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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 20. August 2006Liebe Gemeinde, als Jugendlicher sagte unser Pfarrer mir einmal einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis blieb. Er sagte: "Die Bibel ist nicht nur für Einzelpersonen geschrieben, sondern immer auch für eine Gruppe." Die beiden wichtigsten Gruppen, für die die Bibel geschrieben ist, das ist einmal das Volk Israel und auf der anderen Seite die Kirche. Darum möchte ich heute und in den nächsten beiden Gottesdiensten einmal das Buch Ruth in Hinblick auf Israel und Kirche auslegen. So, als wäre es nicht für Einzelpersonen geschrieben, sondern für uns als Gruppe. 1-2 Zu der Zeit, als das Volk Israel von Männern geführt wurde, die man «Richter» nannte, brach im Land eine Hungersnot aus. Darum verließ ein Mann namens Elimelech von der Sippe Efrat die Stadt Bethlehem in Juda, wo er gewohnt hatte. Er ging mit seiner Frau Noomi und seinen beiden Söhnen Machlon und Kiljon ins Land Moab und ließ sich dort nieder. Die Zeit der Richter ist eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte Israels. Denn in der Zeit der Richter taten die Israeliten was sie wollten, ohne groß nach Gott zu fragen. Darum schien Israel sein verheißenes Land langsam wieder zu verlieren. Gott hatte vorhergesagt, dass das Volk unter Hungerkatastrophen zu leiden hätte, wenn man sich nicht an die Vereinbarungen des Bundes halten würde. Genau das war eingetreten. Der richtige Weg der Israeliten wäre nun gewesen, zu Gott umzukehren und zu sagen: "Gott, wir haben Fehler gemacht, vergib uns und hilf uns wieder neu auf dich zu hören und dir zu gehorchen." Mit dem Buch Ruth richtet die Bibel den Blick nun auf eine Familie, die für das ganze steht. Eleimelech und Naomi wenden sich nicht Gott zu, sondern sie verlassen das erkämpfte und verheißene Land. Damit geben sie zumindest äußerlich ein Stück ihrer Verheißungen und ihres Glaubens auf. Es ist so ähnlich, wie wenn eine Familie ein Haus geschenkt bekommt, es rundherum renoviert, doch nach einer Weile auszieht, um wieder in Miete zu wohnen. Elimelech und Naomie gehen nach Moab steht für weltliches Denken, für Stolz, für "Wir kriegen das alleine hin. Moab war der gefährlichste Feind der Israeliten, weil sie die Israeliten verleiteten Gott untreu zu werden. In diesem Land hofft die Familie Brot zu bekommen. Immer wieder war dies ein Dilemma der Juden, dass sie aus anderen Quellen ihre Orientierung suchten, ja, dass sie so sein wollten wie die anderen Völker, dass sie Gott los werden wollten. Übrigens ist das eine Gefahr, die jedem einzelnen Christenmenschen auch droht. Wird das gut gehen? 3 Doch dann starb Elimelech, und Noomi blieb mit ihren Söhnen allein zurück.
4 Die
beiden heirateten zwei Frauen aus Moab, sie hießen Orpa und Ruth. Nach etwa zehn
Jahren Es ging nicht gut. Elimelech stirbt. Elimelech heißt: Mein Gott ist König. Elimelech drückt mit einem Wort das Programm Israels aus: "Mein Gott ist König" Dieses Programm Israels aber stirbt, wenn es sich von Gott abwendet und bei anderen Göttern oder gar bei Menschen Hilfe sucht. Dann heiraten die Söhne, die Töchter des Landes. Das heißt, sie beginnen dort ihre von Gott bestimmte Identität ganz aufzugeben. Doch auch dies ist nicht von Dauer, die Söhne sterben. Zuletzt steht Noomi alleine. Ohne Schutz, ohne Hilfe, ohne jemanden, der für das tägliche Brot sorgt. Noomi steht für das Volk Israel. Das so oft in seiner Geschichte begann, sich mit den jeweiligen Völkern zu vermischen, doch jedes Mal kam ein dickes Ende. Und das Volk Israel ist verlassener und ärmer als zuvor. Noomi steht für das Volk, das so oft drangsaliert, vertrieben, verfolgt und gequält wurde, für das Volk das verlassen in der Fremde ist. Doch Gott hat sie nicht vergessen. 6-7 Bald darauf erfuhr sie, dass der Herr sich über sein Volk erbarmt und ihm wieder eine gute Ernte geschenkt hatte. Sofort brach sie auf, um in ihre Heimat Juda zurückzukehren. Ihre Schwiegertöchter begleiteten sie. Immer wieder kamen schreckliche Zeiten über die Juden. Aber immer wieder erbarmt sich Gott über sein Volk. Gottes Zorn währt eine kurze Zeit, aber lebenslang seine Gnade. Und Noomi kann zurückkehren. 1948, als der Staat Israel gegründet wurde und als Juden aus aller Welt plötzlich wieder in das Land der Verheißungen, in das Land ihres Glaubens zurückkehren konnten, war eine Zeit, in der Gott sein Volk gnädig heimgesucht hat. Gott hatte es trotz einer riesigen Übermacht seiner Gegner beschützt. Zuerst kamen vor allem Juden aus Westeuropa, dann Flüchtlinge aus den arabischen Ländern, aus dem Süden kamen einige Tausend äthiopische Juden, schließlich ein großer Strom aus der ehemaligen Sowjetunion. Noomi kehrt zurück. Doch sie ist nicht allein. Unterwegs Unterwegs merkt Noomi, dass sie zwei Begleiterinnen dabei hat. Vielleicht schämt sie sich dieser beiden Frauen. Immerhin sind es Moabiterinnen. Die hatten in Israel keinen guten Ruf. Außerdem waren es heidnische Frauen. In ihrer Heimat hatten diese Frauen keinen Platz. Sie hatte keine Hoffnung und Perspektive für sie. Sie würden dort nach ihrer Meinung nie einen Mann bekommen. Auch nach dem Rechtssystem der Schwagerehe wäre es aussichtslos für die jungen Frauen in Israel je zu einer Familie zu kommen. Orpa geht auf Noomi ein. Sie hat viel gutes an der jüdischen Familie getan, aber sie hat nicht den Glauben und die Hoffnung wie ihre Schwägerin Ruth. Sie kehrt um. Immer wieder gibt es Menschen und Gruppen, die sich den Israeliten anschließen wollen. Mohammed wollte beispielsweise den Glauben der Juden für die Araber. Doch seine jüdischen Zeitgenossen konnten und wollten nichts mit ihm zu tun haben und wiesen ihn ab. Darauf wurde er sehr zornig. Zuletzt vertrieb und vernichtete er sie in Medina. Auch Luther sympathisierte anfangs mit den Juden, wurde aber nicht ernst genommen. Darum wurde er sehr zornig und begann die hässlichsten und schlimmsten Dinge über die Juden zu sagen und zu schreiben. Orpa und Ruth weinten. Diese Abweisung tut weh. Doch nur diejenigen, die nicht auf die Abweisung, sondern auf den Gott Israels blicken. Diejenigen, die glauben, können einen Schritt weiter mit Noomi gehen. Die anderen kehren um.
15 Da
forderte Noomi Ruth auf: «Deine Schwägerin kehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott
zurück. Geh doch mit ihr!» Ruth schwört mit diesem Schwur ihrer alten Heimat ab. Sie ist bereit, ganz ihre Heimat, ganz das alte Denken, ganz den alten Stolz abzulegen. Sie ist bereit, Armut und Schande in Kauf zu nehmen, um ihres Glaubens und ihrer Treue willen. Für sie ist Treue und Glauben mehr, als die moabitische Welt. Die treue Ruth ist ein Bild für die glaubende Gemeinde. Für die Menschen, die bereit sind, um ihres Glaubens willen, sich ganz auf den Gott Israels einzulassen, die bereit sind altes abzulegen aus Glauben, dass bei dem Gott Israels Leben ist.
19 Die
beiden machten sich auf den Weg nach Bethlehem. Als sie dort ankamen, ging es
wie ein Lauffeuer durch die Stadt. «Ist das nicht Noomi?» riefen die Frauen. Liebe Gemeinde, Noomi kehrt zurück. Noomi ist das Bild für das geschundene Israel, das in sein Land zurückkehrt und mehr oder weniger den Glauben verloren hat. Und dennoch irgendwie an Gott festhält. Man hört immer wieder den Begriff Holocaust, oder Shoa. Man vergisst dabei oft die Einzelschicksale. Viele der Juden, die dem Terror des dritten Reiches entkommen sind, haben schlimmes erlebt. Sie sind zu einer Mara geworden, die Bitteres erlebt hat. Ich habe einen Augenzeugenbericht gefunden, der diese Verfassung des jüdischen Volkes nach dem zweiten Weltkrieg widerspiegelt. Die SS schien besorgter, beunruhigter als gewöhnlich. Ein Kind vor Tausenden von Zuschauern zu hängen, war keine Kleinigkeit. Der Lagerchef verlas das Urteil. Alle Augen waren auf das Kind gerichtet. Es war aschfahl, aber fast ruhig und biss sich auf die Lippen. Der Schatten des Galgen bedeckte es ganz. Diesmal weigerte sich der Lagerkapo (Häftling, der für "schmutzige Arbeit" Vergünstigungen erhielt), als Henker zu dienen. Drei SS-Männer traten an seine Stelle. Die drei Verurteilten stiegen zusammen auf ihre Stühle. Drei Hälse wurden zu gleicher Zeit in die Schlingen eingeführt. "Es lebe die Freiheit!" riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind schwieg. "Wo ist Gott, wo ist er?" fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager. Am Horizont ging die Sonne unter. "Mützen ab!" brüllte der Lagerchef. Seine Stimme klang heiser. Wir weinten. "Mützen auf!" Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre geschwollenen Zungen hingen bläulich heraus. Aber der dritte Strick hing nicht reglos: der leichte Knabe lebte noch ... Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorüber schritt, seine Zunge war rot, seine Augen noch nicht erloschen. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: "wo ist Gott?" Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: "Wo ist er? Dort – dort hängt er am Galgen ..." An diesem Abend schmeckte die Suppe nach Leichnam. Vers 22: 22 Als Noomi mit ihrer moabitischen Schwiegertochter Ruth nach Bethlehem kam, begann gerade die Gerstenernte. Die Gerstenernte begann mit dem Passahfest. Mir ist dieser Satz wie ein kleiner Hinweis auf Karfreitag. Es ist tatsächlich so. Gott selbst hängt am Galgen. Der König der Juden ist tot. Aufgehängt von Menschen, die voller Hass sind, getötet von Gleichgültigen, von Menschen, die ihre Minderwertigkeitsgefühle an schwächeren rächen wollen. Gerstenernte, ist die Zeit als Jesus starb. Die Zeit in der Gott gestorben ist. Doch der allmächtige Gott ist größer als alle unsere menschlichen Vorstellungen. Er tritt auf die Schattenseite unserer Welt und verwandelt sie in Licht und Leben. Die Gerstenernte beginnt. Neues Leben erwacht. Auch für Noomi. Sie denkt zwar, sie ist völlig verlassen. Doch Noomi ist nicht mehr allein. An ihrer Seite ist Ruth. Dank der Liebe und Treue von Ruth wird Noomi ihren Erlöser kennen lernen. Ebenso kann die Gemeinde durch Liebe, Hingabe und Treue Israel auf ihren König aufmerksam machen und dem Volk zeigen dass er lebt. (Open Doors) – Der gebürtige Jordanier Labib Madanat ist Direktor der Bibelgesellschaft in Palästina. Er kämpft gegen die Hasskultur und erinnert daran, dass der Kampf der Kirche in seinem Land anders ist als außerhalb: "In Palästina ist es so einfach zu hassen. Es gehört zum Alltag. Auch ich bin versucht zu hassen, aber ich weigere mich, mich hineinziehen zu lassen. Wenn ich solche Gedanken in mir zulasse, ohne sie unter Jesu Kreuz zu bringen, nehmen sie mich gefangen. Also versuche ich, mich in die Lage der Juden zu versetzen, was nicht einfach ist, denn als Araber empfinde ich natürliche Sympathie für die Libanesen und die Bewohner Gazas. Aber ich will das Leid der Juden teilen, weil sie ein von Gott geliebtes Volk sind, wie auch ich und meine Nation. Ich will den Schmerz derer tragen, die die Welt als meine Feinde sieht. Die Kirche darf sich nicht durch diese Zweiteilung des Landes anstecken lassen. Sie ist Botschafterin der Gnade Gottes und muss über diesen Spannungen stehen. Obschon die Spannungen Leiden verursachen können, müssen wir Christen versuchen, so wie Jesus Christus zu leben." Labib Madanat bittet um Gebet:
Amen. |
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