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Predigt von Pfarrer Friedhelm Schippers am 25. Oktober 2009
(Reformationsgottesdienst)
Predigttext Markus 10, 2-9
2 Da kamen einige Pharisäer zu Jesus, weil sie ihm eine
Falle stellen wollten. Sie fragten ihn: "Darf sich ein Mann von seiner Frau
scheiden lassen?" 3 Jesus fragte zurück: "Was hat Mose denn im Gesetz
vorgeschrieben?" 4 Sie antworteten: "Mose hat gesagt: 'Wenn sich ein Mann von
seiner Frau trennt, soll er ihr eine Scheidungsurkunde geben.'" 5 Jesus
entgegnete: "Das war nur ein Zugeständnis an euer hartes Herz. 6 Aber Gott hat
die Menschen von Anfang an als Mann und Frau geschaffen. 7 'Darum verlässt ein
Mann seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, 8 dass die beiden
eins sind mit Leib und Seele.' Sie sind also eins und nicht länger zwei
voneinander getrennte Menschen. 9 Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch
nicht scheiden."
Gott will, dass wir Menschen leben. Eigentlich könnte jetzt
schon Schluss sein mit der Predigt. Liebe Gemeinde, meine Konfirmanden würden
jubeln, endlich können wir nach Hause. Schnell die Lieder abgesungen und die
Gebete herunter gespult, dann kann es wieder an die Xbox gehen, ins StudiVZ oder
zu facebook. Endlich ein Sonntag wie wir ihn uns Jugendlichen schon immer
vorgestellt haben.
Liebe Gemeinde hier in Eupen, liebe Radiohörer im Gebiet der deutschsprachigen
Gemeinschaft in Belgien, mein Name ist Friedhelm Schippers und ich bin Pfarrer
der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler knapp 35 km östlich von Eupen in
Deutschland. Es ist mir eine besondere Ehre heute hier in dieser Kirche predigen
zu dürfen. Seit 2 Jahren haben wir einen kleinen grenzübergreifenden
Predigertausch zwischen den evangelischen Gemeinden in Eupen und Eschweiler. Was
unsere Schwestern und Brüder jenseits der politischen Staatsgrenzen tun und wie
sie leben, ist vielen Christen diesseits und jenseits der Grenze trotz EU
unbekannt. Als Christen sind wir Weltbürger. Begegnung, Neugier und Gespräche
sollten unseren Alltag bestimmen. Denn die Reformation blieb nicht in Wittenberg
oder Genf stecken, sondern breite sich weltweit aus.
Gott will, dass wir leben unter diesem Motto steht der heutige
Reformationsgottesdienst für mich. Doch der Predigttext scheint wirklich nicht
zu diesem Anlass zu passen.
Was haben Ehe, Scheidung, das Zusammenleben von Mann und Frau mit der
Reformation zu tun? Liebe Gemeinde, wir sind mitten drin in der Thematik der
Reformation, wenn auch von einer ungeahnten Seite. Die Reformation greift – Gott
sei Dank – tief in unser Alltagsleben ein.
Das Eheverständnis der Evangelischen Kirche unterscheidet sich grundlegend vom
dem der katholischen Kirche seit Beginn des evangelischen Glaubens. Die
Reformatoren haben die Sakramente auf zwei reduziert auf Taufe und Abendmahl.
Fünf ehemalige Sakramente sind so zu sagen auf der Strecke geblieben darunter
die Ehe, die Beichte, die Priesterweihe, die Firmung und die Krankensalbung. Das
heißt nicht, dass wir Evangelischen diese 5 Elemente verachten. Wir schätzen sie
überaus hoch ein. Sie alle sind gute Gaben Gottes, aber letztendlich nicht von
Christus eingesetzt. Nur Taufe und Abendmahl wurden von den Reformatoren als
allein von Christus eingesetzt gesehen, und das ist gut so.
Gott will, dass wir leben. Die Sakramente helfen uns dabei. In der Taufe und im
Abendmahl wird uns Gottes Segen und Gottes Gabe zugesprochen, ohne wenn und
aber. Wir können nichts dazu tun, uns nur beschenken lassen. Es ist stets
Christus, der uns seine unverdienbare Gnade erweist und spricht: Du, Mensch,
kannst, du, Mensch, darfst leben, denn du stehst unter meinem Schutz. Wir
Pfarrer und die Kirchengemeinden sind nur die Nothelfer Christi, wir geben diese
Botschaft in Wort und Sakrament weiter.
Sie merken, diese inhaltliche Ausrichtung gibt es bei den fünf eben genannten
Elementen so nicht. Das „Sola scriptura“ allein die Schrift, das „Sola gratia“
allein durch Gnade, das „Sola Fide“ allein durch Glaube und das „solus Christus“
allein durch Christus, die uns die Reformatoren Luther und Calvin, dessen 500.
Geburtstag wir in diesem Jahr feiern, in unsere Herzen eingebrannt haben, die
fehlen. In den Elementen Ehe, Beichte, Priesterweihe, Firmung und Krankensalbung
ist der Mensch erneut viel zu viel am Werk, die Erlösung und das Heil könnten –
falschverstanden - wieder in die Hände der Menschen gelangen. Gott sagt
eindeutig: Ich habe das Heil für euch geschaffen; Ihr sollt leben.
Gott will, dass wir leben auch in unseren Ehen.
Liebe Gemeinde,
nehmen wir eine beliebige gesellschaftliche Veranstaltung und
lauschen, worüber man spricht:
Peter hat Claudia verlassen und bereits eine Neue; Sonja
findet ihren Mann zwar nett, liebt aber Michael; Ludwig lebt jetzt allein, weil
es Johanna zu eng geworden ist; Rainer ist unglücklich; Andrea verbittert; Achim
möchte ganz weit weg…
Sie alle kennen ähnliche Gespräche und Sie wissen welch
menschliche Geschichten sich dahinter verbergen, manchmal Abgründe.
Wir scheinen bis heute kaum anders zu handeln, wie die Menschen zurzeit Jesu.
Die Jugendlichen heute im Gottesdienst wissen ganz bestimmt wie das geht, wenn
man per sms seiner Freundin seinem Freund mitteilt, es ist aus, Feierabend, ich
will dich nicht mehr sehen. Ist doch einfach! So ähnlich ging es damals auch zu,
Scheidebrief ausgestellt und ab mit der Frau. Wenn ihr richtig gehört habt, in
der Geschichte durften nur die Männer Scheidungsbriefe ausstellen. Also von
Gleichberechtigung wie es am Anfang in der Bibel hieß, Gott schuf sie als Mann
und Frau, keine Spur. Frauen waren damals der Besitz des Mannes, mit dem der
Mann willkürlich umgehen konnte. Jesus lässt sich nicht ein auf eine juristische
Diskussion. Sondern antwortet auf das gestellte Problem sehr modern: zwei
Menschen lassen sich ganz tief aufeinander ein, seelisch und körperlich, solch
eine Beziehung prägt für das ganze weitere Leben, solch eine Beziehung kann
keiner vergessen, auch wenn später einmal eine neue Beziehung eingegangen werden
sollte.
Mir kommt es so vor, als würde Jesus uns zurufen. Moment, wartet einen
Augenblick, bis ihr die sms losschickt. Bedenkt doch:
Eure Liebe hatte so wunderbar begonnen. Zwei Menschen
begegnen sich, sind euphorisch, leben im Liebesglück und dem Gefühl, alle
Schwierigkeiten gemeinsam lösen zu können, möchten gemeinsam Kinder bekommen und
miteinander alt werden. Diese Hochstimmung ist wunderbar und führt ja dann auch
oft zur Hochzeit. Doch jede Beziehung wandelt sich mit der Zeit. Zum Beispiel
die Geburt eines Kindes verändert jede Paarbeziehung. Aus einem Liebespaar
werden Eltern. Dann müssen die Rollen im Alltag und in der Sexualität neu
definiert und verteilt werden.
Irgendwann wird in jeder Beziehung die Frage aufbrechen: Bin
ich bereit, mich mit meinem Partner gemeinsam weiter zu verändern. Wer jetzt
sein Herz verhärtet, der ist nicht mehr empfänglich für die Gefühle und Nöte des
Partners. In der Bibel wird das Symbol der Hartherzigkeit oft benutzt, um zu
zeigen, dass Menschen, deren Herz verhärtet ist, ihren Nächsten aus den Augen
verlieren und ihre positiven Gefühle in Hass umschlagen…und dann kommt es zum
Rosenkrieg.
Eine Ehekrise bedeutet Chance und Gefahr. Es ist der Punkt, an dem es nicht mehr
so weitergeht wie bisher. Aber das Ende einer Täuschung, eine End-Täuschung,
muss nicht immer zu einer Trennung führen. Hartherzigkeit kann in solcher einer
Situation bedeuten, ich will nicht, dass sich irgendetwas ändert, besonders mein
eigenes Verhalten nicht, alles soll beim Alten bleiben. Oder einer der beiden
sucht sich einen neuen Partner, mit dem der alte Lebensstil beibehalten werden
kann. Gelernt hat man dann aus der Krise rein gar nichts. Dann wird die sms
gesendet.
Wenn sich zwei Partner versprechen: „Bis der Tod uns scheidet“, dann meinen sie
das ernst, dann geht es um die beiden in ihrer Gesamtheit. Dieses Versprechen
der Treue und Verlässlichkeit, das sich zwei Menschen geben, ähnelt dem
Treueversprechen, das Gott seinem Volk Israel und der Kirche gegeben hat.
Vielleicht können wir die Bibel auch als eine Geschichte einer Ehe zwischen Gott
und den Menschen verstehen. Es ist eine Geschichte, in der beide Partner sich
ständig verändern. Manchmal beharren beide sehr auf ihrem Recht, zeitweise
wollen sie nichts mehr voneinander wissen. Gott jedenfalls bricht in der Bibel
ständig seine Hartherzigkeit auf und versucht den anderen neu zu sehen und mit
ihm gemeinsam auf dem Weg zu bleiben, weil er will, dass wir leben. Es ist kein
einfacher Weg. Aber der einzige, den es sich lohnt zu gehen auch in einer Ehe.
Natürlich wünschen wir uns alle eine glückliche Ehe, mehrere Kinder und
gemeinsam alt werden. Ja, es ist toll, wenn zwei Menschen sich lieben und
gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen wollen. Doch einfach ist das
nicht. Und wenn das Unternehmen schief geht? Was dann? Bis zum bitteren Ende
zusammenbleiben? Ein Ende des Schreckens erst mit dem Tode?
Hier war für die Reformatoren Seelsorge und Hilfe für das Paar angesagt, weil
Gott will, dass wir leben. Die Reformatoren haben die Barmherzigkeit und die
Vergebung Gottes in und für die Ehe wieder entdeckt. Und weil Gott will, dass
wir leben, kann eine Trennung auch als Eingeständnis der Schuld und Buße gesehen
werden. Uns ist es nicht gelungen Gottes Willen zu leben, hier kommt Gottes
Barmherzigkeit und Vergebung ins Spiel, die einen Neuanfang möglich machen auch
mit einem neuen Partner. Gott möchte nicht den Beziehungstod zwischen zwei
Menschen. Gott will, dass wir Menschen leben. Reformation 2009 danken wir Gott,
dass er uns die Reformatoren geschickt hat, damit wir keine Sklaven des Alltags
werden, sondern auch im Alltäglichen leben können. Denn das Gesetz ist für den
Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz. Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen
und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.
Pfarrer Friedhelm Schippers
Friedrichstraße 29
D-52249 Eschweiler
Tel.: +49 2403 507961
Email: friedhelm.schippers@ekir.de
Eupen: 25. Oktober 2009
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