieder Mut hat anders zu sein, als man ist, anders zu handeln als man tut.

3. Die Predigt des Lebens

Guter Wandel, gute Werke gehören zum Christen leben. Die Reformatoren hatten eine starke Abneigung gegen alle guten Werke, die die Menschen Gott vorhalten, um damit die Gnade zu erzwingen. Inzwischen sind wir uns darin wohl weitgehend einig unter den Konfessionen, dass Gott sich so nicht zwingen lässt. Aber auch wir Evangelischen sollten mutiger zugeben, dass gute Werke als Frucht des Glaubens zum Christenleben gehören. Die modernen Heiden wollen keine Proklamationen von uns hören, Dogmatik interessiert sie nicht so sehr, sondern was wir tun. Der Kampf gegen den Hunger ist eine solche Predigt der Tat. Der Einsatz für den Frieden gehört dazu, und die Bemühung um die Verständigung unter den Völkern. Es gereicht uns zur Ehre, dass beispielsweise in Deutschland die evangelischen Bischöfe in einem ähnlich starken Feuer der Kritik stehen wegen der Bemühung um eine friedliche Lösung der deutsch-polnischen Fragen, wie die katholischen Bischöfe Polens wegen ihres Versöhnungswortes an ihre deutschen Amtsbrüder.

Das ist übrigens auch eine Form von Weltfremdheit, wie ich sie meine, wenn die Kirche ohne Rücksichten das Unpopuläre sagt und Vorurteile und Verbissenheit in überholte Standpunkte nicht mehr anerkennt.

4. Gelebter Glaube und praktizierte Versöhnung wirken ansteckend

Dass die Heiden Gott preisen, das ist das Ziel alles kirchlichen Handelns. Dass sie Lust dazu bekommen, weil sie unseren Glauben und unsere Liebe sehen, dazu hat Gott uns auserwählt. Dazu brauchen wir keine organisatorischen und propagandistischen Tricks, sondern nur eins: Glauben, den Christus schenkt, Liebe, zu der er frei macht, Einigkeit, die aus der völligen Bindung an ihn kommt. Wenn man
uns, der auserwählten Generation, auf den Grund alles Handelns und Wirkens schaut, dann soll als Ursache und Mitte unseres Lebens die empfangene Gnade sichtbar werden. Wir werden gar nichts fertig bringen, auch nicht das Werk der Einigung, aber Christus in uns, unter dessen Anruf wir stehen, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.

Pfarrer Wolfgang Rehbein

 

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Stand: 04. Juni 2010