MITTEILUNGSBLATT



der Evangelischen Kirchengemeinde

Eupen, Malmédy, Neu-Moresnet

erscheint monatlich in Eupen


»Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren«

(Lukas 11,28)

Nr. 103                                                                 August/September 1956

Inhalt:

Wenn Christus am Opferkasten sitzt
Darf ich beten?
Wenn Glaubensfreiheit besteht, oder wenn sie unterdrückt wird
Kirchliche Handlungen, Gottesdienste

Wenn Christus am Opferkasten sitzt

41 Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. 42 Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. 43 Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. 44 Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Markus 12, 41-44)

Von unserer Kirche wird von jeder Gemeinde für die Bedürfnisse der Synode, der Evangelisation, der Theologischen Fakultät, der Mission, für die Witwenkasse usw. einen Beitrag festgesetzt. Für die Gemeinde Eupen ist dieser ziemlich hoch. Der Pfarrer muss zufrieden sein, wenn er für eine Sache 100%, für die andern aber nur 50%, oder etwas mehr aufbringt.

Das ist immer etwas Bedrückendes für den Pfarrer, und er kann sich gegen ein gewisses Schuldgefühl nicht wehren, dass er sich fragen muss, ob er sich nicht doch zu wenig für die Kollekten eingesetzt habe. Die sonntäglichen Kollekten reichen dafür nicht aus. Man ist sehr auf besondere Beiträge angewiesen. Es gibt Leute, welche kein Vermögen besitzen und nur geringe Einkünfte haben, die aber nicht kärglich sind im Geben und es gibt andere, die nie daran denken, etwas zu spenden.

Die evangelische Kirche ist keine Bettelkirche, aber sie ist nun einmal in dieser Welt, um äußerlich bestehen zu können und ihren Auftrag richtig ausführen zu können, auf das Geld angewiesen. Es gibt Pastoren, die es gut verstehen auf den Geldbeutel zu pochen, ich verstehe es leider schlecht. So muss ich denn, den Herrn Christus selbst, darüber sprechen lassen. Er tut das hier in der Geschichte vom Scherflein der Witwe.

Jesus saß am Operkasten. Er berichtet darüber: "Die Reichen legten viel ein." Mehr sagte er nicht von ihnen. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er einer einfachen Frau, welche zwei Kupfermünzen einlegte. Jesus gibt das Urteil ab: "Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben." Das klingt merkwürdig, aber es stimmt schon, was Jesus da sagt. Die Witwe arbeitet irgendwo. Jeden Abend bekommt sie ihren Tagelohn. Er macht nur 2 Groschen aus, welche gerade zur Beschaffung einer einfachen Nahrung ausreichen, damit sie nicht verhungern muss. Was sie in den Opferkasten gelegt hat, war gerade ein solcher Tagelohn. Mehr konnte sie nicht geben, weil sie ja gar nicht mehr besaß. Sie dachte wohl: Morgen kann ich wieder arbeiten und verdienen und Gott wird mich nicht verlassen. Was werden die Leute zu dieser Frau sagen? Die einen: Das ist Unvernunft! Das Geld hätte sie lieber fürs Essen anwenden sollen. Die Frau müsste selber unterstützt werden, und da gibt sie noch ihre paar Groschen weg. Und wenn schon, ein Geldstück hätte auch genügt. Andere sagten vielleicht: Das ist etwas Großes und muss bekannt gemacht werden!

Was sagt nun Jesus zu dieser Frau? Nichts, kein Lob und auch kein Befragen, aus welchem Grunde und zu welchem Zweck sie die beiden Münzen gegeben habe. Ihr Name ist nicht bekannt. Sie würde auch gewaltig erschrocken sein, wenn sie sich beobachtet gewusst hätte. Den Jüngern aber tut er seine Belehrung kund: Die Frau hat mehr, als alle anderen eingelegt. Diese haben von ihrem Überfluss eingelegt, diese aber hat von ihrer Armut alles, was sie hatte, eingelegt.

Für uns steht diese Geschichte auch da, dass wir aus ihr etwas lernen. Die Witwe brachte ein Opfer, denn sie legte unverhältnismäßig ein, währenddem die Reichen höchstens "verhältnismäßig" einlegten. Nur die unverhältnismäßige Gabe ist ein Opfer. Jesus lobt nicht die zwei Scherflein an sich und er lobt weder die Gabe, noch tadelt er sie, weder bei der Witwe, noch bei den Reichen.

Große Gaben der Reichen sind nötig und zu loben. Ohne diese Gaben würden manche Werke der Nächstenliebe nicht bestehen können. Die Scherflein würden meistens nicht dazu ausreichen. Aber Jesus sitzt nicht als Bankdirektor am Opferkasten, sondern als Seelenführer. Er beurteilt die Gabe nicht nach der Höhe der Summe, sondern nach der Tiefe der Gesinnung.

Es ist nicht leicht, die Witwe nachzuahmen, denn man wäre gezwungen, viel zu geben. Dazu mag folgendes Geschichtlein als Illustration dienen:

Eine wohlhabende Dame wurde um einen Beitrag zu einem Kirchbau gebeten. "Gerne" erwiderte sie, "aber sie müssen mit dem Scherflein der Witwe zufrieden sein." "Das ist zu viel", antwortete der Bittende. "Sie haben mich wohl falsch verstanden", sagte die Dame, "ich bat sie mit dem Scherflein der Witwe zufrieden zu sein." "Ich bleibe dabei", war die Antwort, "das ist mehr, als ich annehmen möchte. Denn die Witwe hat alles, was sie hatte, ihre gesamte Nahrung, in den Gotteskasten gelegt." Die Frau errötete und gab eine ansehnlichen Betrag.

So ist das Scherflein der Witwe nicht nach der Geringheit der Geldsumme zu beurteilen, sondern nach dem Verhältnis zu dem Einkommen und der Gesinnung des Herzens. Jesus redet aber nun nicht nur vom Opfer, sondern übt es selber. Er hat das vollkommene Opfer gebracht. Die Witwe hat nur ihre ganze Nahrung eingelegt, Jesus dagegen hat sein ganzes Leben eingesetzt. Und doch haben die Scherflein der Witwe unendlichen Wert eingebracht. Diese Geschichte hat im Laufe der Jahrhunderte schon Tausende und Millionen bewegt, für ein christliches Liebeswerk kleine und große Gaben zu spenden.

Aber noch viel mehr wirkt das vollkommene Opfer Christi fort. Denn dieses Opfer ist die Nahrung aller Seelen bis in Ewigkeit. Sein Opfer schafft opferwillige Herzen voll Dank, voll Gottvertrauen, voll Glaube, Liebe, Hoffnung.

Zum Schluss noch eine Frage. Was gibst du leichter, 5 Franken für die Kollekte, oder 20 Franken für das Kino?

Darf ich beten?

Es gibt Katholiken, welche der Meinung sind, dass die Protestanten nicht beten. Das mag zum Teil daher kommen, dass sie dieselben öffentlich, z.B. bei Begräbnissen nicht beten hören. Indessen gibt es, Gott sei Dank, noch viele Evangelische, welche beten, wirklich beten. Sie halten sich an das Heilandswort: "Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen." Aber es gibt auch solche Glieder in unsern Gemeinden, welche der Meinung sind, sie dürften nicht beten. Sie weisen dann wohl auf ihre Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit hin, die sie unfähig zum Gebet mache. Hören wir nun einmal wieder, was Martin Luther darüber im großen Katechismus sagt:

Wir lassen uns oft durch Gedanken abschrecken und beirren, indem wir sagen: ich bin nicht heilig und würdig genug. Wenn ich so fromm und heilig wäre wie Sankt Petrus und Paulus, so wollte ich schon beten. Aber nur weit hinweg mit solchen Gedanken, denn genau das Gebot, das Sankt Paulus trifft, das trifft auch mich, und das 2. Gebot: du sollst den Namen des Herrn recht brauchen. Gebot ist ebenso sehr um meinetwillen aufgestellt worden, als um seinetwillen, dass er sich keines besseren oder heiligeren Gebotes zu rühmen hat. Darum sollst du sagen: Mein Gebet, das ich verrichte, ist so köstlich, heilig und Gott gefällig als das des Paulus und der aller Heiligsten. Die Ursache dessen ist: ich will sie gern lassen heiliger sein als ich der Person halber, aber des Gebotes halber nicht. Weil Gott das Gebet nicht um der Person willen ansieht, sondern um seines Wortes und des Gehorsams willen. Denn alle Heiligen setzen ihr Gebet auf das Gebot, und auf dasselbe Gebot setze ich auch mein Gebet, dazu bete ich auch eben gerade um dasselbe, worum sie alle beten, oder gebetet haben.

Das ist also das allererste und wichtigste, dass unsere Gebete sich gründen sollen auf den Gehorsam gegenüber Gott, ungeachtet unserer eigenen Person, wir seien nun Sünder oder Fromme, würdig oder unwürdig. Gott will unser Gebet nicht umsonst und verloren sein lassen. Wo Gott dich nicht erhören wollte, würde er dich nicht heißen beten und das so unter ein so strenges Gebot stellen.

Wenn Glaubensfreiheit besteht, oder wenn sie unterdrückt wird

Zu den elementarsten Menschenrechten gehört die Glaubens- und Gewissenfreiheit. Wo sie vorhanden ist, entfaltet sich der Protestantismus da und dort in bemerkenswerter Weise. Wo sie dagegen verneint wird, wird die evangelische Kirche in gewissen Ländern schwer bedrängt. Dazu bietet heute Südamerika den deutlichsten Beweis.

In Brasilien verzeichnen sämtliche protestantischen Kirchen großen Zuwachs und die Nachfrage nach Bibeln ist erfreulich. Ähnlich ist es auch in Chile. Ignacio Vergario, ein in Santiago stationierter Jesuit, erklärte im katholischen Monatsblatt "Message", dass zur Zeit in Chile die Protestanten - wozu in Chile auch die Angehörigen der "Pfingstbewegung" gerechnet werden - über 12% der Gesamtbevölkerung zählen. Die protestantische Bevölkerung dieses südamerikanischen Staates betrage ca. 600.000. Der Jesuit gibt zu der Protestantismus mache hier "zufolge seiner geistigen Kraft" Fortschritte. Die Katholiken müssten au eine Neubelebung ihrer Liturgie bedacht sein und sich um die Bibelverbreitung ernstlich bemühen. Nach Vergario verfügen die Protestanten der "Hauptbekenntnisse" in Chile über 1400, die kleineren Gruppen über 600 Predigtstationen.

Und nun das Gegenstück in einem Land, wo man offenbar die Glaubensfreiheit meint unterdrücken zu müssen, in Kolumbien. Dort wurde auf Anordnung der kolumbianischen Regierung die protestantische Kirche in Barrancabermeja (Santander) geschlossen. Das Gotteshaus gehört der nordamerikanischen Missionsgesellschaft "International Church of the Foursquare Gospel", die im evangelischen Kirchenbund von Kolumbien vertreten ist. Die Gemeinde von Barrancarbermeja soll eine der größten Kolumbiens sein: sie umfasst 400 praktizierende Mitglieder, und am Gottesdienst beteiligen sich durchschnittlich über 1000 Personen. Die Missionsgesellschaft begann ihre Tätigkeit im Jahre 1948, die jetzt geschlossene Kirche wurde 1950 gebaut.

 

Die Bibel spricht:

Ich bin das Buch der Bücher,

geschrieben an heiligem Ort.

Bin lauter Wahrheit und Liebe,

bin selber Gottes Wort.

Johs. Sch.

Kirchliche Handlungen, Gottesdienste

 

Kirchliche Handlungen

 

Beerdigt wurden:

Hedwig Simon, geb. Kremer in Waimes, 48, Jahre alt, 13. Juli

Charlotte Cotta, geb. Stephan, in Eupen, 61 Jahre alt, 17. Juli

 


 

Gottesdienste

 

Eupen: 9. Sept., 23. Sept., 30. Sept. um 10 Uhr; anschließend Kindergottesdienst

Neu-Moresnet: 9. Sept., 23. Sept. um 14.30 Uhr

Malmedy: 2. September um 10 Uhr

Herbesthal: 16. September um 10 Uhr

 

Diesem Blatt ist ein Einzahlungsschein beigelegt. Wer etwas spenden kann und will, dem ist hierdurch Gelegenheit geboten, die Kirche in ihrem verschiedenen Bedürfnissen, zu unterstützen. Auch an die Ausgabe des Blattes kann gedacht werden.

 

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Stand: 07. Mai 2010