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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 31. Dezember 1999 -
Gottesdienst zum Altjahrabend
Liebe Gemeinde,
das alte Jahr geht seinem Ende entgegen. Viel ist geschehen
seit dem 31.Dezember 1998, schnell ist die Zeit vorübergegangen.
In der kommenden Besinnung möchte ich Sie einladen, in
Gedanken dieses vergangene Jahr in Gottes Hand zurückzulegen. Zwischen den
einzelnen Predigtabschnitten soll ruhige Musik gespielt werden. Dann können Sie
sich selbst Gedanken machen. Wer möchte kann für sich Notizen machen. Blätter
und Stifte teilt Pfarrer Flückiger aus.
Der Bibelabschnitt der uns leiten soll, ist ebenfalls ein Rückblick des Volkes
Israel. Ich lese aus 2. Mose 13,17+18 und 20-22.
Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie
Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war, denn Gott
dachte, es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie
könnten wieder nach Ägypten umkehren.
Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum
Schilfmeer. So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.
Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten
Weg zu führen und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie
Tag und Nacht wandern konnten.
Gott hat sein Volk aus der harten Hand des Königs von Ägypten befreit.
Die Israeliten lebten als Sklaven in Ägypten. Sie mussten die schwersten und
unangenehmsten Arbeiten verrichten und bekamen keinen Lohn dafür, geschweige
denn, dass sie irgendwelche Rechte hatten.
Andere bestimmten über ihr Leben. Andere, die stärker waren als sie.
Der ägyptische Machthaber hatte sie fest im Griff. Niemand im Land wollte auf
die billigen Arbeitskräfte verzichten.
Doch Gott mahnte durch Mose sein Anrecht auf die Israeliten an. Nicht im Traum
dachte der mächtige Pharao daran, auf die Stimme eines Nomadengottes zu hören.
Erst als 10 Katastrophen das Land heimgesucht hatten, ließ er sie
zähneknirschend ziehen. Das Volk zog. Nun war es frei.
Anfangs waren die Leute voller Begeisterung, voller Staunen, voller Dankbarkeit
über die neu gewonnene Freiheit. Voller Liebe zu ihrem treuen Gott.
Doch diese Euphorie hielt nicht lange an. Schon nach wenigen Tagen maulten sie:
„In Ägypten mussten wir uns um nichts sorgen und hatten wenigstens ab und zu mal
Fleisch, Knoblauch und Zwiebeln zu essen.“
Zwei Orte werden genannt. Die Namen der zwei Orte sind Sinnbild für das
Verhalten der Israeliten.
Der eine Ort hieß Sukkot. Sukkot bedeutet aufbrechen. Neues wagen, weiterziehen.
Sukkot steht für die Freude, den Weg mit Gott zu gehen, für den Glauben, der
neue Wege im Vertrauen auf ihn wagt.
Der andere Ort heißt Etam. Etam bedeutet Festungsmauer.
Es ist der Ort, der die Israeliten wieder festhalten, sie nicht weiter ziehen
lassen will. Die letzte Grenzstation des Alten Ägyptens. Es ist dort, wo das
Volk geneigt ist, sich gleich wieder im Alten Ägypten, in das Alte Fahrwasser,
in die Sklaverei zurückfallen.
Als Christ bin ich befreit. Von Jesus Christus befreit aus dem Gefängnis der
Sünde, die mich anklagt, festhält und mein Leben schwer macht.
Der Sünde, der ich dienen muss, ob ich will oder nicht. Und als Sünder gehöre
ich dem Vater der Sünde – das ist der Teufel. Doch Jesus hat als Menschenbruder Anspruch auf uns erhoben und durch seinen Tod
am Kreuz hat er uns wie eine Beute aus den Krallen der Dunklen Mächte entrissen.
Das ist Grund zum Danken. Grund zur Freude, Grund zum Loben.
Blicke ich nun zurück auf das vergangene Jahr. War ich noch glücklich darüber,
dass Jesus Christus mich frei gemacht hat, lebte ich noch in der ersten Liebe,
in der Begeisterung, in der Dankbarkeit?
Oder lagerte ich in Etam.
Sehnte ich mich zurück nach der Lust der Sünde? Wo komme ich nicht los aus den
Festungsmauern des Hasses, dass ich kleine Kränkungen nicht vergeben möchte.
Es ist nun Gelegenheit, dies Jesus zu bringen.
Musik
Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg
durch das Land der Philister, der am nächsten war, denn Gott dachte, es könnte
das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach
Ägypten umkehren.
Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum
Schilfmeer...
Gott führte das Volk Israel nicht den direkten Weg zum Ziel. Er führte sie in
eine ganz andere Richtung. Erst im Nachhinein wurde den Israeliten bewusst, dass
sie noch gar nicht reif dafür waren, das gelobte Land in Besitz zu nehmen.
Die direkte Einwanderung in Kanaan wäre noch eine Nummer zu groß für sie
gewesen. Sie hätten die schweren Kämpfe nicht verkraftet.
So schickte Gott seine Leute erst einmal in die Wüste. In unwegsames Gebiet, wo
es kein Wasser, kein Leben gibt, kaum Gras, nur ausgetrocknete Bäume. Keine
Singvögel allerhöchstens ein paar Geier, die über Verdurstende kreisen, kaum
Tiere, höchstens ein paar Schlangen und Skorpione, die – war man unachtsam – in
die Fersen stachen.
Man war auf Oasen und Wasserstellen angewiesen, und man war auf Gott angewiesen,
dass er sein Volk versorgte.
Aber Gott führte sein Volk obendrein in eine Sackgasse. Denn der Weg ging
geradewegs auf das Schilfmeer zu. Ohne Boote gab es dort kein weiterkommen.
Wiederum, nur Gott konnte in dieser Lage weiterhelfen.
Liebe Gemeinde,
wenn Sie zurückblicken auf die Wege, die sie im letzten Jahr geführt wurden.
Wohin führten diese Wege? Direkt ins Glück. Dorthin, wo sie persönlich,
beruflich, geistlich, familiär wunschlos glücklich waren?
Oder sagen Sie: Ja, ich hatte Durststrecken, mein Weg war steinig und
beschwerlich, zuweilen sehr heiß.
Führte Gott Sie einen Umweg?
Ja, vielleicht sogar in eine ausweglose Lage?
Dorthin, wo Sie völlig auf ihn angewiesen sind.
Aber bleiben sie da nicht stehen. Überlegen Sie:
Wo waren ihre Rastplätze und Oasen auf ihrem Weg? Wo hat Gott Ihnen Inseln der
Freude geschenkt, Zeiten des Glücks.
Wieder sollen wir Zeit haben, das Vergangene zu bedenken.
Gott danken für die Wege, die er führte, Gott bitten, einen Weg durch das Meer
zu bahnen, wenn er uns in eine Sackgasse geführt hatte und Gott zu loben, für
die Rastplätze des vergangenen Jahres. Dort, wo wir auftanken konnten.
Musik
Und zuletzt:
Das Volk Israel ging nicht allein durch die Wüste. Gott selbst ging mit.
Tagsüber in einer Wolkensäule und des Nachts in einer Feuersäule.
Durch diese Säule wussten die Israeliten: Wir sind nicht allein. Wir sind auf dem
richtigen Weg. Die Nacht konnte dem Volk Gottes keinen tödlichen Schrecken
einjagen. Es wurde nie ganz dunkel bei den Israeliten.
Manche Bibelausleger versuchen diese Erscheinung der Wolken- und Feuersäule auf
eine Vulkantätigkeit zurückzuführen. Sie meinen, die Israeliten, seien bis zum
Sinai auf einen Vulkan zugegangen, tagsüber weithin als Rauchsäule sichtbar und
nachts durch den Feuerschein.
Aber, ob das nun ein echter Vulkan war, oder nicht spielt keine Rolle. Gott kann
sich natürlichen Gegebenheiten bedienen, um sich zu erkennen zu geben, aber auch
übernatürlichen. Hauptsache ist: Er ließ das Volk seine Nähe und Gegenwart
spüren.
Blicken wir auf das vergangene Jahr zurück.
Wie haben wir Gottes Gegenwart gespürt? Das Neue Testament erzählt von einer
Wolke von Zeugen, welche dem Volk des Neuen Bundes vorangeht.
Habe ich Gottes Nähe gespürt, dadurch, dass andere Christen mir Gott
näher brachten, dass sie mir auf meinem Weg halfen.
Welche Bücher, welche Bibelsprüche, welche Predigten, welche Schwestern und
Brüder haben mir weitergeholfen?
Dann die Nächte – waren meine dunkelsten Stunden des vergangenen Jahres ganz
Dunkel – oder leuchtete mir von irgendwo ein Lichtlein her?
Wieder sollen die nächsten Minuten dazu dienen, dass wir Gott danken, wenn wir
seine Nähe spüren durften, wenn uns andere Christen geleuchtet und geholfen
haben.
Und lasst uns auch unsere dunklen Stunden in seine Hand legen, denn bei ihm sind
sie am besten aufgehoben.
Musik
Zuletzt möchte ich beten.
Herr, lieber Gott.
Du hast uns befreit, aus der Macht der Sünde. Wir haben nun einen Ort, wo wir
mit unserer Schuld hin können. Sie darf uns nicht mehr zu Tode schinden. Wir
dürfen zu dir aufbrechen und Sünde, Tod und Teufel dürfen uns nicht festhalten.
Dafür möchte ich dir danken.
Ich bitte dich, vergib mir, wenn ich mit einem Auge mich zurücksehne nach dem
Alten Leben, nach den Alten Sünden, nach dem Alten Groll gegen meine Feinde.
Vergib mir, wenn ich zu bequem bin, um aufzubrechen, Liebe zu üben, zu vergeben,
zu segnen.
Herr, du weißt den besten Weg für mich. Manchmal begreife ich es nicht, wenn du
mich in die Wüste schickst, wenn ich loslassen, ja sterben muss. Wenn
Durststrecken auf mich zukommen.
Danke Herr, dass du den besten Weg für mich weißt. Danke für die Oasen auf dem
Weg, dort, wo ich auftanken konnte.
Vergib mir bitte, Herr, wenn ich so wenig Vertrauen zu Dir habe, wenn ich Dir
nicht glaube, dass ich immer rechtzeitig eine Oase zum Auftanken finde.
Herr, ich danke dir, dass du bei mir warst im vergangenen Jahr. In der
Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, warst du mitten unter uns, in deinem
Wort, in Brot und Wein wolltest du uns nahe sein.
Auch in der Herrlichkeit und der Bedrohung der Natur hast du gezeigt und mir
gesagt: „Ich bin da“. Danke Herr. Danke, wenn Du ein Licht auch in unsere
dunklen Stunden geschickt hast. Lass es weiter auf unserem Weg leuchten in der
Dunkelheit und in der Stunde unseres Todes.
Amen
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