Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

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den Willen Gottes tun                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 29. August 1999

Liebe Gemeinde,

der Predigtabschnitt für heute steht in Mk 3,31-35

Da kamen seine Mutter und seine Brüder. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand zu ihm hinein, um ihn rufen zu lassen. Um ihn herum saß eine Menschenmenge. Da sagte man zu ihm: „Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und fragen nach dir!“ Er entgegnete: „Wer ist das, meine Mutter und meine Brüder?“ Und er ließ seine Blick unter den Umsitzenden in die Runde gehen und sagte: „Diese hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Liebe Schwestern und Brüder,

da kommen die Mutter und die Geschwister Jesu nach Kapernaum und wollen zu ihm. Auf dem Weg von Nazareth nach Kapernaum haben die Brüder vielleicht so gedacht: „Anfangs waren wir ja noch ein wenig stolz, als von überall die Leute herbeiströmten, um unseren Bruder zu hören. Aber jetzt geht er zu weit. Jetzt hat er sich auch noch mit den angesehensten und klügsten und führenden Persönlichkeiten unseres Volkes angelegt. Weiß er denn nicht, dass die am längeren Hebel sitzen, dass die ihn fertig machen können, wie sie nur wollen? Sie haben ja schon gesagt: „Er ist mit dem Teufel im Bunde.“ Aber, anstatt den Frieden mit ihnen zu suchen, setzt er dem Ganzen noch die Krone auf und behauptet, sie hätten gegen den Heiligen Geist gesündigt und sich der ewigen Verdammnis schuldig gemacht. Er ist verrückt unser großer Bruder. Wir müssen ihn da rausholen, sonst zieht er die ganze Familie noch mit rein und wir sind auch dran. Er soll besser zu Hause der Familie vorstehen, so wie es sich für einen Erstgeborenen und frommen Juden ziemt, seine verwitwete Mutter ernähren und eine Familie gründen.“

Und Maria, die Mutter wird wohl gedacht haben: „Mein armer, armer Junge. Mein Liebling. Er war immer so folgsam, so sanft, so gutmütig, so fromm, so fleißig. Nie hörte ich ein verletzendes Wort, nie war er böse zu den anderen Kindern. Und nun muss ich zusehen, wie sie ihn kaputt machen. Die vielen Menschen erdrücken ihn noch. Er soll ja nicht einmal mehr Zeit zum Essen haben. Das kann ja nicht so weiter gehen. Da wird er noch krank. Und nun wird er auch noch so angegriffen von allen Seiten. Sie sagten: „Er würde den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.“ Mein armer, lieber Junge. Das hat er nun davon, dass er immer so gutmütig ist. Ich muss ihn da rausholen und schützen, sonst geht er noch zugrunde.

Liebe Gemeinde,

so ähnlich denkt eine gute Familie, eine gute Mutter. Und wir, unsere Gesellschaft brauchen solche Familien. Familien, in denen unsere Kinder Geborgenheit und Schutz erfahren, in denen die Kinder ihre Muttersprache, ihre Wurzeln, ihre Persönlichkeit entdecken können. Wir brauchen Familien, in denen gestritten wird, ohne dass man gleich auseinander läuft. Denn die Kinder müssen für das Leben lernen. Lernen zu verlieren, Kompromisse einzugehen, einen Weg zu finden, den Willen durchzusetzen, auch wenn man nicht im Mittelpunkt steht und lernen diplomatisch zu denken. Unsere Gesellschaft braucht Familien, in denen Werte weitergegeben und vorgelebt werden, damit auch die Schwächeren in unserer Gesellschaft eine Chance haben. Wir brauchen Familien, weil Gott selbst es angeordnet hat, dass Mann und Frau, als Familie zusammenleben sollen, als kleine Zelle zum Schutz der Kleinen und Alten.

Und darum sollen auch Vater und Mutter geehrt werden. Doch nun durchkreuzt Jesus diesen wichtigen Familiensinn. Versetzt man sich in das Herz der Mutter, dann ist dieser Abschnitt fast unerträglich. Da reist die eigene Mutter von weit an, um mit ihrem inzwischen berühmt-berüchtigten Sohn nach einer Veranstaltung zu sprechen, sie will ihn warnen, ihn schützen, ihm helfen – am besten mit nach Hause nehmen. Diskret, leise, und bescheiden lässt sie ihn rufen. Man flüstert Jesus ins Ohr: „Deine Mutter steht draußen.“

Doch dann stößt Jesus sie vor den Kopf: Er fragt laut in die Menge hinein: „Wer ist meine Mutter, wer ist meine Familie?“ Die menschlich korrekte Antwort müsste natürlich lauten: „Maria, die Frau des Joseph aus Nazareth.“ Vielleicht errötete Maria auf diese Frage, weil plötzlich alle Leute auf sie schauten. Aber bestimmt hat sie diese Frage in ihrem Herzen so beantwortet: „Ich bin deine Mutter, Jesus, ich habe dich geboren.“

Aber Jesus antwortet anders: Er stellt der Menge nicht liebevoll seine Mutter vor, und sagt stolz: „Das ist meine gute, tapfere Mutter, von der ich so viel gelernt habe, die meinetwegen schon schweres auf sich genommen hat. In einem Stall musste sie mich zur Welt bringen, früh verlor sie Joseph ihren Mann.“ 

Nein - Er zeigt mit seiner Hand in die Runde. Auf die Menschen, die auf ihn hören. Die noch gar nicht so viel für ihn getan haben, wie sein Mutter. Die bisher nur dasaßen und andächtig zuhörten.

Und er sagt: „Diese hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Diese Antwort ist für einen Familienmensch unerträglich. Diese Antwort zerbricht ein mütterliches Herz. „Jesus, du gehst hier nicht zu weit? Wie kannst du nur so schroff antworten?“

Man kann vielleicht soviel dazu sagen: Die Mutter, wie die Familie Jesu meint es wirklich Herzensgut mit ihm. Sie sorgt sich um ihn. Sie bemuttert ihn und will ihn schützen. Doch dabei hält sie ihn fest, bindet ihn und hindert ihn, den Willen Gottes zu erfüllen. Und daran lässt Jesus sich nicht hindern. Das ist wichtiger. Und dass etwas wichtiger ist, als die Familie, das zu denken fällt einem Familienmenschen schwer. Doch wenn es darum geht, Gott zu folgen, dann muss auch die Familie an zweiter Stelle stehen. Das ist unendlich schwer. Wer solch eine Trennung durchlitten hat, der kennt diesen Schmerz.

Doch bleiben wir nicht beim Schmerz stehen. Jesus setzt etwas großartiges dagegen. Er sagt: „Diese hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Was ist an dieser Antwort so großartig?

1. Jesus stellt hier seiner Familie gegenüber etwas klar. Und eine Klarstellung ist manchmal barmherziger, als ein schwammiges Drumherumreden. Aber letzten Endes stößt er seine leibliche Familie nicht ab. Das zeigt die spätere Überlieferung. Langsam musste die leibliche Familie Jesu den Satz verstanden haben: Einer nach dem anderen tritt zu der neuen Gottesfamilie hinzu. Am Kreuz steht Maria und dort sorgt Jesus für sie, indem er zum Lieblingsjünger sagt: „Das ist jetzt deine Mutter.“ Und der Jünger nahm sie bei sich auf. Das ist die erste Kirchengemeinde.
Seinem Bruder Jakobus begegnete er als Auferstandener. Und Jakobus wird eines der drei Oberhäupter der ersten Christen. Auch sein Bruder Judas, zählt sich später zur Christengemeinde – also zur Familie Jesu, davon zeugt der Judasbrief am Ende des Neuen Testaments.

Das soll für alle Hoffnung und Trost sein, die um Jesu willen mit ihrer Familie brechen mussten oder müssen. Ein Schnitt, muss nicht unbedingt endgültige Trennung bedeuten, sondern Klarstellung. Vielleicht ist es gerade der Schnitt, das Kreuz, der eine Familie zum Umdenken bewegt.

2. Durch diesen Satz ist die Mutter Jesu für uns gar nicht mehr so weit weg. Wir müssen als Christen also nicht unendlich weit nach Lourdes oder anderswo pilgern, um ihr nahe zu sein. Nein, die Mutter Jesu sitzt hier unter uns. Ich muss nur aufstehen und in die Kirche kommen, da, wo Gottes Wort gehört und befolgt wird, da sitzt sie. Ich kann auch einer unserer Mütter hier eine Kerze geben und sie bitten: „Bete für mich, ich hab da und da meine Schwierigkeiten.“ Diese Fürbittengebet verleiht meiner Bitte mehr Nachdruck, als wenn ich sie vor einer schönen Puppe aufstelle. Und ich kann Maria auch hier meinen innigen Dank und meine Achtung erweisen, in dem ich gut und großzügig gegenüber den Müttern des Glaubens in unserer Gemeinde bin. Vielleicht ist das schwieriger, aber auf alle Fälle ist es Nahe liegender.

3. Als Bruder, als Schwester Jesu, darf ich ein Kind Gottes, ja ein Königskind sein. Als ich noch ein kleiner Junge war, da schaute ich einmal eine Hochzeit des englischen Königshauses im Fernsehen an. Ich war fasziniert von der Feierlichkeit, von den Soldaten, von dem Festjubel und ich träumte davon selbst zu dieser Königsfamilie zu gehören. Ich wäre so gerne bei ihrem Fest dabei gewesen. Wenn all die beeindruckenden Portraits an den Wänden meine tapferen und ritterlichen Urgroßväter gewesen wären, wenn all die wichtigen und mächtigen Leute, die Generäle und Minister mich ehrfurchtsvoll grüßten, wenn ich in der weißen Kutsche durch die jubelnden und geschmückten Straßen der Hauptstadt fahren könnte. Vielleicht kennt man sich als Erwachsener solche Gefühle nicht mehr, doch mit kindlichem Glauben wage ich zu sagen: Jesus macht mich zum Königskind. Höre ich auf ihn, dann gehöre ich ihm. Gehorche ich ihm, dann folge ich Gottes Willen und bin Jesu Bruder, Schwester, Mutter. Er ist sich nicht zu schade, mich kleinen winzigen und unbedeutenden Wurm seinen Bruder zu nennen und mich als Ehrengast zu seinem großen Familienfest einzuladen.

Vielleicht geht es in der Familie Jesu noch menschlicher zu, als im englischen Königshaus. Das macht uns Mühe. Immer wieder höre ich Leute sagen: „Ich glaube an Gott, aber weil die Christen sich so unchristlich benehmen will ich nicht zur Kirche gehören.“ Aber schauen wir nicht auf unsere Erfahrung, sondern hören und glauben wir, was Jesus sagt, dann ist der erste wichtige Schritt getan:

Diese hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010