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Predigt von Pfarrer Jürgen Ullmann am 26. Oktober 2003,
Reformationsgottesdienst, der vom belgischen Rundfunk übertragen wurde
Im Oktober 1517 veröffentlichte ein Mönch namens Martin
Luther 95 Thesen. Mit diesen Thesen stellte er einige Lehren und Praktiken der
damaligen katholischen Kirche in Frage. Er forderte die Theologen auf, das, was
in der Kirche behauptet wurde, anhand der Bibel zu prüfen. Mit der
Veröffentlichung von Martin Luthers Thesen begann die Reformation.
Luthers eigentlicher Wunsch war es, dass die Kirche sich wieder auf ihre Wurzeln
besinnt ... dass sie ihre Lehre anhand der Bibel korrigiert und dass Missstände
in der Kirche abgebaut werden. Aber die kirchlichen Führer gingen nicht darauf
ein, sondern sie exkommunizierten Martin Luther. So kam es zur Entstehung einer
neuen Kirche - der evangelischen oder protestantischen Kirche.
Sollen wir uns darüber freuen? Ich denke, einerseits schon. Denn durch die
Reformation haben viele Menschen eine ungeheure Befreiung erlebt. Die Gesetze,
Regeln und Forderungen der katholischen Kirche waren damals für viele Menschen
eine furchtbare Last. Viele haben damals durch Martin Luthers Schriften das
Evangelium neu entdeckt und sind dadurch von dieser Last befreit worden.
Andererseits hat die Reformation aber auch negative Auswirkungen gehabt. Denn in
den darauf folgenden Jahrhunderten haben sich Katholiken und Protestanten immer
wieder um ihres Glaubens Willen bekämpft. Sie haben einander nicht nur
beschimpft und verflucht, sondern sie haben Kriege geführt. Sie haben sich
gegenseitig umgebracht, weil sie meinten, sie müssten mit Waffengewalt für den
wahren Glauben eintreten.
Heute - im 21. Jahrhundert - sieht es ganz anders aus. Viele Katholiken und
Protestanten sind traurig darüber, dass es mehrere christliche Kirchen gibt.
Theologen aus verschiedenen Konfessionen setzen sich zusammen um miteinander zu
reden und um nach Möglichkeiten zu suchen, wie sie christliche Aktionen
gemeinsam durchführen können.
In der Ökumenischen Bewegung versucht man heute, verschiedene Glaubensrichtungen
zusammenzubringen. Aber dabei öffnet man sich nicht nur für andere christliche
Konfessionen, sondern man öffnet sich auch für fremde Religionen.
Innerhalb der ökumenischen Bewegung werden Veranstaltungen durchgeführt, bei
denen Christen gemeinsam mit Moslems, mit Buddhisten und Hinduisten beten. Oft
sagen mir Leute: Wissen Sie, Herr Pfarrer, im Grunde genommen glauben wir doch
alle an den gleichen Gott. Ob man diesen Gott nun Jahwe nennt oder Buddha oder
Allah ... eigentlich sind das doch nur verschiedene Ausdrucksformen für das
gleiche allmächtige Wesen.
Das ist eine ganz andere Einstellung als vor einigen hundert Jahren. Früher
sagte man: Ich weiß, woran ich glaube und für diesen Glauben kämpfe ich, wenn es
sein muss mit Waffengewalt. Heute ist es genau umgekehrt. Heute sagt man: Es ist
egal, was ich glaube. Die Einheit ist uns wichtig. Im Grunde genommen glauben
wir doch alle an den gleichen Gott.
Aber ich frage mich, ob man es sich damit nicht ein bisschen zu einfach macht.
Sicher ist es falsch, irgendeinen Menschen wegen seines Glaubens zu verachten,
zu beschimpfen, zu verfluchen oder gar zu quälen. Aber ich meine, es ist auch
falsch, alle Unterschiede zwischen den Religionen unter den Tisch zu kehren und
zu sagen: Eigentlich glauben alle das gleiche.
Wenn jemand sagt: “Wir glauben alle an den gleichen Gott”, dann stell’ ich mir
die Frage: “An was für einen Gott glauben wir denn alle? Wie geht dieser Gott
mit uns Menschen um? Kann ich Kontakt zu ihm haben? Was erwartet er von mir?
Welchen Plan hat Gott mit dieser Welt?“ Das will ich alles wissen. Was ist das
für ein Gott, an den du glaubst?
Stellt euch mal vor, ich kaufe mir ein neues Auto. Und ich erzähle meinen
Freunden davon. Normalerweise werde ich dann mit Fragen bestürmt. Meine Freunde
fragen: “Was ist das denn für ein Auto, das du dir gekauft hast?” “Na ja”, sag
ich, “ein Auto eben. Es hat 4 Räder und ... man kann damit fahren.”
“Das ist klar”, sagen die andern. “Aber wir wollen wissen, was für ein Auto. Ist
es ein Fiat, ist es ein Opel, ein Renault, ein Mercedes... was denn für ein
Auto? Wie viel PS hat es? Wie schnell fährt es? Hat es eine Gangschaltung oder
ist es ein Automatic? Nun erzähl doch mal endlich, was du für ein Auto hast!”
Seht ihr, wenn sich jemand für Autos interessiert, dann will er auch ganz genau
wissen, um was für ein Auto es sich handelt. Und womöglich kann er stundenlang
über dieses neue Auto reden.
Nur wenn es um Gott geht, sind manche Menschen sehr schnell fertig. Gott ist
Gott, sagen sie. Wir glauben alle an den gleichen Gott. Ich denke, wenn jemand
mit solchen Sprüchen kommt, dann zeigt das einfach, dass er kein Interesse an
Gott hat. Wenn jemandem Gott wirklich wichtig ist, dann genügt es ihm nicht zu
wissen, dass es noch irgendein höheres Wesen gibt, sondern er möchte auch
wissen, was das für ein Gott ist.
Martin Luther hat nicht alles geglaubt, was ihm über Gott erzählt wurde. Sondern
er wollte wissen, wie Gott wirklich ist.
In seinen jungen Jahren wurde Martin Luther vor allem bewusst, dass Gott ein
heiliger Gott ist. Er ist absolut vollkommen und gerecht. Der Gott der Bibel hat
nichts zu tun mit dem lieben Gott, den wir uns in unserer Phantasie zurecht
gemacht haben.
Viele stellen sich Gott vor als einen gutmütigen Opa. Er ist dazu da, um uns vor
Unglück zu bewahren und um unsere Wünsche zu erfüllen. Über unsere Fehler sieht
er verständnisvoll hinweg. Er ist letztlich ein Gott, den man gar nicht wirklich
ernst zu nehmen braucht.
Dieser liebe Gott hat aber absolut nichts mit dem Gott zu tun, den uns die Bibel
zeigt. Der lebendige Gott ist durchaus ernst zu nehmen. Wenn wir einmal vor ihm
stehen, dann wird er Rechenschaft von uns fordern. Er wird uns fragen: “Was hast
du mit dem Leben gemacht, das ich dir geschenkt habe? Ich habe dir den Auftrag
gegeben, mich mehr als alles andere zu lieben. Aber dir waren so viele Dinge
wichtiger als ich.
Du hast deine Zeit verbracht mit Videofilmen, mit Fußball, mit Discos, mit
Arbeit, Bildung und Vergnügen. Und ich kam so irgendwo ganz nebenbei. Ich glaube
an Gott - hast du gesagt. Aber ich kam in deinem Leben nur an besonderen
Festtagen vor.
Und ich habe dir den Auftrag gegeben, deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst.
Warum waren dir dein Erfolg und dein Geld wichtiger als aufrichtig und ehrlich
mit anderen Menschen umzugehen? Warum warst du nachtragend und warum so
gehässig?”
In der Bibel heißt es: Wir werden auf 1000 Fragen nicht eine Antwort wissen.
Wenn wir vor Gott stehen, dann werden wir ganz klein, weil wir dann einsehen
müssen, wie sehr wir unser Leben verpfuscht haben. Das Leben, das Gott uns
geschenkt hat, damit wir es zu seiner Ehre leben ... dieses Leben haben wir
gebraucht, um unsere kleinen egoistischen Wünsche zu erfüllen.
Ja, der Gott, den uns die Bibel zeigt, ist ein heiliger Gott. Er hasst jede
Lüge, jeden Betrug, jeden Ehebruch, jeden Diebstahl. Er hasst unseren Stolz,
unseren Neid, unseren Egoismus. Gott hasst diese Dinge so sehr, dass er sagt:
“Damit will ich nichts zu tun haben. Damit kann ich nichts zu tun haben, weil
ich ein gerechter und vollkommener Gott bin. Und wer solche Dinge tut, für den
ist es unmöglich in der Gemeinschaft mit mir zu leben.
Vielleicht sagst du: “Aber Gott kann doch so gnädig sein und mich trotzdem in
den Himmel hineinlassen. Auch wenn ich nicht so vollkommen bin.” Nein, er kann
es nicht. Du würdest es im Himmel gar nicht aushalten.
Stellt euch eine Kerze vor, die sagt: “Ich möchte so gern mal bei der Sonne
sein. Ich möchte viel näher bei der Sonne sein, als ich es jetzt bin.” Selbst
wenn die Sonne damit einverstanden wäre, würde es die Kerze gar nicht aushalten
bei der Sonne. Sie würde sofort zerschmelzen.
In der Bibel wird uns von Menschen berichtet, die ein Stück weit etwas erlebt
haben von der Heiligkeit Gottes. Nur ein Stück weit. Und diese Menschen hielten
das nicht aus. Einer von ihnen rief: “Weh mir, ich vergehe!”
Solange Schuld an uns klebt, halten wir es in Gottes Nähe gar
nicht aus. Ein sündiger Mensch kann Gottes Vollkommenheit und Heiligkeit nicht
ertragen.
Es war besonders diese Heiligkeit Gottes, die Martin Luther im Kloster kennen
gelernt hat. Als Luther seine erste Messe zelebrierte, da wurde ihm Gottes Größe
und Vollkommenheit ganz deutlich bewusst. Und er war äußerst betroffen und
erschrocken darüber. Er schrieb später: “Ich dachte bei mir: ‘Mit welcher Zunge
soll ich solche Majestät anreden, da ich sehe, dass alle Menschen in Gegenwart
schon eines irdischen Herrn zittern? Wer bin ich, dass ich meine Augen zu der
göttlichen Majestät aufheben dürfte? Die Engel umgeben ihn. Auf seinen Wink
erbebt die Erde. Und soll ich elender, kleiner Zwerg sagen: Ich brauche dies,
ich bitte um das? Denn ich bin Staub und Asche und voller Sünde, und ich rede zu
dem lebendigen, ewigen und wahren Gott.” Soweit Martin Luther.
Gott ist heilig. Er kann nicht einfach sagen: “Ich schau über eure Sünde hinweg.
Schwamm über alles, was ihr gesagt und getan habt. Wir tun mal so, als sei es
nicht geschehen.” Nein, das kann Gott nicht, denn unsere Sünde ist ja da. Dinge,
die wir gesagt und getan haben, die sind ja geschehen. Sünde kann nicht einfach
ungeschehen gemacht werden. Sie kann nur vergeben werden. Vergeben heißt aber
nicht: Drüber wegschauen, sondern es heißt: An einen anderen abgeben.
Wenn Schuld da ist, muß sie gesühnt werden. Ich weiß, dieser Gedanke ist uns
modernen Menschen völlig fremd. Das Wort “Sühne” kommt in unserem Wortschatz
überhaupt nicht vor. Aber die Bibel zeigt uns, daß jede Schuld bezahlt werden
muß. Entweder von uns selbst oder von einem andern. Der Einzige, der für unsere
Schuld bezahlen konnte, ist einer, der selbst keine Schuld hat. Dieser eine ist
Jesus ... Gottes Sohn.
Während Martin Luther in der Bibel las, wurde ihm plötzlich bewusst, was Jesus
für uns getan hat. Für Luther war es, als würde sich ihm das Paradies öffnen,
weil er mit einemmal erkannte, wie groß Gottes Liebe zu uns ist. Nein, ich
spreche jetzt nicht vom lieben Gott ... nicht von dem Gott, der uns vor jedem
Unglück bewahrt. Sondern von dem Gott, der das Liebste hergibt, was er hat,
damit wir die Möglichkeit haben, in der Gemeinschaft mit ihm zu leben.
Vor einigen Jahren erzählte in unserer Gemeinde ein Ehepaar von seinem Sohn.
Dieser Sohn hatte mit 3 Monaten schon einen eingeklemmten Leistenbruch. Der
Arzt, den sie aufsuchten, wandte alle bekannten Mittel an; aber dieser
Leistenbruch ging einfach nicht zurück. Das Kind musste ins Krankenhaus, um
operiert zu werden. Die Ärzte im Krankenhaus wollten aber die Operation nach
Möglichkeit vermeiden. Und so versuchten sie noch einmal alles mögliche, um
diesen Bruch zurückzudrücken.
Die Eltern saßen währenddessen im Flur vor dem Untersuchungszimmer und mussten
mit anhören, wie ihr Kind ununterbrochen schrie. Die Eltern haben uns erzählt,
welche Gedanken ihnen damals durch den Kopf gingen. Ihr Kind war herausgerissen
worden aus seiner vertrauten Umgebung; es war weggerissen worden von den
vertrauten Lauten in eine völlig fremde Umgebung. Es hörte nur fremde Stimmen
und wurde dann noch gequält. Dieses Kind muss sich von seinen Eltern völlig
verlassen gefühlt haben. Für die Eltern war es furchtbar, dieses kleine Kind den
Ärzten überlassen zu müssen und nicht helfen zu können.
Seit ich selber einen Sohn habe, kann ich nachempfinden, wie schmerzhaft das für
Eltern sein muss, zuzusehen, wie das eigene Kind gequält wird ... wie ihm
Schmerzen zugefügt werden und man kann ihm nicht helfen.
Genau das ist es, was Gott getan hat. Er musste zusehen, wie man seinen Sohn
verlacht ... wie man ihn anspuckt ... wie man ihn schlägt. Er musste zusehen,
wie sein Sohn ausgepeitscht wird, wie man eine Dornenkrone auf seinen Kopf
presst, wie man ihm Nägel durch seine Hände und Füße schlägt und ihn dem Spott
der Menge preisgibt. Gott musste mit ansehen, was wir Menschen mit seinem Sohn
machen. Also, ich glaube, ich hätte eingegriffen. Ich hätte gesagt: “Schluß mit
dem Theater! Was gehen mich diese Menschen an! Was interessieren mich Leute,
denen ich meine ganze Liebe schenke und die meinen Sohn so misshandeln!”
Aber Gott hat nicht eingegriffen. Er will uns bei sich haben. Koste es, was es
wolle. Er hat den Schmerz ausgehalten. Für uns. Er hat seinen Sohn mit unserer
Schuld beladen, damit wir ohne Sünde vor ihm dastehen können. Gott hat alles,
was möglich ist, getan, damit wir einmal nicht vergehen müssen, wenn wir vor ihm
stehen. Er möchte, dass wir die Gemeinschaft mit ihm erleben. Er möchte, dass
wir es erleben können, wie schön es ist, ganz bei ihm zu sein.
Das ist der Gott, den die Reformatoren durch das Lesen der Bibel neu entdeckt
haben. Ein Gott, der so heilig ist, dass er jede schlechte Tat, jeden negativen
Gedanken und jeden egoistischen Wunsch verurteilen muss. Es ist nicht der liebe
Gott; aber es ist ein Gott der Liebe ... ein Gott, der mit anschaut, wie wir
seinen Sohn misshandeln und verachten ... der den ganzen Mist, den wir bauen,
auf seinen Sohn legt, damit wir die Gemeinschaft mit ihm erleben können.
Wenn ich Jesus am Kreuz anschaue, dann sehe ich Gottes Heiligkeit und ich sehe
seine Liebe. Am Kreuz sehe ich den Gott, an den ich glaube. An welchen Gott
glaubst du?
Amen
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