Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

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Das Ziel unserer Gemeinde                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 25. Mai 2003

Liebe Gemeinde

Es waren einmal drei Männer, die wollten gemeinsam ein Restaurant aufmachen. Der eine war Koch, der andere Kellner und der dritte Buchhalter. Jeder hatte auch schon ein wenig Geld zusammengespart, die drei verstanden sich persönlich ganz gut – sie hatten also die besten Voraussetzungen für ein solches Unternehmen. Bald hatten sie in der Stadtmitte ein sehr geeignetes Lokal gefunden und sie gingen zusammen zum Notar und gründeten zusammen eine Firma. Doch als es darum ging, die Möbel für das Restaurant zu bestellen, kam es zum großen Streit. Der Koch plante einen kleinen und feinen Gourmettempel nach französischem Vorbild. Es sollte alles sehr schlicht und vornehm sein in schönen Grauen und weißen Tönen. Der Kellner dagegen hatte die Vorstellung von einem griechischen Restaurant. Er wollte Wandregale mit großen geschnörkelten Weinflaschen aufhängen und an die Decke ausgediente Fischernetze anbringen. Der Buchhalter schrie seine Kollegen an, denn er wünschte sich ein modernes Schnellimbissrestaurant nach dem Vorbild von Macdonalds mit bunten Plastikmöbeln und Pappbecher.

Wieso bekamen sich die drei in die Wolle?

Jeder von ihnen hatte eine andere Vorstellung, eine andere Vision. Jeder meinte vom anderen: Ein Restaurant muss so sein. Und erst, als die Sache ganz konkrete Formen annahm, merkte man, dass es so nicht ging.

Liebe Gemeinde,

oft ist es in der Gemeinde so, dass es zu Unzufriedenheit und Streit kommt, weil man unterschiedliche ja, sehr unterschiedliche Vorstellungen hat. Der eine will eine Gemeinde, so wie sie immer war und nichts soll sich ändern. Der andere wünscht sich eine Gemeinde mit viel modernen Liedern. Um des Friedens, aber auch um des Vorankommens willen ist es sehr wichtig sich auszutauschen. Denn, je mehr man sich über die verschiedenen Visionen ausgetauscht hat, um so besser und friedlicher kann man gemeinsam drangehen, sie zu verwirklichen. Darum wählte ich heute am Einsetzungstag der neu gewählten Presbyterinnen und Verwaltungsräte unser Gemeindeziel, das wir vor einigen Jahren an einem Wochenende zusammengetragen haben. Es ist zwar kein Bibelabschnitt, es enthält aber sehr wohl biblische Inhalte.

Es heißt:

„Wir sind eine lebendige, offene, leuchtende Oase der Annahme und Vergebung, in der wir lieben und segnen mit Jesus als Quelle.“

Vielleicht stören Sie sich daran, dass die Formulierung mit „wir sind“ beginnt. Klingt es doch ein wenig anmaßend. Der Ausdruck „Wir wollen eine ... „ – wäre bescheidener.

Die Abfassung mit „wir sind“ aber ist gewollt. Es ist eine Proklamation, eine Festlegung. Und eine Festlegung hat an sich schon durch das Wort Kraft. Zum Beispiel, wenn sie über ihren Mann sagen: „Er ist ein alter Schlamper und Faulpelz“ – dann wird er bereits durch diese Aussage festgelegt. Er wird in eine Schublade gesteckt, aus der er sehr schwer herauskommt. Die Worte legen ihn fest.

Darum stehen mir oft die Nackenhaare zu Berge, wenn jemand negativ über seine Gemeinde redet: Oft hört man: Diese Gemeinde ist steiniger Boden – oder diese Gemeinde ist eine rebellische Gemeinde. Für mich ist es eine negative Festlegung. Suchen Sie mal Bibelstellen, wo eine Gemeinde dermaßen negativ festgelegt wird. Es gibt sie ganz wenig. Vielmehr werden Christen der ersten Gemeinden als die Heiligen, die Erlösten, die Geliebten bezeichnet. Obwohl auch sie ihre Schwierigkeiten hatten. Und darum wählten wir das Wort „wir sind eine lebendige Gemeinde.“ Das heißt wir wollen unsere Gemeinde positiv festlegen. Darum bitte ich Sie als Gemeindeglieder und Presbyter proklamieren Sie Gutes über unsere Gemeinde und nicht schlechtes. Alles negative Reden legt die Gemeinde darauf fest und nicht zuletzt beleidigt es den Herrn der Gemeinde. Er ist der Richter über sie  – nicht wir.

Aber kommen wir zur ersten Aussage: Wir sind eine lebendige, offene, leuchtende Oase

Stellen Sie sich einmal eine Oase in der Wüste vor, zu der es keine Zugangswege gäbe. Wenn ein paar findige Nomaden sich dort laben könnten. Wenn kein normaler Mensch je dorthin käme, weil sie in keiner Karte aufgezeichnet ist und weil es keine Wegweiser dorthin gäbe. Dann wäre diese Oase nicht viel besser als die Wüste. Dann würde manch ein Mensch ganz in ihrer Nähe verdursten.

Wenn wir eine offene Oase sein wollen, dann heißt das, dass wir zugänglich sein wollen. Es soll viele verschiedene Zugangswege geben, damit Dürstende zu unserer Mitte, zu unserer Quelle finden und sich dort erfrischen können.

Eine wichtig Straße, die zu unserer Gemeinde führt ist zweifellos die Lehre. Wir legen großen Wert auf eine gesunde biblische Verkündigung. Das Wort der Bibel hat bei uns großen und wichtigen Stellenwert. Wer sich für den Inhalt der Bibel interessiert, der kann in unserer Gemeinde einen Zugang finden. Es gibt Gottesdienste mit schönen Predigten, Bibelstunden mit interessanten Themen, Hauskreise. Kassetten werden weiter gereicht und Bibellesepläne verteilt.

Eine zweite Zugangsstraße zu der Offenen Oase ist die Musik. Regelmäßig trifft sich der Chor Nota Bene und das Logoteam und erfreut uns mit eher modernerer Kirchenmusik. Neuerdings, seit wir Johannes Fleu angestellt haben auch die klassische Kirchenmusik in bester Qualität.

Ein dritter Zugang zur Gemeinde bildet die Gemeinschaft. Ich freue mich immer wieder, wenn ich die Frauen sehe, wenn sie zum Frauenfrühstück kommen. Sie freuen sich einfach, die anderen zu sehen. Sie rufen einander an. Sie helfen aus, wenn Not am Mann ist. Sie feiern ihre Geburtstage, sie tauschen ihre Probleme und Fragen miteinander aus. Ebenso auch die Presbyter und der Verwaltungsrat. Wir treffen uns nicht nur geschäftlich und haken Tagesordnungspunkte ab. Wir frühstücken zusammen, wir beten zusammen, wir pflegen Gemeinschaft. Nach den Gottesdiensten rennen wir nicht mehr auseinander. Fast so, als wäre es uns peinlich, dass wir Schwestern und Brüder miteinander sind. Sowohl in Eupen als auch in Kelmis kann man sich bei Kaffee und Keksen austauschen.

Ein vierter Zugang sind die Angebote für die Kinder- und Jugendlichen. Sie basteln zusammen, singen, spielen, hören biblische Geschichten.

Ein kleinerer Zugang zu unserer Gemeinde bildet auch die Atempause. Wer einmal ruhig werden möchte, sich versenken in Gebet – ist hier gut aufgehoben.

Liebe Gemeinde – hinter all diesen Zugängen zur Gemeinde stehen Namen. Menschen, die sich einsetzen, die ihre Zeit investieren, die sehr oft die Gemeinde über ihr Privatleben stellen. Ebenso wie im himmlischen Jerusalem die Tore die Namen der Apostel tragen, ebenso tragen auch unsere Zugangswege Namen. Ich danke Euch, dass Ihr ein Zugang bildet. Dass durch Euch Menschen ein Weg zu Jesus finden.

Ich wünsche mir, dass wir im Lauf der Zeit noch mehr Tore bekommen. Noch größere Offenheit bekommen und noch für viel mehr Menschen den Zugang zu unserer Quelle öffnen.

Eine offene Oase zu sein hat auch eine schmerzhafte Seite. Offen, das heißt, wir sind keine Kaserne und kein Gefängnis. Jeder hat die Freiheit zu kommen, aber auch die Freiheit zu gehen.
Und wenn jemand geht – im letzten Jahr haben wir dies bei zwei Familien erfahren – ist dies schmerzhaft und am liebsten hätte man mit moralischem Druck, die Tore einfach schnell geschlossen. Liebe Gemeinde – lassen sie uns offen bleiben, auch wenn es schmerzt. Lassen sie uns in diesem Sinne eine liberale Gemeinde sein. Eine Gemeinde, die weiten Raum schenkt.

Kommen wir zur zweiten Aussage:

Eine Oase der Annahme und Vergebung,

Während meiner Studienzeit in Tübingen lebte ich bei einer Witwe, die fünf bereits erwachsenen Kinder hatte. Alle Kinder waren schon verheiratet und alle hatten ebenfalls schon Kinder, bzw. waren gerade dabei Kinder zu bekommen. Dann wohnte im Haus noch eine alte, liebe Tante, die versorgt wurde. Täglich waren irgendwelche Enkelkinder da und regelmäßig traf sich die ganze Familie. Die Kinder waren alle sehr verschieden und die Ehepartner noch verschiedener. Ich fühlte mich in dieser Familie pudelwohl. Es war, weil dort ein Geist der gegenseitigen Annahme und des Friedens herrschte. Man akzeptierte sich, so wie man war. Man sagte offen und liebevoll, wenn etwas nicht in Ordnung war – aber immer achtete man sich gegenseitig. Und man stand füreinander ein. Man betete füreinander, wenn der eine in Not war, man hütete die Kinder, man half sich, man tauschte sich aus und man feierte zusammen schöne Feste.
Ich weiß noch, als ich auszog. Ich saß im Auto, das voll war mit meinen paar Habseligkeiten und ich weinte die ganze Fahrt. Ich hatte noch lange Heimweh nach dieser Familie.

Liebe Gemeinde, immer da, wo es gelingt, dass man sich gegenseitig annimmt, da spürt man schon ein wenig von der Harmonie des Himmels. Ich wünsche mir, dass wir in unserer Gemeinde immer mehr uns annehmen. Ja, dass wir so werden wie die ersten Christen. Von ihnen sagten die Außenstehenden: „Seht, wie lieb sie sich haben.“

Gegenseitige Annahme beginnt aber in der Vergebung. Zuerst muss ich mich selbst annehmen. Ich muss meine Sünden, mein Dunkles mutig wahrnehmen und zum Kreuz tragen, dort abladen und mir seine Liebe schenken lassen. Gleichzeitig muss ich auch meinen Groll, meine Bitterkeit gegen andere, meine schlechten Wurzeln zum Kreuz bringen und abgeben. Ich muss meine eigene Vergangenheit, meine Eltern, meine Geschwister, meine charakterlichen Schwächen annehmen und gleichzeitig abgeben und von Jesus verwandeln lassen.

Dann kann ich andere Menschen auch annehmen. Dann bin ich automatisch nicht mehr so schnell ärgerlich über das Fehlverhalten anderer.

Kürzlich sagte jemand aus unserer Gemeinde: „Mir gefällt an unserer Gemeinde, dass man sich vergibt.“
Das war für mich einer der schönsten Sätze. Das sind solche Sätze, die den Motivationstank eines Pfarrers zu füllen vermögen. Denn eine Gemeinde, in der Vergebung gepflegt wird, in der Altlasten abgebaut werden, in dieser Gemeinde kann Gott wirken, diese Gemeinde wird eine Zuflucht, eine Oase für die vielen dürstenden Menschen unserer Zeit.

Kommen wir zur dritten Aussage: In der wir lieben uns segnen.

Über „lieben“ nun zu predigen würde den Zeitrahmen sprengen. Ich möchte nur kurz noch zum segnen ein paar Worte sagen: Ich erwähnte bereits, dass es sehr wichtig ist, welche Worte wir auf einen anderen legen. Diese Worte haben die Kraft, festzulegen. Segnen heißt: Ein gutes Wort auf den anderen legen. Segnen hat für mich zwei Komponenten. Einmal ich lege bei Gott für den anderen ein gutes Wort ein. Ich lobe Gott dafür, dass er mir den anderen als Schwester, als Bruder, als Nächster zur Seite gestellt hat. Gott freut sich über dieses Lob. Denn er hat sich ja etwas dabei gedacht, dass er sie über unsere Gemeinde setzte.

Liebe Gemeinde, loben sie Gott für diese Presbyter und Verwaltungsräte.

Und Segnen bedeutet: Ich lege Gottes gutes Wort auf meine Schwester oder meinen Bruder.

Segnen heißt im Bild der Oase gesprochen: Ich gieße gutes, frisches Wasser auf eine trockene Pflanze. Dieses Wasser wird ihre Lebensgeister wieder wecken. So wollen wir als Gemeinde: Gottes gutes Wort – im Gebet, in der Fürbitte auf einander legen, damit wir wachsen und gedeihen können.

Kommen wir noch zur letzten und wichtigsten Aussage unseres Ziels: „Mit Jesus als Quelle“.

Liebe Gemeinde, wenn die Mitte einer Oase keine Quelle wäre, sondern eine große rissige Zisterne, dann müsste man immer in großer Angst leben. Man müsste sich immer vor einem Austrocknen fürchten. Ständig müsste man mit Wasser sparen, ständig würde man sich sorgen, wie lange es noch reicht.

Ebenso eine Gemeinde. Wenn wir Jesus als Quelle verlieren, dann würden wir austrocknen. Wir könnten zwar eine Weile einander annehmen, einander helfen, einander vergeben. Aber wir wären sehr sparsam damit. Und auf lange Sicht wäre unser Liebestank leer. Und beim nächsten hitzigen Streit würde alles verdorren und verdursten.

Aber bleiben wir in Verbindung mit Jesus, dann fließt immer wieder frisches Wasser nach. Wir brauchen uns nicht um Liebe zu kümmern und zu sorgen. Wir müssen sie nur wie ein Kanal durch uns hindurchfließen lassen, dass sie auch zu andern kommen.

Ich möchte mit zwei Worten Jesu schließen:

Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Und Jesus sagt:

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010