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Auswege aus der Resignation                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 7. April 2002

Liebe Gemeinde,

die Israeliten waren am Ende mit ihrem Glauben an Gott. Sie hatten gedacht, sie wären sicher im Tempel in Jerusalem. Denn dort wohnte ja der Name Gottes. Und Gott würde sie beschützen. Sie hatten auf politisch kluge Schachzüge und Bündnisse mit den Ägyptern gesetzt, auf eine effiziente Aufrüstung der Armee.
Doch dann kamen die Truppen des Königs Nebukadnezars. So zahlreich wie der Sand am Meer, geübt im Kriegführen und besonders im Erobern befestigter Städte. Jerusalem wurde belagert und ausgehungert. 587 vor Christus kam der große Angriff. Die Stadt wurde erobert, die Bevölkerung verschleppt. Der Tempel, das Zentrum des Glaubens, niedergerissen, die Söhne des Königs vor den Augen ihres Vaters getötet und die ganze Führungsschicht wurde in Kriegsgefangenschaft verschleppt. Und so wohnten sie als Sklaven in Babylon. Weit weg von zuhause, in irgendwelchen Baracken, traumatisiert, ohne jede Hoffnung, ohne jedes Vertrauen auf die Hilfe Gottes. Sie hatten den Mut verloren, kein Ziel mehr vor Augen. Sie waren am Ende.

Liebe Gemeinde,

auch in unserem Leben kann es Situationen geben, wo wir völlig am Ende sind. Am Ende einer Beziehung, wenn einer sich alle Mühe gegeben hatte, in Frieden und Liebe zu leben, immer wieder um eine gute Ehe gekämpft hat, aber stets nur Angriffe, Vorwürfe, Streit und Enttäuschung hinnehmen musste und nun einfach keine Kraft mehr hat, weiterzugehen. Am Ende mit der Gesundheit, wenn man z.B. eine vernichtende Diagnose eines Arztes bekommt, obwohl man immer gesund gelebt hatte. Am Ende mit seinem Glauben, wenn man von anderen Christen enttäuscht wurde. Am Ende, wenn man immer nur gegeben, aber nie empfangen hat.

Und wenn man so am Ende ist, dann kommen ganz gefährliche Gedanken auf wie: Es lebt sich ohne Gott viel einfacher, oder ich bin Gott sowieso egal. Oder Gott kann mir nicht helfen.

Ähnlich dachten die Israeliten in der Babylonischen Gefangenschaft. Gefährlich sind solche Gedanken, solche Zweifel, solche Anfechtungen weil sie den Glauben an Gott zerstören können. Aber Gott griff mit seinem Wort ein und schickte den Israeliten in ihrer Resignation eine Antwort. Und diese Antwort kann auch uns helfen, wenn wir am Ende sind:

Ich lese den Predigttext für heute: Jesaja 40, 26-31:

Blickt nach oben! Schaut den Himmel an: Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? Er ist es! Er ruft sie, und sie kommen hervor; jeden nennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie ruft. Ihr Nachkommen Jakobs, ihr Israeliten, warum behautet ihr: Der Herr weiß nicht, wie es uns geht! Es macht unserem Gott nichts aus, wenn wir Unrecht leiden müssen“. Begreift ihr denn nicht? Oder habt ihr es nie gehört? Der Herr ist der ewige Gott. Er ist der Schöpfer der Erde – auch die entferntesten Länder hat er gemacht. Er wird weder müde noch kraftlos. Seine Weisheit ist unendlich tief. Den Erschöpften gibt er neue Kraft und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Männer ermüden und werden kraftlos, starke Männer stolpern und brechen zusammen. Aber alle, die auf den Herrn harren bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.

Welchen Ausweg aus der Resignation bietet Gott an? Drei Wegweiser eröffnet uns dieser Bibelabschnitt:

1. Bete Gottes Schöpfermacht an.
2. Gib nicht auf.
3. Lass Dich von seiner Kraft beschenken.

Bete Gottes Schöpfermacht an:

Blickt nach oben! Schaut den Himmel an: Wer hat die unzähligen Sterne geschaffen? Er ist es! Er ruft sie, und sie kommen hervor; jeden nennt er mit seinem Namen. Kein einziger fehlt, wenn der starke und mächtige Gott sie ruft.

Viele Naturwissenschaftler, die sich mit Sternenkunde beschäftigen, staunen immer wieder, wie genau und präzise das Universum aufgebaut ist. In der naturwissenschaftlichen Beobachtung der Sterne kam man zu dem Schluss, dass das Universum einen Anfang haben muss, dass es also nicht seit unendlichen Zeiten besteht. Die Bewegungen der Gestirne deuten darauf hin, dass alles von einem Anfangspunkt des Universums ausgeht. Man hat daraufhin ausgerechnet, wenn die Ausdehnungsgeschwindigkeit der Masse, welche später die Planeten bildete, in der ersten Sekunde, am Anfang der Welt, auch nur um ein Hundertausendmillionstel kleiner oder größer gewesen wäre, dann wäre das Universum wieder in sich zusammengefallen, bevor es seine heutige Größe erreicht hätte.  Das ist nur ein kleines Beispiel. Der Aufbau des Universums, der Lauf der Sterne ist so präzise und exakt, mathematisch dermaßen atemberaubend, dass man nur staunen kann über die Intelligenz und über die Macht dessen, der hinter diesem Bauwerk steht. Die Sonne mit ihrer unglaublichen Kraft, der Mond mit seinem milden Licht, die Bahn der Sterne – all das hat Gott allein durch sein Wort ins Leben gerufen. Exakt, präzise und unglaublich gewaltig.

Darum tut es gut, wenn wir am Ende unserer Kraft angekommen sind, wenn wir erst einmal von uns und unserem Elend und unserer Not wegblicken und hinauf zum Himmel schauen. Über das große Wunderwerk, das wir dort sehen, staunen. Und dass wir uns dann in Ehrfurcht vor dem verneigen, der all dies geschaffen hat. Ihn anbeten. Dadurch werden unsere Probleme in ein anderes Verhältnis gesetzt. Und dann sollten wir bedenken: Wenn Gott nun bei der Schöpfung keine Fehler gemacht hat, dann macht er auch bei meinem Schicksal keine Fehler. Er ist so mächtig, so stark. Er wird alles zum Guten lenken, auch wenn ich es im Augenblick verstehe. Liebe Gemeinde, dieser Blick nach oben, hilft aus Elend heraus. Es stärkt das Vertrauen auf die Stärke Gottes. Man kann es in dem einen Satz zusammenfassen: „Loben zieht nach oben.“

Gib nicht auf! Harre des Herrn.

So majestätisch das Universum ist, so atemberaubend jede einzelne Zelle unseres Körpers, so Ehrfurcht gebietend der Aufbau jedes Atoms, das auf unseren Schöpfer weist, so verdunkelt und chaotisch ist manchmal unsere Situation. Es gibt Tage und Stunden, besonders, wenn ich mit meiner eigenen Kraft am Ende bin, da spüre und sehe ich nichts, aber auch gar nichts von Gottes großer Macht und Stärke. Es ist, als wäre Gott verschwunden, hätte sich aus meinem Leben zurückgezogen, als wäre er müde geworden oder alt. Der Unglaube sagt in dieser Situation: Gib Gott auf, vergiss alles. Der Glaube dagegen beharrt auf Gottes Eingreifen. Der Glaubende sieht zwar überhaupt nichts von Gottes Kraft, aber er vertraut auf sie und er geht Schritte des Vertrauens, auch wenn er völlig am Ende ist.

Sehr eindrücklich beschreibt dies B. Hybels: Er war völlig mit seiner eigenen Kraft am Ende, als sein Vater starb. Ich lese auszugsweise, aus seinem Bericht:.

„Es schien, als ob der Tod meines Vaters auch mir alles Leben entzogen hätte. Ich hatte alles, was ich hatte, gegeben, um meine Mutter zu trösten, und jetzt war ich innerlich leer. [...] Ich hatte Ängste, die ich früher nicht hatte. Ich brach mitten in der Predigtvorbereitung zusammen und fing an zu weinen. Als der Sonntag [eigentlich Samstag] näher rückte, war mir klar, dass ich nicht genug Kraft hatte, diese Predigt zu schaffen. [...] „Ich kann nicht“, musste ich vor mir zugegeben. „Ich habe nicht genug Kraft.“ [...] Eine böse Stimme flüsterte mir zu: „Du wirst es weder heute noch in Zukunft schaffen. Am besten legst du deinen Dienst gleich jetzt nieder. Das war es. Du bist am Ende!“
Aber dann hörte ich das ruhige Flüstern des Heiligen Geistes, das mir in dieser quälenden und verwirrenden Situation unendlich gut tat: „Geh einfach einen Schritt nach dem anderen. Steh morgen früh auf und verhalte dich so, als ob du in der Lage wärst zu predigen. Und dann schau, ob nicht die Kraft kommt. Vertrau mir. Zeige einfach ein bisschen Glaube. Geh in die Richtung, die ich dir angebe und habe den Glauben, dass ich dir unterwegs die nötige Kraft geben werde.“ 
„Okay, Herr,“ betete ich. „Ich werde aufstehen und so tun, als ob ich stark wäre. Ich werde so weit gehen, wie du es mir zugestehst. Ich werde vorwärts gehen und darauf vertrauen, dass du mir unterwegs die nötige Kraft gibst.“
Die Last auf mir wurde deswegen nicht leichter. Ich spürte noch immer eine tiefe Trauer und ein Gefühl der Schwere. Als ich schließlich meinen Platz vor der Gemeinde einnahm, wurde ich nicht plötzlich von Gottes Energie überfallen. Als ich auf die Kanzel ging betete ich still für mich: „Herr, hier bin ich jetzt, und ich vertraue dir, du weißt, wie elend ich mich heute Morgen fühle.“
Weiter schreibt er: „Ich würde gerne sagen können, dass ich in diesem Moment des Glaubens wie eine Rakete aufgeladen wurde. Aber es passierte nichts dergleichen. Ein großer Teil meines Herzens war noch immer wie abgestorben, aber Gott gab mir gerade genug Kraft, um durch die Predigt zu kommen. ... [Und dennoch] sagten mir später ungewöhnlich viele Menschen, gerade diese Predigt hätte ihnen sehr geholfen.“

Liebe Gemeinde, das ist Glauben, der beharrlich ist. Es gibt Tage in unserem Glaubensleben, da müssen wir um diese Beharrlichkeit ringen, um aus unserem Tief herauszukommen. Da können wir nur diese kleinen Schritte des Vertrauens gehen.

Lass Dich von seiner Kraft beschenken.

Gott gibt dem Müden Kraft und Stärke dem Unvermögenden. Es steht hier nicht, dass er die Starken noch stärker macht, dass er die Supermänner unter uns Christen bereichert mit seiner Allmacht, sondern gerade die Müden, diejenigen, die am Ende sind. Manchmal lässt Gott uns müde werden, damit er uns mit seiner Kraft und Liebe füllen kann, damit wir so das Vertrauen in seine Hilfe erleben können. Das ist wie bei einem Geschenk. Meist freut man sich ganz besonders über ein Geschenk, wenn man es dringend benötigt.
Zum Beispiel: Wenn ich fünf tolle Autos hätte, würde ich mich nicht so sehr über ein sechstes Auto freuen, wie ein junger Erwachsener, der zu seinem 18. Geburtstag überraschenderweise von seinen Eltern ein erstes Auto bekommt. So möchte Gott uns mit seiner Kraft gerade dann beschenken, wenn wir mit unserer eigenen Kraft am Ende sind.

Darum lasst uns in Zeiten der Not, die Hände öffnen, seine große Macht anbeten, auf seine Hilfe harren und unsere eigene Not eingestehen und uns von seiner Kraft beschenken lassen. Dann erleben wir, wie wir neue Kraft bekommen und aus solch einer Krise werden wir auffahren mit Flügeln wie Adler, wir werden weiter laufen und nicht matt werden, weil wir immer wieder Gottes Kraft bekommen.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010