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Abschiedsbrief von Pfarrer Günter Göringaus der Septemberausgabe der Brücke von 1964: Nach sieben Jahren...... in einer Stadt, in einer Gemeinde, fragt man sich: Was war? Ich entsinne mich noch gut des Beginns am 1. Oktober 1957. Ein großes leeres Haus in der Hookstraße erwartete mich, große, hohe Zimmer, alte Böden, ehrwürdige Fenster mit guter Ventilation usw. usw. Drei Wochen später wurde es lebhafter, als meine Frau mit den Kindern kam, und endlich im Januar 1958 kamen die Möbel, es wurde wohnlich, wir wurden heimisch. Freilich begonnen hatte die Arbeit sofort, mit dem ersten Gottesdienst, dem die Einführung am 18. Oktober 1957 folgte, mit dem Unterricht, der immer mehr und mehr wurde und schließlich ein Jahr später vierzig Wochenstunden umfasste. Es kam die erste Beerdigung, die erste Trauung, die erste Taufe, und so lief sich der Dienst in Eupen und Neu-Moresnet langsam ein. Der Anfang war schwer, außer Eupen und Neu-Moresnet galt es auch noch Malmedy und St. Vith zu betreuen. Die Wege waren weit, mussten erst gesucht werden und die Fenster des alten Opel froren auf dem Venn zu, manchmal blieb ich im Nebel stecken und musste mir mühselig den Rückweg suchen, einmal ging es husch - in den Straßengraben, aber es gab keinen Schaden. Ehe man es sich versah, war ein Jahr ins Land gegangen, das fünfte Kind wurde geboren, und alle zusammen entwickelten sich Jahr für Jahr mehr zu kleinen Eupener Bürgern mit ihrer unverkennbaren Sprache. Die Schule nahm sie auf, sie lernten Deutsch und Französisch, Lesen, Schreiben und Rechnen wie jedermann. Die Nachbarskinder und Freunde stellten sich ein. Alle zusammen füllten den Garten mit Spiel und Lärm. Sie lernten mit uns die wunderschöne Umgebung kennen, Jahr um Jahr verging. Freunde fanden sich überall, Verbindungen entstanden nach hier und dort, wir lernten Land und Leute lieben. Es waren schöne Jahre. Das Wichtigste und Wesentliche aber war die Gemeindearbeit selbst. Sie hat mir Freude gemacht. Bald war in Eupen allsonntäglich Gottesdienst, Kindergottesdienst kam dazu, in Neu-Moresnet versammelte sich vierzehntägig eine kleine treue Gemeinde. Besondere Veranstaltungen von der Weihnachtsfeier des Frauenvereins und später der Frauenhilfe für die Gemeinde über Missionssonntag, Evangelisation und Bibelwochen bis hin zum Eupener Kirchentag in diesem Jahre setzten Akzente im Gemeindeleben. Alljährlich unternahmen wir unseren Gemeindeausflug, ein Singkreis entstand und verging wieder. Der Frauenverein, der jahrzehntelang bestanden und treue Arbeit geleistet hatte, übergab die Arbeit in die jüngeren Hände der Frauenhilfe. Der Männerkreis entstand und setzt sich allezeit mit großem Eifer für die Belange der Gemeinde ein. Das Presbyterium wurde neu gewählt, auswärtige Chöre kamen aus Neuß, Stuttgart und anderen Orten. Kurzum eine bunte Palette von Ereignissen, deren man gar nicht aller gedenken kann. Schön war es, dass wir mit unseren katholischen Mitbrüdern nicht nur Frieden hatten sondern sogar zu wirklicher Zusammenarbeit gelangten in den alljährlichen Gebetswochen für die Einheit der Christen, die in diesem Jahr ihren Höhepunkt in den gemeinsamen Gebetsgottesdiensten in der Nikolauskirche hatten. Ohne die brüderliche Hilfe von katholischer Seite hätten wir unseren Kirchentag gar nicht so durchführen können, wie es geschehen ist. Wir haben einander näher kennen- und verstehen gelernt. Die Arbeit an der «Brücke» und an den Rundfunksendungen «Evangelium in unserer Zeit» machte viel Freude. Trotz vieler Widerstände und mancher Ablehnung bleibt das Gefühl der Freude über die sieben Jahre in der Gemeinde in Eupen und Neu-Moresnet. Es kam Hilfe für den Religionsunterricht, es sammelte sich die Gemeinde, die oftmals vereinzelt wohnenden evangelischen Christen lernten sich ein wenig näher kennen, hier und da kam es zu Begegnungen auch mit anderen Gemeinden, die Verbindung zu den anderen deutschsprachigen evangelischen Christen im Lande entstand und wuchs bis hin zu unserem gemeinsamen Kirchentag. Wir haben viel Liebe hier In der Stadt und in der Gemeinde erfahren, großes Entgegenkommen und mancherlei Durchhilfe. Dafür sind wir dankbar. Was war in sieben Jahren? Es war vor allem die Gewissheit, dass Gott mit uns und unserer Gemeinde gewesen ist, dass Christus unter uns lebendig gegenwärtig war. Das war wohl das Wesentliche. Soll man da nach Ergebnissen fragen? Wer wollte wohl alles beurteilen außer Gott allein? Unter seiner Gnade und aus seiner Gnade heraus leben wir ja. Was bleibt beim Abschied? Es bleibt diese göttliche Gnade und Gegenwart ganz gewiss hier und bei uns allen, nicht weil wir so tüchtig sind sondern weil Gottes Liebe so groß ist. So sollen wir uns denn alle nicht festklammern an Personen und Sachen. Sie vergehen wie die Zeit, wie die sieben Jahre. Wir wenden uns zu IHM, der bei uns bleibt alle Zeit, und wir werden erfahren, dass wir in ihm geborgen sind und bleiben - wenn auch die Jahre vergehen... Günter Göring. Verabschiedung durch die Gemeindeaus der Oktoberausgabe der Brücke von 1964: Zum AbschiedVerehrte Leserinnen, verehrte Leser, liebe Schwestern und Brüder!
Wenn Sie auf Ihrem Blatt lesen siebenter Jahrgang, dann überlegen Sie bitte einmal kurz, wie viel Mühe und Zeit dafür nötig waren, um es sieben Jahre lang erscheinen lassen zu können. Mit derselben Ausdauer wurde ein Singekreis in unserer Gemeinde gegründet, ein Männerkreis aufgerichtet, Bibelstunden eingeführt und Gebets- und Evangelisationswochen gehalten. Wenn wir allmonatlich über den Brüsseler Rundfunk eine deutschsprachige Sendung: «Evangelium in unserer Zeit», hören können, so ist es ein Verdienst dieses Arbeiters im Weinberg! Unsere Weihnachtsfeste, unsere herrlichen Gemeindeabende und unsere schönen Gemeindeausflüge werden immer einen bleibenden Wert für uns haben. Darüber hinaus ging sein Blick auch zu den andern Konfessionen. In unserer überwiegend katholischen Stadt sind wir evangelischen Christen nur eine ganz kleine Minderheit. Und dach verstand Herr Pfarrer Göring es, dem evangelischen Christentum in weitgehendstem Masse Achtung und Geltung zu verschaffen. Unzählige Vorträge in katholischen Kreisen fanden ihren Gipfel in den Gebetswochen für die Einheit der Christen. In brüderlicher Eintracht haben wir mit den katholischen Glaubensbrüdern gemeinsam um die Einheit gebetet. Ein schöner Erfolg seiner Ausdauer. Nun heißt es Abschied nehmen! In diesem Abschied darf auf keinen Fall der Dank fehlen. Aber können wir überhaupt diesen Dank bezeugen? In seiner Abschiedspredigt sprach Herr Pfarrer Göring über den Bibeltext, Luk. 17, v. 7-10: «... wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren». Das sieht so aus, als schließe es jeden Dank aus. Denn unnützen Knechte auch noch danken? Und doch sind uns große Dienste erwiesen worden. Also müssen wir uns an den wenden, der hier befiehlt. Jawohl, dem Herrn gegenüber war er Gehorsam schuldig; dem Herrn gegenüber hat er getan, was er zu tun schuldig war. Aber uns soll es nicht abhalten für seinen Gehorsam zu danken, und für all das zu danken, was daraus hervorgegangen ist. Bei der Abschiedsfeier war unsere kleine Friedenskirche hier in Eupen zu klein. Viele Abschiedsgäste waren gekommen. Auch eine ganze Reihe katholischer Geistlicher beehrten Pfarrer Göring mit ihrer Anwesenheit. Viele Vertreter öffentlicher Ämter waren zugegen. Im Anschluss an den Gottesdienst überbrachten viele Persönlichkeiten warme Worte des Dankes und der Anerkennung. Unser Kirchmeister, Herr Bahm, kannte nicht Worte des Dankes genug finden, die er im Namen unserer Gemeinde an unseren scheidenden Pfarrer richtete. Pastor Kousbroek überbrachte den Dank der Synode der Protestantischen Kirche Belgiens. Im Namen der Stadtverwaltung sprach der diensttuende Bürgermeister Dr. Miessen Worte des Dankes für die allezeit gute Zusammenarbeit und unterstrich die Bereitschaft der Stadt Eupen, dieselbe auch in Zukunft fortzuführen. Grüße der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Belgien überbrachte Pfarrer Quistorp, Brüssel. Die Lütticher Gemeinde unserer Kirche verabschiedete sich von unserem Pfarrer durch die Rede ihres Pfarrers Braekman. Den Gruß der Kreissynode Aachen überbrachte Pfarrer Korsch, Alsdorf. Missionsdirektor Pfarrer Vogel sagte die schlichten Warte: «Es ist schade, dass Du gehst, Bruder Göring». Darin liegt wohl alles, was wir ausdrücken können. Auch wir bedauern sehr den Abgang von Pfarrer Göring und wünschen uns nur, dass unser neuer Pfarrer, Herr Wolfgang Rehbein aus Altenkirchen im Westerwald in dieselben Fußstapfen treten möge. Unserem scheidenden Pfarrer und seiner lieben Familie rufen wir zum Abschied ein herzliches «Vergelt's Gott» zu. Möge der Herr ihn und die Seinen segnen für seinen treuen Dienst hier in unserer Gemeinde! H. Breiholz. Abschiedsworte von Pfarrer Quistorp, Brüsselaus der Oktoberausgabe der Brücke von 1964: Abschied von einem Bruder - von Pfarrer Quistorp, BrüsselWir lernten uns im Hallenschwimmbad von Schaarbeek kennen. Es war ein schöner Maimontag und darum hatten wir mit unserem deutschsprachigen Pastorenkonvent zunächst einmal schwimmenderweise begonnen. Er schwamm ruhig, zügig, mit sichtlichem Behagen. Es war etwas vom Seehund in diesen Bewegungen. Ein Windhund war er ganz sicher nicht. Gewiss, er steckte seine Nase gern in viele Sachen. Er konnte einem mit seinem Tatendrang manchmal auf die Nerven gehen, z. B. wenn es um eine gemeinsame Ausgabe der «Brücke» ging. Aber wie großartig entfaltete sich die seehundsmäßige Energie und Beharrlichkeit, als es um den «Eupener Kirchentag» ging. Da hat dann auch ein größerer Kreis der deutschsprachigen Schwestergemeinde in Belgien einen Eindruck von diesem mitreißenden Temperament bekommen, das Gott unserem Bruder Göring gegeben hat. Man wird ihn in Eupen vermissen. Wir Brüsseler, Lütticher und anderen Christenmenschen werden ihn auch nicht so schnell vergessen. Bruder Göring hat uns gezeigt, dass «Ökumene» im Kleinen anfängt und dass die Gemeinde Jesu Christi ganz fröhlich unter den nationalen und sogar auch unter den kirchenpolitischen Grenzen - durch und aufeinander zu schwimmen kann. Wie in Schaarbeek. Dankesworte von Pfarrer Günter Göringaus der Oktoberausgabe der Brücke von 1964: Bei unserem Weggang von hier haben wir so viele Beweise der Liebe erhalten, dass wir darüber fast beschämt sind. Wir danken allen sehr herzlich, die jetzt und auch in den vergangenen Jahren uns immer wieder zur Seite gestanden haben. Wir danken für all die Zeichen der Liebe, die uns durch Briefe und Geschenke gegeben wurden. Wir danken unserem Kirchmeister, Herrn Bahm, sowie den Mitgliedern des Presbyteriums und des Verwaltungsrates für ihre allzeit aufgeschlossene und bereitwillige Mitarbeit in der Gemeinde, wir danken der Frauenhilfe und dem Männerkreis, den Gemeindegliedern in Neu-Moresnet, wir danken unserem Küster Willi Janssen und seiner Familie für die unermüdliche und treue Hilfe bei allem sowie unserer Küsterin Frau Frings in Neu-Moresnet für ihre Arbeit. Der ganzen Gemeinde gilt unser Dank und unser Wunsch für die Zukunft: sie möge wachsen unter dem -Segen- des Herrn und ein rechtes Zeugnis geben von der Lebenskraft des Evangeliums. Wir wünschen Ihnen allen von Herzen alles Gute, das heißt: Gottes reichen Segen. Pfarrer Günter Göring und Familie. In den Brückeausgaben April und Mai 2007 erfuhr die Gemeinde vom Tod unseres ehemaligen Pfarrers Günter Göring:
starb in einem Heim wo er seine letzten Lebensjahre, schwer gezeichnet von einer unheilbaren Krankheit verbrachte. Er kam aus der damaligen DDR, wo man ihn ohne Probleme heraus gelassen hat, was ja nicht üblich war (wer ohne Erlaubnis die DDR verließ und wurde erwischt kam wegen »Republikflucht« ins Gefängnis). Pfarrer waren dem Regime jedoch ein Dorn im Auge und man war froh wenn man sie los wurde. Er war einer der Pfarrer der in unseren Gemeinden (damals gehörte noch Malmedy-St.Vith dazu) die tiefgreifendsten Spuren hinterlassen hat, auf deren Fundamenten wir heute noch stehen. Er war auch der erste deutsche Pfarrer nach dem Kriege und trug den vielleicht etwas anrüchigen Namen »Göring« (zum Glück waren die Vornamen nicht identisch). Sein großer Verdienst war die Gründung des Kirchenblatts "DIE BRÜCKE" im Jahre 1958 und ein straffer Aufbau der Gemeinde. Als überzeugter Lutheraner führte er als Erstes eine Liturgie ein und wollte sogar in der Kirche ein Kruzifix aufstellen, was wir ihm aber dann ausreden konnten. Durch zwei seiner reformierten Vorgänger aus der Schweiz, kannten wir ja nur Predigt, Gebet und Gesang in den Gottesdiensten, natürlich auch den Schlusssegen. Wir mussten uns erst an die Änderungen gewöhnen und manch Gemeindeglied hat das nicht so schnell verkraftet. Später haben sich fast alle daran gewöhnt und wir profitieren heute noch von dieser, im Laufe der Jahre etwas veränderten, Liturgie. Er war aber nicht nur im kirchlich-geistigem Bereich aktiv, sondern Dank seiner Initiative wurde der damalige Beetsaal in Herbesthal verkauft und mit dem Erlös die Küsterwohnung umgebaut und renoviert und unser Pfarrsaal ausgebaut. Günter Göring hatte ebenfalls ein sehr großes musikalisches Talent. Er hat einmal bei mir Zuhause ganz spontan am Klavier eine Melodie erfunden, die er dann auf Art von Bach, Mozart und sonstigen Komponisten spielte. Ein weiterer Höhepunkt war der von ihm organisierte Kirchentag der deutschsprachigen Protestanten aus ganz Belgien. Damals gab es bald in jeder großen Stadt, deutschsprachige evangelische Gemeinden. Die Eupener staunten nicht schlecht, als vom Kirchturm der Friedenskirche eine lange weiße Fahne mit lila Kreuz herunter hing, die er sich bei der Dienststelle des Kirchentags der EKD organisiert hatte. Nun gäbe noch viel zu sagen, aber wer mehr wissen möchte, den verweise ich an unser Archiv, zu finden auf dieser Homepage. Leider ist später seine Ehe gescheitert, was wir alle sehr bedauert haben, und er ist dann vom Beruf eines Pfarrers ins Unterrichtswesen übergewechselt. Rolf Lander |
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