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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 3. September 2006Liebe Gemeinde, vorletzten Sonntag legte ich das 1. Kapitel des Buches Ruth und letzten Sonntag das 2. Kapitel des Buches Ruth aus. Für heute möchte die letzten beiden Kapitel des Buches Ruth auslegen. Bisher habe ich dieses Buch so ausgelegt, als wäre es nicht für einen einzelnen Gläubigen oder einzelne Gemeinde geschrieben, sondern, als wäre es für die weltweite Kirche, die Braut Jesu, welche die Ruth symbolisiert und das Volk Israel geschrieben. Es geht nun mit dem dritten Kapitel weiter: 1 Eines Tages sagte Noomi zu Ruth: «Ich möchte dir helfen, einen Mann und ein neues Zuhause zu finden.2 Du hast doch mit Boas' Mägden zusammengearbeitet, er ist ja unser Verwandter. Nun hör gut zu: Heute Abend ist er auf seiner Tenne und trennt die Spreu von der Gerste. 3 Nimm ein Bad, verwende duftende Salben, zieh dein schönstes Kleid an und geh dorthin! Pass auf, dass er dich nicht entdeckt, bevor er gegessen und getrunken hat. 4 Merk dir genau die Stelle, wo er sich hinlegt. Wenn er dann eingeschlafen ist, schlüpf am Fußende unter seine Decke! Alles Weitere wird er dir schon sagen.» 5 «Gut», erwiderte Ruth, «ich will deinen Rat befolgen.» 6 Sie bereitete alles so vor, wie ihre Schwiegermutter es ihr vorgeschlagen hatte, und ging zur Tenne. Ruth hatte Boas beim Ährenlesen kennen gelernt. Boas hatte dafür gesorgt, dass die junge Frau unbehelligt in der Zeit der Ernte für sich und ihre Schwiegermutter ernten konnte. In dem Gespräch zwischen den beiden spürte man deutlich heraus, dass die beiden sich sehr gerne mögen. Und man fragt sich: Warum ist es in diesen fünf Wochen der Ernte überhaupt nicht weitergegangen zwischen beiden. Warum hat Boas nicht der Ruth den Hof gemacht. Warum kommt es nicht zur Hochzeit, zur Vereinigung der beiden? Ich glaube, dass die Zeit noch nicht reif dafür war. Ich glaube, dass auch Noomi die Initiative mit ergreifen musste, um Ruth auf Boas vorzubereiten. Noomi musste klar werden, wenn die beiden nicht ihr Leben lang Bettler und Bittsteller bleiben wollten, musste sich etwas in der Stellung von Ruth geschehen. Sie musste die Frau des Boas werden. Auf der Situation der Kirche frage ich mich: Warum dauert es so lange, bis Jesus wiederkommt, warum muss so viel Leid und Not, und Schweiß und Tränen vergossen werden, bis endlich die Erlösung da ist. Ein Aspekt ist, dass Israel für die Hochzeit noch vorbereitet werden muss. Dass Israel beginnt sich Gedanken über die Gläubigen aus Nicht-Juden machen muss. In der Geschichte gibt sie Ruth gute Ratschläge, wie man sich angemessen verhält. Einmal sollte Ruth gewaschen, duftend und ordentlich angezogen erscheinen und zum anderen sollte sie erst einmal das Gespräch unter vier Augen suchen. Das war damals gar nicht so einfach. Denn eine Privatsphäre, wie wir sie heute kennen, gab es damals so gut wie nicht. Die Häuser bestanden damals aus einem Raum. Wenn man unter vier Augen miteinander sprechen wollte, so musste das in der Nacht geschehen. Ähnlich sollten wir Christen, wenn wir Jesus begegnen wollen uns pflegen. Immer wieder Sünden abwaschen, um die Salbung des Heiligen Geistes bitten, der uns zum einem Wohlgeruch vor Gott macht und uns schöne Anziehsachen nehmen – welches sind gute Werke. Gleichzeitig sollte wir auch immer wieder die Gegenwart Jesu unter vier Augen suchen. Wenn kein anderer dazwischenreden kann, wenn man völlig ungestört ist. 7 Als Boas gegessen und getrunken hatte, legte er sich zufrieden am Rand eines Getreidehaufens schlafen. Ruth schlich leise zu ihm und schlüpfte am Fußende seines Lagers unter die Decke. Ruth geht sehr behutsam vor. Sie rüttelt Boas nicht wach, sondern wartet geduldig, bis er sie bemerkt. Übertragen ist dies ein Kennzeichen der Gemeinde Gottes, dass sie warten kann. Ja, dass sie den Tod Christi verkündet und aushält, bis er kommt in Herrlichkeit. 8 Um Mitternacht fuhr Boas aus dem Schlaf hoch. Er beugte
sich vor und entdeckte eine Frau, die zu seinen Füßen lag. Ruth ist nun sehr kühn. Sie weiß zwar, dass Boas das Recht und die Kraft hat ihr zu helfen, doch er ist nicht dazu verpflichtet. Er muss es nicht tun. Es ist nicht immer einfach, frei heraus, um etwas großes zu bitten. Ich kann mich noch erinnern, wie mir die Knie zitterten, als ich meine Frau fragte, ob sie denn mit mir befreundet sein möchte. Ruth hält mit dem Zipfel des Gewandes, gleich gar um die Hand von Boas an. Ich bin der Meinung, dass Gott darauf wartet, dass wir, ähnlich wie Ruth, dass wir kühn bitten. Ja, er möchte, dass wir um den neuen Bund mit ihm bitten. Er hat das Recht und die Möglichkeit mit uns einen Bund einzugehen – doch er wartet, bis wir kommen. 10 «Der Herr segne dich!» rief Boas. «Jetzt zeigst du noch
viel mehr als bisher, wie sehr dir die Familie deiner Schwiegermutter am Herzen
liegt! Du bist nicht den jungen Männern nachgelaufen, obwohl du sicher auch
einen wohlhabenden hättest finden können. Hier erweist sich Boas wieder als sehr großzügig, als liebevoll, als ein echter Gentleman. Er lobt Ruth und zeigt, dass er sie sehr schätzt, er verspricht für sie zu kämpfen und er schenkt ihr noch einen halben Zentner geworfelte Gerste. Die beiden kommen sich hier sehr nah. Dennoch kommt es noch nicht zur Vereinigung. Die Beziehung der beiden soll nach Außen verborgen bleiben. Das, was die beiden miteinander innerlich verbindet, soll erst zutage treten, wenn die äußere, öffentliche Vereinigung vollzogen wird. Ähnlich ist Jesus der Gemeinde gegenüber sehr großzügig und erweist sich stets als Gentleman. Es gibt aber auch Bereiche, Gemeinschaft zwischen Gemeinde und Jesu, die sind und sollen der Öffentlichkeit und der Welt verborgen bleiben. Damit soll man nicht vor der Wiederkunft Jesu angeben. 16 Als Ruth zu Hause ankam, fragte Noomi sie: «Wie ist es
dir ergangen, meine Tochter?» Ruth berichtete, was Boas ihr geantwortet hatte.
Ruth wird hier erstmals von Noomi ermutigt. Ruth hatte im Gespräch erstmals davon erfahren, dass es noch einen anderen Mann gibt, der Anrecht auf sie hat. Einen Mann, den sie weder kennt noch liebt. Überträgt man dies auf die Situation der Gemeinde, dann fragt man sich: Wer außer Jesus hat noch Anrecht auf das Volk Gottes? Was kann da noch zwischen Jesus und uns kommen? Ich denke, wir kennen diesen Mann. Es ist das Gesetz. Vielen geht es so, wenn sie Jesus kennen gelernt haben, dann sind sie begeistert von ihm. Doch dann kommt etwas dazwischen. Es kommt das Gesetz: Ein Christ soll das nicht und darf jenes nicht, ein Christ muss das tun und jenes beachten. Und wenn er sich da nicht engagiert, ist er dann noch richtig dabei? … usw. Kennen sie diese Forderungen, dieses schlechtes Gewissen. Formal gesehen hat das Gesetz das Recht Israel zur Frau zur nehmen – aber er will und kann es nicht. Noomi weiß das, sie kennt das Gesetz viel besser als Ruth. Aber Ruth leidet noch darunter und fürchtet sich davor. Aber schauen, wir uns das Kapitel vier an, wie es weitergeht. 1 Boas ging zum Versammlungsplatz am Stadttor und setzte sich
dorthin. Da kam jener Verwandte vorbei, von dem er Ruth erzählt hatte. Boas
sprach ihn an: «Komm doch herüber und setz dich!» Als der Mann Platz genommen
hatte, Damals wurden alle rechtlichen Angelegenheiten nicht wie bei uns bei einem Notar aufgeschrieben, sondern vor Zeugen bei dem Versammlungsplatz am Stadttor ausgehandelt. 3 Dann sagte er zu seinem Verwandten: «Noomi, die aus dem
Land der Moabiter zurückgekehrt ist, will das Grundstück Elimelechs verkaufen,
der ja zu unserer Sippe gehört hat. Das Gesetz ist ein harter Mann. Gott hat es seinem Volk zwar gegeben, aber das Volk Gottes kann dadurch nur sehen, dass es verloren ist, dass es arm ist, dass es die Felder und der Besitz verschuldet ist. Das Gesetz sucht nie den Menschen, sondern nur sich selbst. Das Gesetz ist nicht Liebe. Wer meint, dass das Gesetz erlösen kann, der bleibt immer bei dem "Wie du mir, so ich dir." "Welches Recht hast …" – "Hast du auch schon deine Pflicht getan." Boas dagegen liebt. Und wer liebt, der kann sich hingeben, der kann schenken, der kann befreien. Und genau das tut Jesus. Er schaut nicht auf sein eigenes Leben, auf seine eigene Herrlichkeit und Macht, sondern möchte die Geliebte erlösen und reich machen. 7 Wer zu dieser Zeit in Israel sein Besitzrecht einem
anderen übertrug oder einen Tauschhandel abschloss, zog als Zeichen dafür seinen
Schuh aus und gab ihn dem anderen. Damit war der Handel rechtsgültig. Mit diesem öffentliche Wort von Boas zu Ruth wird sozusagen die standesamtliche Hochzeit vollzogen. Ruth ist nicht mehr ungläubige Fremde, nicht mehr arme Bittstellerin, nicht mehr nur fleißige Ährenleserin. Sie ist mit Boas zusammen Herrin. 13 So nahm Boas Rut zur Frau. Der Herr ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.14 Da sagten die Frauen zu Noomi: »Der Herr sei gepriesen! Er hat dir heute in diesem Kind einen Löser geschenkt. Möge der Name des Kindes berühmt werden in Israel! 15 Es wird dir neuen Lebensmut geben und wird im Alter für dich sorgen. Denn es ist ja der Sohn deiner Schwiegertochter, die in Liebe zu dir hält. Wahrhaftig, an ihr hast du mehr als an sieben Söhnen!« 16 Noomi nahm das Kind auf ihren Schoß und wurde seine Pflegemutter. Endlich wird die verbitterte Noomi getröstet. Endlich wird ihr nach dem vielen Leid, das ihr zugefügt wurde, eine neue Perspektive geschenkt. Endlich kann sie in Geborgenheit ihr Alter genießen. Wie konnte das geschehen? Nicht durch das Gesetz, sondern durch die Liebe. Ähnlich wird Israel getröstet werden. "Tröstet, tröstet mein Volk" – fordert Gott im Jesaja Buch. Wie kann man Israel in seiner Not trösten? Nicht durch Gesetz, nicht durch irgendwelche Verträge, sondern durch Liebe. Wer sonst könnte das Volk Israel trösten, wenn nicht Jesus und die Gemeinde. 17 Ihre Nachbarinnen kamen, um ihm einen Namen zu geben, denn sie sagten: »Noomi ist ein Sohn geboren worden!« Und sie gaben ihm den Namen Obed. Obed wurde der Vater Isais, Isai der Vater des Königs David. Ruth ist so demütig, dass sie sogar Noomi das Anrecht schenkt, Obed als ihren Sohn zu betrachten. Später in Jesu Stammbaum wird wiederum Ruth als die Mutter Obeds bezeichnet. Dies ist wiederum Kennzeichen des Wesens Gottes und seines wahren Volkes, dass es sich einander schenkt, ohne eifersüchtig darum zu geifern, ob man ja in seiner Stellung auch gewürdigt wird. Das Buch Ruth führt aus der Dunkelheit der Richterzeit heraus in ein neues Zeitalter der Freude und Sicherheit. Durch diese Liebe und die Hingabe Einzelner von Ruth und von Boas kommt die Erlösung auf ein ganzes Volk. Zuletzt wird nämlich David genannt. David ist derjenige, der mit Gottes Hilfe das Volk Israels in sein volles Erbe hineinführt. Mit David werden die Versprechungen Gottes wahr. Ähnlich wird die Verbindung und Liebe von Israel und der Gemeinde eine herrliche Frucht hervorbringen: Das Reich Gottes auf der ganzen Erde. Der Weg bis Gottes Reich sichtbar anbricht, scheint vielleicht noch weit – doch als Noomi ins Dorf kam, ahnte sie nicht, wie nahe sie dran war, dass sie getröstet wird. Ähnlich glaube ich, dass der Trost Israels nicht mehr lange dauern wird. Schließlich kehrt das Volk Israel seit 1948 unaufhörlich in sein Land zurück. Sind wir bereit für das kommenden Zeitalter? Amen. |
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