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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 22. Oktober 2000
Liebe Gemeinde
Der heutige Bibelabschnitt steht in Jak. 2,1-13
Liebe [Schwestern und] Brüder, haltet den Glauben an Jesus
Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn
wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher
Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung und ihr sähet auf
den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze dich hierher auf den
guten Platz! und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich
zu meinen Füßen!, ist es recht, dass ihr solch Unterschiede bei euch macht und
urteilt mit bösen Gedanken?
Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die
im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn
lieb haben?
Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt
gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten
Namen, der über euch genannt ist?
Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: „Liebe deinen nächsten
wie dich selbst, so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr
Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter.
Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der
ist am ganzen Gesetz schuldig. Denn der gesagt hat: Du sollst nicht ehebrechen,
der hat auch gesagt: Du sollst nicht töten. Wenn du nun nicht die Ehe brichst,
tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes.
Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet
werden sollen. Denn es wird ein unbarmherziges Gericht über den ergehen, der
nicht Barmherzigkeit getan hat: Barmherzigkeit aber triumphiert über das
Gericht.
Liebe Gemeinde,
beim Nachdenken über den Predigtabschnitt kam mir folgende
Geschichte in den Sinn:
Einem Pfarrer fiel bei der Vorbereitung seiner Predigt nichts
brauchbares ein. Die Zeit tickt so vor sich hin. Er kommt nicht weiter.
Zwischendurch faltet er die Hände und betet: Herr, komm, eile mir zur Hilfe“. Da
klingelt es plötzlich an der Haustür. „Auch das noch, denkt der Geistliche,
„jetzt werde ich gestört.“ Fast etwas unwillig geht er zur Tür, macht auf und
vor ihm steht ein Mann, dessen Kleider schon eine gute Weile das Kaufhaus
verlassen hatten, und auch in den letzten Tagen keine Waschmaschine und kein
Bügeleisen mehr gesehen hatten.
Der Pfarrer denkt: „Was will denn der? und er fragt: „Was
wünschen Sie?“
Ich würde gerne am Sonntag für Sie predigen!“ antwortet der
Fremde sanft. Der Pfarrer denkt: „Der braucht wohl Geld!“ und fragt: „Das
ist ja nett, wenn Sie mich entlasten wollen, aber haben Sie denn eine
Ausbildung?“
„Nein, erwidert der Fremde, meine Eltern konnten sich ein
Universitätsstudium für mich nicht leisten, ich musste ihnen in ihrem kleinen
Betrieb helfen, durch den wir als Familie gerade so über die Runden kamen. Ich
hab jedoch von klein auf sehr viel in der Bibel gelesen – ich kenne sie
auswendig und ich hab schon in etlichen kleinen Dörfern gepredigt.“
„Und wie kommen Sie nun hierher?“ fragt der Pfarrer etwas
neugierig geworden.
„Seit mein Stiefvater tot ist, habe ich keinen festen
Wohnsitz. Ich bin mal hier, mal dort und lebe von der Güte Gottes durch
verschiedene Menschen.“
„Das ist aber ein ganz raffinierter Bettler,“ denkt der
Pfarrer argwöhnisch und meint: „Es tut mir leid, aber am Sonntag bin ich selbst
für den Predigtstuhl vorgesehen. Ich kann es nicht vor unserer Gemeinde
verantworten, dass jemand, der unbekannt ist und nicht studiert hat, hier lehrt.
Da könnte ja jeder kommen. Probieren Sie es doch im Nachbarort Herr -–ach wie
war nochmals ihr Name? Da schaut ihn der Fremde traurig an und sagt: „Ich heiße
Jesus.“
Liebe Gemeinde. An dieser erfundenen Geschichte wurde mir klar, wie wenig
Chancen Jesus bei uns haben würde zu Wort zu kommen, weil er ein „Armer“ war.
Denn Jesus war keiner, der damit protzen konnte, dass er aus gutem Hause war,
keiner, der eine großartige Ausbildung vorlegen konnte mit hohen akademischen
Titeln, keiner der viel Geld hatte.
Wäre bei mir ein Theologieprofessor aus dem Patrizierhaus
Donani mit einem Luxuswagen vorgefahren und hätte gefragt, ob er in dieser
hübschen Kirche am Sonntag predigen dürfe, ich glaube, der Pfarrer wäre entzückt
von seinem Vorschlag gewesen und hätte ohne zu Zögern geantwortet: Es ist mir
eine Ehre, wenn ein Verwandter von Dietrich Bonhoeffer in unserer Kirche
predigt.
Anders Jesus. Er der Herr der Herrlichkeit wurde arm. Aber gerade darum hat er
die Armen geadelt und eine große Würde geschenkt.
Darum sollen die Armen in der Gemeinde ebenso selbstverständlich geehrt werden,
wie man in der Gesellschaft die Reichen ehrt. Darum sollte man den Armen seine
Zuvorkommendheit, seine Höflichkeit, seine Dienstbeflissenheit, seine Liebe
erzeigen, wie man es geschätzten Persönlichkeiten erweist.
An Armen kann man seine Liebe zu Gott unter Beweis stellen. Oberflächlich
gesehen haben ja arme Menschen nichts zu bieten. Und darum orientiert man sich –
leider auch in der christlichen Gemeinde eher an den reichen Menschen.
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An Begüterten, die reich an Geld sind. Von ihnen erhofft
man, dass sie etwas zu bieten haben, dass sie tatkräftig in die Tasche greifen
und Projekte der Gemeinde wie z.B. ein Orgelprojekt unterstützen. Doch der
Schein trügt. Am meisten spenden die Menschen, die nicht so betucht sind. Die
Reichen sind in der Regel viel geiziger als die Armen. Prozentual zu ihrem
Lebensstil und Einkommen geben sie meist verschwindend wenig. Ich will keinem
Reichen auf den Schlips treten. Ich sagte: in der Regel und es gibt keine
Regel ohne Ausnahme.
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Man orientiert sich gerne an Menschen, die reich sind an
Bildung. An Wissenschaftlern und Akademikern, schlauen Köpfen. Von ihnen
erhofft man sich Weisheit und guten Rat im Aufbau der Gemeinde.
Doch der Schein trügt. Wenn man einmal hinschaut, wo Gemeinden wachsen,
blühen, gedeihen und viel Frucht bringen, dann nicht da, wo viele Gebildete
sind, sondern oft bei den Ärmsten unter den Armen.
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Und man orientiert sich an Menschen, die reich an Ansehen
und Ehre sind. Stellen sie sich vor, ein engagierter Christ aus unserer
Gemeinde würde ein großer Popstar werden. Meinen sie nicht, wir würden bei
jeder Gelegenheit darauf hinweisen, dass wir per Du mit ihm sind, weil er bei
uns in der Jugendgruppe war. Man ist geneigt, Stars zu verehren, um sich
selbst aufzuwerten.
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Doch der Schein trügt. Hören Sie noch einmal Jakobus, wer
wirklich ein Star ist, wer bei Gott wirklich etwas gilt: „Hört zu meine lieben
Brüder, hat nicht Gott die Armen in der Welt erwählt!“ – Übrigens: ‚erwählen,
auslesen‘ heißt im französischen élire, wovon das Wort Elite stammt. Vor Gott
sind die Armen also die Elite der Menschheit. Und weiter heißt es: „ es sind
die Armen, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen
hat denen, die ihn lieb haben?“
Liebe Gemeinde darum schulden wir besonders den armen
Menschen Respekt und Liebe. Sind wir zu ihnen gut, dann erfüllen wir das
königliche Gesetz Gottes, das heißt: „Liebe deinen nächsten wie dich selbst.“
Jakobus warnt uns vor Nachlässigkeit, gerade in diesem Punkt. Menschen neigen
gerne dazu sich die Dinge auszuwählen, die ihnen gut passen, was einem nicht
passt, vernachlässigt man.
In der Schule gibt es manchmal Kinder, die sind gut in Sport. Sie treiben den
ganzen Tag und das ganze Wochenende Sport. Aber um nicht sitzen zu bleiben,
müssen sie auch die Hausaufgaben und die Pflichten in den anderen Fächern
erledigen.
Ähnlich sieht es bei unserer Heiligung aus. Wenn wir gute Ehemänner, bzw. Frauen
sind, wenn wir keiner Fliege etwas zuleide tun können, weil wir so sanftmütig
sind. Also: Du sollst nicht töten und du sollst nicht ehebrechen vorbildlich
einhalten, so würde das uns nicht in der Heiligung weiterbringen, wenn wir nicht
auch barmherzig sind. „Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen
ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig.“
Darum vergessen Sie nicht ihre Hausaufgaben als Christ im Fach Barmherzigkeit zu
machen.
Wenn Sie mich jetzt fragen würden, welche Lektion ist denn jetzt gerade dran, so
würde ich sagen:
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Bitten Sie um offene Augen! Bitten Sie Gott, dass er Ihnen
die Augen für die Not und die Armut des anderen öffnet. Denn nicht jeder, der
zu faul ist, um zu arbeiten, verdient Ihre Fürsorge.
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Ehren Sie den Armen. Was die Ärmeren oft mehr quält als der
Hunger und die Not, das ist die Art, wie die Reichen mit ihnen umspringen. Wie
herablassend sie behandelt werden. Anerkennung ist etwas, was jeder Mensch
dringend braucht. Seien Sie höflich zu den Armen und liebevoll.
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Dienen Sie dem Bedürftigen, den Gott Ihnen ans Herz gelegt
hat mit dem, was er wirklich braucht. Mit ihren Verstand, mit ihrer Zeit, mit
ihrem Geld, so als würden sie es für Gott geben.
Ich stell mir vor, wie schön es wäre, wenn wir alle unsere
Hausaufgaben im Fach Barmherzigkeit sorgfältig gemacht haben.
Wir werden eine Anlaufstelle sein, für viele, die in Not sind, wir wären
glaubwürdig, wenn wir von unserem Glauben weitererzählen würden.
Wir wären, eine lebendige, leuchtende Oase der Annahme und
Vergebung mit Jesus als Quelle.
Amen
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