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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 27. August 2006Liebe Gemeinde, letzten Sonntag legte ich das 1. Kapitel des Buches Ruth aus. Eine Familie Israels kehrte ihrem Land in einer Zeit der Not den Rücken zu und ging in das Land Moab. Doch in Moab erging es der Familie nicht besser. Der Vater Elimelech starb, die beiden Söhne heirateten, doch sie starben auch schon sehr bald, ohne Kinder. Zurück blieb Noomi, die Witwe Elimelechs, die völlig verarmt in ihr Land zurückkehrt. Sie ist ein Bild für das Volk Israel, das völlig verbittert und an Gott irre geworden wie durch ein Wunder zurückkehrt. Doch sie ist nicht allein. Ihre Schwiegertochter Ruth begleitete sie. Heute geht es vor allem um diese Ruth, die ein Bild für die Gemeinde Jesu ist. 1 Es war aber ein Mann, ein Verwandter des Mannes der Noomi, von dem Geschlecht Elimelechs, mit Namen Boas; der war ein angesehener Mann. Bevor wir im 2. Kapitel näheres über Ruth hören, richtet die Bibel ihren Blick auf einen Mann. Boas heißt er. Sein Name bedeutet so viel wie "in ihm ist Stärke, bei ihm ist Schutz" modern ausgedrückt: Er hat das Leben im Griff. Noomi scheint diesen Boas völlig vergessen zu haben – doch er ist es, der einerseits den Reichtum und die Möglichkeiten hat, die Familie zu retten und andererseits ist er rechtlich gesehen derjenige, der das Erbe Elimelechs antreten kann. Übertragen ist Boas Sinnbild für Jesus Christus. Der Auferstandene ist derjenige, der gewaltig an Kraft ist, der weiß, wie das Leben funktioniert, der den Tod und das Leid besiegt hat. 2 Und Rut, die Moabiterin, sprach zu Noomi: Lass mich aufs
Feld gehen und Ähren auflesen bei einem, vor dessen Augen ich Gnade finde. Sie
aber sprach zu ihr: Geh hin, meine Tochter! Noomi hat ihre Hoffnung verloren. Hoffnungslosigkeit führt zu Antriebslosigkeit und Trägheit. Man möchte irgendwie nichts in Angriff nehmen, weil man ja keinerlei Erwartungen an ein gutes Ende hat. Ruth dagegen hat die Hoffnung nicht verloren. In Ruth steckt intuitiv der Glaube, dass Gott sie nicht im Stich lässt. Sie vertraut, dass er sie ernähren kann und darum ergreift sie Initiative. Sie hofft, dass es jemanden gibt, in "dessen Augen sie Gnade findet." Also, dass es jemanden gibt, der es gut mit ihr meint. Damals gab es noch keine Mähdrescher und keine Dünger wie heute. In schwierigen Zeiten wurde jedes Ährenkorn von Hand aufgelesen. Gott hatte befohlen, immer ein wenig von den Ähren auf dem Feld für die Armen übrig zu lassen. Gütige Bauern hielten sich daran und ließen es sogar zu, dass diese Armen direkt hinter den Erntearbeitern hergehen durften. Ruth war zuversichtlich, dass es solche Menschen gab. Diese tiefe Hoffnung ist ein Merkmal der Gemeinde Jesu. Die Gemeinde vertraut darauf, dass Gott immer wieder durch einen Menschen Gutes tun wird. Paulus drückt es so aus: Denn wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Wissen wir das als Gemeinde heute noch? Ruth hat es gewusst und darum ergreift sie die Initiative. Ein zweites Merkmal der wahren Braut Jesu ist Weisheit und Demut. Ruth ist demütig, weil sie sich nicht über ihre Schwiegermutter erhebt sagt: "Die Alte tut ja auch wirklich gar nichts, um an unserem Schicksal zu ändern." – und hastet dann los. Nein, sie fragt um Erlaubnis und um den Segen ihrer Schwiegermutter. Gleichzeitig ist Ruth auch weise, ihre Absichten, mit jemandem zu besprechen, der sich ganz gut mit den Gepflogenheiten des Landes auskennt. Wir Christen sollten auch die Demut haben, nicht immer gleich loszupreschen, sondern uns mit den Leuten absprechen, die sich mit den Gepflogenheiten des Reiches Gottes auskennen. Wir sollten sie nicht verachten, wenn sie vielleicht nicht mehr diesen Feuereifer, diese Initiative haben. Und so sollten wir als einfach anerkennen, dass Israel mit Gott schon sehr viel erlebt hat und mindestens 1500 Jahre längere Erfahrung als die Gemeinde hat und dass man sie ruhig fragen kann, ob sie einen jeweiligen Schritt für sinnvoll halten. Gott schenkt den Demütigen Gnade. Ruth fand genau das richtige Feld. Sie fand Leute, die sie weder verjagten noch belästigten. 4 Und siehe, Boas kam eben von Bethlehem und sprach zu den
Schnittern: Der HERR sei mit euch! Sie antworteten: Der HERR segne dich! Boas – was ist Boas für eine Person? Boas ist kein Großgrundbesitzer, der es sich gut gehen lässt und in den Tag hinein lebt. Er geht verantwortlich mit seinem Besitz um und schaut nach dem Rechten. Sehr schön ist auch der Umgangston, der in seinem Betrieb herrscht. Er segnet seine Leute und seine Leute segnen ihn. Das heißt, sie wünschen sich gegenseitig Gutes von Gott. Und er merkt auch sofort, wenn sich irgendetwas verändert hat. Da ist jemand Neues auf dem Feld und er erkundigt sich sofort, was es damit auf sich hat. Ähnlich ist auch Jesus. Jesus kümmert sich um seine Erntearbeiter und um seine Ernte. Dabei geht er sehr respektvoll und freundlich mit seinen Leuten um. Er segnet sie. Er ist nicht einer der Arbeitgeber, der seine Leute zu Tode schinden will. Bei Jesus geht es nicht zu wie auf dem Bau, wo geschrieen und geflucht wird. Bei Jesus wird gesegnet. Er gibt ihnen durch sein Wort neue Kraft. 8 Da sprach Boas zu Rut: Hörst du wohl, meine Tochter? Du
sollst nicht auf einen andern Acker gehen, um aufzulesen; geh auch nicht von
hier weg, sondern halt dich zu meinen Mägden. Nun spricht Boas Ruth an. Er weiß um die Gefahren, die jungen Frauen drohen, wenn sie weit draußen auf den Feldern nach Ährenresten drohen. Er weiß aber, dass Ruth auf seinen Feldern in Sicherheit ist. Durch seine Anweisung steht Ruth unter seinem besonderen Schutz. Ähnlich stellt Jesus auch die Christen unter seinen Schutz, wenn sie auf seinen Feldern bleiben und nicht irgendwo sonst ihr Brot suchen. Gleichzeitig bietet Boas auch Ruth an, Wasser zu trinken. Damals musst sauberes Wasser noch mühsam geschöpft werden und war sehr wertvoll. Es ist ein Zeichen vor Großzügigkeit, wenn Boas der Moabiterin Ruth anbietet, bei seinem Personal mitzutrinken. Ähnlich fordert Jesus auch seine Gemeinde auf, zu ihm zu kommen und bei ihm zu trinken. Jesus gibt uns von der Quelle lebendigen Wassers umsonst. Nirgendwo sagt Jesus, dass er das lebendige Wasser ist. Er schenkt es. Vielmehr ist der Heilige Geist Sinnbild für das Wasser. Jesus schenkt uns den Heiligen Geist, der unseren Durst nach Leben und nach Gott stillt. 10 Da fiel sie auf ihr Angesicht und beugte sich nieder zur Erde und sprach zu ihm: Womit hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, dass du mir freundlich bist, die ich doch eine Fremde bin? Ruth ist überwältigt von der Freundlichkeit des Boas. Sie findet bei ihm alles, was sie in ihrer Not braucht. Nahrung, Schutz und Erquickung durch das Wasser. Sie staunt und fragt: Wie habe ich das nur verdient. Ich bin doch nur eine Fremde. Spüren Sie auch hier wieder die Demut von Ruth. 11 Boas antwortete und sprach zu ihr: Man hat mir alles
angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod;
dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu
einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest. Boas kennt die Geschichte von Ruth, er weiß, was sie für ihre Schwiegermutter auf sich genommen hat. Er sieht auch den Glauben der Ruth, die unter den Flügeln Gottes Zuflucht sucht. In Moab lachte und schimpfte man vielleicht über Ruth, in Israel konnte man sie nicht so richtig einordnen. Doch Boas versteht sie und lobt sie und rechnet ihr ihre Treue, ihren Glauben hoch an. Ebenso kennt auch Jesus unsere ganze Geschichte. Er kennt alle unsere inneren Kämpfe. Er weiß um jedes Stück Stolz, Eigensinn und Ichsucht, das wir zurückgelassen haben. Auch wenn andere lachen, so versteht er uns und er rechnet uns das hoch an. An der Reaktion von Ruth erkennen wir, wie glücklich sie ist, dass es einen gibt, der sie versteht. Das ist auch ein Kennzeichen der Gemeinde Jesu. Sie lässt sich von Jesus aufmuntern und trösten. 14 Boas sprach zu ihr, als Essenszeit war: Komm hierher
und iss vom Brot und tauche deinen Bissen in den Essigtrank! Und sie setzte sich
zur Seite der Schnitter. Er aber legte ihr geröstete Körner vor, und sie aß und
wurde satt und ließ noch übrig. Ruth hatte fleißig gearbeitet. Als die anderen Pause machten, gönnte sie sich kaum Ruhe. So der Vorarbeiter. Boas unterbricht ihren Arbeitseifer und lädt sie zum Essen ein. Ähnlich will Jesus auch von seiner Gemeinde, dass sie sich nicht nur abmüht und abrackert, sondern dass sie sich auch einmal zu ihm setzt und mit ihm Gemeinschaft pflegt. Jesus wünscht, dass sie sich von ihm beschenken lässt. Man spürt, wenn man die Worte mehrmals liest, dass die beiden verliebt in einander sind. Bei Ruth kommt es mir so vor, als würde sie eine Gänsehaut in seiner Nähe bekommen. Die Gemeinde wird ja als Braut Christi bezeichnet. Jesus wünscht sich bei ihr die erste Liebe. Für diese Liebe benötigt man Ruhe. Nicht umsonst gehen Verliebte gerne miteinander essen. 17 So las sie bis zum Abend auf dem Felde und klopfte die Ähren aus, die sie aufgelesen hatte, und es war ungefähr ein Scheffel Gerste. Ruth klopft die Ähren, die sie gesammelt hat, aus. Das heißt, sie nimmt nicht das relativ unbrauchbare Stroh mit nach Hause. Schließlich hat sie ca. 15 Kilogramm gesammelt. Das ist enorm und natürlich schwer. Das Stroh hätte sie gar nicht tragen können. Wenn die Gemeinde Gottes Ähren liest, das heißt, wenn sie auf der Suche nach geistlicher Nahrung ist, dann ist da immer auch jede Menge Stroh dabei. Wenn man irgendetwas liest, oder eine Predigt hört, dann gibt es Dinge, die kann man im Augenblick nicht gebrauchen kann. Vielleicht ärgern sie sich über etwas, oder sind gar nicht einverstanden, mit dem, was ich sage. Machen Sie es wie Ruth, klopfen sie es einfach aus. Lassen sie das unbrauchbare hier und gehen mit der guten Geistlichen Nahrung nach Hause. Dieses Stroh klopft man am besten aus und lässt es dort, wo man es gesammelt hat. So ist der Ertrag am größten. 18 Und sie hob's auf und kam in die Stadt, und ihre
Schwiegermutter sah, was sie gelesen hatte. Da zog Rut hervor und gab ihr, was
sie übrig behalten hatte, nachdem sie satt geworden war. Hier kommt ein weiteres Merkmal von Ruth. Ruth behält das gesammelte nicht für sich, sondern teilt mit ihrer Schwiegermutter. Ähnlich sollte auch die Gemeinde die Wohltaten, die sie bekommen hat, nicht als einen Raub betrachten, sondern soll es teilen. Paulus hat die Gemeinden immer wieder aufgefordert, den Gemeinden in Israel Gutes zukommen zu lassen. Er hatte dieses Prinzip sehr gewissenhaft eingehalten. Persönlich ging er nach Jerusalem, um die Gaben dorthin zu bringen, obwohl er dort nicht immer mit offenen Armen empfangen wurde. Und selbst, als man sagte: Man wird dich dort festnehmen, brachte er die Sammlungen der Gemeinde dorthin. Die Kirche scheint diesen Dienst an und für das Volk Israel im Lauf der Jahrhunderte vergessen zu haben. Wir sollten uns bei Ruth zum Vorbild nehmen, die ihre Schwiegermutter nicht vergisst, selbst wenn diese auch nicht immer gerade freundlich zu ihr ist. Dann geschieht nämlich folgendes: 20 Noomi aber sprach zu ihrer Schwiegertochter: Gesegnet sei er vom HERRN, der seine Barmherzigkeit nicht abgewendet hat von den Lebendigen und von den Toten. Und Noomi sprach zu ihr: Der Mann steht uns nahe; er gehört zu unsern Lösern. Noomi erkennt, dass Boas der Löser ist. Das heißt, er hat das Recht, das Erbe freizukaufen. Das heißt er kann der Besitz der Noomi wieder der Familie zurückkaufen. Ähnlich hat Jesus Christus das Recht sein Volk zu erlösen und ihm wieder die volle Souveränität zu schenken. Die Engel, die Kreatur und wir Christen warten auf diesen Tag, dass die Welt endlich erlöst wird. Paulus schreibt Röm 11,12+15: Wenn aber schon ihr Fall Reichtum für die Welt ist und ihr Scheide Reichtum für die Nichtjuden, wie viel mehr wird es Reichtum sein, wenn ihre Zahl voll wird […] was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus den Toten. Amen. |
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