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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 30. April 2000
Liebe Gemeinde
Wenn ein Kind zur Welt kommt, dann freuen sich mit den Eltern
die nahen Verwandten, Freunde und Nachbarn. Man beschenkt das Kind, um der
Freude Ausdruck zu verleihen und um seine Unterstützung zu bekunden.
Taufe bedeutet etwas ähnliches wie eine Geburt. Taufe sagt: Hier ist ein Mensch
wiedergeboren – ein ganz neuer Mensch entstanden. Ein Mensch des Geistes – ein
Kind Gottes. Und mit der Taufe macht Gott auch uns viele Geschenke. Dinge, vor
allem, die wir für unser neues Leben im Geist brauchen können.
Aber mit Geschenken ist es so, dass sie erst ein richtiges brauchbares Geschenk
werden, wenn man sie auch auspackt und Gebrauch davon macht. Bekommt ein Kind
ein schönes Kleid, packt es aber überhaupt nicht aus und zieht es auch nicht an,
dann bringt das Kleid ihm überhaupt nichts und irgendwann wird es einmal
rausgewachsen sein.
Ähnlich ist es mit den Geschenken der Taufe. Die Dinge, die Gott uns schenkt,
werden nur sinnvoll, wenn man sie auspackt und Gebrauch von ihnen macht. Je mehr
man mit ihnen umgeht, um so kostbarer und um so größer werden sie als Geschenk.
Man kann dieses Annehmen von Gottes Geschenken Glauben nennen.
Ohne Glauben, ohne die Annahme der Geschenke bringt die
Taufe nichts.
Drei Dinge, die Gott uns Kraft der Taufe schenkt, sind in dem Predigtabschnitt
für den heutigen Sonntag genannt.
Ich lese aus Kol 2,12-15
Durch die Taufe ist euer altes Leben beendet; ihr wurdet mit
Christus gleichsam begraben: aber durch den Glauben seid ihr auch mit ihm zu
einem neuen Leben auferweckt worden. Diesen Glauben hat Gott in euch bewirkt,
und er war es auch, der Christus von den Toten auferstehen ließ. Durch euren
Egoismus und eure Sünden wart ihr für Gott tot, aber er hat euch mit Christus
lebendig gemacht und alle Schuld vergeben. Gott hat den Schuldschein, der uns
mit seinen Forderungen so schwer belastete, eingelöst und auf ewig vernichtet,
indem er ihn ans Kreuz nagelte. Auf diese Weise wurden die finsteren dämonischen
Mächte entmachtet und in ihrer Ohnmacht bloßgestellt, als Christus über sie am
Kreuz triumphierte.
Welche Geschenke sind nun in der Taufe verborgen?
Das erste Geschenk: Neues Leben.
Haben Sie schon einmal erlebt, wie jemand sagte: „Der ist für
mich gestorben.“ Bei Bekannten von mir, den Eltern eines Studienfreundes von mir
habe ich dies erlebt. Der Vater wurde von einem Mann schwer enttäuscht. Durch
diese Enttäuschung betrachtete er das öffentliche Wirken dieses Mannes sehr
nüchtern und kam zu dem Ergebnis: Dieser Mann ist ein charakterloser Lump, dem
man am besten aus dem Weg geht und mit dem man nichts zu tun hat. Niemals grüßte
er ihn und wenn die beiden sich begegneten, so behandelte der Vater ihn wie
Luft. Der andere war einfach für ihn gestorben.
Liebe Gemeinde – ähnlich sind wir Menschen. Versuchen Sie einmal mit Gottes
Augen in ihr Herz zu blicken. Ein Beispiel: Gott ist ein Gott der Wahrheit. Jede
kleinste Lüge, jede Beschönigung, jedes sich selbst etwas vormachen, jede
Übertreibung, jedes nicht gehaltene Versprechen ihm oder unseren Mitmenschen
gegenüber, jede, noch so kleine Verleumdung, ist Gott ein Gräuel. Das widert ihn
an. Ein Mensch, der unwahrhaftig und untreu ist, ekelt ihn und Gott wendet sich
von ihm ab. Ein solcher Mensch ist für Gott gestorben. Ja, Sie und ich: Wir
waren durch unseren Egoismus und unsere Sünden für Gott tot. Gottes Urteil über
uns steht – in der Bibel – unmissverständlich fest. Die Sünde hat uns von ihm
getrennt. Und warum sollte Gott sich noch für uns interessieren.
Ähnlich gab es für den Vater meines Studienfreundes keinen Grund, seine
Einstellung gegenüber seinem Erzfeind irgendwie zu ändern.
Doch es kam eines Tages doch anders. Der Vater pflegte zu seinem Sohn zu sagen:
„Du kannst einmal jedes Mädchen nach Hause bringen, aber niemals eine der
Töchter von Herrn X.“
Aber genau das geschah. Der Sohn verliebte sich in die älteste Tochter seines
Erzfeindes. Und da der Vater seinen Sohn sehr lieb hatte, musste er sich
zwangsweise wieder mit seinem alten Rivalen abgeben. Weil er seinen Sohn liebte,
redete er mit ihm, aß mit ihm und ließ sich wieder neu auf ihn ein.
Ähnliches passiert bei der Taufe. Da kommt Gottes Sohn in unser Totsein hinein,
er verbindet sich, er verlobt sich sozusagen mit uns.
Mit unserer Taufe sagt Jesus zu Gott: Wenn Du mich haben willst, dann kannst du
mich nur haben, zusammen mit denen ich mich verlobt habe – ob du sie riechen
kannst oder nicht.
Und Gott liebt seinen Sohn so sehr, dass er sich ihm, dem Gekreuzigten und
Gestorbenen zuwendet und ihn zusammen mit uns auferweckt. Dadurch bekommen wir
auch neues Leben, eine neue Beziehung zu Gott geschenkt. Nun kann ein Mensch
Gott begegnen und kennen lernen.
Ein Dichter sagte einmal: Gott kennen ist Leben. Ein
menschliches Leben gewinnt erst seine Qualität durch die Begegnung mit Gott. Die
Psalmen sind voll mit dieser Erkenntnis:
Ps. 42: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so
schreit meine Seele zu Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem
lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?“
oder Ps. 73: “Wenn ich nur dich, Gott habe, so frage ich nichts nach Himmel
und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott,
allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“
Mit der Taufe wird uns in Jesus dieses neue Leben, die Begegnung mit Gott
geschenkt.
Das zweite Geschenk: Vergebung der
Schuld.
Das römische Recht beruhte auf dem Prinzip: Jeder erwachsene
Mensch muss für den Schaden aufkommen, den er angerichtet hat. Er muss für das
bezahlen, was er kaputt gemacht hat. Und ließ er sich viel zuschulden kommen,
musste er es mit seinem Leben bezahlen. Die größte Strafe war die Kreuzigung.
Wurde jemand gekreuzigt, so schrieben die Richter die einzelnen Untaten des
Verbrechers auf eine lange Liste und nagelten das Papier an das Kreuz, damit
jeder lesen konnte, wofür der Gekreuzigte büßt.
Auch die Bibel geht davon aus, dass ein Mensch für sein Tun bezahlen muss. Immer
wieder liest man den Ausdruck: „Deine Sünde komme Dir auf den Kopf.“ D.h.
man muss mit seinem Kopf herhalten, was man angerichtet hat. Jakob hat seinen
Bruder betrogen, dafür musste er bezahlen. Jedes Verschulden wird notiert und
wenn das Maß voll und die Zeit reif ist, dann muss man sämtliche Schulden
bezahlen.
Das Geschenk der Taufe heißt nun: Mein Schuldschein hängt am Kreuz von Golgatha.
Dort hat Jesus mit dem Leben für die Schuld aller bezahlt, die sich ihm
anvertraut haben.
Mir geht es manchmal so, dass ich denke: So schlimm bin ich aber nicht. Ich bin
doch ein ganz anständiger Kerl. So viele Schuld habe ich aber nicht auf mich
geladen, das hätte ich ganz gut noch selbst bezahlen können – dafür hätte doch
kein anderer bezahlen müssen.
Dann aber hat Gott mich mal einen Blick auf diesen Schuldschein werfen lassen
und ich war heilfroh, dass Jesus bezahlt hat. Jedem tut es gut, wenn er Gott
bittet, ihm solche Dinge aufzudecken. Man wird dann sehr dankbar für das große
Geschenk, dass dieser Schuldschein bezahlt ist.
Und das dritte Geschenk: der Sieg
über Mächte, Gewalten.
Paulus und die ersten Christen erlebten, welch eine Macht in
einem Leben mit Jesus steckt. Menschen, die unter Zwängen und Abhängigkeiten
litten, wurden frei. Andere waren von Krankheiten geplagt – kamen sie mit der
Botschaft Jesu in Berührung wurden sie heil und gesund. Wieder andere erlebten,
dass sich trotz massiver Widerstände die Botschaft von Jesus ausbreitete und
viele Menschen durch den Glauben an ihn einfach glücklich wurden. Darum konnte
Paulus das Leben in der Taufe mit einem Triumphzug vergleichen. Im Triumphzug
wurden nach einem gewonnenen Krieg besiegte Fürsten in Käfigen durch die Straßen
Roms hinter dem Feldherr gezogen, und in den Straßen wurde gejubelt und
gefeiert. Ähnlich ist das Leben im Glauben ein Triumphzug über alle bösen
Geister und Mächte, über Zwänge und Abhängigkeiten.
Wie gesagt können wir mit solchen Siegeszügen nicht auftrumpfen, doch im kleinen
entdecken auch wir in der Gemeinde hin und wieder, welche Siegeskraft im
Glaubensleben steckt.
Ich wünsche uns als Gemeinde dass unser Leben erfüllt wird an der Freude über
die Geschenke der Taufe.
Amen.
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