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Die Anfänge der evangelischen Kirchengemeinde zu Neutral-
und PreußischMoresnet.
von Alfred Bertha
Auswirkungen des Grenzvertrages von 1816
Als die in Wien versammelten Siegermächte nach den
napoleonischen Kriegen sich um eine politische Neuordnung Europas mühten, fiel
dem Gebiet von Kelmis eine besondere Bedeutung zu. Die Interessen Holland und
Preußens am dortigen Galmeibergwerk traten offen zutage und der zwischen diesen
beiden Ländern im Jahre 1816 unterzeichnete Grenzvertrag stellte nur eine
Kompromisslösung dar, da das umstrittene Gebiet unter die gemeinsame Verwaltung
Hollands und Preußens gestellt wurde.
Von nun an war Kelmis neutrales Territorium und unter dem Namen
“Neutral-Moresnet“ ging es in die Geschichte ein. Mit 256 Einwohnern war das
Gebiet des Altenberges recht schwach besiedelt.

Der Altenberg nach einem Stich aus dem Jahre
1855 (Ausschnitt). Links im Bild die "Kull".
Doch der wirtschaftliche Aufschwung der Gesellschaft
der "Vieille Montagne" ließ die Bevölkerung sehr rasch ansteigen, so dass
1855 schon rund 2.500 "Neutrale" gezählt wurden. Auch Preußisch-Moresnet erlebte einen starken Bevölkerungszuwachs: von 255 im
Jahre
1816 stieg die Einwohnerzahl dort auf ca. 600 im Jahre 1855.
In lobenswerter Weise sorgte sich die Gesellschaft der "Vieille Montagne" um das
geistige Wohl ihrer Arbeiter und Angestellten: auf ihre Initiative hin entstand
die katholische Pfarrgemeinde, sie eröffnete die erste Schule ... Die
überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von Preußisch- und Neutral-Moresnet war
katholisch. Doch unter den aus dem Reich zugezogenen Führungskräften und
Arbeitern der Grube gab es eine gewisse Anzahl Evangelischer. Mit ihren
Familienangehörigen waren es nach Angaben aus der damaligen Zeit 108 Personen
(30 Kinder und 78 Erwachsene). Hinzu kamen noch etwa 30 Evangelische aus dem benachbarten Ort Bleyberg,
die wie jene in Neutral-Moresnet "in gänzlicher kirchlicher Verlassenheit
lebten" (Brief des Oberkirchenrates an den Minister von Raumer, 26.09.1856). Von Eupen, wohin die Evangelischen von Preußisch-Moresnet eingepfarrt waren, konnte wegen der Entfernung wenig oder gar nichts für sie
getan werden.
So reifte der Plan, die evangelischen Gläubigen Neutral- und
Preußisch-Moresnets sowie die des Bleyberger Gebietes zu einer selbständigen
Pfarrgemeinde zusammenzuschließen. In diesem Zusammenhang ist noch
erwähnenswert, dass die evangelischen Christen von Neutral-Moresnet und Bleyberg
keiner Pfarre angehörten.
Bei der Bergwerksgesellschaft war damals auch ein Oberingenieur namens Max Braun
beschäftigt. Dieser evangelische Beamte stellte Anfang 1855 als Hauslehrer für
seinen ältesten Sohn den Hilfsprediger und Lizenziaten der Theologie,
Pfarramtsanwärter Eduard Lekebusch aus Kaiserswerth ein. Dieser stand kurz vor
der Ordination und nahm nun in Preußisch-Moresnet die pfarramtlichen Geschäfte
wahr.
Mit dem 3. Januar 1855 wurde Eduard Lekebusch als Gehilfe des Eupener Pfarrers
in Preußisch-Moresnet angestellt. Bei Max Braun hatte er freie Station und 100
Reichstaler, wofür er nicht nur die Kinder Brauns, sondern auch andere
schulwillige Kinder unterrichten musste.
Für die Gottesdienste stellte die Gesellschaft des Altenberges einen Saal zur
Verfügung, der gewöhnlich der Bergwerkskapelle zum Proben diente.
Der erste Gottesdienst in Preußisch-Moresnet wurde unter
reger Beteiligung der Gemeinde am Sonntag, dem 14. Januar 1855 gefeiert.
Die Grubengesellschaft stellte der evangelischen Gemeinde auch "ein geräumiges,
schönes, luftiges Schullokal" in den früheren Stallungen zur Verfügung. Am 10.
Juni 1855 wurde die Schule eröffnet. Als erster Lehrer wurde Peter Classen aus
Kronenburg von der Gesellschaft angestellt und besoldet. Dem von der
Gesellschaft gezahlten Gehalt von 200 Talern fügte die Gemeinde noch 50 Taler
hinzu, welche vom Schulgelde bestritten werden mussten. Der Lehrer hatte freie
Wohnung. Der Oberkirchenrat hatte der Schule 60 Taler jährlich bewilligt; sie
wurden zur Beschaffung der notwendigen Schulutensilien verwandt. Etwa 25
schulpflichtige evangelische Kinder zählte man 1855 in Preußisch- und
Neutral-Moresnet, 10 in Bleyberg. Ende 1856 besuchten 33 Kinder die evangelische
Schule: es waren 24 evangelische und 9 katholische Kinder. 5 Kinder kamen aus
Bleyberg. Die Schule war konfessionslos, doch wurde den evangelischen Kindern
weniger Schulgeld abverlangt.
Pfarramtsanwärter Lekebusch hatte schon kurz nach seinem Amtsantritt beim
Oberpräsidenten der Rheinprovinz um die Genehmigung nachgesucht, eine
Kollektenreise zur Finanzierung eines Kirchenneubaus unternehmen zu dürfen.
->historisches Dokument
- Gesuch um Unterstützung zum Bau einer evangelischen Kirche zu Preußisch
Moresnet (Altenberg)<-
Der
Eupener Landrat von Harenne (1849-1866) befürwortete den geplanten Bau aufs
wärmste, setzte jedoch hinzu, dass derselbe nur durch freiwillige Spenden
finanziert werden könne, da die 600 Seelen zählende Zivilgemeinde erhebliche
Schulden habe. Der Oberpräsident genehmigte eine Kollekte in den
Regierungsbezirken Aachen und Trier.
Im Juni 1855 lag der Plan des projektierten Kirchenbaus schon dem
Regierungspräsidenten in Koblenz zur Begutachtung vor. Er trug die Unterschrift
"Classen", ohne weitere Bezeichnung. Der Landrat vermutete, dass es sich dabei
um den auf dem Altenberge beschäftigten Maurer dieses Namens handelte, dem die
Regierung am 20.5.1855 das Qualifikationsattest ausgestellt hatte. Er stellte
sich auch die Frage, ob dieses Attest genüge.
Der Bau war auf 150 Sitzplätze angelegt, 50 Fuß lang, 20 Fuß
breit und 30 Fuß hoch. Er sollte massiv in Ziegelsteinen erstellt und mit einem
Zinkdach überdeckt werden. Die Regierung zu Aachen erteilte dem Plan am 3.
Januar 1856 die Genehmigung.
Bereits am 16. Juni 1856 wurde auf einem von der Gesellschaft der "Vieille
Montage" zur Verfügung gestellten Platze mit dem Bau der Kirche begonnen. Die
Ziegelsteine überließ die Gesellschaft zum geringen Preis von 2 2/3 Taler pro
Tausend Stück. Die Bauarbeiten wurden dem Aachener Bauunternehmen Prevot
übertragen, die Bauaufsicht hatte der Aachener Civil-Ingenieur Friedrich
Wittfeld übernommen. Noch vor Einbruch des Winters 1856 konnte der Rohbau unter
Dach gebracht werden. Von äußeren Arbeiten fehlte nur noch das Türmchen.

Kirche und Pfarrhaus von Hergenrath aus gesehen
(Foto: A. Jansen)
Die Zivilgemeinde überließ der
evangelischen Kirchengemeinde zwei Gemeindegrundparzellen, welche zusätzlich zum
Bau benötigt wurden. (Es waren die Parzellen Flur 3, Nr. 26 und 28 in einer
Größe von 83 Ruten, 50 Fuß bzw. 17 Ruten, 20 Fuß; sie wurden abgeschätzt, die
erste zu 83 Taler und 15 Silbergroschen, die zweite zu 2 Taler und 25
Silbergroschen.)
Ende 1856 gab Eduard Lekebusch in dem schon genannten Bericht über das
evangelische Kirchen- und Schulwesen den genauen Stand der vorhandenen und noch
zu erwartenden Geldmittel. Der Bau sei auf 3.300 Taler veranschlagt gewesen,
werde jedoch mit Orgel und Glocke 4.500 Taler kosten. Zur Verfügung stünden:
1. Private Spenden
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Die Altenberger Gesellschaft |
533 Taler, 10 Silbergroschen |
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Herr Ernest André (Paris) |
933 Taler, 10 Silbergroschen |
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Herr Des Arts (Paris) |
200 Taler |
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Herr Courvoisier (Hamburg) |
53 Taler, 10 Silbergroschen |
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Generaldirektor Schmieder
(Breslau) |
26 Taler, 20 Silbergroschen |
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Herr Lekebusch, Kaufmann in
Barmen |
10 Taler |
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Herr Lehrer Lekebusch in
Kaiserswerth |
10 Taler |
2. Die verschiedenen Gustav-Adolph-Vereine:
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Gustav-Adolph-Vereine |
850 Taler |
3. Die Kollektenreise
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im Reg. - Bez. Aachen |
622 Taler, 5 Silbergroschen |
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im Reg. - Bez. Trier |
156 Taler, 4 Silbergroschen |
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in der Freien Stadt Frankfurt |
73 Taler, 23 Silbergroschen |
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Spesen der Kollektenreise |
- 62 Taler, 7 Silbergroschen
und 6 Pfennige |
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Reinertrag der Kollektenreise |
789 Taler Taler, 26
Silbergroschen, 4 Pfennige |
4. Die Pfarrgemeinde
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Pfarrgemeinde bringt auf |
300 Taler |
Folglich standen Ende 1856 3.706 Taler und 16
Silbergroschen zur Verfügung. Lekebusch hoffte, die noch fehlender. Mittel
(rund 800 Taler) durch eine schon bewilligte Kollektenreise im Reg. - Bez.
Düsseldorf aufbringen zu können. Diese Kollekte wurde später sogar auf Rotterdam
und Den Haag ausgedehnt.
Aus einem Schreiben des Ministers der Geistlichen.
Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten vom 9. Juni 1857 ersehen wir, dass
noch immer 500 Taler nicht gedeckt waren. Die Kgl. Regierung zu Aachen hatte
Bedenken, diesen Fehlbetrag aus der Staatskasse zu decken. Das Berliner
Ministerium teilte diese Bedenken, "da die Kirche, obwohl auf diesseitigem
Gebiet (d.h. auf preußischem Territorium) belegen, doch meist nur von
Ausländern, namentlich Belgiern, besucht werden wird, und das Bedürfnis zur
ihrer Errichtung zunächst durch den Geschäftsverkehr der ausländischen anonymen
Gesellschaft des Alten Berges herbeigeführt worden ist. Die von dieser
Gesellschaft bisher bewiesene rühmliche Sorge für die sittlichen und religiösen
Interessen ihrer Arbeiter und die sichtbare Bestätigung dieser Fürsorge auch bei
dem in Rede stehenden, dem eigenen Bedürfnisse der Beamten der Gesellschaft
entgegenkommenden Kirchenbau lässt mit Zuversicht erwarten, dass die
Gesellschaft auch zur Beschaffung der noch fehlenden 500 Reichstaler im Wege
freundlicher Unterhandlung sich bereit finden lassen wird. Die Regierung hat
daher diese Unterhandlung in unserem Namen einzuleiten und von dem Ergebnisse zu
seiner Zeit Anzeige zu machen.“
Der Oberkirchenrat hatte seinerseits nach einer von ihm aufgemachten Rechnung
einen Fehlbetrag von 600 Reichstalern errechnet und in einem Brief an den
Minister von Raumer vom 26. Sept. 1856 auf Antrag des Kgl. Konsistoriums um die
Bewilligung dieser Summe von Sr Majestät dem König als "Allerhöchstes
Gnadengeschenk" ersucht. "Das Bedürfnis der dauernden Gründung einer
Kirchenanstalt in Altenberg", so schrieb der Oberkirchenrat, "welches sich in
dem raschen Aufblühen dieser jungen Gemeinde dokumentiert, müssen wir
anerkennen. Die Anstrengungen der kleinen Gemeinde, der Gesellschaft sowie
einiger Mitglieder derselben, sind der vollen Anerkennung würdig."
Der Gesamtbetrag der zur Verfügung stehenden Gelder belief sich letztendlich auf
fast 18.000 Mark, die Baukosten waren auf 13.500 Mark angestiegen. Die
verbleibenden 4.500 Mark wurden zum Stammkapital für Pfarrhaus und Schule
bestimmt.
->historisches Dokument
- Vertrag über die Lieferung einer Kanzel<-
Ende 1856 war die Zahl der in Preußisch- und NeutralMoresnet
ansässigen Evangelischen auf etwa 120 Seelen angewachsen. Auf dem Bleyberg
zählte man 45-50 evangelischen Gläubige, in Hergenrath und Astenet ca. 10, im
ganzen also 175- 180.
Eduard Lekebusch erhielt, wie schon erwähnt, als Hauslehrer bei Oberingenieur
Max Braun freie Station und 100 Taler jährlich. Aus dem Kollektenfonds legte die
Kirche 100 Taler dazu, die Gemeinde selbst nochmals 25 Taler. Die Altenberger
Grubengesellschaft gab dem Geistlichen keinen Gehaltszuschuss, doch Lekebusch
meinte, es wäre wünschenswert, wenn die Gesellschaft vom Konsistorium und von
der Regierung zu einem Gehaltsbeitrag aufgefordert würde. Die "Vieille Montagne"
bezahle den katholischen Vikar mit 12.000 Francs, freier Wohnung und Heizung.
Der evangelische Geistliche meinte, die Gesellschaft würde sich gewiss bereit
erklären, ihm einen verhältnismäßig entsprechenden Betrag, etwa 500-600 Francs,
als Gehaltsbeitrag zu zahlen, wenn sie von kompetenter Seite darum gebeten
werde.
Von den um 1855-56 in Preußisch- und Neutral-Moresnet
ansässigen evangelischen Familien sind uns 16 namentlich bekannt. Da die Zahl
der Gläubigen mit 100 bis 120 angegeben wird, dürfte mit den 16
Familienoberhäuptern unter Berücksichtigung der damals üblichen großen
Kinderzahl fast die gesamte Glaubensgemeinde erfasst sein. Es waren:
1. Oberingenieur Max Braun
Max Braun wurde 1859 Direktor der
Abteilung Moresnet der ‘Vieille Montagne“, welche er bis 1874 leitete. Er war
von 1848 an als Oberingenieur auf dem Altenberger Grubenfelde beschäftigt
gewesen. An ihn erinnert die Max-Straße“ in Neu-Moresnet.
2. Stallmeister Hold
3. Der Arzt Bleissner
4. Obersteiger Kern
5. Bierbrauer Scheur
6. Ingenieur Venator
7. Ingenieur Sachs
8. Zolleinnehmer Lüdke
9. Lehrer Classen
10. Grenzaufseher Wohlfahrt
11. Der Musikus Kölling
12. - 15. die Bergleute Rausch, Bierberg, Jungbluth und Oschmann
16. Der Nachtwächter Grundgeiger
Nur der Oberingenieur Braun gehörte in die obere Steuerklasse, die unter 2. - 9.
aufgeführten waren in der mittleren, die restlichen in der unteren Steuerklasse.
Am 2. September 1857 konnte die junge evangelische Gemeinde ihr neues
Gotteshaus beziehen. Generalsuperintendent Schmidtborn hielt die Weiherede,
Pastor Michels aus Eupen die Liturgie und Pfarrvikar Lekebusch (er war am 18.
Juni ordiniert und zum Pfarrvikar ernannt worden) hielt die Festpredigt.
 
Innenansicht der Kirche und Vorderansicht Kirche und Pfarrhaus (Foto: A. Jansen)
Zwischendurch hatte der Berliner Oberkirchenrat am 23. April 1857 die Erhebung
der Gemeinde zu einem selbständigen Pfarrbezirk verfügt.
->historisches Dokument - Die
Gründungsurkunde für die evangelische Gemeinde Preußisch-Moresnet<-
->historisches Dokument - Bekanntmachung
der Errichtung der neuen Pfarre<-
Hohen Besuch auf dem Altenberg verzeichnete man im Jahre 1856: die spätere
Königin und Kaiserin Augusta, Gemahlin Wilhelms I., besuchte Kelmis. Im
folgenden Jahr schenkte sie der evangelischen Pfarrgemeinde eine Bibel für die
Abendmahlsfeier, eine Patene und einen Kelch, beide vergoldet, eine kristallene
Kanne sowie ein Kruzifix mit zwei Leuchtern.
Eduard Lekebusch, der sich so sehr für den Aufschwung der jungen Gemeinde
eingesetzt hatte, verließ dieselbe kurz nach der Vollendung des Kirchenbaus, im
Oktober 1857. Eduard Lekebusch wurde Gesandtschaftsprediger in Neapel. Sein
Nachfolger wurde der Predigtamtskandidat Ernst August Leberecht Döring aus Elberfeld, in dessen
Amtszeit am 26. Juni 1858 der evangelische Friedhof hinter der Kirche seiner
Bestimmung übergeben wurde.
Die Bitte um
Genehmigung des Friedhofes, der anfangs auf etwa 8 Quadratruten (Etwa 113,5 m2)
angelegt war, hatte die Gemeinde am 4. September 1857 eingereicht. Man rechnete
in PreußischMoresnet mit einer Höchstzahl von etwa 140 Seelen; das würde einer
durchschnittlichen Zahl von 3 Sterbefällen im Jahr entsprechen. Der projektierte
Friedhof hätte diesen Berechnungen nach für 10 Jahre ausgereicht.
Die Platzwahl (auf einer Anhöhe, dicht neben der neuen Kirche) schien glücklich
getroffen zu sein. Aus hygienischer Sicht gab es keinerlei Bedenken. Auch die
Pfarrer der Nachbarpfarren Aachen und Eupen hatten gegen die Anlage eines
evangelischen Friedhofes in Moresnet nichts einzuwenden. Daraufhin erteilte die
Regierung die erbetene Genehmigung am 2. Oktober 1857.
In den Jahren 1857-1877 wurden 34 Personen auf dem neuen Friedhof beigesetzt.
Dieser wurde in der Folgezeit vergrößert und auf ein Fassungsvermögen von 160
Grabstätten gebracht. Er gliederte sich in Erwachsenengräber, Kindergräber und
Privatgräber. Eine Privatgrabstätte für die Dauer von 40 Jahren, was dem auch
für die anderen Gräber gültigen Turnus entsprach, kostete 25 Mark an die
Kirchen- und Armenkasse sowie ein Geschenk von 15 Mark für Wohltätigkeitszwecke
an die Ortsarmenkasse.
Ernst August Leberecht Döring verließ Kelmis/Neu-Moresnet nach genau einem Jahr, im Oktober 1858.
Unter seinem Nachfolger, dem Lizenziaten Theodor Hossbach, wurde im Frühjahr
1859 die staatliche Anerkennung der Gemeinde beantragt und der Bau eines
Pfarrhauses ins Auge gefasst. Die beantragte staatliche Anerkennung wurde 1862
zugestanden, doch die Pfarrstelle als "feste" wurde erst nach Bewilligung eines
dauernden Staatzuschusses zum Pfarrergehalt im Jahre 1866 genehmigt. Unterdessen
hatte Hossbach die Gemeinde verlassen. Er übernahm das Predigeramt in Berlin an
der Jerusalems- und Neuen Kirche. Sein Nachfolger, Walter Vielhaber, war der
erste "Pfarrer" der evangelischen Kirchengemeinde von Moresnet. Unter Pfarrvikar
Vielhaber konnte 1864 mit dem Bau eines Pfarrhauses begonnen werden. Dasselbe
war im Herbst 1865 bezugsfertig.
Die zu diesem Bau notwendigen Mittel herbeizuschaffen, war keine leichte
Aufgabe. Wie im Falle des Kirchenneubaus wollte es die Gemeinde zuerst auch mit
einer von der Regierung genehmigten Kollekte versuchen. In einem Brief an den
Superintendenten der Synode Aachen, Pfarrer Rosshof, beschrieb Pfarrer Vielhaber
die Lage seiner Gemeinde. Es heißt da:
"Die Mehrzahl der
erwachsenen Männer ernährt sich notdürftig durch ihre Arbeit in der Grube des
Bergwerkes. Ein kleines Kontingent liefern die Grenzaufseher. Nur wenige
Gemeindeglieder haben ein gutes Einkommen, tragen aber auch im Verhältnis umso
mehr zur Kirchensteuer bei. Diese ist bisher freiwillig und zwar in der Weise
entrichtet worden, dass das evangelische Familienhaupt und jedes selbständige
Mitglied der Gemeinde 50% der Einkommensteuer resp. Klassen- und Grundsteuer zur
Kirchensteuer beitrug. Bei gemischten Ehen gibt der protestantische Teil 25% der
eben genannten Steuern. Auf diese Weise beläuft sich die Einnahme der Gemeinde
aus der Kirchensteuer auf ungefähr 150 Taler, wovon ich selbst 100 Taler als
Beitrag zu meinem Gehalt bekomme, während der evangelische Beamtenlehrer 20
Taler für den Organistendienst bekommt. Das übrige erhält z.T. der Küster, z.T.
fließt es in die Sparkasse und wird zu den laufenden Ausgaben an Reparaturen
usw. verwandt. Zu dem Pfarrhausbau haben wir bis jetzt erst 50 1/3 Taler
bekommen, welche ein Wohltäter der Gemeinde schenkte. Außerdem werden wir von
der uns durch die hochlöbliche Königliche Regierung in einer Verfügung vom 12.5.
d.J. erteilten Erlaubnis Gebrauch machen, einen Teil unseres Pfarrlandes
öffentlich in Parzellen zu verkaufen, woraus wir gegen 600 Taler zu lösen
hoffen. Endlich werden wir auch das Geld, das wir augenblicklich auf der
Sparkasse haben, zu dem Bau verwenden, so dass wir im Ganzen etwa 1000 Taler
haben würden ..."
Da man aber mit Baukosten in Höhe von etwa 2.500 Talern rechnete, bat Pfarrer
Vielhaber um die Vermittlung der Aachener Regierung beim Oberpräsidenten der
Rheinprovinz, damit dieser eine Kollekte in den drei Regierungsbezirken von
Düsseldorf, Köln und Aachen genehmige.
Oberpräsident von Pommer Esche teilte unter dem 23.7.1863 mit, er könne
angesichts der vielen schon bewilligten Kollekten der evangelischen Gemeinde von
Preußisch-Moresnet eine solche nur im Regierungsbezirk Aachen zugestehen.
Noch im Herbst des gleichen Jahres begannen Pfarrer Vielhaber und Küster Adolph
Jungbluth, der als Grubenaufseher bei der Gesellschaft des Altenbergs fungierte,
mit der Kollekte, die insgesamt rund 470 Taler einbrachte. Als besonders
spendenfreudig erwiesen sich die Kreise Aachen-Land (53 Taler), Aachen-Stadt
(202 Taler), Düren (72 Taler) und Eupen (91 Taler).
Am 19. September 1864 legte das Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde
Preußisch-Moresnet den Plan nebst Kostenvoranschlag des projektierten
Pfarrhauses vor. Der Plan war von dem Aachener Bauunternehmer und Maurermeister
Reisdorff angefertigt worden. Der Kgl. Kreisbaumeister Castenholz in Eupen hatte
denselben revidiert und einige Abänderungen daran vorgenommen.
Die veranschlagte Bausumme lag bei 3.500 Taler. Reisdorff sah nicht nur eine
Wohnung für den Pfarrer, sondern auch ein Schullokal und eine Lehrerwohnung vor.
Man befürchtete nämlich, früher oder später würde die "Vieille Montagne" die
private Schule, die sie bis dahin unterhalten hatte, auflösen.
Der notwendigen Summe von 3.500 Talern stand ein tatsächlich vorhandenes Kapital
von 1.500 Talern gegenüber. Die Bitte der Gemeinde, die Regierung möge eine
Unterstützung aus Staatsmitteln, ein sog. allerhöchstes Gnadengeschenk gewähren.
wurde abgeschlagen. Die Regierung bemängelte nicht nur, dass der Bau "mit
Raumverschwendung" projektiert sei, sondern auch, dass man mit dem Bau begonnen
habe, ohne sich vorher mit der Zivilgemeinde ins Benehmen zu setzen. Auch wollte
es der Regierung nicht einleuchten, dass sie zum Bau eines Pfarrhauses beitragen
solle, wo doch hauptsächlich Bewohner des neutralen Gebietes und aus dem
Bleyberger Raum davon den Nutzen hätten, die belgische Regierung aber nicht dazu
beitrage.
Die Argumente der evangelischen Gemeinde, 102 Evangelischen auf preußischem
Gebiet stünden nur 80 auf neutralem (und belgischem) gegenüber; die Neutralen
seien nicht "wirkliche Gemeindeglieder" sondern "Gäste" in der evangelischen
Gemeinde, welche eine rein preußische Gemeinde sei; auch seien die Neutralen
durchgängig Untertanen des preußischen Staates und sie kämen ihren
staatsbürgerlichen Pflichten demselben gegenüber nach: alle diese Argumente
vermochten nicht, die Regierung umzustimmen; sie blieb bei ihrer starren
Haltung.
Indessen waren die Arbeiten am Pfarrhausneubau weitergegangen, und im Herbst
1865 war der Bau bezugsfertig. Es blieb eine Schuldenlast von 1700 Talern, wovon
200 durch eine Spende des Gustav-Adolph-Vereins abgetragen werden konnten. Zur
Tilgung der Restschuld sah sich die Gemeinde schließlich gezwungen, eine
Kapitalaufnahme zu 4 1/2 % zu tätigen.
Wie schon erwähnt, war Pfarrer Walter Vielhaber der erste evangelische
Geistliche in Preußisch-Moresnet, der sich zu Recht "Pfarrer" nennen durfte. Mit
der Pfarrstelle war 1866 folgendes Einkommen verbunden:
1.
Freie Benutzung der
Pfarrwohnung in dem hierzu errichteten Gebäude; die für Schulzwecke
vorbehaltenen Räumlichkeiten werden ihm gleichfalls zur freien Benutzung
gestellt, solange das Presbyterium nicht zu Schulzwecken darüber verfügt. Für
die baulichen Reparaturen des Pfarrhauses sorgt das Presbyterium.
2. Nutznießung des
Gartens und Pfarrlandes der Gemeinde.
3. Gehalt
-
aus der Staatskasse
131 Taler, 7 Silbergroschen, 6 Pfennige
-
aus der Kirchenkasse
139 Taler, 15 Silbergroschen
-
aus der Kirchensteuer
100 Taler
-
Zuschuss der
Bergwerksgesellschaft 53 Taler, 10 Silbergroschen, 6 Pfennige
Zusammen 424 Taler, 2
Silbergroschen, 6 Pfennige
Es ist erstaunlich, in wie kurzer Zeit die zahlenmäßig doch schwache
evangelische Gemeinde all dies leisten konnte. Groß war der Opfersinn der
Gläubigen, nicht minder beachtenswert die Solidarität der verschiedenen
evangelischen Kirchengemeinden des In- und Auslandes.
Die materiellen Schwierigkeiten hatten so verhältnismäßig schnell überwunden
werden können. Doch in der Folgezeit war der Bestand der evangelischen Gemeinde
mehr als einmal gefährdet. Hilfsprediger Karl Angermünde aus Duisburg
(1872-1876) erlebte den Wegzug von Max Braun nach Aachen, was zum Wegfall der
Hälfte der bisherigen Kirchensteuer führte. Doch der Verlust wurde zum großen
Teil durch einen höheren Zuschuss der Bergwerksgesellschaft ausgeglichen.
Unter Pfarrer Wilhelm Lohman (1877-1878) kam es zu einer Krise, die durch
Streitigkeiten innerhalb der Beamtenschaft ausgebrochen war. Das führte zum
Weggang mehrerer Familien. Pfarrer Karl Furck (1878-1882) musste erleben, wie
verschiedene evangelische Gemeindemitglieder zur katholischen Kirche übertraten.
Sein Nachfolger, Ferdinand Hermanns, amtierte von Anfang 1883 bis Ende 1887 in
Preußisch-Moresnet. In dieser Zeit schrumpfte die Gemeinde erheblich, was auf
den Rückgang der Grube zurückzuführen war. Der spätere Gemeindepfarrer Hermann
List (1891-1920) schreibt in der Gemeindechronik, man habe für den Bestand der
Gemeinde und des Ortes gefürchtet.
Nur 2 Jahre blieb Pfarrer Max Heinrich Brost in PreussischMoresnet. Er starb
31-jährig im Jahre 1890.
Ihm folgte, wie Julius Boehmer schreibt:
"der letzte
Pfarrer von Preußisch-Moresnet, der zugleich am längsten im Dienste der Gemeinde
gestanden und fast die Hälfte ihres Bestandes ausgefüllt hätte (an Amtszeit),
wäre er nicht vorzeitig aus der Gemeinde verdrängt worden: Hermann List. Er hat
genau 30 Jahre das Amt geführt vom 26. August 1891 bis zum 31. August 1920, und
mit seiner Gemeinde die aller schwersten Zeiten durchlebt."
Pfarrer List sah die Seelenzahl auf 100 zurückgehen. Viele der älteren
Gemeindemitglieder starben oder verzogen, die neu Zuziehenden waren zumeist
Grenzbeamte, die selten lange blieben. Die Belegschaft des Bergwerks setzte sich
mehr und mehr aus belgischem Personal zusammen, das durchweg katholisch war. Nun
war aber das Bergwerk von jeher eine mächtige Stütze der evangelischen Gemeinde
gewesen. Durch die Besetzung der Beamtenstellen mit Katholiken lockerten sich
die Bindungen zwischen der Gesellschaft und der Kirchengemeinde immer mehr.
->historisches Dokument - Vierter
Jahresbericht des Altenberger Gustav-Adolf-Vereins zu Preuss-Moresnet pro 1890
u. 1891<-
Pfarrer List musste zusehen, wie die frühere Eigenart der evangelischen Gemeinde
Preußisch-Moresnet, die einheitliche Beamten- und Arbeitergemeinde, allmählich
schwand. Es gab (1902) nur noch wenige fest ansässige Familien, die Grenzbeamten
kamen und gingen, neue Stände und Berufe waren aufgekommen. Der Abfall von der
Kirche war beachtlich und in der Gemeinde sah der Pfarrer wenig Bruder- und
Schwestersinn.
Doch dieses Tief konnte überwunden werden. Die Kirchenvisitation vom 22.
Dezember 1909 durch Superintendent Angermünde konnte ein "trotz mancher
Gebrechen im ganzen blühendes Gemeindeleben" feststellen. (J. Böhmer)
Das Fest des 50-jährigen Bestehens feierte die Gemeinde am 27. Oktober 1907. Es
war der letzte Höhepunkt im Leben der selbständigen evangelischen Pfarre
Preußisch-Moresnet.
Als im Februar 1919 das Gerücht sich verbreitete, der Kreis Eupen werde an
Belgien kommen, sah man den Untergang der evangelischen Gemeinde als gewiss an.
Als dann am 10. Januar 1920 der Friedensvertrag in Kraft trat, zogen die
preußischen Zollbeamten ab, die evangelische Schule wurde geschlossen und die
belgische Verwaltung tat alles, der evangelische Gemeinde das Leben zu
erschweren.
Dem Pfarrer wurde zum
1. April 1920 das Gehalt gesperrt weil, wie man sagte, die geringe Seelenzahl
keinen eigenen Pfarrer mehr erfordere. Daraufhin verließ Pfarrer List die
Gemeinde am 31. August 1920.
Die Folge dieser Verwaisung war, dass die evangelische Gemeinde sich wieder
Eupen zuwandte. Mit dem 1. September 1920 übernahm der dortige Pfarrer wieder
die Gemeinde NeuMoresnet (ehemals Preußisch-Moresnet).
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