MITTEILUNGSBLATT



der Evangelischen Kirchengemeinde

Eupen, Malmédy, Neu-Moresnet

erscheint monatlich in Eupen


»Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren«

(Lukas 11,28)

Nr. 100                                                                        April-Mai 1956

Inhalt:

Vom rechten Beter
Kurzer Abriss über die Geschichte der evangelischen Kirche von Belgien
Von unseren Glaubensgenossen in Spanien
Gottesdienste / Kirchliche Handlungen / Grüße

Vom rechten Beter

Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Lukas 11, 5-13

Längst nicht alles, was unter dem Namen Gebet einhertritt, ist Gebet und nicht jeder, der vermeint zu beten, ist ein Beter. Gebet ist etwas anderes, als was sich viele "Beter" darunter vorstellen. Es ist höchste Konzentration, Arbeit des Herzens, ist ein Reden mit Gott.

Es sind ein paar Jahrhunderte her, da wurde einmal bei drohender Kriegsgefahr an einer fürstlichen Tafel die Frage laut, wie jeder sich durch das Leben schlagen würde, wenn das Gefürchtete einträfe. Der eine sagte: Ich kann Laute spielen; der andere ich kann Möbel zimmern; der dritte ich kann Netze stricken, und so brachte ein jeder sein Handwerk vor, durch das er in der Not sein Brot verdienen könne. Bis schließlich einer sagte: Ich kann beten. Und von Stund an will ich dieses Handwerk so treu üben, dass wir alle der erwähnten Handwerke nicht bedürfen.

Ich kann beten - ja können wir beten? Sind wir Meister darin? Bleiben wir schließlich doch nicht immer Lehrlinge auch im Gebet? Das Gebet ist kein Handwerk. So hat's wohl jener Mann auch nicht gemeint, sondern er war von der Macht des Gebets überzeugt. Darum wollte er seine Zuflucht ganz zum Gebet nehmen. Das Gebet ist mehr ein Werk des Herzens als des Mundes. Die regelmäßige Ausübung des Gebets ist wichtig, denn was man nicht fortwährend übt wird leicht vergessen. Gott darf nicht nur ein Nothelfer sein und wenn die Not vorüber ist, ist auch das Gebet zu Ende. Gewiss, Gott sagt selber: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, aber es wird gleich hinzugefügt, so sollst du mich preisen. Grund dafür haben wir wahrlich genug. "In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet?" Darum redet unser Text auch vom anhaltenden Beten. Ich denke dabei auf das allezeit auf Gott eingestellte Leben und an das Stehen in seiner Gegenwart.

Im Gleichnis vom bittenden Freund werden wir ermahnt, eindringlich zu bitten. Gott will, dass wir so zu ihm reden wie Kinder zu ihrem Vater oder ihrer Mutter, dass wir voll kindlichen Zutrauens zu seiner Vatergüte nicht aufhören, vor ihn unsere Anliegen zu bringen. Die heilige Schrift aber ermahnt uns: Betet ohne Unterlass, haltet an am Gebet lasset in allen Dingen eure Bitten in Gebet und Danksagung vor Gott kund werden.

Er hört die Seufzer deiner Seelen und des Herzens stille Klagen, und was du keinem darfst erzählen, magst du Gott gar kühnlich sagen. Er ist nicht fern, steht in der Mitten, hört bald und gern der Armen Bitten.

Gott erhört die Gebete. Davon redet Christus weiter: Bittet so wird euch gegeben - Gott erhört den Beter. Nicht dass alle seine Bitten nach seinen Wünschen sich erfüllen würden, aber doch so, dass er uns auf's letzte Ziel gesehen, das zukommen lässt, was zu unserm Besten dient. Seine Wege enden in Lieb und Segen. Ein wirklicher Beter kann von Gebetserhörungen erzählen.

Wenn einem Menschen alles gegeben ist an irdischen Gütern, an Geld und Gut, an Gesundheit und Kraft, an Liebe und Verehrung, an Anerkennung und Erfolgen, schenkt er uns nicht seinen Geist, nützt uns alles nichts. Was ist das für ein Geist von dem Christus da redet? Es ist der Geist der Gotteskindschaft. Dass er sich aber als sein Kind weiß, geliebt in Christo Jesu seinem Sohn, ist des rechten Beters kostbarstes Privilegium.


Es war in meiner überseeischen Gemeinde. Die Mutter einer größeren Kinderschar war auf den Tod krank. Der Arzt konnte nicht mehr helfen. Ich glaubte auch, dass es mein letzter Besuch gewesen sei. Mehrere Wochen erhielt ich von der weit entfernt wohnenden Familie keinen Bericht mehr. Es war an der Zeit, dass ich mich wieder auf's Pferd setzte um die Familie aufzusuchen. Mit Freude wurde ich dort begrüßt. Die Mutter saß wieder in der Stube, noch bleich und schwach, aber doch dem Leben zurückgegeben. "Ja", sagte die Großmutter, "ich habe Gott keine Ruhe gelassen und wir haben ihn mit unserm Gebet und Schreien bedrängt und ihm gesagt, dass er uns die Mutter lassen müsse." Nein sie hatte nicht umsonst gerungen im Gebet die alte Auswandererfrau.


Gebet

Ach, mein Herr Jesu, der du bist von Toten auferstanden,
rett uns aus Satans Macht und List und aus des Todes Banden,
dass wir zusammen insgemein zum neuen Leben gehen ein,
das du uns hast erworben! Amen

Kurzer Abriss über die Geschichte der evangelischen Kirche von Belgien

Der Protestantismus in Belgien von 1830 bis 1955

Die Verfassung von 1831 verkündigte die großen sozialen Freiheiten: Gewissensfreiheit, Freiheit des Kultus, Versammlungs- und Vereinsfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit des Unterrichts. Diese Verfassung erlaubte der Evangelischen Kirche einen neuen Anfang zu machen und einen Aufschwung zu nehmen.

Der erste König der Belgier, Leopold I. war selber Protestant, was eine Atmosphäre des Vertrauens schuf, in der die Protestanten leben konnten. Die 8 Kirchen des jungen Königreichs organisierten sich in der Synode vom 23. April 1939 und gaben sich den Namen: Vereinigte Evangelische Kirche von Belgien. Ein königlicher Beschluss anerkannte diese Resolution und betrachtete die Synode als höchste Instanz der Protestantischen Kirche, deren Entscheidungen durch das Gesetz in Kraft traten. Diese vom Staat anerkannte und finanziell unterstützte Kirche wird bisweilen die offizielle, oder nationale Kirche genannt.


Die Evangelisation von Belgien

Die durch die Verfassung zugestanden Freiheiten erlaubten den belgischen Protestanten die Bibel zu verbreiten und eine missionarische Aktion im Lande zu unternehmen.

Ein erstes Werk der Evangelisation "Die evangelische Gesellschaft" später "christliche Missionskirche von Belgien" genannt, wurde am 16 November 1837 in Brüssel gegründet. Eine Pionierarbeit wurde durch diese Gesellschaft geleistet. Ihre Boten durchliefen das Land und brachten die gute Botschaft vom Heil aus Gnade und gründeten Gemeinden, trotz sehr großer Schwierigkeiten: Opposition durch einen fanatischen Klerus, Feindseligkeit oder Aberglauben unter der Bevölkerung. Im Jahre 1914 am Vorabend des 1. Weltkrieges hatte die Eglise Chrétienne Missionaire BeIge 42 Gemeinden, Stationen und Posten und verkündigte regelmäßig das Evangelium in 82 Kirchen und Predigtsälen. Die Zahl der Glieder erhöhte sich auf 11.034, fast alle katholischer Herkunft.

Aus: "Le Messager evangelique"

Fortsetzung folgt

Von unseren Glaubensgenossen in Spanien

Viel Staub aufgeworfen hat in der Evangelischen Welt die Maßnahme der Madrider Polizei, welche am 23. Januar d. J. die dortige Theologische Schule der Protestanten geschlossen, die Unterrichtsräume und die Bibliothek versiegelt und die 50 Kinder des evangelischen Waisenhauses in die Provinz verschickte. Es gibt dort offenbar Mächte, welche durch solches Tun versuchen die Protestanten "unterzukriegen". Der Weltrat der Kirchen hat deshalb auch bei der spanischen Regierung Protest eingelegt. Der britische Kirchenbund hat den englischen Außenminister auf den schwerwiegenden Charakter dieser Polizeimaßnahmen aufmerksam gemacht.

Es gibt in Spanien etwa 200 evangelische Gemeinden mit 20.000 Mitgliedern, das sind kaum 1 Promille der Bevölkerung. Von diesen 200 Gemeinden haben nur ca. 80 die Erlaubnis Gottesdienste abzuhalten, den andern ist es verboten. Die Herausgabe von protestantischen Bibeln ist untersagt. Auf dem Friedhof müssen die Evangelischen auf einem Platz beerdigt werden, der durch eine Mauer vom Friedhof der "rechten Christen" abgegrenzt ist. In den Schulen werden die protestantischen Kinder genötigt, die katholischen Bräuche mitzumachen.

Nun gibt es auch Katholiken, welche solche Maßnahmen ihrer Kirche nicht gutheißen. In dem katholischen "Courrier" von Genf wird geschrieben:

"Wir empfinden diese Maßnahme als völlig unangebracht und nehmen entschieden dagegen Stellung. General Franco wird verfehlen durch Ungerechtigkeiten dieser Art den katholischen Glauben wirksam zu verteidigen. Er wird ihn höchstens kompromittieren vor den Augen der ganzen Welt, in der die Katholiken überall das Recht zur Eröffnung und Fortführung ihrer eigenen Schulen beanspruchen. Es gibt viele andere wichtigere Dinge in Spanien zu tun, um den katholischen Glauben auf den Leuchter zu stellen."

Und man muss sich fragen, ob das nicht ein Zeichen der inneren Schwäche ist, wenn man gegenüber einer so geringen Minderheit, wie sie die Evangelischen in Spanien darstellen, zu solchen Maßnahmen greift.

Gottesdienste / Kirchliche Handlungen / Grüße

Gottesdienste

Eupen:
1., 15., 29. April, 10. Mai (Auffahrt) 20. Mai (Pfingsten) mit Abendmahl um 10 Uhr. Anschließend jeweils Kindergottesdienst
Neu Moresnet:
15. und 29. April, 13. und 20. Mai (Pfingsten) mit Abendmahl 14.30 Uhr. 
Malmédy:
22. April, 21. Mai mit Abendmahl 10 Uhr
Herbesthal:
6. Mai 10 Uhr


Kirchliche Handlungen

Getauft wurde Norbert Franzen, Söhnlein des Lambert Franzen-Rother in Neu-Moresnet.

Beerdigt wurde Heinrich Aldag, im 53. Lebensjahr, wohnhaft gewesen Eupen, Kirchstrasse.


Grüße

Unsere liebe litauische Flüchtlingsfamilie Majeris welche vor Jahresfrist nach den U.S.A. ausgewandert ist, lässt hie und da etwas von sich hören. Sie lässt die Gemeinde herzlich grüßen. Es geht ihnen äußerlich gut und sie sind dort in der neuen Welt zu allerlei Errungenschaften gekommen, die ihnen hier wohl nie zugekommen wären. Doch haben die Eltern das Heimweh noch nicht überwinden können. Sie haben sich der lutherischen Kirche angeschlossen. Das stärkste Band, das über die Weite des Meeres  die Menschen noch aufs beste verbindet, ist immer noch das Wort.

Alle Mitteilungen erbeten an Pfarrer Johannes Wipf, Eupen, Hookstr. 40. Tel. Eupen, 1195

 

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Stand: 07. Mai 2010