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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 22. Juli 2000
Liebe Gemeinde, der Bibelabschnitt, der dieser Predigt
zugrunde liegt steht in 1. Mose 12,1-4. Dort heißt es:
Und der HERR sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland
und von deiner Sippe und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen
will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir
einen großen Namen machen und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die
dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet
werden alle Geschlechter auf Erden.
Es war eine traurige Zeit, in der Abraham groß wurde. Es war eine Zeit in der
Gott die Erde und die Menschen sich selbst überließ. Die Menschen hatten einen
großen Versuch gestartet, selbst ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Sie
wollten sich selbst einen großen Namen machen, sich selbst bewundern können. Sie
begannen den Bau eines gigantisch großen Turmes. Der Turm sollte größer als der
Himmel werden. Ja, sie wollten es diesem Gott zeigen. Sie wollten ihm beweisen,
dass sie ohne ihn sehr gut zurechtkamen. Dass sie großes leisten können ohne
seine Hilfe. Dieser Turm sollte ihre Kraft und ihre Leistung der Einigkeit
demonstrieren. Doch alles kam ganz anders. Der Turmbau einigte die Menschen
nicht, sondern stiftete Verwirrung. Sie verstanden sich nicht mehr und die
einzelnen Stämme und Völker liefen auseinander. Dieses Zeitalter war im wahrsten
Sinne des Wortes gottlos.
Denn Gott schwieg. Er schwieg einfach. In den früheren
Gerichtskatastrophen, die über die Menschen hereinbrachen, da konnte man immer
noch eine gewisse Gnade Gottes spüren: Nach dem Sündenfall machte Gott den
frierenden Menschen warme Felle, nach dem Brudermord zeichnete Gott Kain, dem
Mörder, ein Zeichen des Schutzes an die Stirn, nach der Sintflut ließ er Noah
den Regenbogen sehen.
Doch nach der Sprachenverwirrung schwieg Gott und ließ nichts
mehr von sich hören. Er ließ die Menschen in ihrem Durcheinander vor sich her
wursteln. Darum war es eine sehr trostlose Zeit. Denn man kann Gott nicht sehen.
Man kann ihn nicht einfach so erleben, wenn man gerade möchte – so wie man im
Wald spazieren gehen kann und immer die selben Bäumen antrifft.
Wir Menschen sind darauf angewiesen, dass sich Gott zu erkennen gibt, dass er
aus dem Dunkeln heraustritt und zu uns spricht. Zeigt er sich nicht, dann können
wir uns auf den Kopf stellen, wir werden ihm nicht begegnen. Das liegt nicht in
unserer Macht. Und in der Zeit, als Abraham lebte, zeigte sich Gott nicht mehr.
Er sprach nicht mehr zu den Menschen. Und darum war es eine traurige Zeit.
Doch da geschieht in Abrahams Leben ein Wunder. Der unbekannte, heilige Gott
begegnet ihm: „Abraham“. Gott kennt ihn. Er nennt ihn beim Namen. Er stellt sich
auf seine Ebene. Er macht sich ihm verständlich. Er redet seine Sprache. Das
lange Schweigen Gottes ist gebrochen. Ohne dass Abraham vorher etwas geleistet
hätte, nirgendwo steht, dass er besonders Gott suchte, besonders anständig war.
Das ist Gnade – ohne Vorbedingung redet Gott mit einem Menschen.
Gott spricht:
Abraham – Geh, mach dich auf – heraus aus deinem
Vaterland, aus deinem Sippenverband und aus deines Vaters Haus in ein Land, das
ich dir zeigen werde.
Ich stelle mir vor, wie Abrahams Umwelt, seine Freunde und Verwandten den Kopf
schütteln und sagen: Der tickt nicht mehr ganz richtig. Wie Abrahams Bruder ihn
beiseite nimmt und sagt: „Abraham, so etwas kannst Du doch nicht machen. Hast du
schon einmal darüber nachgedacht, was da alles passieren kann. Wenn du in ein
anderes Land kommst, bist du ein Fremder. Du weißt, Fremde sieht man immer etwas
misstrauisch an. Wirst du angegriffen, hast du keine Macht, die dich verteidigt,
wie hier im Vaterland.
Abraham erwidert: „Gott hat versprochen, mich zu einem großen Volk zu machen.
Wenn das wahr ist, dann wird er mich beschützen, dass ich und meine Leute nicht
umkommen.“
Nahor entgegnet: Du und Sahra, ihr seid schon alt. Wie könnt ihr da noch an
Kinder denken. Und ich frage dich eines: Wenn ihr uns, unsere Sippe verlasst,
sag mir, wer will für dich sorgen, wenn du nicht mehr arbeiten kannst, wenn du
krank wirst. Du wirst irgendwo in der Wüste vertrocknen. Abraham – in der Fremde
bist du verlassen.
Abraham: „Gott hat versprochen, er will mich segnen. Er wird mir Gutes schenken.
Wovor sollt ich mich dann fürchten?“
Sein Bruder: „Und deines Vaters Haus, hier in der Stadt. Willst Du es gegen
Zeltdecken eintauschen. Du setzt dich der Kälte und dem Wetter aussetzen? Wofür?
Weißt Du nicht mehr, wie man Nomaden verachtet? Ohne eigenes Haus in einer
Stadt, bist du ein niemand.“
Abraham: „Gott hat versprochen, er will mir einen großen Namen machen und ich
soll ein Segen sein.“
Der Bruder: „Abraham, du kennst doch Gott gar nicht. Weißt Du nicht, wie
hinterlistig unsere Götter manchmal sein können. wie sie lügen?“
Abraham: „Ich vertraue ihm, ich vertraue ihm alles an. Das Vertrauen ist die
einzige Möglichkeit, in seiner Nähe zu bleiben. Wenn ich seinem Wort, seiner
Stimme misstraue, wird er mir nicht mehr begegnen.“
Liebe Gemeinde – darin ist Abraham unser Vater. Er ist der Vater des
Vertrauens, des Glaubens. Abraham vertraut auf das, was Gott ihm versprochen
hat. Und das ist die einzige Antwort, die ein Mensch Gott geben kann, wenn er
ihm begegnet.
Im Gegensatz zu Abraham leben wir ja noch in einer Zeit der Gnade, einer Zeit,
in der sich Gott finden lässt. Überall, wo zwei oder drei im Namen Jesu
versammelt sind, ist er mitten unter ihnen.
Wir kennen heute die Bibel, mit ihren vielen Zeugnissen darin, dass man sich auf
Gott verlassen kann. Wir kennen Menschen, die uns bezeugen, dass sich der Weg
des Glaubens lohnt – dass Gott tatsächlich für den sorgt, der sich auf ihn
verlässt. Außerdem schickt Gott seine Boten und sein Wort in die ganze Welt, um
mit den Menschen zu reden. Er geht an die Hecken und Zäune, um die verlorenen
und verwirrten Menschen einzuladen, er will ihnen begegnen.
Nicht zuletzt ist dieser Gottesdienst heute eine Anrede Gottes an Sie. Diese
Zeit der Gnade haben wir Jesus Christus zu verdanken. Durch ihn wendet sich Gott
allen Menschen zu. Aber antworten wir auf Gottes Anrede mit Vertrauen? Ist uns
bewusst, dass Vertrauen in unserer Zeit die einzige Möglichkeit ist, in
Verbindung mit Gott zu bleiben?
Wenn wir von Abraham lernen wollen, dann lasst uns Gott vertrauen. Vertrauen
wir, dass seine Gebote das Beste für uns und unser Leben sind und halten uns
daran. Vertrauen wir, dass er für uns sorgt – seien wir gelassener, wenn es um
unsere Lebensabsicherung geht. Wenn es um unser Geld geht, Gott ist reich und er
kann auch weniges segnen und Zufriedenheit schenken. Wer Gott vertraut, kann
ruhiger leben.
Vertrauen wir uns ihm an, wenn es um unsere Ansehen vor den Mitbürgern geht,
wenn es um unser Recht geht. Wir brauchen nicht immer das letzte Wort zu haben,
unser Wille braucht sich nicht immer durchsetzen. Vertrauen wir darauf, dass er
unser Gebet erhört, wenn wir beten: Dein Wille geschehe. Wer vertraut kann
friedlicher leben.
Vertrauen wir uns ihm an, wenn es um unsere Schuld geht. Vertrauen wir darauf,
dass Jesus sie auf Golgatha ins äußerste Meer geworfen hat. Dann müssen wir uns
nicht immer selbst rechtfertigen. Wer Gott vertraut, kann befreiter und
fröhlicher leben.
Vertrauen wir darauf, dass er auch in unserer Gemeinde und in der Kirche zum
rechten führen wird. Dass er unser Gebet erhört, wenn wir beten: Dein Reich
komme. Wer vertraut kann gelassener leben.
Um Vertrauen zu lernen, kann Gott uns hin und wieder ungewöhnliche Wege führen.
Wege, auf die man von sich aus freiwillig nicht wählen würde. Ja, Gott kann von
uns Opfer verlangen. So wie er von Abraham um die Aufgabe von Vaterland, Sippe
und Haus gebeten hat. Doch, gehen wir wie Abraham den Schritt des Vertrauens,
dann werden wir feststellen: Das was Gott verheißt übertrifft bei weitem das,
was wir aufgeben.
Ich stelle mir das so vor. Meine menschlichen Sicherheiten sind ähnlich wie ein
paar alte, rostige Münzen kurz vor der Inflation. Gott sagt nun, gib mir die
Münzen, ich will Dir Perlen dafür geben. Vertraue ich ihm und gebe ihm die
Münzen, wird er mich mit etwas ewig kostbaren und schönen beschenken. Behalte
ich es aus Misstrauen gegenüber Gott zurück, werde ich arm, weil die Werte der
Erde vergehen. So möchte ich uns allen noch einmal Mut machen – überlassen sie
Gott ihr Leben, brechen auf und folgen Jesus nach – dann wird uns eine
Herrlichkeit begegnen, auf die auch Abraham sich gefreut hat. Die traurige Zeit
der Gottesferne wird vergehen und eine neue gute Zeit der Ewigkeit wird
anbrechen.
Amen.
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