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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 2. Juni 2002
Der Predigtext für den heutigen Sonntag steht in 5. Mose 6,4. Dort heißt es:
Höre Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den
Herrn Deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner
Kraft.
Liebe Gemeinde,
Ich hatte mal folgende Geschichte gehört: Es war ein reicher
Mann. Der wollte sich einen Spaß erlauben, zog sich die Lumpen eines Bettlers an
und füllte einen alten Schlapphut mit Goldstücken und setzte sich damit an eine
belebte Straße in einer Fußgängerzone und rief den Leuten, die vorübergingen zu:
„Das ist Gold, ich schenke es Euch!“.
Was meinen Sie, wie die Leute reagierten?
Die meisten gingen achtlos vorüber; andere warfen ohne
zuzuhören einen Groschen in den Hut, manche sogar ärgerten sich und beschimpften
ihn, weil sie meinten, er würde sie vergackeiern. Nur ein kleines Mädchen blieb
stehen, fragte nach, ob sie die Goldstücke wirklich haben könnte und nahm sich
ein paar mit nach Hause. Sie wurde reich beschenkt.
Die meisten Leute reagierten so, weil sie einen alten Bettler
vor Augen hatten. Sie sahen: Da ist ein zerlumpter Mann und darum glaubten sie
ihm kein Wort. Das Mädchen dagegen achtete nicht auf das, was sie sah, glaubte
dafür dem Wort des vermeintlichen Bettlers und weil sie hörte und darauf
vertraute, wurde sie reich.
Ähnlich ist es mit unserem Bibelwort.
Höre Israel, der Herr ist euer Gott, der Herr allein.
Viele sagen: Gott kann ich nicht sehen, nicht spüren. Also
glaube ich kein Wort von dem, was in der Bibel steht, also glaube ich auch
nicht, dass er mein Gott ist und gehen deshalb achtlos an ihm vorüber.
Bevor wir Gott erleben, bevor wir so richtig erleben, wie
großartig er ist, müssen wir erst einmal hören und darauf vertrauen, dass dieser
unsichtbare Gott – der lebendige und einzige Gott ist. Mein Gott ist der, zu dem
ich mit allem, mit meinen Freuden und Ängsten, mit meinen Sorgen und Nöten, mit
allem zu ihm kommen kann.
Wer nicht auf das Wort hört, der geht achtlos an diesem Gott vorüber, denn
Menschen haben in der Regel keinen Blick für seine Wirklichkeit und
Herrlichkeit. Ähnlich, wie die Menschen dem Bettler an der Straße nie geglaubt
hätten, dass er reich ist.
Als Mose diese Worte sagte, saßen die Israeliten am Rand der Wüste und blickten
hinüber ins fruchtbare, schöne Land Kanaan. Vor Augen hatten sie, wie dort die
Leute Baal den Gott der Fruchtbarkeit anbeteten.
Diesen Gott gibt es auch bei uns heute noch. Er hat nur
andere Namen: Wirtschaftswachstums, Wohlstand, Reichtum. Und ofensichtlich
scheint dieser Baal, dieser Gott bis heute Menschen in seinen Bann zu ziehen.
Denn er verspricht Leben in Hülle und Fülle. Und diejenigen, die er segnet,
denen scheint es auch wirklich gut zu gehen.
Vor Augen sieht es vielleicht so aus, als könnte Reichtum und
Geld meine innere Leere füllen. Aber wer auf die Stimme des unsichtbaren Gottes
hört, der weiß: Diese Leere kann nur Gott füllen. Wer das Geld anbetet, wird
davon nie genug bekommen. Er wird furchtbare Opfer abverlangen – Familie,
Gesundheit, vielleicht sogar Kinder – aber er wird nie die Sehnsucht der Seele
stillen.
Die Israel sahen auch, wie die Leute Astarte anbeteten. Astarte war eine Göttin
des Vergnügens, der sexuellen Ausschweifung. Rauschende Feste feierten die
Kanaaniter in ihrem Namen. Und es schien den Kanaanitern wirklich viel zu geben.
Diese Göttin wird heute auch verehrt. Heute hat sie vielleicht den Namen: Life
Style, Fun for ever, Erlebnisgesellschaft. Und es sieht so aus, als würden die
vielen Vergnügungen, die unsere moderne elektronische Gesellschaft uns bietet
wirklich uns innerlich ausfüllen – sonst wären die Menschen ja nicht so scharf
darauf.
Höre Israel – diese Göttin wird Dich niemals ausfüllen – im
Gegenteil, sie wird Dich innerlich leer machen. Sie wird dich zu Tode amüsieren
lassen. Wahres Leben schenkt nur der eine unsichtbare Gott Israels, der mit
seinem Volk durch dick und dünn geht.
Die Israeliten hatten auch den Gott Kemosch vor Augen. Ein Gott der Moabiter.
Dieser Gott versprach Macht und Einfluss. Ehre und Sieg im Krieg. Dieser Gott
gibt es auch heute noch. Es ist das Prinzip: Die Starken, die, die was bringen,
sollen überleben, die Schwachen und diejenigen, die keinen Nutzen mehr bringen,
haben kein Recht zu leben. Alles muss einen bestimmten Zweck erfüllen, alles
muss nützlich sein. Dieser Gott verspricht die Fülle der Macht und Schönheit,
aber er ist ein sehr grausamer Gott. Er verlangt letztlich den Tod von allem
Schwachen. Den Tod von Alten und Kranken, er verlangt die Selektion von Föten,
er verlangt das Funktionieren von der Wiege bis zur Bahre.
Aber liebe Gemeinde, wer funktioniert denn richtig? Wer ist
denn unter uns ein Supermann oder eine Superfrau?
Höre Israel – Höre Gemeinde Gottes – das alles sind nicht unsere Götter. Sie
werden uns versklaven und kaputtmachen.
Höre Israel, es gibt nur einen einzigen wahren Gott. Dieser
Gott ist barmherzig, der unendlich geduldig und ausdauernd mit uns Menschen ist,
der heilig und gerecht ist aber der voller Huld, voller Güte und Liebe zu uns
Menschen ist. Er geht mit Dir durch die Wüste und er führt dich in fruchtbares
Land und er formt Dich, dass Du nicht kaputt gehst, sondern ein Mensch des
Segens und der Liebe wirst.
Höre Israel, geh nicht vorüber, sondern vertrau auf diese
Stimme.
Am Freitag habe ich mich mit Benni Bejan unterhalten. Er erzählte mir aus seinem
Leben. Er stammt aus dem Iran. Als junger Erwachsener musste er in den Krieg
gegen den Irak ziehen. Er erschoss ungewollt wehrlose Menschen. Zwei Frauen und
deren Kinder. Damit wurde er nicht fertig. Immer wieder hatte er diese Menschen
vor Augen. Er versuchte sich mit Drogen zu betäuben. Aber kaum konnte er wieder
klar denken, tauchte seine Schuld wieder auf. Er wurde schwer verwundet, dann
floh er in die Türkei, wo man ihn in ein Gefängnis steckte und furchtbar
misshandelte. Man schlug ihm jeden Tag das Gesicht blutig.
Unter der Bedingung, im Golfkrieg mitzukämpfen, kam er frei. Dort musste er
wieder kämpfen. Wieder all das Leid mit ansehen, wieder Menschen töten. Er
sagte: all die Soldaten seien mit Drogen voll gepumpt, weil sie mit dem Krieg
nicht fertig werden. Man muss darin zur Maschine werden. Und er fluchte Gott,
dass es so etwas gibt.
Dabei sind gerade diese Kriege, die er erlebte die Kehrseite unserer Geldsucht
und Vergnügungssucht und unserer Aufrüstung.
Am Ende des Krieges durfte er nach Deutschland einreisen. Die Drogen zerstörten
ihn aber mehr und mehr. Er landete im Gefängnis.
Doch irgendwann, als er ganz unten war und nichts mehr zu verlieren hatte, sagte
er sich: „Jetzt versuch ich es doch mal mit Gott.“
Er sagte ungefähr folgendes: 10 Jahre lang wollte ich immer erst sehen und dann
vertrauen. Doch dann begann ich zu vertrauen, ohne zu sehen und dann konnte ich
die große Liebe Gottes und seine Macht spüren.
Und er hat mir so viel Gutes getan, er hat mir meine Sünden vergeben, er hat
mich frei gemacht, er hat mir ein neues Leben geschenkt. Das kann nur Gott.
Liebe Gemeinde – so langmütig ist Gott, so stark, dass er mit der Last der
Schuld fertig wird, so liebevoll, dass er einem Menschen eine neue Chance gibt.
Höre Israel, er allein ist Gott. Jeder tut gut daran, ihm zu vertrauen.
Der zweite Teil des israelitischen Glaubensbekenntnisses heißt:
Du sollst Gott
deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner
Kraft.
Das wird als Antwort von uns Menschen verlangt.
Benni Beijan sagte zu mir:
Gott hat mir so viel Gutes getan, er hat mich so froh gemacht, jetzt will ich
ihm auch alles geben.
Liebe Gemeinde, das ist die Folge, wenn man den Versprechen Gottes glaubt. Man
beginnt ihn zu lieben.
Es fängt im Herzen an. Das Herz ist das Zentrum des ich’s. Dort wo meine
Gefühle, mein Charakter, mein Wesen, mein Wille verankert und zuhause ist.
In dieses Herz lade ich Gott ein. Das sollte man immer wieder tun, denn hin und
wieder passiert es auch, dass man Gott wieder aus dem Herzen hinaus gebeten hat,
weil man lieber mit sich allein bleiben wollte. Immer wieder sollte man ihn
bitten: Bitte Herr, fülle mich mit deinem Heiligen Geist – bis in die tiefsten
Tiefen meines Herzens.
Ihn zu lieben, heißt sich ihm hingeben. Ihm das Herz schenken, das heißt, dass
nicht mehr ich im Mittelpunkt stehe, sondern ER – sein Name werde geheiligt,
nicht der meine.
Nicht mehr meine Belange haben Priorität, sondern SEINE Belange – sein Reich
komme, nicht das meine.
Nicht mehr mein Wille muss durchgesetzt werden, sondern sein Wille geschehe.
Das muss ein Christenleben hindurch durchbuchstabiert werden.
Die Liebe zu Gott soll auch ihren Ausdruck in der Seele finden. Der Begriff der
im hebräischen für Seele steht, ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. Es
kann Kehle, es kann Lebensodem, es kann Blutstrom bedeuten. Jeder Atemzug soll
praktisch mit Liebe gefüllt sein, jede Bewegung sollte aus der Liebe zu Gott
geschehen.
Und wir sollen Gott lieben mit ganzer Kraft. Jeder Mensch hat ja ein gewisses
Potential. Er hat Gaben, er hat Bildung, er hat Zeit, er hat Geld. Jeder hat das
Zeugs in sich irgendetwas tolles zu leisten. Gott zu lieben mit der ganzen
Kraft, das heißt, dass ich meine ganze Energie, meine ganze Power einsetze, um
ihm Freude zu bereiten, um ihn zu ehren.
Liebe Gemeinde, das ist das höchste Gebot. Gott zu lieben mit dem ganzen
ungeteilten Herzen, mit meinem ganzen Leben und mit meinem ganzen Potential. Das ist die Antwort darauf, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott alleine unser
Gott ist.
Amen
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