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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 24. Mai 1998,
Jugendgottesdienst
Markus 10, 46-52
Jesus und seine Jünger kamen nach Jericho. Und als er aus
Jericho wegging, er und seine Jünger und eine große Menge, da saß ein blinder
Bettler am Wege. Bartimäus, der Sohn des Timäus. Und als er hörte, dass es Jesus
von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids,
erbarme dich meiner! Und viele fuhren ihn an, er solle stillschweigen. Er aber
schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids erbarme dich meiner! Und Jesus blieb
stehen und sprach: „Ruft ihn her!“ Und sie riefen den Blinden und sprachen zu
ihm: „Sei getrost, steh auf, er ruft dich!“ Da warf er seinen Mantel von sich,
sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Was willst
du, dass ich für dich tun soll?“ Der Blinde sprach zu ihm: „Rabbuni, dass ich
sehend werde.“ Jesus aber sprach zu ihm: „Geh hin, dein Glaube hat dir
geholfen.“ Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach auf dem Wege.
Da sitzt er, der blinde Bettler Bartimäus. Kaum ein Mensch beachtet ihn.
Vielleicht wirft ein gutgelaunter Handelsreisender mal einen Groschen in seinen
Hut, oder ein mildtätiger Pilger, der von Jerusalem heimkehrt hat Mitleid mit
ihm. Niemand schert sich um ihn, denn Bartimäus ist ein nutzloser Mensch. Er
kann als Blinder nicht arbeiten. Beim Hämmern würde er den Nagel nicht auf den
Kopf treffen, beim Kochen würde er sich schon beim Feuermachen die Finger
verbrennen, beim Handeln könnte ihn jeder übers Ohr hauen. Der Blinde kann weder
auf Schafe noch auf Kinder aufpassen, kann weder lesen, schreiben, noch rechnen,
er kann nicht nähen, flicken. Im Garten würde er die guten Pflänzchen zusammen
mit dem Unkraut jäten, und beim Wasserholen würde er über einen Stein stolpern,
das Wasser verschütten und den Krug zerbrechen. Der Blinde ist total auf andere
Menschen angewiesen. Er kann überhaupt nichts bieten. Er ist der Bettler
schlechthin. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als am Straßenrand zu
sitzen und die Hand auszustrecken nach milden Gaben.
Doch eines kann Bartimäus gut. Er kann hören. Er lauscht den ganzen Tag, was die
vorüber ziehenden Leute sich alles so erzählen. So erfährt er immer die
allerneuesten Nachrichten. Kürzlich hörte er zum Beispiel, dass da ein Mann aus
Nazareth ein paar tausend Leute mit nur sieben Broten satt gemacht hatte,
unglaublich – aber gleich mehrere Leute haben davon erzählt. Vor ein paar Tagen
kam einer daher gehüpft. Er machte immer wieder Luftsprünge vor Freude, dass er
gehen kann, er war nämlich lahm gewesen und Jesus hätte ihn geheilt. Bartimäus
hört davon, dass verrückte Leute nach einem Gespräch mit Jesus wieder völlig
normal waren. Er hört auch davon, dass seine Anhänger ihn für den verheißenen
König Israels hielten, dass sie sich bereits um die Ministerposten stritten.
Da kommt Bartimäus zu dem Schluss: Die vielen Menschen, die an mir vorbeigehen.
Sie können mir mal ein Stück Brot geben, vielleicht auch einmal eine großzügige
Spende, dass ich eine Woche davon leben kann. Aber richtig helfen, dass mir
wirklich geholfen ist, - für immer – das kann nur einer: Das kann nur der
Messias. Der versprochene König Israels, der das Reich Gottes errichten würde,
in dem es keine Gebrechen mehr gibt. Das kann nur der große Sohn Davids.
Bartimäus weiß: Ich als Bettler kann überhaupt nichts bieten,
kann nichts leisten, kann nur meine Hand auftun – aber der große König Gottes,
der kann alles. Und er kann mich reich machen. Wenn ER hier vorbeikommt, dann
kann er auch mich gesund machen.
Eines Tages ist unglaublich viel los auf der Straße. Ganze
Scharen von Menschen strömen in die Stadt, weil Jesus da sei. Die Menschen sind
ganz aufgeregt . Man erzählt sich von neuesten Ereignissen: Jesus sei bei einem
alten Halunken, bei dem Zöllner Zachäus, zum Essen eingeladen. Außerdem wolle
Jesus nach Jerusalem hinaufziehen. Das kann doch nur bedeuten, dass er dort zum
König gekrönt wird. Bartimäus fiebert – wenn Jesus nach Jerusalem hinauf zieht,
dann kommt er auch bei mir vorbei. Das wäre meine große Chance.
Und tatsächlich: Jesus kommt an dem armen blinden Bettler
Bartimäus vorbei. Jetzt oder nie – Bartimäus ruft, so laut er kann: „Jesus, du
Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ Sogleich versucht man, ihn zum Schweigen zu
bringen: „Sei still!“ Dich kann der König nicht gebrauchen, du störst.
Doch Bartimäus lässt sich nicht beirren und ruft nur noch lauter: „Du Sohn
Davids, erbarme dich meiner“!
Leute, das ist Glaube:
-
Ich vertraue darauf, dass Jesus mir helfen kann.
-
Ich rufe ihn an in meiner Not. Ich lasse mich nicht
beirren, wenn andere mir das Maul stopfen wollen.
Die Not unserer Zeit ist, dass wir uns immer selber helfen
müssen.. Man gibt sich immer selbstbewusst, man tut, als sei man Herr der Lage.
Man will ja cool sein. Und wenn dann der Bettler in uns schreit: Hilf mir, du
Sohn Davids, ich schaff es nicht, ich komm nicht zurecht mit mir selbst, mit
meinem Lebensstil, mit meinem Christentum. Dann ruft gleich eine andere Stimme
in uns: Halt´s Maul, beiß die Zähne zusammen und du wirst es schaffen. Wehe wenn
unsere Bettlerstimme verstummt – wir werden nur wenig von Jesu Macht erfahren.
Denn Jesus möchte, dass wir darauf warten, bis er des Wegs kommt, dass wir
darauf vertrauen, dass er so helfen kann, dass uns wirklich geholfen ist, er
möchte, dass wir ihn anrufen und um seine Hilfe bitten. Jesus möchte, dass wir
ganz allein ihm vertrauen. Das ist das erste und wichtigste.
Und siehe, dann geschieht echte Begegnung mit Jesus. Bei Bartimäus bleibt Jesus
stehen. Er, der große König, gesetzt über alles was da lebt, er geht nicht an
dem kleinen Strohhalm Bartimäus achtlos vorbei. Er bleibt stehen und begegnet
ihm.
Jesus bleibt auch bei Dir stehen. Er geht nicht angewidert und ärgerlich an dir
vorbei, wenn du bettelst. Er bleibt stehen bei deiner Not, er bleibt stehen bei
deiner Blindheit und deiner Armut. Denn er freut, sich, wenn du ihn brauchst.
Jesus befiehlt er: „Ruft ihn herbei.“ Der König empfängt den Bettler wie einen
Gesandten. Und Bartimäus zieht los. Er wirft seinen alten staubigen und
geflickten Bettlermantel von sich, so kann er rascher laufen und lässt sich zu
Jesus führen.
Dann geschieht etwas unerwartetes: Jesus vertauscht die Rollen. Der König macht
sich zum Diener für den Bettler und so wird der Bettler zum König: Jesus fragt
Bartimäus: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Bartimäus nennt sein
großes Anliegen: "Rabbuni, dass ich sehen kann.“
Und tatsächlich: Jesus dient ihm und hilft ihm. „Geh hin, dein Glaube hat dir
geholfen.“
Bartimäus wird auf der Stelle gesund. Sein Vertrauen auf Jesus, sein Glaube
seine offene Hand, sein offenes Herz für den Herrn, das war die richtige
Haltung. So möchte Gott, dass wir uns ihm gegenüber verhalten – Er möchte, dass
wir glauben.
Dann folgt Bartimäus Jesus nach.
Vorhin sagte ich:
Glaube ist:
-
Ich vertraue darauf, dass Jesus mir helfen kann.
-
Ich rufe ihn an in meiner Not. Ich lasse mich nicht
beirren, wenn andere mir das Maul stopfen wollen.
-
Glaube ist zuletzt auch noch Nachfolge. D.h. ich gehe als
Geretteter und Reich gemachter hinter Jesus her und vertraue darauf, dass er
den richtigen Weg einschlägt.
Doch der Weg des Davidsohnes führt zuerst gar nicht auf den
herrlichen Thron. Er führt in das Leid und die Dunkelheit. Jesus endet am Kreuz.
Dort tauscht Jesus vollkommen die Rollen ein. Er schenkt uns seine königliche
Herrlichkeit, so wie er Bartimäus das Augenlicht geschenkt hat und nimmt dafür
unsere Not, die Strafe für unsere Sünden auf sich. So sehr hat Jesus uns lieb!
Darum kann ich euch nur einen guten Rat geben: Macht es wie Bartimäus und
glaubt:
-
Vertrau darauf, dass Jesus helfen kann!
-
Ruf ihn an, in deiner Not!
-
Lass nicht locker, auch wenn andere meckern!
-
Folge ihm nach.
Amen.
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