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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 13. April 2001, Karfreitag
Der Bibelabschnitt für diese Woche steht in Mt 27,33-50.
Als sie am Platz angekommen waren – er trägt den Namen Golgatha, das heißt
Schädelstätte – gaben sie ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war. Doch
als er ihn schmeckte, weigerte er sich zu trinken.
Nachdem sie ihn dann gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie
das Los darüber warfen, und setzten sich zu seiner Bewachung dort nieder.
Über seinem Haupt brachten sie eine Tafel an, auf der angeschrieben war, welches
Vergehens er schuldig sei: „Dies ist Jesus der König der Juden.“ Dann
kreuzigten sie mit ihm zusammen zwei Räuber, einen zur Rechten und einen zur
Linken. Die Vorübergehenden aber verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und
sagten: Der du den Tempel abreißen und in drei Tagen wieder aufbauen willst,
rette doch dich selbst, wenn du Gottes Sohn bist, und steig vom Kreuz herab!
Ebenso spotteten auch die Hohenpriester zusammen mit den Schriftgelehrten und
Ältesten: Andere hat er errettet – sich selbst kann er nicht retten! Er ist
doch der König Israels, So steige er vom Kreuz herab, dann wollen wir an ihn
glauben! Er hat auf Gott vertraut, der rette ihn nun, wenn er ihn will. Hat er
doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn!“ Genauso verhöhnten ihn auch die beiden
Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren.
Aber von zwölf Uhr an kam eine Finsternis über das ganze Land bis drei Uhr. Und
um drei Uhr schrie Jesus laut: Eli, Eli lama asabtani“, das heißt: „Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und gleich lief einer von ihnen
herbei, nahm einen Schwamm, tränkte ihn mit Essig, steckte ihn auf einen
Rohrstock und wollte ihm zu trinken geben. Doch die übrigen sagten: „Halt, lasst
uns sehen, ob Elia kommt und ihn rettet!“
Jesus aber schrie nochmals laut auf und gab seinen Geist auf. Und siehe, da
zerriss der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Teile.
Liebe Gemeinde,
hin und wieder kommt es vor, dass man einen Menschen, den man sehr lieb hat,
verletzt. Sei es durch eine Beleidigung, sei es durch einen Vertrauensbruch,
oder durch üble Nachrede.
Passiert mir so etwas, dann fühle ich mich immer sehr unwohl in meiner Haut, es
drückt mich in der Magengegend etwas und ich bin ganz aus meinem inneren
Gleichgewicht heraus.
Am liebsten würde ich die ganze Sache wieder rückgängig machen. Das geht aber
nicht immer.
Ich versuche mich selbst zu entschuldigen, versuche mein Missgeschick zu
rechtfertigen.
Das ändert aber nichts daran. Das frühere herzliche Verhältnis ist zerstört.
Es ist, als wäre eine unsichtbare Mauer zwischen mir und dem Freunde.
Ähnliches ist im Verhältnis des Menschen zu Gott geschehen.
Es ist eine Mauer zwischen Gott und uns Menschen. Eine Mauer, die uns Menschen
von unserer eigentlichen Lebensquelle und von unserem Lebensziel abschneidet.
Eine Mauer, an der viele feinfühlige Menschen leiden – sie sehnen sich nach
Erlösung, nach einem Zugang zu Gott.
Eine Mauer, an der aber auch Gott leidet, weil er uns Menschen liebt, weil er
sich danach sehnt, mit uns Gemeinschaft zu pflegen.
Theologisch heißt diese Mauer: Sünde.
In der sinnbildlichen Sprache der Bibel ist der heilige Tempel in Jerusalem der
einzige Ort, wo die Möglichkeit besteht, sich als Mensch Gott zu nähern.
Dabei muss ein Opfer dargebracht werden.
Das Opfer ist Sinnbild dafür, dass ich bereit bin, mein Leben dafür zu geben, um
das Verhältnis wieder in Ordnung zu bringen und es ist ein Zeichen dafür, dass
es dem Menschen Leid tut, Gott missfallen zu haben.
Und dennoch gibt sich Gott auch im Tempel sehr bedeckt.
Nur einmal im Jahr, war es dem Hohepriester erlaubt, vor Gottes Thron zu treten
und seinen Namen anzurufen.
Alle andere Menschen waren durch die starken Mauern und den schweren Vorhang,
der das Allerheiligste vom Rest des Tempel trennte, ausgeschlossen.
Der Weg zu Gott ist versperrt.
Doch mit Karfreitag ändert sich diese Situation grundlegend.
Gott reißt die Trennung, die zwischen ihm und uns besteht entzwei. Und er kommt
zu jedem einzelnen Menschen, der sich ihm sein Herz öffnet.
Dadurch entstand ein ganz neuer unsichtbarer Tempel. Überall, wo sich Menschen
Jesus hingeben, spüren sie etwas von der ersehnten Liebe, von dem Frieden, von
der Freiheit – die Nähe Gottes.
Doch zuvor erleidet Jesus, was es bedeutet: Jenseits von Eden zu leben und zu
sterben.
Er bekommt die ganze Feinseligkeit, die ganze Sünde der Menschen am eigenen
Leib zu spüren.
Er trägt dabei das Schicksal, der von Gott getrennten Welt. Er erleidet, was in
der Welt ohne Gott passiert. Es ist eine Welt voll Schande und Spott, voll Ausgrenzung und Lüge, voll Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit, voll von
Gewalt und Hass.
Und Jesus erleidet die Folge der Sünde, den Tod.
Er durchleidet den Moment völlig von Gott verlassen zu sein.
An ihrem tiefstem Punkt angekommen – öffnet sich der Vorhang im Tempel Gottes.
Dort kommt uns wider Erwarten Gott entgegen. Dort entsteht der neue Tempel
Gottes.
Die Hütte Gottes mitten unter den Menschen.
Das ist die frohe Botschaft an dem traurigen Karfreitag.
Im folgenden will ich nun Vers für Vers auslegen, inwiefern Jesus diesen Weg
beschreitet – zuvor aber hören wir noch den Chor.
V. 33: Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt:
Schädelstätte gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er´s
schmeckte wollte er nicht trinken.
Jesus wird unschuldig zum Tod verurteilt. Er ist zu unbequem. Man erträgt nicht,
dass er den bestehenden Tempelkult, die Amtsreligion und ihre Funktionäre in
Frage stellt.
Man erträgt ihn nicht bei sich drinnen in der Stadt bei den „normalen“
angepassten Menschen. Bei denen, die sich mit der Welt abgefunden haben, wie
sie ist. Bei denen, die sich die letzten Rosinen aus dem Kuchen „von Gott
getrennte Welt“ herausgeholt haben.
Nach einigem juristischen Hin und Her wird er abgeschoben. Draußen vor die
Stadt gejagt. Dort auf dem Schädelfelsen. Golgatha galt als ein unreiner Ort.
Heute würde man eine Müllhalde als unreinen Ort sehen.
Jesus bekommt Wein zu trinken. Normalerweise wurde dem Wein Myrre beigemischt.
Diese Mischung wirkte wie eine betäubende Droge. Sie sollte dem Gepeinigten die
schrecklichsten Schmerzen ersparen.
Doch selbst diese Linderung wird Jesus verwehrt. Man vergällt ihm den Wein, die
letzte billige Gnade der Menschen, mit ungenießbarer Galle.
Jesus lehnt ab.
Da sie ihn aber gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los
darum, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten: Sie haben meine
Kleider unter sich geteilt und haben über meinem Rock das Los geworfen.“ Und sie
saßen dabei und bewachten ihn.
Man nimmt Jesus die letzten Kleider. Der letzte Schutz vor Kälte, vor Hitze, der
Schutz vor Scham und Spott wird ihm genommen.
Adam versteckte sich im Garten Eden, weil er nackt war.
Jesus hängte man nackt ans Kreuz. Jeder konnte ihn anstarren und seine Späße
machen.
Wer würde diese Schande freiwillig auf sich nehmen?
So viel sind wir Jesus wert, dass er dies auf sich nimmt.
Seine Henker machen sich ein Spiel daraus, seine Kleider zu verlosen. Sein
letztes Hab und Gut wird beim Würfelspiel verhökert. Jesus teilt das Leid derer,
die durch Spielsucht der ihrigen Hab und Gut verlieren.
Die Wache dabei will sich nur die Zeit vertreiben. Schließlich ist es langweilig
für einen Soldaten stundenlang dabei zu sein, um einen Menschen zu bewachen,
der qualvoll verendet.
So abgestumpft können Menschen sein.
Und oben zu seinem Haupt setzten sie die Ursache seines Todes, und war
geschrieben: Dies ist Jesus, der Juden König.
Es ist interessant, wie sich die Wahrheit Gottes immer trotz des Widerwillens
der Menschen durchsetzt.
Für die Römer war es reiner Spott diesen Urteilsspruch zu schreiben: „Jesus,
der Juden König“.
Sie sagten damit: Schaut nur her, das ist euer König. Schaut, wie stark wir sind
– dass wir mit euren Königen so umgehen können. Und jedem der sich uns
widersetzt wird es ebenso ergehen.
Und dabei schreiben sie die Wahrheit. Ja, dieser Mann der Qual und der Schmerzen
ist der wahre König Israels, auf den Patriarchen und Propheten über Jahrhunderte
gewartet und gehofft hatten.
Es ist der König vor dem sich am Ende der Welt alle Knie beugen werden und jeder
Mund bekennen wird, dass er der Herr über das ganze Universum ist.
Auch die vermeintlich ganz Starken.
Und da wurden zwei Mörder mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur
Linken.
So tief steigt dieser König aller König hinab. Rechts und links gesellt man ihm
zwei Mörder bei. Man gesellt ihn zu Menschen, die das Hab und Gut, sowie das
Leben anderer nicht achten.
Welch eine Schande. Wer von uns wollte sein Sterbezimmer im Krankenhaus mit
zwei fluchenden vorbestraften Schwerverbrechern teilen?
Doch dieser König ist sich nicht zu fein dafür, denn seine Nähe, seine Gnade
gilt auch ihnen.
Fühlst Du Dich unwürdig, zu Jesus zu kommen? Meinst Du, er kann dich nicht
ausstehen?
Schau an das Kreuz, schau seine Gesellschaft an – ebenso, wie er bereit war,
sein Los mit diesen Räubern zu teilen, so will er in deiner Nähe, dein Freund
sein.
Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen:
Der du den Tempel zerbrichst und baust ihn in drei Tagen, hilf dir selber! Bist
du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die
Hohepriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Anderen hat
er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König Israels, so
steige er nun vom Kreuz. Dann wollen wir ihm glauben. Er hat Gott vertraut; der
erlöse ihn nun, hat er Lust zu ihm; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.
Desgleichen schmähten ihn auch die Mörder, die mit ihm gekreuzigt waren.
Da kommen sie nun: Die Gaffer und Spötter. Wie Fliegen summen sie ihm in den
Ohren. Sie schütten ihren beißenden Spott über ihn aus. Dabei stellen sie ihn
hart auf die Probe. Nur ein kleines Zeichen, nur ein ganz klein wenig, dann
wollen wir dir glauben. „Du willst doch, dass wir an dich glauben – bist du
nicht deswegen gekommen?"
Aber, wenn du so geschunden bist, können wir einfach nicht glauben.
Solch eine Grausamkeit kann nur ganz bösen Leuten widerfahren.
Wärst du in Gottes Auftrag hier, er würde dir helfen.
Nee, so können wir nicht an dich glauben.
Der Satzbau dieser Sätze gleicht der Rhetorik des Teufels, der Jesus in der
Wüste versucht hatte: „Bist du Gottes Sohn, so spring doch einfach runter von
der hohen Zinne. Beweise deine Macht! Los zeig´s den Menschen!“
Doch das ist nicht der Weg Jesu. Sein Weg ist es, hinab zu steigen in die
tiefste Tiefe. Sein Auftrag ist es den bitteren Kelch der Sünde leer zu trinken.
Und dort in der Tiefe den Weg zum Vater frei zu sprengen.
Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis über das ganze Land bis zur
neunten Stunde.
Die Sonne ist das Zeichen von Gottes Güte und Treue. Jeden Morgen geht sie auf
und gibt der Welt Licht und Energie zum Leben.
In diesen drei Stunden leuchtet sie nicht mehr. Gottes Güte, sie verdeckt sich
und ist so fern.
Oder kann die Sonne dieses Unrecht nicht mehr ansehen?
Jesus drückt dies in dem Gebetsschrei aus:
Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, eli lama asabthani?
Das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Das ist die Stunde, in der Gott fern ist. Die Stunde des Gerichtes über die
Sünde.
Er verbirgt sich vor dem Menschen und überlässt ihn sich selbst. Seinem Spott,
seiner Grausamkeit, seiner Gleichgültigkeit, seiner Dummheit.
Etliche aber, die da standen, da sie das hörten, sprachen: Der ruft den Elia.
Und alsbald lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig
und steckte ihn auf ein Rohr und tränkte ihn.
Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia kommt und ihm hilft! Aber
Jesus schrie abermals laut und verschied.
Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben bis unten.
Nun hat Jesus einen Durchgang geschaffen. Das Leid, das Sterben, die Not ist nun
nicht mehr Endstation. In der Nachfolge Jesus ist es Durchgangsstation. Es ist
das Eingangstor zu Gott. Der Durchbruch ist geschafft.
Dort unten in der größten Gottesferne und Finsternis hat Jesus einen Weg
durchgebrochen zur Vaterliebe Gottes, zu Frieden und zum Land der Freude.
Doch ob tausend Todesnächte liegen über Golgatha, ob der Höllen Lügenmächte
triumphieren fern und nah:
Dennoch dringt als Überwinder Christus durch des Sterbens Tor, und die sonst des
Todes Kinder, führt zum Lichte er empor.
Amen.
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