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Der Hirtendienst                                    

   

Predigt von Pfarrer Bernhard Rolffs am 22. April 2007

Predigttext : Johannes 21, Vers 15 – 19

KS: Jesus Christus begnadigt, beauftragt und bevollmächtigt seine Jünger als Hirten seiner Gemeinde

  1. Jesus, der unvergleichliche Seelsorger
  2. Jesus, der vollmächtige Auftraggeber
  3. Jesus, der alleinige große Hirte seiner Gemeinde.

Liebe Gemeinde,

das Nachtragskapitel 21 des Johannes-Evangeliums lässt uns in tief bewegender Weise teilhaben an der 3. Begegnung des Auferstandenen mit den vom Karfreitagsschock noch wie gelähmten Jüngern am See Genezareth. Die hier versammelten 7 Jünger sind dabei, sich in ihr normales Berufs- und Alltagsleben als Fischer zurückzutasten. Schweigend und bedrückt machen sie sich an ihren Booten und Netzen zu schaffen, fahren auf den See hinaus und werfen ihre Netze aus. Zum Ufer zurückblickend sehen sie dort eine ihnen bekannte Gestalt. Petrus erkennt sie zuerst und sagt zu den andern: "Es ist der Herr!" Kaum gesagt, legt er seine Kleider ab und stürzt sich ins Wasser, um voller Freude Jesus am Ufer zu begrüßen. In der Wiedersehensfreude setzen sich dann die Jünger mit Jesus zusammen um’s Feuer zum gemeinsamen Mahl und essen.

Und nun beschreibt unser Textabschnitt in den Versen 15–19 wie Jesus einen Jünger zu einem ganz persönlichen Gespräch beiseite nimmt. Eine der wenigen Stellen im NT, wo wir Jesus im persönlichen Einzelgespräch mit einem Jünger nacherleben und zwar als

  1. den unvergleichlichen Seelsorger
  2. den vollmächtigen Auftraggeber
  3. den alleinigen großen Hirten seiner Gemeinde.

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. 19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Gemeinde, wir werden hier sozusagen Mithörer des Beichtgespräches, das Jesus mit Simon Petrus führt. So unerwartet und überraschend wie Jesus als Auferstandener seinen Jüngern erschienen ist, so unvermittelt direkt wendet er sich hier an seinen aktivsten Jünger mit der gezielten persönlichen Frage:

"Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?"

Schon in der Anrede ohne den Beinamen ‚Petrus’ (Fels) spürt Simon im Tiefsten den Stachel des Gewissens, den Jesu Frage in sich birgt. Schon die Frage selbst, - speziell aber nach der Mehr-Liebe im Vergleich zu seinen Mitjüngern muss es Simon wie ein tief verletzender Stich in seinem überzeugten Selbstbewusstsein angerührt haben.

Wie kann Jesus, sein Herr und Meister, zu dem er sich doch als Sohn Gottes persönlich offen bekannt hatte, den Kern und Nerv seiner Beziehung zu ihm so hinterfragen und in Zweifel ziehen? Darum klingt die Antwort des Simon fast einwenig erstaunt und beleidigt: "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!"

Dabei gebraucht Simon in seiner Antwort nicht dasselbe Wort für ‚lieben’ (agapan), das Jesus in seiner Frage an ihn gebraucht hat, sondern das Wort ‚gern haben’ (pfilein). Nach der lebendigen, echten Liebesbeziehung zu seinem Herrn befragt, erkennt Simon augenblicklich die so vielfältigen Abstufungen und unterschiedliche Schattierungsbreite seiner Liebeskraft. Ihm wird bewusst, dass seine Liebe zu Jesus mehr ein ‚gern haben’ als eine tiefe Liebe zu ihm war.

Liebe Gemeinde, Liebe ist eben nicht gleich Liebe! Das Liebesgefühl in uns hat so viele Abstufungen und Schattierungen, die wir uns meist erst ehrlicherweise bewusst machen müssen – und zwar immer wieder neu -, denn unsere vielfältigen Beziehungen untereinander sind von den oszillierenden Bewegungen unseres schwankenden Liebesgefühles bestimmt und eben nicht fest gestanzt. Das gilt es auch für unsere vielfältigen Glaubensbeziehungen zu erkennen! Denn unversehens im hinhörenden Mithören trifft auch uns Jesu Frage nach unserer Liebe zu ihm: ‚liebst du mich mehr als…?’ Sie rührt wohl bei uns allen an die persönlichste, empfindsamste und verborgenste Stelle unseres Herzens. Bei jedem von uns sind da äußerste Diskretion und Feinfühligkeit erwünscht und geboten! Alle Nachfragen nach unseren Meinungen über Jesus von Nazareth empfinden wir da geradezu als harmlos gegenüber der Frage nach unserer Liebe zu ihm!

Wer es wagt, diesen "Gefühlsbereich" unseres Herzens zu erfragen oder gar zu hinterfragen, sollte das mit großem Feingefühl und Respekt tun, wenn er eine offene, wahrhaftige Antwort erwartet. Denn allermeist verbirgt sich die letzte Tiefe unseres Herzens hinter den vielfältigen "Liebesgefühlen" wie wir sie erkennen, wenn wir sagen, dass wir jemanden ‚schätzen, mögen, gern-haben, nett oder sympathisch finden! Erst im geschützten Bereich eines ganzen Vertrauens öffnet sich unser Herz zu einem wirklichen Liebesgeständnis.

Ebenso wichtig aber ist für uns die Erkenntnis, dass es oft eines längeren Klärungs- und Reifungsprozesses bedarf, bis unser Herz im tausendfältigen Angebot von Natur, Kultur und menschlichen Beziehungen das wahrhaft Liebenswerte für sich erkennt. Darum muss an uns immer neu die Frage gestellt werden: ‚Was, wen liebst du mehr? Wo ist der Erkenntnisprozess deiner Liebe angekommen?’

Das ist der Hintergrund für Jesu entwaffnende Frage an Simon: Jesus, der unvergleichliche Seelsorger, weiß um den tief verborgenen Wachstums- und Veränderungsprozess unserer Liebe und fragt darum tastend und prüfend immer neu: "Liebst du mich? – liebst du mich mehr als.. .?" - Dreimal richtet er seine Beichtfrage an Simon, so als habe er dessen erste Antwort gar nicht gehört, - als könne er diese Antwort nicht ernst nehmen. – Spätestens jetzt ahnt und begreift Simon, worauf die seelsorgerliche Absicht Jesu abzielt: Simon soll seine Liebeserklärung im Licht seiner Vergangenheit noch einmal überdenken. Die 3. Frage Jesu erinnert ihn dann auch an die dreimalige Verleugnung seines Herrn und Meisters im Palasthof des Hohen Priesters.

Ohne eine Spur von Aufbegehren oder Selbstrechtfertigung klingt nur die große Traurigkeit und tiefe Beschämung aus seiner erneuten Antwort: "Herr, du weißt alles, du merkst ja, dass ich dich (dennoch) lieb habe!" Darin liegt das ganze Beichtbekenntnis des Simon: sein Eingeständnis der 3-fachen Verleugnung Jesu, seiner tiefen Liebesarmut gegenüber seinem Herrn und Meister - zugleich aber sein ganzes Vertrauen zu Jesus. Mit diesem Bekenntnis seiner Schwachheit, Sünde und Schuld, die Jesus hier nicht noch einmal beim Namen nennt, erfährt Simon Jesu vollmächtige Vergebung, indem er ihn in seinen Hirtendienst für seine Gemeinde einstellt.

Für Simon die Stunde der Wahrheit und der Gnade zugleich, - eine geistliche Sternstunde in seinem Leben. In ihr erweist sich Jesus als der vollmächtige Auftraggeber für seine Gemeinde, indem er solch schwache und durchaus fehlerhafte Jünger mit dem Hirtenamt verantwortlicher Gemeindeleitung in seiner weltweiten Herde betraut.

Durch die ganze Geschichte der Kirche Jesu Christi hindurch lässt sich diese Begnadigung zum Dienst des Hirtenamtes wie ein roter Faden verfolgen. Namen wie der Kirchenvater Augustinus, Franz v. Assissi, Martin Luther, Mutter Theresa, v. Bodelschwingh und zahllose andere Zeugen des Glaubens stehen für diese gnädige Berufung zum Hirtenamt in der Gemeinde Jesu.

Entscheidend für solche Berufungen und Beauftragungen ist also nicht eine makellose Lebensführung, sondern die persönliche Verbindung der Liebe mit Jesus Christus. Alle anderen Gaben und Fähigkeiten sind durchaus beachtenswerte und hilfreiche Zugaben, die aber die liebende Hinwendung und Hingabe an Jesus nicht ersetzen können und dürfen.

Liebe Gemeinde, für Simon werden sich nicht nur Jesu 3-fache Frage nach seiner Liebe zu Ihm, - nicht nur die 3-fache Verleugnung seines Herrn, sondern ebenso die 3-fache Einweisung in den Hirtendienst der Gemeinde Jesu tief in seine Seele eingegraben haben. Er konnte einfach die 3-fache Betonung der Worte Jesu nicht überhören: "weide meine Lämmer, hüte meine Schafe, pflege meine Herde", d.h. Gemeinde und Kirchen Jesu Christi können und dürfen nicht übersehen, dass aller Dienst und alle Leitung in der Gemeinde nur stellvertretend für Jesus geschieht, - dass jedes Gemeindeglied ein Eigentum Jesu Christi ist und bleibt.

Das allein begründet sowohl das Ansehen wie auch die Verantwortung des Hirtendienstes in Jesu Gemeinde. Aber das allein ist auch der Schutz vor allem Missbrauch des geistlichen Amtes, das immer wieder zum Herrschen und zur Selbstdarstellung in der Kirche verlockt hat.

Wir haben aus der atl. Lesung des Hesekiel (Kap. 34) gehört, welch harte Kritik der Prophet im Auftrag Gottes an dem Missbrauch des Hirtenamtes übt. Er hat den falschen Hirten, die nur sich selbst "weiden", den Entzug ihrer ‚Weidelizenz’ als Gericht Gottes angesagt. "Ich will meine Schafe von ihnen fordern. Siehe, ich selbst will nach meinen Schafen fragen und nach ihnen sehen!" spricht Gott, der Herr.

Liebe Gemeinde, genau diese göttliche Verheißung und Glaubensgewissheit des Alten Bundes hat Jesus in seiner Person verwirklicht und bewahrheitet. Er nimmt als der "große Hirte des neuen Bundes" mit letzter Autorität und Vollmacht Gottes Zusage für sich in Anspruch: "Ich bin der gute Hirte, - ich bin die Tür zu den Schafen, - ich bin gekommen, damit sie Leben und reiche Fülle haben, - ja, ich lasse als der gute Hirte mein Leben für die Schafe, die mir mein Vater gegeben hat!

Darum ist und bleibt alle Beauftragung zum Hirten- und Leitungsamt in der Gemeinde Jesu allein an seinem Vorbild orientiert und nur an ihm zu messen; - an keinem Kirchenfürsten, ob Präses, Bischof oder Papst. Allein Jesu Wort, Geist und Name gewährleisten für unsere Gemeinde fruchtbare Weide, verantwortliche Führung und liebevolle Pflege an "Haupt und Gliedern", denn ER ist und bleibt der alleinige "große Hirte" seiner Schafe!

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010