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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 29. Juli 2000
Liebe Gemeinde
„Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker.
Tauft sie auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und Heiligen Geistes
und lehret sie alles zu halten, was ich euch befohlen hab.“
Das ist kurz und bündig die Aufgabe einer christlichen
Gemeinde. Wir sind nicht nur dazu da, um uns gegenseitig zu erbauen, um einen
gemütlichen Diskussions- und Denkclub zu haben, sondern wir haben die Aufgabe
bekommen, von der frohen Botschaft weiter zu erzählen. Dass Jesus uns das Herz
des himmlischen Vaters aufgeschlossen hat. Wir sollen nun nicht auf unserer
Erlösung ausruhen, sondern hingehen zu anderen Menschen und ihnen von der
Einladung Gottes erzählen, die durch Jesus gilt.
Leider vergessen wir als Kirchengemeinde immer wieder unseren Auftrag. Darum
soll der heutige Bibelabschnitt daran erinnern, wie das aussehen kann.
Ich lese aus Apg. 8, 26-39
Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach:
„Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinab
führt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus
Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von
Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem
gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las
den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: „Geh hin und halte
dich zu diesem Wagen. Da lief Philippus mit und hörte, dass er den Propheten
Jesaja las, und fragt: Verstehst du, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich,
wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu
ihm zu setzen. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: „Wie ein
Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem
Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde
sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben
wird von der Erde weggenommen.“ Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und
sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet da, von sich selber oder von
jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der
Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. Und als sie auf der Straße
dahinfuhren kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist
Wasser: was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten
und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte
ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn
Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr: er zog aber seine Straße
fröhlich.
Ich lege im folgenden die einzelnen Verse aus.
Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh
auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt
und öde ist. Und Philippus stand auf und ging hin.
Oft braucht man einen Anschubser, einen Engel, um sich aufzumachen. Mir scheint
es hier, als hätte Philippus geschlafen oder zumindest geruht, denn es heißt:
Steh auf und geh. Vielleicht kennen Sie das: Eine innere Stimme sagt: Melde dich
doch mal dort. Ruf an. Und tatsächlich der andere hat gewartet.
Nun Philippus bekam aber einen recht merkwürdigen Auftrag. Da reicht eine innere
Stimme nicht aus. Da muss dann schon ein Engel ein klares Wort sprechen: Geh auf
die Straße, die durch die Wüste von Jerusalem in Richtung Ägypten führt.
Wenn ich Missionsstratege wäre, dann würde ich Philippus viel
eher empfehlen: Philippus geh dorthin wo viele Leute sind. Geh auf die
Marktplätze, oder in die Synagogen wo man sich trifft und unterhält. Dort, wo
der Apostel Paulus gepredigt hat. Nie würde ich ihn in die Wüste schicken,
dorthin wo kaum eine Menschenseele anzutreffen ist, wo kein Mensch wohnt, wo es
kein Wasser und keinen Schatten gibt. Ja, wo es langweilig ist.
Aber das ist die Größe des Geistes Gottes: Wo nichts ist, wo Wüste ist, kann er
Frucht bringen. Seine Verheißung sagt: Dort sollen Ströme lebendigen Wassers
fließen.
Darum ist es bis heute wichtig, dass wir als Christen große Ohren haben, die
lauschen können auf das, was ein Engel Gottes uns zu sagen hat. Denn von selbst
kämen wir nie auf den Gedanken, in die Wüste zu gehen.
Aber das andere ist auch wichtig: Der Gehorsam. Und Philippus stand auf und ging
hin.
Manch anderer als Philippus hätte vielleicht gesagt: „Das liegt mir aber ganz
und gar nicht, diese heiße Straße zu gehen. Und dann ist der Weg von Samaria
dorthin so weit. Ich habe nicht die Gabe des Sports, um solche anstrengenden
Fußmärsche durchzustehen. Außerdem habe ich als Diakon hier vor Ort so viele
Aufgaben. Ich bleib lieber hier.“
Liebe Gemeinde, letzte Woche haben wir es auch von Abraham
gehört. Wenn Gott spricht, dann ist die einzig richtige Möglichkeit: Sich
aufzumachen und zu gehen. Ja, gehorsam zu sein. Ansonsten beraubt man sich eines
großen Segens. Gut, dass Philippus gehorsam war.
Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der
Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der
war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf
seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
Und siehe: Das Wort „und siehe!“ kommt immer in der Bibel, wenn es etwas zu
staunen gibt. Tatsächlich. Gott hat Philippus nicht vergeblich in die Wüste
geschickt. Da kommt jemand. Es naht sich eine Karawane. Und nicht eine
gewöhnliche Karawane. Nein, da kommt eine sehr hoch gestellte Persönlichkeit.
Der Finanzminister von Äthiopien persönlich. Ein Mann, der nicht nur gut Geld
und Finanzen verwalten konnte. Ein Mann der auch nach Gott fragte. 3000
Kilometer an harter mühsamer Wegstrecke nahm er in Kauf, um Gott zu begegnen.
Würden wir unseren Jahresurlaub opfern und solch eine mühsame Strecke in Kauf
nehmen, um Gott zu begegnen? Der Minister hoffte, Gott im Tempel von Jerusalem
finden zu können.
Aber dort ließ man ihn nur durch die Tür hineinschauen. Den Innenhof durfte er
als Heide, obendrein ein Eunuch nicht betreten. Man gab ihm zu verstehen: Einer
wie Du hat in Gottes Gegenwart, in Gottes Volk nichts verloren. Du bist ja gar
kein richtiger Mann mehr.
All seine Sehnsucht nach Gott wurde nicht gestillt. Nun hat er so viel
investiert und alles verloren.
Aber doch – ein anderer hat sich auf die Suche nach ihm gemacht. Gott selbst. Er
hat schon einen Boten bereitgestellt, an der Straße in Richtung Süden. Wie gütig
ist Gott!
Liebe Gemeinde, vielleicht beten Sie für einen Menschen, dass er doch auch zu
Gott finden möge. Diese Stelle gibt uns Hoffnung, dass Gott schon lange vorher
eine Begegnung plant und den allerbesten Zeitpunkt kennt. Dies gibt uns
Hoffnung.
Immerhin kaufte der enttäuschte Minister sich eine Bibelhandschrift, eine
Schriftrolle, um darin etwas mehr von dem unbekannten Gott zu erfahren. Nebenbei
bemerkt: damals kostete eine Schriftrolle ein Vermögen. Darin las der Minister
auf dem Rückweg.
Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!
Ich würde mich nicht getrauen, neben einer so hohen Persönlichkeit, ohne gebeten
zu werden herzulaufen. Auch hier hilft der Geist Gottes dem Philippus auf die
Sprünge.
Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las.
Wie gut, dass Philippus eine gute Bibelkenntnis hatte. In der Bibel war er
zuhause, denn sie steckte voller Hinweise auf Jesus Christus dem Erlöser der
Menschen. Das war für Philippus ein großartiger Anknüpfungspunkt.
Und Philippus fragte: Verstehst du, was du liest?
Philippus beherzigt eine ganz wichtige Regel der Evangelisation. Die man auch
bei Jesus erkennen kann.
Philippus beginnt mit einer Frage. Er hätte zuerst etwas angeben können: „Ich
kann Dir erklären, was du da liest, denn ich bin im Volk Gottes aufgewachsen,
von klein auf damit vertraut. Ich bin da Experte.“
Doch besser ist es eine unaufdringliche Frage zu stellen.
Diese behutsame, aber doch mutige Frage lässt dem Kämmerer Freiheit auch noch
auszuweichen. Dabei signalisiert Philippus deutlich: Wenn Du mit mir reden
willst, dann kann ich Dir etwas großartiges erzählen.
Liebe Gemeinde, wenn es um Glaubensgespräche geht, dann heißt es sehr behutsam
aber doch auch mutig zu sein. Ich habe kürzlich einmal ein Gespräch geführt, und
mich im Ton vergriffen. Ich war etwas abkanzelnd, von oben herab, etwas
aggressiv und als ich es beendete, spürte ich: „Oh, jetzt hab ich einen Fehler
gemacht: Diese Person hat sich mir gegenüber verschlossen.“ Tatsächlich hat
diese Person sich seitdem nicht mehr gemeldet und ging mir aus dem Weg.
Eine Frage dagegen ist weniger aufdringlich. Sie lässt dem anderen immer noch
die Möglichkeit offen, sich selbst zu entscheiden, ob er ein Gespräch über den
Glauben möchte.
Der Kämmerer aber sprach: Wie kann ich, wenn mich niemand dazu anleitet? Und
er bat Philippus aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
Der Fisch hat angebissen. Die beiden kommen einander näher. Sie setzen sich
zusammen, um in der Bibel zu lesen. Bibellesen. Das ist eine sehr schöne Form
von Evangelisation. Gemeinsam mit einem Interessierten in der Bibel zu
studieren.
Ein Christ und ein Moslem, die miteinander befreundet waren,
diskutierten viel über ihren Glauben. Aber im Grunde war es nur ein
Schlagabtausch in Form von Argumenten. Schließlich schlug der Christ vor, um
sich nicht weiter zu streiten, die Grundlagen ihrer Religion genauer zu
untersuchen. So vereinbarten sie regelmäßig abwechselnd einmal im Koran und
einmal in der Bibel zu lesen. Nach einiger Zeit fand der Moslem zum Glauben an
Jesus. Doch er beschwerte sich bei seinem Freund mit den Worten: „Das war ja
unlauterer Wettbewerb, du hast genau gewusst, dass die Worte der Bibel mehr
Kraft haben.“
Ich lese weiter:
Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser: „Wie ein Schaf, das zur
Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so
tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil
aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der
Erde weggenommen."
Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem
redet der Prophet da, von sich selber oder von jemandem anderen.“
Merken Sie liebe Gemeinde, bis zu dieser Stelle hat Philippus gewartet, irgend
etwas von Jesus zu sagen. Er hat darauf gewartet, bis die Frage an ihn gestellt
wird.
Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an
und predigte das Evangelium von Jesus.
Jetzt legt Philippus natürlich los. Er erzählt dem Minister – also einem Mann,
der sich auskennt, welche harten Machtkämpfe hinter prächtigen Fassaden eines
schönen Hoflebens geführt werden. Einem Mann, der wusste, dass jede Schwäche von
anderen Menschen ausgenutzt wird. Philippus erzählt von dem ganz anderen
Menschen, der alle Vollmacht hätte haben können, aber keine Macht in Anspruch
nahm. Von dem Mann, der sich wie ein Lamm schlagen und schlachten ließ, von
machthungrigen, ihm neidischen Menschen. Und er erzählte, dass im Vertrauen auf
diesen Mann Jesus Christus, das Heil, der Zugang zum Himmel liegt. Er hat den
Weg zum Himmel für alle gebahnt, die sich ihm anvertrauen, die ihm Nachfolgen.
Für alle ohne Unterschied. Der Arme wie der Reiche, der Dunkle wie der Helle,
der Gesunde wie der Kranke, der Minister wie der Diakon, der Heide und der Jude.
Alle finden durch ihn den Zugang zum Himmel, zu Gott.
Ich sehe, die beiden vor mir, wie der dunkelhäutige Minister begierig zuhört und
der Kutscher und die Begleiter der Karawane still mitlauschen während Philippus
eifrig und freudig erzählt. Die Zeit vergeht wie im Flug, sie nähern sich wieder
etwas der Zivilisation, einer Oase und kommen an eine Wasserstelle.
Und als sie die Straße dahinfuhren kamen sie an ein Wasser. Da sprach der
Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse?
Der Minister hat es begriffen. Nichts steht mehr im Weg zu Jesus Christus. Es
gibt keine Schranken mehr.
Und erließ den Wagen halten, und beide stiegen in das
Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus
dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der
Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
Diesen Vers verstehe ich nur schwer. Denn bekanntlich braucht ein frisch
Bekehrter die Gemeinschaft mit anderen Christen, die ihm beistehen. Ein Christ
braucht eine Gemeinde. Doch jede Regel hat auch ihre Ausnahmen. Der Geist Gottes
ist so groß, dass er auch ihn weiterführen kann im Glauben.
Philippus wird dagegen wieder in seine ursprüngliche Aufgabe gesetzt. Mich würde
noch interessieren, wie das ganze weiterging. Ich kenne eine Möglichkeit, wie
wir es einmal erfahren werden: Lassen Sie uns Jesus anvertrauen und ihm dienen.
Vergessen wir nicht seine Hausaufgabe, in die Welt zu gehen, und Jünger zu
machen! Dann wird er uns auch an der Hand nehmen und in sein Reich führen. Dort
treffen wir, daran glaube ich fest, den Herrn Minister und wir können ihn
fragen, wie es ihm weiter ergangen ist.
Amen.
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