|

| |
Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 3. Juni 2000
Liebe Gemeinde
Der Predigtabschnitt, der für den heutigen Sonntag vorgesehen
ist, steht in Jeremia 31,31-34:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich
mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht
wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der
Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten
haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund
sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der
Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und
sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den
andern noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: Erkenne den Herrn, sondern
sie wollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich
will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.
Der Alte Bund begann fast wie ein Märchen. Es war einmal ein armes Volk. Ein
paar Schafhirten, Sklaven, Menschen ohne festen Wohnsitz und geregeltem
Einkommen. Leute, die geschunden, ausgebeutet und gequält wurden von der
Großmacht Ägypten. Eine Art Aschenbrödel unter den Völkern der Erde. Doch da kam
der Herr über alle Länder der Erde und er sah dieses arme Mädchen, gewann sie
lieb und befreite sie aus ihrer Gefangenschaft.
Sorgsam und liebevoll nahm er sich ihrer an. Gab ihr zu essen
und zu trinken, Möglichkeiten sich auszuruhen und zu pflegen. Und dann feierte
er mit ihr Vermählung. Auf einem hohen Berg mitten in der Wüste. Es gab ein
großes feierliches Fest und der Herr selbst erschien mit Posaunenschall, Donnern
in einer Wolke und schloss mit dem armen Mädchen den Bund fürs Lebens. Sie
sollte ihn allein lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all
ihrer Kraft. Und er versprach sie zu beschützen und zu behüten wie einen
Augapfel im Auge und immer für sie da zu sein.
Leider endete die Geschichte nicht wie ein Märchen, in denen es heißt: und sie
lebten glücklich und zufrieden alle Tage und wenn sie nicht gestorben sind, dann
leben sie noch heute. Nein, es kam sehr menschlich. Der Herr hielt sein
Versprechen. Er umsorgte seine Frau, machte ihr herrliche Geschenke, war in
Notzeiten immer für sie da, hatte ein offenes Ohr für ihre Anliegen.
Aber die junge Frau hielt nicht ihr Versprechen. Sie war launisch, mürrisch und
unzufrieden schon wenige Tage nach der Hochzeit. Sie wurde arrogant, hochmütig
und faul. Sie liebte ihren Mann nicht mehr, überging ihn, vergaß ihn und wurde
ihm untreu. Sie tat im Grunde alles, um ihren Mann unglücklich zu machen.
Irgendwann wurde es dem Herrn zu bunt. Viele Versuche hatte er gemacht, um die
Liebe der Frau zurück zu gewinnen. Doch stets wurde er immer nur benutzt, aber
nicht geliebt. Der Bund war zerbrochen und ließ sich nicht mehr kitten.
Und so kam, was kommen musste. Was damals jeder untreuen Frau drohte. Sie wurde
verstoßen und der Willkür der Straße preisgeben. Der Herr jagte sie zum Teufel.
Ja, das hat Gott tatsächlich gemacht. Jeremia hat es selbst erlebt. Grausame und
unbesiegbare Heere – mit fremden Göttern auf den Bannern ihrer Fahnen – Götter,
mit denen Israel geliebäugelt hatte, fielen wie Heuschrecken über das Land her.
Sie verschleppten die Bevölkerung und hinterließen ein verwüstetes Land.
Diesen Scherbenhaufen hat der Prophet Jeremia vor Augen: In V. 32 hört er Gott
sagen:
„Sie haben den Bund nicht gehalten. Und ich habe mich
ihnen gegenüber als Herr erwiesen – ich habe es mir nicht gefallen lassen.“
Das ist sehr traurig. Und Jeremia weiß auch: Aus sich selbst
heraus kann kein Mensch Gott treu sein. „Kann denn etwa ein Mohr seine Haut
wechseln oder ein Panther seine Flecken? So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die
ihr ans Böse gewöhnt seid!“
Liebe Gemeinde, diese Tatsache hat sich bis heute nicht geändert. Auch in der
Kirche nicht. Die christlichen Kirchen ergeben beim besten Willen kein Bild,
dass sie Gott gefallen könnten. Auch unsere Gemeinde nicht. Und das ist sehr
traurig und niederschmetternd, weil es menschlich gesehen keine Hoffnung gibt.
Hat Gott einen Menschen verlassen – dann ist dieser Mensch auch wirklich
verlassen. Irgendwann dürstet die Seele des Menschen nach Gott. Aber Gott hat
sich abgewandt und sich ihm entzogen. So lebt er in einer Situation wie
Mephisto, der von sich im Urfaust sagt:
„Wenn ich Hoffnung auf Seligkeit erlangen könnte, so wollte ich ganze Jahre
hindurch die allergrausamsten Martern erdulden. Und sollte auch die ganze Welt
mit lauter glühenden Eisenplatten geschlagen sein, so wollte ich sie doch nicht
geschwinder als eine Schnecke durchwandern. Und wenn eine Leiter vom tiefsten
Abgrund der Hölle bis zum obersten Himmelsgipfel führte und jede Sprosse wäre
mit tausend und abermals tausend scharfen Schermessern besetzt, und ich könnte
alle menschlichen Empfindungen spüren, und sollte ich auch so klein zerschnitten
werden wie Sand am Meer, so wollte ich doch mit Freuden die Leiter besteigen und
danach trachten, den obersten Gipfel zu erreichen, um nur ein einziges Mal Gott
anzuschauen – dann wollte ich gerne in alle Ewigkeit wieder ein Geist der
Verdammnis sein!“
Hat sich Gott abgewandt, dann kann man sich auf den Kopf
stellen – Gott wird ihm nicht begegnen. Und das ist die Hölle.
Doch der Prophet Jeremia hört in dieser finsteren Nacht der Gottesferne – der
Nacht für das untreue Volk - Gottes Stimme von einem neuen Morgen. Diese Stimme
ist wie das Zwitschern des ersten Vogels, die ersten Sonnenstrahlen ankündigt:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich ... einen neuen Bund
schließen.
Gott wird einen neuen Bund schließen. Und neu heißt hier wirklich neu – keine
Neuauflage des Alten zerbrochenen Bundes mehr. Wohl knüpft der neue Bund an den
alten an, denn zuerst wird er Israel und Juda angeboten.
Welcher Bund ist damit gemeint? Hören sie einmal folgende
Worte:
Und es war in der Nacht, als Jesus Christus von einem
seiner Freunde verraten war und mit seinen Schülern mit seinen Freunden zusammen
am Tisch saß. Da nahm er den Kelch, dankte Gott und gab ihn seinen Jüngern. und
sprach: Nehmet hin und trinkt alle daraus: Dieser Kelch ist der neue Bund mit
Gott in meinem Blut zur Vergebung der Sünden.
Liebe Gemeinde – Jesus Christus schließt hier den neuen Bund mit seinen
Freunden. Jesus Christus verbindet hier wieder Menschen mit Gott. Ein Jünger
Jesu braucht sich nicht auf den Kopf stellen und alle Martern und Strafen
erdulden, um nur für einen winzigen Augenblick Gott schauen zu dürfen.
Neuer Bund heißt: Gott macht sein Volk zu seinen Kindern.
Kinder können die schlimmsten Dinge anstellen. Sie bleiben die Kinder der
Eltern. Daran kann nicht mehr gerüttelt werden. Einen Ehepartner kann man
davonjagen – aber Kinder nicht. In diesem Sinne ist der Neue Bund mit Gott ist
unverbrüchlich. Wenn man früher einen wichtigen Vertrag abschloss wurde dabei
ein Tier geschlachtet. Man besprengte sich mit dem Blut des Tieres und schwor:
Sollte ich diesen Bund nicht halten, dann soll ich so geschlachtet werden wie
dieses Tier. Jesus Christus lässt sich töten. Er stellt sich auf die Seite der
Untreuen, der Verleumder, derer die Gefallen sind. Er geht hin und opfert sich
und blutet für sie. Aber durch sein Opfer ist die Schuld ein für allemal
gesühnt. Nun steht der Weg zu Gott offen. Nun kann ein Mensch durch Jesus
Christus ein Kind Gottes werden.
Kinder machen Dummheiten. Das wissen wir alle. Sonst müssten wir sie ja nicht
erziehen. Auch wir Christen machen viele Dummheiten. Das sollte uns nicht aus
der Ruhe bringen lassen. Denn Sünde hat keine Macht mehr, uns von Gott zu
trennen. Sie ist am Kreuz von Golgatha gesühnt. Im Alten Bund hatte der Ankläger
das Recht, die untreue Ehefrau zu verklagen und die Strafe einzufordern. Aber
rechtlich gesehen kann kein Verkläger eine Kindschaft aufkündigen.
Jedes Leiden, jede Strafe ist für einen, der sich Jesus Christus anvertraut hat,
nur noch Erziehungssache, aber nicht mehr Zorn Gottes und Gottesferne. Und darum
wird der Neue Bund nicht mehr mit Blut gestiftet, sondern mit Wein. Wein dem
Getränk der Freude und des Festes.
Der Bund ist auch deshalb neu, weil er den Verbündeten erneuert. Vorhin sagte
ich: „Von sich aus, kann sich kein Mensch ändern.“ Aber Gott kann. Werden Kinder
gut erzogen, dann werden sie auch einmal ihre Dummheiten bleiben lassen.
So wird ein Christ mit der Vollendung der Zeit, vollkommen werden, wie unser
Vater im Himmel. Schließt ein Mensch ernsthaft diesen Bund mit Gott, dann
verändert sich Schritt für Schritt das Leben. Das Gewissen beginnt zu beißen bei
Sünden, die Einstellung zu anderen Menschen ändert sich. Man wird barmherziger,
mitfühlender, freudiger, wahrhafter, standfester.
Jesus sagt: An den Früchten werdet ihr meine Leute erkennen – nicht am Mundwerk.
Also daran, ob Liebe, Friede, Freude, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und Demut
in unserem Leben wachsen.
Und vor allem eines wird wachsen: Die Liebe und Treue zu Gott. Jeremia schreibt:
„Und sie werden Gott erkennen“. Erkennen steht in der Bibel für die engste und
intimste Beziehung zweier Personen.
Der Neue Bund ist geschlossen. Seine Erfüllung steht noch aus. Aber er wird
nicht damit enden, dass wir davongejagt werden, sondern dass wir heimgeholt
werden in Gottes Vaterhaus.
Dafür danke ich Dir Herr Jesus Christus von ganzem Herzen, dass Du diesen neuen
Bund gestiftet hast. Und darauf können und wollen wir nur eines sagen: Ja.
Amen.
|