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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 1. Juni 2003
Joh 15,26-16,4
Wenn der Beistand kommen wird, den ich euch vom Vater her
senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird über mich
Zeugnis ablegen. Auch ihr aber legt Zeugnis aber, weil ihr von Anfang an mit mir
seid. Das habe ich euch gesagt, damit ihr nicht zu Fall kommt. Sie werden euch
aus der Synagoge ausstoßen. Ja es kommt die Stunde, zu der jeder, der euch
tötet, meint, Gott einen Dienst zu leisten. Und das werden sie tun, weil sie
weder meinen Vater noch mich erkannt haben. Aber das habe ich euch gesagt, damit
ihr, wenn ihre Stunde kommt, euch daran erinnert, dass ich es euch gesagt habe.
Liebe Gemeinde,
in einer Geschichte von Mark Twain flüchtet Huckleberry Finn zusammen mit einem
entflohenen Sklaven auf dem Mississippi durch die Südstaaten der USA. Irgendwann
bekommt Huckleberry Finn ein schlechtes Gewissen, weil er so erzogen war, dass
man entflohene Sklaven unbedingt anzeigen und ausliefern müsse. Darauf antwortet
ihm sein farbiger Freund ungefähr folgendes: „Wenn alle meinen, dass eine Sache
wahr ist, dann muss sie noch lange nicht wahr sein.“
Vor wenigen hundert Jahren glaubten alle Menschen, dass die Erde im Mittelpunkt
steht und die Sonne sich um die Erde bewegt. Alle glaubten es, viele
Beobachtungen sprachen auch dafür. Ich muss ehrlich sagen, dass diese Theorie
bestechend ist, da man ja tagtäglich beobachten kann, wie die Sonne morgens im
Osten aufgeht und aus meiner Sicht einen großen Bogen macht und im Westen
untergeht. Viele hundert Jahre kam keiner auf den Gedanken, dass es anders sein
könnte. Alle Lehrer und alle Gebildeten Leute bestätigten, dass dieser
Sachverhalt wahr ist. Und die ersten Wissenschaftler, die etwas anderes
behaupteten, weil sie gemerkt hatten, dass die Berechnungen so nicht stimmen
können, wurden bedroht, ja verfolgt.
In dieser Hinsicht stimmt es, dass eine Sache, die alle für wahr halten, nicht
unbedingt wahr sein muss.
Liebe Gemeinde, es ist schon immer sehr schwer gewesen, gegen den Trend einer
Zeit, gegen den Strom etwas zu behaupten. Denn zum einen schwimmt man ja selber
mit in dem Strom. Man hat Eltern, man hat Lehrer, man hat Freunde. Und alle
behaupten: „Das, was wir glauben und tun, ist gut so – das ist die Wahrheit“ Wer
kommt da schon auf die Idee, diese Wahrheit in Frage zu stellen? Und zum
anderen: „Aus welcher Quelle kann ich denn die Wahrheit finden?“
Jesus verspricht seinen Nachfolgern, dass sein Geist der Wahrheit sie führen
werde.
Liebe Gemeinde, so bin ich davon überzeugt, dass der Heilige Geist, jeden
Christen, der sich ihm öffnet, immer mehr in die Wahrheit über Jesus Christus
hineinführen wird.
Doch diese Wahrheit, dieses Zeugnis von Jesus verhält sich nicht sehr
stromlinienförmig zum Zeitgeist.
Ich möchte es an persönlichen Beispielen veranschaulichen. Früher glaubte ich
zwar, dass Gott die Welt erschaffen hatte, aber ich glaubte, dass er es durch
das Prinzip der Evolutionstheorie getan hatte. Doch irgendwann merkte ich, dass
diese beiden Vorstellungen des Anfangs nicht miteinander übereinstimmen.
Zur Evolutionstheorie z.B. gehört der Tod und das Prinzip des Stärkeren von
Anfang an mit zur Entwicklung. Der Starke, also derjenige, der sich wehrt,
andere überlistet und unterbuttert und auffrisst, der gewinnt und seine Art
überlebt. Von Sünde kann schon gar nicht die Rede sein.
Die Bibel behauptet das genaue Gegenteil: Sie behauptet, dass
gerade dieser Kampf, dieses gegenseitige Unterdrücken den Tod und den Untergang
besonders bei Menschen hervorrufen. Und dass die ganze Natur und Schöpfung
stöhnt und seufzt unter diesem Prinzip des Todes, das durch die Sünde in die
Welt hineingekommen ist. Erzählen sie das einmal irgendwelchen gebildeten
Menschen von heute. Im besten Fall werden Sie ausgelacht.
Gängiger Glaube von heute ist: Jeder kann in seinem Glauben selig werden. Wenn
jemand voll hinter seinen Überzeugungen steht, dann ist das gut so.
Wer an diesem modernen Dogma rüttelt, wer Sünde z.B. beim Namen nennt, wer
behauptet, dass wir nur durch Jesus errettet und selig werden können, der wird
als Fundamentalist, als intolerant, als mittelalterlich verschrien.
Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Gemeinde, ich bin froh, dass wir in einem
Land und in einer Zeit leben, in der man respektvoll mit verschiedenen
Anschauungen umgeht, dass wir uns nicht in Glaubenskriegen zerfleischen. Aber
ich bin überzeugt, dass diese Worte Jesu auch für uns noch zu Lebzeiten sehr
aktuell werden können.
„Das habe ich euch gesagt, damit ihr nicht zu Fall kommt. Sie werden euch aus
der Synagoge ausstoßen. Ja es kommt die Stunde, zu der jeder, der euch tötet,
meint, Gott einen Dienst zu leisten.“
Genau wie hier beschrieben, haben es die Jünger erlebt. Wenn jemand zum Glauben
kam, wurde er aus seiner Religionsgemeinschaft ausgestoßen. Für Juden hieß das,
dass sie ihre Eltern und Großeltern, ihre Verwandten, Nachbarn und Freunde nicht
mehr sehen durften, dass sie von der Sozialfürsorge ausgeschlossen wurden, dass
sie im römischen Reich den rechtlichen Status einer geschützten
Religionsgemeinschaft entbehrten. Und in den 90iger Jahren des ersten
Jahrhunderts wurde in die Liturgie des Gottesdienstes die Verfluchung der Minim
und Nozrim eingefügt. Die Verfluchung der Ketzer und Nazarener.
Liebe Gemeinde – ich muss ehrlich bekennen, dass ich mich sehr davor fürchte,
von meiner Kirche und meiner Gemeinde, die mir sehr am Herzen liegt und die ich
sehr lieb habe, als Sektierer verschrien und vom Dienst suspendiert zu werden
und die Altersversorgung zu verlieren.
Liebe Gemeinde, ich von mir aus, könnte nicht dagegen standhalten. Und ich
glaube auch, das dies die ersten Christen nur konnten, weil sie einen guten
Beistand hatten. Den Geist der Wahrheit. Und in diesem Fall ist die Wahrheit
einfach stärker, als jeder Zwang und aller Druck.
Liebe Gemeinde, Jesus sagte dies seinen Jüngern, um sie auf darauf
vorzubereiten. Es ist immer besser, wenn man kommenden Schwierigkeiten
vorbereitet begegnen kann. Wir werden solchen Konfrontation mit dem Zeitgeist
nur bestehen können, wenn wir einen Beistand haben. Darum ist die beste
Vorbereitung auf eine Zeit der Verfolgung, dem Heiligen Geist viel Raum zu
geben.
Wie geht das?
Dazu drei Richtlinien:
1. Öffnen Sie
Jesus ihr ganzes Herz.
Beten Sie z.B.: Ja, Jesus ich bin auf Deinen Namen getauft.
Dir gehöre ich, ich bin dein Eigentum und ich vertraue Dir. Fülle mein Herz mit
Deinem Heiligen Geist und nimm alles von mir, was Dir nicht gefällt.
2. Leben Sie in der Gemeinschaft
seines Wortes.
Der Heilige Geist entfaltet seine Kraft in der Regel im
Zusammenhang mit dem Wort Gottes. Z.B. Am Anfang schwebt der Geist Gottes über
dem Chaos. Noch geschieht nichts. Doch dann: Und Gott sprach – und dann kann der
Heilige Geist wirken. So kann der Heilige Geist wirken, wenn wir Gottes Wort in
unser Herz aufnehmen und es beherzigen. In Gemeinschaft heißt, dass wir als
Gemeinde dabei einander behilflich sein können.
3. Pflegen Sie die Wahrheit.
Achten sie auf ihre Worte. Sagen Sie die Wahrheit, möglichst
in Liebe. Keine Übertreibungen, keine Heuchelei, keine Floskeln. Und wenn Sie
mal gelogen haben, bekennen sie so schnell wie möglich ihre Lüge. Üben Sie sich
darin, dass ihr Ja, ein Ja sei und ihr Nein ein Nein. Wenn Sie etwas zugesagt
haben, dann halten sie es. Ich merke, dass dies besonders in der Kindererziehung
sehr schwer ist. Und vermeiden sie dummes Geschwätz und ungute Wörter wie
„Verdammt, der Teufel soll dich holen, Hals und Beinbruch. So etwas wünschen wir
keinem Menschen. Also nehmen wir es auch gar nicht den Mund.
Liebe Gemeinde, wenn wir uns darin üben, dann werden wir ein Gespür für die
Wahrheit bekommen, die nicht immer stromlinienförmig ist. Und der Geist der
Wahrheit wird uns so stark machen, dass wir, wenn die Stunde der Bewährung
kommt, wahrhaft und standhaft bleiben. Dann werden wir, auch wenn alle anderen
etwas anderes denken, Dank seines Beistandes der Wahrheit treu bleiben. Und wir
werden seine Zeugen sein.
Amen.
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