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Predigt von Pfr. Martin Schuler am 30. Oktober 2011
Einleitung
Das Thema des heutigen Gottesdienstes lautet: Fürchtet euch nicht, auch wenn euer Glaube bedroht wird.“
Zu allen Zeiten gab es Christen, deren Glaube bedroht wurde. Nicht nur die ersten Christen hatten unter Verfolgungen zu leiden.
Auch in den späteren Jahrhunderten. Reformatoren, die anfangs zweifelten fanden in der Bibel, wie Jesus ankündigt,
dass der Glaube bedroht werde und sie fanden Trost in diesen Worten. So wussten sie, dass es etwas kosten kann, für die Wahrheit einzutreten.
Auch in unserem Jahrhundert gibt es viele Christen, die um ihres Glaubens willen bedroht werden.
Ein Beispiel sind die beiden iranischen Christinnen Maryam Rustampoor und Marzieh Amirzadeh. Sie waren mehr als acht Monate im berüchtigten Evin Gefängnis in Teheran inhaftiert.
Wegen ihres Übertritts zum Christentum galten sie als Staatsfeinde und Apostaten. Gemäß der Scharia wurden sie als „vom Glauben Abgefallene“ betrachtet,
und wie Schwerstkriminelle behandelt. In ihrem ersten Interview seit der Freilassung sprachen sie mit „Elam Ministries“ einer Vereinigung,
die sich um verfolgte Christen kümmert über ihre schwere Zeit im Gefängnis und wie sie überlebt haben. Die beiden leben heute außerhalb des Iran.
Im Folgenden lesen wir Ihnen nun dieses Interview vor:
Interview
Frage: Was war das Schlimmste im Gefängnis?
Marzieh: Die Hinrichtung von zwei Mitgefangenen. Ich habe noch niemals so etwas Furchtbares erlebt.
Eine der beiden Getöteten war eine Frau, mit der ich die Zelle geteilt habe, wir haben viel Zeit miteinander verbracht.
Eines Tages wurde sie plötzlich zur Exeku¬tion abgeholt. Eine Woche lang stand ich unter Schock: So einfach konnte ein Mensch getötet werden!
Nach solchen Exekutionen legte sich ein Geist der Trauer und des Todes über das Gefängnis. Überall tödliche Stille. Wir alle fühlten das.
Maryam: Für mich war die Hinrichtung von Shireen auch das Schlimmste. Ich habe sie im Gefängnis kennengelernt und sie ist zu einer engen Freundin geworden.
Frage: Habt ihr selbst auch fürchten müssen, hingerichtet zu werden?
Marzieh: Bevor wir ins Gefängnis kamen, haben wir uns gelegentlich über Exekutionen unterhalten. Aber als wir dann im Gefängnis waren und diese Hinrichtungsangst spürten,
haben wir anders darüber gedacht. In der ersten Nacht im Gefängnis, als sie uns bedrohten, hatten wir schreckliche Angst. Wir hatten uns vorher gar nicht vorstellen können,
dass man so viel Angst haben kann. Aber die Atmosphäre und alles, was dort passierte, überstieg unsere Befürchtungen bei weitem. Wir waren in einem dunklen und schmutzigen Raum
eingesperrt und gelähmt vor Angst. Und wenn wir uns gegenseitig ansahen, konnten wir diese Angst auch in den Augen der anderen sehen. Wir beteten. Das beruhigte uns.
Die Gegenwart Gottes war zu spüren und sein Friede. Die Kraft, die Gott uns gegeben hat, half uns, diese Angst zu überwinden. Genauso war es auf der Polizeistation.
Gott bannte die Furcht und erneuerte unsere Kraft.
Maryam: Ich dachte, wir würden lebenslänglich bekommen, denn das ist die Strafe für Frauen, die wegen Apostasie angeklagt sind. Ich dachte, dass das auf uns zukommt.
Frage: Wie wurdet ihr von den Gefängniswärtern behandelt?
Maryam: Am Anfang behandelten die meisten uns übel, besonders wenn sie erfuhren, dass wir evangelisiert hatten.
Sie verfluchten uns und ließen uns nicht am öffentlichen Wasserhahn trinken oder das Waschbecken benutzen. Aber das änderte sich und schließlich fragten sie uns,
ob wir für sie beten könnten.
Frage: Wie haben die anderen Gefangenen euch behandelt?
Marzieh: Manche nannten uns schmutzig, unrein, vom Glauben abgefallen. Doch dann begannen sie irgendwann ihre Meinung zu ändern, und sie entschuldigten sich.
Wir wurden für sie ein Vorbild und sie haben sich auf unsere Seite gestellt.
Maryam: Im Evin Gefängnis nannten uns die gebildeten politischen Gefangenen und Wirtschaftskriminellen „Mortad Kasif“, unreine Apostaten.
Aber es dauerte nicht mal einen Monat, bis sich alles veränderte. Als sie uns näher kennengelernt hatten, begannen sie, sich für unseren Glauben zu interessieren,
sie achteten uns und baten uns um Unterstützung bei Meinungsverschiedenheiten.
Frage: Gab es Gefangene, die zum Glauben gekommen sind?
Maryam: Ja. Es gab etliche, die Jesus angenommen haben. Als wir nach Vozara in das erste Gefängnis kamen, haben wir mit vielen Prostituierten das Übergabegebet gesprochen.
Zuerst haben wir mit ihnen gebetet, dann haben sie selbst gebetet. Aber es gab auch Gefangene, die zu sehr eingeschüchtert waren, als dass sie ihren Glauben öffentlich bekannt hätten.
Dennoch waren viele tief beeindruckt.
Frage: Welche Botschaft habt ihr für die vielen Tausend Menschen, die für euch gebetet haben, während ihr im Gefängnis wart?
Marzieh: Ich möchte allen für die Gebete und für die Unterstützung danken, und für die vielen Briefe, die an uns geschrieben wurden.
Während dieser Zeit ging es nicht nur um „die beiden inhaftierten Maryam und Marzieh", sondern um alle, die im Gebet mit uns gekämpft haben.
Das war für uns eine großartige Ermutigung, wir waren nicht mehr allein.
Frage: Habt ihr die Tausende Briefe, die euch geschickt wurden, bekommen?
Marzieh: Wir hörten, dass viele Menschen uns Briefe ins Gefängnis geschickt hatten, aber wir haben nicht einen bekommen. Aber einfach zu wissen,
dass so viele Menschen uns schreiben, war eine gewaltige Ermutigung. Und das Interessante ist, dass die Wachen, die die Briefe öffneten,
all die Bibelverse und Ermutigungen lasen und sehr beeindruckt waren. Wir wissen das, weil sie es uns selbst erzählt und einige Bibelverse zitiert haben.
Die tiefe Dankbarkeit, die wir für die vielen Briefeschreiber empfinden, lässt sich gar nicht in Worte fassen. Das Wort DANKE kann es gar nicht genug ausdrücken.
Maryam: Von den Gefängniswärtern hörten wir, dass jeden Tag 40 bis 50 Briefe kamen. Sie sahen, dass wir Christen zusammenstehen. Das gab uns Hoffnung.
Lesung des Predigttextes: Matth. 10,26-33
26 Fürchtet euch. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.
28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.
30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.
31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.
33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.
Predigt
Liebe Hörerinnen und Hörer am Radio, liebe Gemeinde,
Drei Mal in dem gehörten Abschnitt fordert Jesus die Jünger sich nicht zu fürchten. Damit meint er nicht nur seine Jünger von damals,
sondern auch alle Hörer, die bis heute ihm nachfolgen.
Aber es ist gar nicht so einfach, sich nicht zu fürchten, wenn man bedroht wird. Darum hilft uns Jesus, indem er drei Begründungen hinzufügt,
warum wir uns nicht zu fürchten brauchen, wenn man uns um des Glaubens willen bedroht. Über diese drei Begründungen möchte ich mit ihnen nachdenken:
1. Fürchtet euch nicht, denn die Wahrheit wird siegen.
In dem gehörten Interview erfuhren wir, dass man den beiden Christinnen einzureden versuchte, sie falsch liegen, dass sie an den falschen Gott glauben,
dass sie unrein seien, ja, dass man sie Staatsfeinde betrachten müsse.
Und wenn alle das sagen, dann wird man plötzlich ganz kleinlaut, wenn man etwas anderes glaubt und behauptet.
Dann wird man plötzlich ängstlich und will gar nicht mehr so klar vom Glauben bekennen.
Das ist nicht nur in Ländern der Fall, in denen das Christentum verfolgt wird, das ist auch bei uns so. Wer sich zu Jesus Christus bekennt und glaubt,
dass Jesus der einzige Weg zum ewigen Leben ist, der gilt schon als radikal.
Wer behauptet, dass Gott die Erde erschaffen hat und nicht ein blinder Zufall und dass Gott die Erde bis heute erhält und dass es nicht unbedingt die Stärksten und Fittesten sind,
die überleben, der gilt schon als Fundamentalist. Und wer gar sagt, dass es Gottes Absicht und fester Wille ist,
dass Mann und Frau innerhalb eines festen Bundes, einer Ehe, sich treu bleiben sollen und dass verschiedene andere Lebensformen nicht unter dem Segen Gottes stehen,
der steht schon auf derselben Ebene wie die Taliban.
Dabei gehören diese Standpunkte von Anfang an zur festen Überzeugung der christlichen Kirchen auf der ganzen Welt.
Aber es gehört Mut heute dazu, sich dazu zu bekennen, weil die gängige Meinung anders ist.
Wir brauchen aber die gängige Meinung nicht zu fürchten, da die Wahrheit ans Licht kommen wird. Sie setzt sich durch.
Irgendwann wird sie sonnenklar sein und jeder wird sie akzeptieren, als würde sie in allen Zeitungen stehen.
Dieses einfache Prinzip hatte auch die Reformatoren beeindruckt. Sie merkten, dass die wieder entdeckte Sicht von einem schlichten Evangelium falsche Vorstellungen von Gott einfach wegbliesen.
Allerdings, das muss an dieser Stelle gesagt werden, dass beim Ringen um die Wahrheit man auch mal über das Ziel hinausschießen kann und man zum Besserwisser wird.
Da gibt es ein Gegenmittel:
Jesus sagt: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“
Das heißt, dass die Wahrheit zunächst in der Stille, im Verborgenen gesucht werden muss. Man kann sie nicht einfach nachplappern.
Sie wird erst leise ins Ohr geflüstert, ganz persönlich und ganz direkt. Meist ist es so, dass Gott uns seine Wahrheit, in dunklen, in schweren Stunden offenbart.
Wie schwer und lange musste Luther mit sich selbst kämpfen, bis er die Botschaft von dem Gott der Gnade verstand. Aber dann konnte er mit ihr nach außen treten.
Dann aber musste nicht Luther für die Wahrheit kämpfen, sondern die Wahrheit kämpfte für ihn und beschützte ihn.
Darum können wir gelassen sein, die Wahrheit Gottes wird sich durchsetzen und nicht wir müssen die Wahrheit durchsetzen.
2. Fürchtet euch nicht, weil die Gegner Gottes nur einen begrenzten Wirkungsbereich haben.
Jesus sagt: Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
Von dem anglikanischen Reformator Hugh Latimer (gesprochen: ju lätimer) sagt man, dass er einmal predigte als der englische König Heinrich zugegen war.
Latimer, der übrigens den Märtyrertod starb, war sich bewusst, dass er im Begriff stand, etwas zu sagen, woran der König sicherlich kein Gefallen haben würde.
Daher führte er auf der Kanzel stehend Folgendes Selbstgespräch: “Latimer! Latimer! Latimer! Sei vorsichtig! Bedenke, was du sagst! Denn König Heinrich ist anwesend.”
Dann machte er eine Pause und fuhr anschließend fort: “Latimer! Latimer! Latimer! Sei vorsichtig und bedenke was du sagst.
Denn der König der Könige ist anwesend.” [Aus: Vernon Mac Gee: Durch die Bibel]
Latimer hatte verstanden, worauf es ankommt. Er weiß, dass er letzten Endes, vor dem König aller Könige zur Verantwortung gerufen wird.
Vor ihm muss er Rechenschaft ablegen, nicht vor König Heinrich.
Die Gegner Gottes haben letzten Endes nur eine sehr begrenzte Macht. Sie reicht nicht weiter als das Hier und jetzt – aber nicht in die Ewigkeit.
Gott dagegen hat Autorität und Macht zu allen Zeiten und an allen Orten.
Die Gegner Gottes haben nicht mehr in der Hand als eine leere Hülle aus Staub – das ist unser Körper, wenn die Seele ihn verlassen hat.
Aber Gott hat auch Autorität über uns in der Ewigkeit
Kürzlich war ich mit unseren Konfirmanden unterwegs. Der Weg führte an einem Grundstück vorbei, in dem zwei große bissige Hunde herumliefen.
Diese Hunde bellten, knurrten, fletschten die Zähne, sprangen am Zaun entlang. Obwohl es sicherlich sehr gefährliche Hunde waren, blieben wir alle doch recht gelassen.
Keiner hatte Angst vor den Hunden, denn sie hatten nur eine begrenzte Reichweite. Sie kamen nur bis zum Zaun und kein Stückchen weiter.
Kämen sie weiter, dann hätte ich große Angst um meine Konfirmanden und mich gehabt – aber geschützt durch den Zaun machten wir uns fast ein bisschen lustig über die Hunde.
Ähnlich will Jesus uns lehren: Die Gegner Gottes sind wie so bissige Hunde, die uns bedrohen.
Aber ihre Reichweite kommt letzten Endes nicht an uns heran. Sie kommen nur bis zu einer gewissen Grenze und weiter nicht.
Und darum müssen wir sie nicht fürchten, auch wenn sie noch so bellen, knurren, schimpfen, wüten und drohen.
Und es gibt noch einen dritten Grund, warum wir uns nicht zu fürchten brauchen:
3. Fürchtet euch nicht, denn ihr steht unter der Obhut des himmlischen Vaters.
Jesus sagt: „Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.
Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt.
Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“
Haben Sie einmal einen Spaziergang gemacht, zum Himmel geschaut und die Vögel beobachtet. Ich bin immer wieder fasziniert, wie sie mit einer unglaublichen Eleganz durch die Lüfte schweben.
Noch nie erlebte ich, dass einfach mal einer vom Himmel plumpste.
Jesus führt uns die Vögel vor Augen und will uns sagen: Gott trägt uns genauso, wie die Vögel unsichtbar von der Luft getragen werden.
Niemand sieht die Kräfte, welche die Vögel in der Luft halten. Aber wäre die Luft nicht da, so würden die Vögel sofort vom Himmel fallen.
Genauso sieht niemand so richtig die Kräfte, die uns am Leben erhalten. Und doch sind sie Wirklichkeit, sie sind da. Gott trägt uns unsichtbar und lässt uns nicht fallen.
Dabei macht Jesus noch einen weiteren Vergleich. Zu der damaligen Zeit konnte man kleine Vögel zum Verzehr und auch für die Opfer im Gottesdienst kaufen.
Ein Vogel war damals etwas von den billigsten Produkten, was es auf einem Markt zu kaufen gab. So wie wir heute oft sagen: Das kriegt man für einen Apfel und ein Ei.
Auf etwas, was man sehr günstig erwerben kann, gibt man nicht unbedingt besonders Acht. Man kann ja mühelos sich ein neues Teil besorgen.
Ganz anders ist es aber, wenn es sich um etwas wertvolles handelt, etwas, wofür man gekämpft hat, etwas, was man besonders liebt, etwas für das man alle Opfer bringt.
Auf so etwas passt man richtig gut auf.
Jesus sagt hier: „euer Vater“ – liebe Gemeinde – ist uns bewusst, was das bedeutet?
Das bedeutet, dass Gott, wie ein guter Vater uns mehr achtet und wertschätzt als alles andere. Wir liegen ihm viel mehr am Herzen, als all die herrlichen und großen Engel,
als all die Wunder der Schöpfung mit ihren vielen Wesen.
Gott achtet so besonders auf uns, weil wir seine Kinder sind. Wir sind etwas von dem wertvollsten, von dem wichtigsten und von dem größten, was Gott überhaupt besitzt.
Und das heißt: Er passt auf uns mehr auf als auf alles andere.
Wir stehen ganz direkt in Gottes Obhut. Wir sind für ihn quasi Chefsache. Und darum brauchen wir nichts und niemand zu fürchten. Solange Gott für uns ist, kann uns niemand schaden.
Solange wir dies glauben und uns nicht mit Gott selbst anlegen, können wir mutig mit der reformatorischen Tradition bekennen:
Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.
Diese Predigt können Sie hier auch als PDF Datei herunterladen:
Predigt vom 30. Oktober 2011 Pfarrer Martin Schuler
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