|

| |
Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 9. November 2003
Lk 17, 22-30
Als die Pharisäer Jesus fragten, wann das Gottesreich
kommen werde, antwortete er: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es [wie
ein heraufziehendes Gestirn] beobachten könnte. Man wird auch nicht sagen
können: Hier ist es, oder dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter
euch!“ Er sagte aber zu seinen Jüngern: Es werden Tage kommen, da werdet ihr
sehr danach begehren, einen einzigen von den Tagen des Menschensohnes zu sehen,
aber ihr werdet ihn nicht zu sehen bekommen. Und sie werden zu euch sagen:
„Sieh, da!“ „Sieh hier“ Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! Denn wie der
Blitz, wenn er aufflammt, von einem Ende des Himmels bis zum anderen leuchtet,
so wird auch der Menschensohn an seinem Tage sein.
Doch zuvor muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. Und
wie es in den Tagen Noahs ging, so wird es in den Tagen des Menschensohnes sein:
Sie aßen, tranken, heirateten, ließen sich heiraten – bis zu dem Tage, da Noah
in die Arche stieg; da kam die Flut und vernichtete sie allesamt.
Genauso war es auch zu Lots Zeiten: Sie aßen, tranken, kauften, verkauften,
pflanzten, bauten – doch an dem Tage als Lot aus Sodom fortzog, regnete es Feuer
und Schwefel vom Himmel und vernichtete sie allesamt. Genauso wird es an dem
Tage sein, an dem der Menschensohn aus der Verborgenheit hervortreten wird.
Amen.
Liebe Gemeinde,
zur Zeit Jesu gab es ein großes Thema, was das ganze Volk
Israel, was groß und klein beschäftigte. „Wann endlich richtet Gott seine
Herrschaft auf?“ Wann endlich ist es soweit, dass nicht mehr das Böse und die
Sünde, der Tod die Erde regieren. Wann endlich wird es Gerechtigkeit geben?
Die Pharisäer studierten eifrig die Bibel und man glaubte an
die Versprechungen Gottes. Man war sich darin einig, dass Gott persönlich durch
einen Nachkommen Davids, durch den Messias die Erde und die Menschheit regieren
werde. Man war sich bewusst, dass dieser Messias alle Feinde Israels besiegen
und vernichten werde. Und man hoffte, dass in diesem Reich Israel über alle
Völker der Erde regieren werde.
Man wartete auf ein Reich in dem die Wahrheit regiert. Nicht Manipulation und
Täuschung. Ein Reich, in dem Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Und nicht
Gewalttat und das Recht des Stärken eine Blutorgie feiern. Ein Reich der Liebe
und der Freude. Hass, Neid, Leid, Geschrei, Armut, Krieg werden der
Vergangenheit angehören. Und voller Sehnsucht wartete man darauf und jeder
fragte: Wann wird dieses Reich endlich kommen?
Die erste Antwort Jesu ist indirekt: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass
man es [wie ein heraufziehendes Gestirn] beobachten könnte. Man wird auch nicht
sagen können: Hier ist es, oder dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten
unter euch!“
Mit anderen Worten: Das Reich Gottes kann man nicht in einem Labor heraus
destillieren oder mit einem Fernrohr beobachten. Wir Menschen möchten immer
gerne etwas dingfest machen. Wenigstens hoffen wir uns, damit zu arrangieren.
Das ist mit ein Grund, warum so eifrig geforscht und die Welt so genau
beobachtet wird. Denn je besser man die Dinge im Griff hat, desto größere Macht
hat man und desto besser kann man auch über andere herrschen. Das gilt auch im
religiösen Bereich. Auch da will man gerne durch eigene Traditionen und Regeln
den „Heiligen Geist“ in den Griff bekommen.
Glauben Sie deswegen niemandem, der behauptet: Hier ist es,
hier ist die einzig wahre Gemeinde, die Gemeinde, die alles richtig macht, die
ohne Fehler und ohne Sünder ist. Das kitzelt nur den eigenen Stolz und die
Überheblichkeit gegenüber anderen Christen. Zuletzt bleibt dann nur noch Streit,
Zank und Lieblosigkeit.
Sondern Jesus sagt etwas Erstaunliches: „Denn siehe, das Reich Gottes ist
mitten unter euch!“
Wie, es ist schon da? Ja, wo ist es dann? Wie kann ich es sehen?
Für mich macht Jesus hier eine Andeutung auf sich selbst. Es ist mitten unter
euch, weil ich, der König von Gottes Reich schon da bin.
Siehe – siehe heißt: Mach die Augen auf und schau genau hin: Lahme gehen, Blinde
sehen, Verzweifelte werden aufgerichtet, gebundene frei. Und überall, wo man
nach seinem Ratschluss handelt, man in seinem Namen Liebe übt, man in seinem
Namen Frieden stiftet und in seinem eigenen Leben nach Gerechtigkeit dürstet,
dann regiert dieser König.
In dem prophetischen Psalm 110 spricht Gott zum Messias: Regiere mitten unter
deinen Feinden.
Liebe Gemeinde, genau das ist auch heute noch unsere
Situation. Wir als Gemeinde leben in einer ungerechten Welt, in einer Welt
voller Neid, voller Egoismus, eine Welt, die unsere Ehen zerstört, unsere
Gesundheit vernichtet, unsere Moralvorstellungen einebnet. In einer Welt in der
tagtäglich durch Medien Menschen zum Schlechten und Schädlichen verführt werden.
Und trotzdem gibt es Menschen, die da nicht mitmachen, Menschen, die Jesus
gehorchen wollen und wenn die Umwelt noch so lacht.
Kürzlich hörte ich ein Interview mit Ernst Vatter, dem
früheren Leiter eines großen Missionswerkes. Der Journalist fragte ihn, wie er
denn zum christlichen Glauben gefunden habe. Ernst Vatter begann zu erzählen,
dass er aus einem atheistischen Elternhaus stammte. Dort sei über Gott nur
gespottet worden. Doch dann sei er noch als 16jähriger in den Krieg eingezogen
worden. Schon bald kam er in Gefangenschaft. Es herrschten fürchterliche
Zustände in diesem Lager. Und die Gefangenen hätten als einzige Nahrung nur eine
Scheibe Brot am Tag bekommen. Er sei mit 16 der jüngste dort gewesen und alle
hätten schrecklichen Hunger gelitten. Dann aber sei ein Mitgefangener auf ihn
zugekommen und fragte ihn: „Hast Du Hunger?“ Der Jugendliche fand dies die
albernste Frage überhaupt und antwortete: „Natürlich“ – Da sagte der andere: „Ab
heute bekommst Du eine halbe Scheibe von meinem Brot.“ Ernst Vatter konnte das
kaum glauben und fragte: „Aber wie kannst Du das tun? Der andere antwortete:
„Ich weiß, du bist der jüngste und hast es schwer. Und ich habe einen Herrn, der
mir die Kraft gibt, mit der Hälfte auszukommen, darum gebe ich Dir die andere
Hälfte dir.“ Nebenbei bemerkt: Dies brachte den jungen Mann ins Nachdenken und
war mit ein Auslöser, dass er Jesus sein Leben später übergab. Mir wurde an
dieser Geschichte deutlich, wie Jesus souverän und frei regiert. Er regiert
mitten unter seinen Feinden, weil alle seinen Diener ihn lieben und ihm aus
Liebe gehorsam sind. So wie der eine Mann aus Liebe gehorsam sein Brot teilen
konnte.
Ja überall, wo wir im Glauben an ihn und in seinem Namen Liebe üben, dann
regiert er, dann ist Gottes Reich mitten unter uns.
Liebe Gemeinde, das ist der erste Teil der Antwort. Das Reich Gottes hat mit
Jesus begonnen. Er kam nicht als Richter, nicht als einer der seine Feinde mit
dem Schwert vernichtet. Dann hätte er alle vernichten müssen. Nein, er kam als
Retter. Er litt am Kreuz für die Menschen, die sich gegen Gott auflehnten. Er
nahm die Strafe der Rebellion auf sich und vergoss sein heiliges und teures Blut
für uns. Damit gibt er jedem Menschen die Chance umzukehren zu Gott und gerettet
zu werden.
Doch wenn man die prophetischen Texte der Bibel ernst nimmt, dann ist damit das
Reich Gottes noch nicht abgeschlossen. Jesus ist als Retter gekommen, aber er
wird auch noch als Richter kommen. Er wird tatsächlich sichtbar dieses
Friedensreich aufbauen. Und diesem zweiten Zeitpunkt gehen noch einige Dinge
voraus. Jesus sagt zu seinen Jüngern:
Es werden Tage kommen, da werdet ihr sehr danach begehren,
einen einzigen von den Tagen des Menschensohnes zu sehen, aber ihr werdet ihn
nicht zu sehen bekommen.
Bevor dieses Reich aufgerichtet wird, kommen harte Tage auf die Jünger Jesu zu.
Die Unmoral der Menschen, der allgemeine Niedergang, die Not wird immer mehr
Überhand nehmen. Jesus zieht eine Parallele zu der Zeit vor der Sintflut und zu
Sodom und Gomorra. Kennzeichen der Welt vor der Flut war, dass die Menschheit
sich voll und ganz gefallenen Engeln und Dämonen verschrieben hatte und dass
monsterartige Wesen aus diesen Verbindungen entstanden sind. Da musste Gott
eingreifen.
Kennzeichen der Sünde Sodoms waren sexuelle Abartigkeiten. Auch eine ungehemmte
Homosexualität.
Liebe Gemeinde – heute wuchert Aberglaube und Okkultismus
mehr denn je – ebenso wie sexuelle Unmoral. In solch einer Zeit kommt der
Antichrist an die Macht. Denn in dieser Zeit des Durcheinanders und des
Niedergangs wird sich die Menschheit nach einem großen, starken Politiker
sehnen, der endlich wieder Ordnung auf den Planeten bringt. Dieser Mensch wird
auch kommen. Er wird die größte politische und militärische Macht auf sich
vereinigen. Er wird ein großer Redner sein, wahrscheinlich wird er auch bei den
Christen sehr beliebt sein, weil er sich als Christ ausgeben wird. Ja, er wird
auch übernatürliche Wunder vollbringen und die Kirchen werden ihm helfen, dass
er an die Macht kommt. Es wird viele in dieser Art geben, aber der letzte wird
der schlimmste sein. Jesus warnt: „Lauft solchen Leuten nicht nach!“
Möglicherweise kommt der Antichrist sogar durch ein Attentat ums Leben doch er
wird wieder Leben bekommen. Wenn er daraufhin auf dem Gipfel seiner Macht steht,
wird er sich in Jerusalem in den Tempel setzen und verlangen, dass die ganze
Welt ihn anbetet. Dann wird es eine furchtbare Verfolgung geben gegen alle, die
sich diesem Befehl widersetzen. Aber auch das Volk Israel wird schwer bedrängt.
Die drei letzten Jahre der Verfolgung werden die schlimmsten Jahre sein, welche
die Erde je gesehen hat. Die Versuchung wird groß sein, irgendwelchen
Versprechungen und Verlockungen oder Kompromissangeboten zu folgen. Man wird es
kaum mehr erwarten können, bis Jesus wiederkommt. Aber dann wird Jesus plötzlich
sichtbar und leibhaftig da sein. So wie man einen Blitz überall sieht, so wird
er überall gesehen werden. Er wird kommen mit Macht und Stärke und das, woran
wir jetzt glauben und hoffen wird sichtbar sein.
Liebe Gemeinde, die Pharisäer fragten: Wann wird das Reich Gottes kommen? Jesus
gab keinen Zeitpunkt an. Doch je länger und je mehr ich mit der Bibel vertraut
werde, um so überzeugter bin ich, dass Jesus bald wiederkommen wird. Ich kann
mir vorstellen, dass wir es noch erleben werden.
Dann wird unser Herr dieses herrliche Friedensreich auf der Erde errichten und
aus der Verborgenheit hervortreten. Himmel und Erde werden sich ganz nahe sein.
Die geschundene Erde wird wieder aufblühen.
Wohl dem, der heute schon in seinem unsichtbaren Reich lebt.
Amen.
|