|

| |
|
weitere
Predigten finden Sie im Archiv |
Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 26. Oktober 2008
(Reformationsgottesdienst)
Liebe Hörerinnen und Hörer am Radio, liebe Gemeinde,
der für den Reformationstag vorgeschlagene Bibelabschnitt
steht im Brief an die Philipper Kapitel 2, die Verse 11 und 12. Der Apostel
Paulus schreibt:
12 Darum, liebe Schwestern und Brüder - ihr wart ja immer
gehorsam, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern noch viel mehr jetzt in meiner
Abwesenheit -: müht euch mit Furcht und Zittern um euer Heil! 13 Denn Gott ist
es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt, noch über euren guten
Willen hinaus.
Knapper und treffender kann man den Gegensatz des ersten Konfliktes in der
Reformationszeit kaum wiedergeben, als mit diesen beiden Aussagen:
Auf der einen Seite der Satz: „Müht euch um euer Heil mit Furcht und
Zittern.“ und „Gott bewirkt das Heil noch über euren guten Willen
hinaus.“ auf der anderen Seite.
Die etablierte Kirche stellte beim Glauben die eigene Mühe und Anstrengung in
den Vordergrund. Der Mensch sei fähig sein Heil mit eigener Kraft zu schmieden,
die Rettung falle nicht einfach in den Schoß. Und galt es viel zu beten, gute
Werke tun. Möglichst sogar in ein Kloster eintreten, ehelos leben und die böse
Welt hinter sich lassen.
Mit Furcht und Zittern sollte man das tun. Darum lehrte man die Menschen das
Fürchten, indem man Gott als einen strengen Richter darstellte, der jedes
Vergehen mit harten Bußstrafen in einem heißen Läuterungsfeuer ahndete.
Obendrein entdeckten die Vertreter der Kirche, dass man ein sehr gutes Geschäft
aus dieser Angst der Leute machen konnte. Und so verkauften sie Briefe, die den
Leuten versicherten, dass man durch den Kauf dieser Briefe einige Jahre von
göttlicher Strafe erlassen bekomme. Sie versprachen quasi schneller und bequemer
ins Paradies eintreten zu können.
Diese Briefe übten auf die Menschen damals eine unglaubliche Anziehungskraft
aus. Man kann die Faszination der damaligen Ablassbriefe mit, Anziehungskraft
von Wertpapieren heutzutage vergleichen. Die Menschen glaubten man könnte seine
Zukunft sichern, einen sorgenfreien Lebensabend führen und man bräuchte sich
nicht mehr zu fürchten.
Und ebenso, wie man heute weiß, dass viele Wertpapiere nichts als ein Schwindel
sind, ebenso dienten die Ablassbriefe dazu, dass nur ein paar wenige ein sehr
feudales Leben führen konnten und große repräsentative Gebäude errichteten, in
Form von riesigen Kirchen.
Tatsache aber war, dass ganze Länder ausgebeutet wurden.
Martin Luther entdeckte nach langen inneren Kämpfen, dass das Heil, das Glück
nicht verdient, nicht mit Geld, nicht durch ein Bezahlen von Bußgeldern erworben
werden kann.
Er entdeckte wieder die biblische Wahrheit: Das Heil, das Glück kann man sich
nicht kaufen und verdienen. Es ist viel zu teuer. Darum schenkt Gott das Heil.
Luthers leidenschaftliche Predigten und Schriften überzeugten
die Menschen, denn sie wurzelten tief in der Wahrheit. Schließlich blieben die
Ablasshändler überall auf ihren Briefen sitzen.
Wie schön wäre es, wenn wir heute das wieder begreifen könnten. Das Heil kann
man sich nicht kaufen. Weder durch Ablassbriefe noch durch sonst irgendwelche
Papiere, die irgendwelche Anrechte versprechen.
Man kann sich weder irdisches Heil verdienen und kaufen und noch viel weniger
ewiges Heil.
Wenn man sich das Heil verdienen könnte, dann hätte der Verbrecher, der mit
Jesus gekreuzigt wurde, es nie bekommen. Aber Jesus sagte zu ihm: „Noch heute
wirst du mit mir im Paradies sein.“
Man kann nur um das Heil bitten und es annehmen, aber nicht
verdienen.
Auf Gottes Geschenk kann man nur antworten. Und die Antwort auf Gottes Geschenk
ist eigentlich unsere Liebe zu Gott.
Aber Paulus hat eine andere Antwort. Die Antwort auf Gottes Geschenk ist
Gehorsam.
„Darum meine Lieben!“, sagt er, „ihr habt doch immer auf mich gehört.
Seid nicht nur gehorsam, wenn ich unter euch anwesend bin, sondern jetzt erst
recht, da ich fern von euch bin.“ (V 12 GN)
Paulus erwartet einen ungeheuchelten, echten Gehorsam. Gehorsam nicht nur vor
den anderen Christen. Gehorsam, wenn Paulus bei ihnen ist, wenn alle zuschauen.
Nein, Gehorsam auch dann, wenn keiner zuschaut, wenn man ganz allein ist und
niemand außer Gott sieht, ob man Gehorsam ist oder nicht.
Das Vorbild für Gehorsam ist Jesus. Jesus klammerte sich nicht – wie wir in der
Schriftlesung gehört haben - an seine göttlichen Vorrechte, die er bei seinem
Vater hatte. Er war Gott gleich, lebte sozusagen im Glück aller
Glückseligkeiten. Aber das ließ er aus liebendem Gehorsam zu seinem Vater los.
Auf den Wink Gottes wurde ein Mensch. Zunächst ein kleines Baby, ein Kind, das
alles erst lernen musste, das seinen Eltern und den anderen Erwachsenen
gehorchen und folgen musste. Auch als Jugendlicher hieß es, dass er seinen
Eltern untertan ward. Einige Jahre arbeitete er als Zimmermann. Das heißt, Jesus
musste den Anweisungen der Kunden folgen, er musste Steuern und die Gesetze
bezahlen. Jesus wurde Diener, und war kein Herr.
Paulus beschreibt weiter: „Jesus war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am
Kreuz.“ Jesu Gehorsam kannte keine Grenze. Er machte nicht einmal halt vor
dem Tod.
Wenn ich zu meinen Kindern sage: Kommt, lasst uns gemeinsam ein Eis essen gehen.
Dann sind sie sehr gehorsam. Schnell haben sie ihre Schuhe und Jacken angezogen
und ohne Widerrede folgen sie mir zum Eiscafé. Wenn ich aber sage: Jetzt
schaltet den Computer aus und erledigt eure Hausaufgaben, dann muss ich meinen
Anweisungen meist starken Nachdruck verleihen. Ja, manchmal muss ich sogar den
Computer selbst ausschalten, weil sie mich nicht hören und das Gehorchen eine
Grenze für sie hat.
Jesu Gehorsam kannte dagegen keine Grenze. Sein Vater im Himmel musste ihn nicht
zwingen. Er musste keinen Druck ausüben. Jesus war freiwillig grenzenlos
gehorsam.
Als Jesus dann seinen Jüngern mitteilte, dass er sterben müsse, nahm Petrus ihn
beiseite und wollte ihn noch umstimmen.
„Herr, das ist doch dumm, das darf dir doch nicht widerfahren.“ Petrus meinte,
dass Jesus hier eindeutig zu weit gehe mit seinem Gehorsam. Aber Jesus erwiderte
nur mit: „Geh hinter mich Satan, du meinst nicht, was göttlich ist, sondern
menschlich."
Und auch, als sich abzeichnete, dass er einen grausamen Tod in Schande sterben
sollte, dann betete Jesus zu Gott in der Nacht vor seiner Hinrichtung:
„Vater, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht mein Wille, sondern
dein Wille geschehe.“
Können Sie sich vorstellen, dass solch ein Gehorsam die Tür zum Glück, zum Heil
zur Erhöhung ist?
Bäumt sich da nicht alles in Ihnen auf. Möchten nicht wir alle sagen: „Nein
Herr, das kann doch nicht der Eingang zum Glück sein.“ Gehorsam ist gut, aber es
hat doch eine Grenze.
Aber für Paulus hat Jesus genau so den richtigen Eingang zum Heil genommen: „Darum,-
ich ergänze, darum, weil er gehorsam war -, hat Gott ihn auch hoch erhoben
und ihm den Namen verliehen, der über jeden Namen ist.“
Warum hat Gott Jesus so hoch erhoben – warum hat er ihn an die erste Stelle
gestellt? Weil Jesus in seinem Wesen Gott gegenüber nichts zurückgehalten hat,
weil er gehorsam war bis zum Tod.
Genau in diesem Zusammenhang steht der heutige Bibelabschnitt. Und Paulus
schreibt nur: „So auch ihr.“ Das heißt, so auch Du, so auch ich liebe
Christin, lieber Christ. Das gleiche Prinzip gilt uns. Der Weg zum Glück bedarf
Gehorsam gegenüber Gott, auch wenn wir uns dabei fürchten und etwas zittern.
Ich denke aber, es geht nicht um blinden Kadavergehorsam. So wie es Franziskus
von Assisi mal beschrieben hat.
Franziskus wurde von seinen Gefährten gefragt, was ist denn
die höchste Form von Gehorsam und er antwortete: „Nimm einen entseelten Leib
(Kadaver) und lege ihn hin, wohin Du magst: Du wirst sehen, dass er mit keiner
Bewegung widerstrebt, seine Lage nicht ändert und sich nicht beschwert,... Das
ist der wahrhaftige Gehorsam.“
Nein, Jesus war auf eine andere Art gehorsam. Er fragte nach dem Willen des
Vaters, er nahm sich Zeit, auf ihn zu hören, er redete mit ihm über seinen Weg,
über seine Berufung. Jesus prüfte anhand den Schriften, ob der Menschensohn
wirklich leiden muss, um zur Auferstehung zu kommen. In gewisser Weise
diskutierte er mit Gott über diesen Weg und auch gefühlsmäßig hatte er einen
schweren inneren Kampf zu durchfechten, bevor durch das Gehorsamstor gehen
konnte. Ein Kadaver kann nicht hören, nicht fühlen, er kennt keinen inneren
Kampf. Er ist tot. Ein Kadaver kann auch nicht Vertrauen und kennt keine Liebe.
Jesus dagegen vertraute vollkommen in die Güte und Liebe Gottes und darum konnte
er gehorsam sein. Als lebendiger, nicht als Toter.
Ich glaube, einen anderen Eingang zum geistlichen Glück, hinein in eine tiefere
Beziehung zu Gott gibt es nicht als durch das enge Tor Gehorsam.
Kein anderer kann für mich gehorchen. Kein Heiliger, kein Bediensteter, kein
Engel. Ich kann mich auch nicht vom Gehorsam mit Geld freikaufen. Wenn Gott mich
zu etwas auffordert, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder zu gehorchen oder
nicht.
Gehorsam kann man auch nicht bei anderen nachmachen. Wenn einer zur Ehelosigkeit
von Gott berufen ist, dann muss das nicht zwangsläufig für einen anderen gelten.
Zwar gelten Gottes Gebote für uns alle, aber bei der Umsetzung von Gottes Willen
ist ein lebendiger und wacher Geist von uns gefordert.
Erschrecken Sie jetzt? Hat das Glück für einen Christen einen so hohen Preis.
Ich möchte Ihnen dennoch Mut machen, diesen Weg zum Glück zu wagen. Denn Gott
ist so gütig. Er will wirklich immer das beste für mich. Er will meine
Persönlichkeit zur vollen Entfaltung, zur vollen Schönheit, zur höchsten Ehre
bringen. Er liebt uns wirklich von ganzem Herzen.
Haben sie Mut, denn meist wird es nach dem ersten Gehorsamsschritt bereits etwas
leichter.
Vertrauen Sie den Worten von Paulus mit denen ich nun schließen möchte:
„Denn Gott selbst ist ja in euch am Werk und macht euch nicht nur bereit,
sondern auch fähig, das zu tun, was ihm gefällt.“
Amen
|